Verbindet Spiritualität oder trennt sie?

Die drei monotheistischen Weltreligionen im Gespräch

Rabbiner Steven Langnas, Dr. Johannes Schießl, P. Dr. Anselm Grün OSB und Prof. Dr. Milad Karimi (v.l.n.r.)

Anselm Grün OSB, Milad Karimi und Rabbiner Steven Langnas

An die 300 Teilnehmer kamen zur Abendveranstaltung „Verbindet Spiritualität oder trennt sie? Die drei monotheistischen Weltreligionen im Gespräch“ am 2. April 2019 in die Katholische Akademie in Bayern.  Die Ergebnisse des Gesprächs formulierten sie in Wünschen für den interreligiösen Dialog. Rabbiner Steven Langnas würde sich über mehr Offenheit freuen, ebenso über mehr Begegnungen und die Bereitschaft, eine andere Glaubensrichtung objektiver zu verstehen. Ein Dialog, der über Erfahrung geht, und der sich um den Frieden bemüht, steht für P. Dr. Anselm Grün OSB im Vordergrund. Dabei sieht er eine besondere Chance in der Mystik. Und Prof. Dr. Milad Karimi hofft auf einen Dialog, in dem man selbst zum Weg bzw. zur Brücke wird.

Am Sonntag wird in den privaten, bayerischen, lokalen Fernsehsendern im Magazin "Kirche in Bayern" ein Filmbericht über den Abend zusehen sein. Die Ausstrahlungszeit in Ihrem Sendegebiet finden Sie hier.

Ein Interview mit Milad Karimi, das auf Bayern 2 Radio in der Sendung Europa und die Wahl in der Sendereihe "Theo.Logik" zu hören war, können Sie unter folgendem Link nachhören. Ab Minute 24.55. Auch die anderen Beiträge des Magazins sind übrigens empfehlenswert.

Um das Feld der Spiritualtiät besser strukturieren zu können, hatte Akademiestudienleiter Dr. Johannes Schießl Stichworte ins Spiel gebracht, an denen entlang sich die Diskussion entwickelte.Zum Thema „Gebet“  beschrieb Rabbiner Steven Langnas, Seelsorger im Saul-Eisenberg-Seniorenheim der Israelitischen Kultusgemeinde München, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Religionspädagogik der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München und Initiator des "Münchner Lehrhauses der Religionen", die Aufgabe der Psalmen im Judentum dahingehend, dass diese die Gläubigen in die Stimmung für die Hauptgebete bringen sollen. Die jüdischen Gebete vermitteln ihm, dass Gott zugleich Allmächtiger und Vater ist.  P. Dr. Anselm Grün OSB, Benediktiner und Buchautor aus Münsterschwarzach, zeigte auf, dass die Mönche ebenfalls die Psalmen beten, und sie das mit der jüdischen Religion verbindet. Für ihn ist Gebet Begegnung mit Gott und Gebet ist Verwandeln des Menschen. Prof. Dr. Milad Karimi, Professsor für islamische Philosophie an der Universität Münster, versteht Gebet als intime Zuwendung des Menschen zu seinem Schöpfer. Gott möchte den Menschen nahe sein. Der Mensch kann und darf „ohne Masken vor Gott stehen“.


Formen, Räume und Zeiten für Spiritualität


Grün beeindruckt an den Gebetsformen der Anderen besonders das leibhafte Beten im Islam und das Festhalten an Gott trotz Leid im Judentum. Von der Musik im islamischen Gottesdienst und der Nähe des Arabischen zum Hebräischen ist Langnas fasziniert. Bei den Katholiken bewundert er den reibungslosen Ablauf des Gottesdienstes, der seiner Erfahrung nach bei den Juden lebhafter, aber chaotischer sei. Karimi empfindet die Ehrfurcht der Juden, bei deren hebräischen Rezitationen „die Luft zittert“, beeindruckend. Die Christen beten mit dem Antlitz des Menschen selbst, mit Jesus Christus. Darin zeigt sich für den Muslim der „jesuanische Moment“ des Christentums.

Die spirituellen Orte der monotheistischen Religionen verbindet ihre Versammlungsfunktion und die daraus resultierende gemeinschaftsstiftende Funktion eines Gotteshauses. In einer Synagoge kann man alleine oder gemeinsam beten, wobei gemeinsame Gebete für Langnas mehr Kraft haben. Im jüdischen Gottesdienst werden alle Sinne angesprochen, und auch das Innere des Menschen soll berührt werden. Die Kirche ist für Grün ein Ort der Schönheit mit wirkmächtigen Bildern. Gott ist jenseits der Bilder, das verbindet für ihn Christen, Juden und Muslime. Am Ort des Gebetes umschließt ihn das Heilige – er mag sehr gerne romanische Kirchen, da sie ihm das Gefühl von Geborgenheit vermitteln – in Form von etwas Anderem, „das ich mit Ehrfurcht betrachte“. Die Bezeichnung Moschee für das islamische Gotteshaus kommt von einem Lehnwort aus dem Arabischen, al-masğid, und bedeutet Niederwerfungsort. Es ist ein Ort, „wo Menschen sich Schulter an Schulter gemeinsam niederwerfen“. Der Raum ermöglicht dem Gläubigen, sich ganz dem Ewigen zu öffnen. Menschen brauchen Orte und ihre Atmosphäre, denn diese „ ist das eigentlich Bedeutsame“,so Karimi.
 

