Kaiser Franz Joseph I.

Karl Vocelka

Der identitätsstiftende, auf der Sprache beruhende Nationalismus ab dem späten 18. Jahrhundert erschwerte die Lage in der aus unterschiedlichen Territorien mit ebenso unterschiedlichen Rechtsgefügen bestehenden Habsburgermonarchie erheblich. Gleich am Beginn der Regierung Kaiser Franz Josephs im Dezember 1848 waren zwei dieser nationalen Fragen virulent. So versuchte Sardinien-Piemont, die Schwäche der Monarchie in der Revolution 1848 für seine Bestrebungen zur Einigung Italiens auszunützen. Und Ungarn war im Aufruhr, erklärte die Habsburger für abgesetzt und Ungarn für eine selbstständige Republik. International schlug sich dieser nationale Konflikt vor allem in den Kriegen um die italienische und die deutsche Einigung 1859 und 1866 nieder. Zwar fand Franz Joseph mit Ungarn 1867 einen Ausgleich, der aber die anderen Nationen des Staates vergrämte, da z.B. die Tschechen gleiche Rechte für sich forderten. Der Nationalitätenkonflikt erreichte nach 1867 eine Schärfe, für die weder der Kaiser, der wenig konsequent war, noch die verschiedenen Ministerpräsidenten Österreich-Ungarns eine Lösung fanden. Der Vortrag versucht, die nationale Ausgangssituation, die Haltung der dominierenden und der unterdrückten Nationen und vor allem die Einstellung des Kaisers aufzuzeigen. Neben der sozialen Frage, der Armut der Massen, gelang es Franz Joseph nicht, diese nationalen Spannungen zu lösen, womit seine Regierungszeit, die von einem positiven Mythos umgeben ist, wesentlich zum Zerfall des Staates beitrug.
Dazu referierte Prof. Dr. Karl Vocelka, Professor em. für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, anlässlich des 100. Todestages von Kaiser Franz Joseph I., des Herrschers über einen multinationalen Staat im Zeitalter des Nationalismus.

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