Pilgerschaft
 

Das Thema „Pilgerschaft“ eröffnet Karimi mit zwei Aussagen zur Kaaba. Einerseits ist die Kaaba in Mekka für Muslime immer ein Sehnsuchtsort, andererseits sagte Mohammed: „Die wahre Kaaba, das ist das Herz des Menschen.“ Die lange und beschwerliche Pilgerfahrt nach Mekka beginnt beim Einzelnen und der Aufgabe, seine Umgebung zur Kaaba zu machen. Pilgern hat demmach mit der Haltung zu mir selbst und meiner Umwelt zu tun. Für Grün ist Pilgern ein Urbild des Glaubens, beispielhaft an der alttestamentlichen Figur des Abraham aufgezeigt, auf die sich alle drei Religionen berufen. Der äußere Pilgerweg ist Einübung für den inneren Pilgerweg. Im frühen Christentum zogen die Mönche, vor allem Wüstenmönche, „aus dem Haus des Wortes ins Schweigen.“ Das Judentum kennt kein ausgeprägtes Konzept der Pilgerschaft. In biblischer Zeit gab es drei Wallfahrtsfeste, an denen die Juden zum Tempel nach Jerusalem pilgerten: Pessach, Schavu’ot und Sukkot. Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n.Chr. fiel die Wallfahrt weg, erläuterte Langnas.
 

Fasten - ein verbindendes Element?


Ein weiterer Aspekt, der mit Spiritualität verknüpft wird, ist das Fasten. Die Fastenzeit ist für Grün eine Zeit der Reinigung. Fasten und Feiern sind miteinander verbunden. Fastenübungen sind Teil des spirituellen Weges des Einzelnen. Die frühe Kirche kannte das Fasten für andere Menschen als wichtigen Aspekt. Langnas konstatiert Gemeinsamkeiten zum muslimischen Fasten. Im Judentum gibt es sechs Fastentage im Kalenderjahr. Gefastet wird aufgrund von trauervollen Ereignissen, wie dem Gedenken an die Tempelzerstörung, aber auch an Purim und Jom Kippur. Das Fasten soll den Menschen zum Nachdenken bringen. Langnas schätzt die christliche Flexibilität des Fastens. Im Islam gibt es den Fastenmonat Ramadan. Das Fasten umfasst körperliches und geistiges Fasten. Karimi sieht eine Parallele zum Judentum in der „Erkenntnis, dass das, was mich am Leben hält, nicht Wasser und Brot sind.“ Für ihn ist der Ramadan eine Atempause im Jahr, denn „man ist sich so nahe wie noch nie.“ Das Leben, das man in dieser Zeit führt, soll Abbild für das ganze Leben sein.
 

Die verschiedenen Sichten auf Barmherzigkeit


Ein weiteres Thema, die Barmherzigkeit, verstehen Grün und Karimi in ihrem Buch „Im Herzen der Spiritualität“, das den Anlass für die Abendveranstaltung bildete, als Kern der Spiritualität. Mit dem Judentum wurde der Blick auf Spiritualität auf alle drei monotheistischen Religionen ausgeweitet. Im Judentum ist Barmherzigkeit mit dem Handeln Gottes verbunden. Die Tora beginnt und endet mit einem Akt der Barmherzigkeit. Gott gibt Adam und Eva Kleidung und am Ende der Tora begräbt Gott Mose. Der Jude ist aufgefordert, Gott nachzuahmen, also barmherzig zu handeln. Karimi kritisiert, dass Barmherzigkeit nicht die angemessene Übersetzung für einen Begriff darstellt, der im Koran eine wichtige Rolle als Eigenschaft Gottes einnimmt. Er schlägt als Übersetzung „der All-Erwärmende“ vor, der Vertrauen schenkt. Die Tat Gottes ist Wärme. Der Grund für die Barmherzigkeit Gottes ist eine einseitige Selbstverpflichtung Gottes: „Ich habe mich selbst dazu verpflichtet, für meine eigene Schöpfung.“ Jeder Mensch hat den Zugang zu Gott, wenn er seine Sehnsucht offenbaren würde. Sehnsucht teilt und verbindet Menschen untereinander. Grün erläutert die verschiedenen Begriffe für Barmherzigkeit, die u.a. auf das Mitfühlen, bei der man eine innere Verbindung spüren kann, verweisen. Auch Augustinus drückt die Verbindung von Gebet und Sehnsucht aus.

Deutlich wurde, dass interreligiöser Dialog immer an Personen und Begegnung geknüpft ist. Karimi stellte beispielsweise fest, dass er durch die Begegnung mit Anselm Grün nicht das Christentum näher kennengelernt habe, sondern einen Christenmenschen und nun das Christentum aus dessen Perspektive sieht.

Im Anschluss an das Gespräch brachten die Besucher viele Fragen ein. Nach dem Ende der Veranstaltung konnten die Besucher vor Ort das Buch kaufen und von beiden Autoren signieren lassen. Außerdem konnten sie sich bei Rabbiner Langnas über das "Münchner Lehrhaus der Religionen" informieren. Magdalena Görtler

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