Sonderheft zu 01/2017 Der Erste Korintherbrief

Der Erste Korintherbrief
Biblische Tage 2016

Das Gemeindeleben in der Krise, ethische Normen auf dem Prüfstand – weil sich so die Situation der Kirche auch heute mitunter treffend skizzieren ließe, gewinnt neu an Aktualität, wessen Profil hier eigentlich benannt ist: Die Rede ist von der noch jungen Gemeinde in Korinth, einer um 50 nach Christus multikulturellen und multireligiösen Hafenstadt, in der Christen nach außen hin in der Minderheit und nach innen hin in Zwietracht sind. Die neu gewonnene Identität als Christ ist fragil – wer könnte da einen besseren Rat erteilen als derjenige, der die Gemeinde höchst persönlich gegründet hat?
Paulus tut eben dies im Ersten Korintherbrief – mal entschieden autoritativ, mal nachsichtig empathisch, aber stets von Jesus Christus her gedacht, den er seit seiner Bekehrung als eifriger Missionar in aller Welt verkündete. Und eben auch im griechischen Korinth, deren damalige Gemeinde mit ihren spezifischen Problemen den unsrigen auf den ersten Blick ganz ähnlich scheinen.
Die Katholische Akademie Bayern hat den Ersten Korintherbrief bei den heuer bereits zum siebten Mal stattgefundenen Biblischen Tagen zum Thema gemacht. Vom 21. bis 23. März 2016 kamen Exegeten und Bibelwissenschaftler in die Katholische Akademie und referierten und diskutierten zu ausgewählten Themen, die der Brief des Apostels beinhaltet. Die Tagung, die mit rund 150 Teilnehmern auf großes Interesse stieß, dokumentieren in diesem Sonderheft unserer Zeitschrift „zur debatte“.
Für die farbigen Illustrationen auf dieser und den folgenden Seiten haben wir einige Mosaike ausgewählt, die in der vor kurzem restaurierten Cappella Palatina im normannisch/staufischen Königsschloss von Palermo zu sehen sind. Abbildungen des Apostels Paulus schmücken das Gotteshaus, das unter König Roger II. vor der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden ist. Bei der Gestaltung der Palastkapelle nahm man darauf Rücksicht, dass sowohl im ursprünglich in Süditalien und Sizilien vorherrschenden byzantinischen Ritus als auch im von den Normannen eingeführten römischen Ritus Gottesdienst gefeiert werden sollte.

 

Zu Besuch in Korinth: Stadt und Gemeinde
von Hans-Georg Gradl

In einem seiner Briefe zitiert Horaz das geflügelte Wort: „Nicht einem jeden ist es vergönnt, nach Korinth zu gelangen.“ Horaz fügt hinzu: „Wer den Misserfolg fürchtet, bleibt lieber zu Hause. ‚Das soll er tun! Wenn es aber einem gelingt, ist das nicht eine mannhafte Leistung?‘“ (epist. 1,17,36-38). Eine Reise nach Korinth ist wahrlich nichts für jedermann. Man braucht Mut. Mit Widerständen ist zu rechnen. Ständig droht der Misserfolg. Eine Reise nach Korinth treten nur Tapfere an! Ob Paulus das Sprichwort kannte? Zumindest weiß er, ein Lied davon zu singen. Er hat es am eigenen Leib erfahren: Eine Reise nach Korinth kostet Schweiß, Tränen und Nerven! Und einmal in Korinth angekommen, ging es für Paulus nicht leichtfüßig weiter. Auch die Gemeinde von Korinth, die er gründete, kostete ihn Kraft. Seine Briefe belegen es.

Steile Klippen: Kontroverse Themen im Ersten Korintherbrief – eine Hinführung
von Gerd Häfner

Warum schreibt man Briefe? Dass man dies nicht absichtslos tut, sondern aus einem bestimmten Anliegen heraus, hat bereits die antike Brieftheorie bedacht. Ihr zufolge ist das grundsätzlichste Anliegen die Herstellung von Kontakt: Durch den Brief ist der Absender beim Adressaten anwesend. In einer Zeit, in der ein Austausch über eine räumliche Trennung hinweg nur durch den Brief möglich war, ist diese Funktion tatsächlich so fundamental, dass sie oft das einzige Anliegen darstellt. Auch Paulus nutzt das Medium des Briefes in einem grundsätzlichen Sinn, um mit seinen Gemeinden in Kontakt zu bleiben. Dennoch ist, wenn wir einmal vom Philipperbrief absehen, die Existenz von Briefen in seinem Fall meist Problemanzeige. Der Apostel schreibt nicht nur, weil er im Austausch bleiben will mit den Gemeinden, die er gegründet hat. Er will gewöhnlich Unklarheiten beseitigen, Kritik üben, etwas in Ordnung bringen. 

Ehe, Ehescheidung und Ehelosigkeit bei Paulus
von Udo Schnelle

Religion und Sexualität waren ‒ anders als heute ‒ in der antiken Welt eng miteinander verbunden, denn sie gehören zum Bereich des Ekstatischen. Kultische Prostitution und sexuell konnotierte Initiationsriten waren speziell in den Mysterienreligionen häufig anzufinden (zum Beispiel im Isis-Kult). Dies wird auch im Aufbau des ersten Korintherbriefes deutlich, denn es ist kein Zufall, dass Paulus in 1 Kor 6,12-20 das Verhältnis von neuer Religion und alter Sexualität zum Thema macht, um dann in Kapitel 7 insbesondere zu Ehefragen Stellung zu nehmen. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sich die neue und die alte Welt überlappen und vor welchen Problemen Paulus stand: Es galt nicht nur, Regeln für das Gebiet der Sexualität und der Ehe innerhalb der neuen Bewegung der Christen aufzustellen, sondern sie mussten vor allen Dingen gegenüber den alten Praktiken eingeübt und durchgesetzt werden. Ausgangspunkt ist dabei für Paulus eine eschatologische Perspektive, die prägnant in 1 Kor 7,29-31 formuliert wird.

Das Verhältnis von Kirche und Welt - „Ich versuche allen in allem entgegenzukommen“
von Gerd Häfner

Was das spannungsreiche Verhältnis von Kirche und Welt betrifft, finden sich im ersten Korintherbrief in erster Linie Überlegungen zu zwei Fragestellungen: Worin gründet die Spannung zwischen Kirche und Welt? Und: Welche Konsequenzen hat dies für das Verhalten der Glaubenden? Im Zusammenhang mit dem „Wort vom Kreuz“ betont Paulus sehr stark die Differenz zwischen den Wertmaßstäben der Welt und dem Evangelium. Die Verkündigung des Handelns Gottes im Kreuz Jesu ist den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit (1,23). Mit dieser Zweiteilung in Juden und Heiden bezeichnet Paulus in jüdischer Perspektive umfassend die Menschheit, sofern sie sich nicht zu Christus bekennt. Wer den Maßstäben dieser Welt folgt, kann das Wort vom Kreuz nur ablehnen, denn er folgt nicht der Weisheit Gottes, sondern der Weisheit der Welt (2,6f). 

Rolle und Bedeutung der Frau - „In den Gemeinden sollen die Frauen schweigen“
von Marlies Gielen

Es ist bezeichnend: Das Zitat, das vom Organisationsteam der Biblischen Tage 2016 dem Statement zum Thema „Rolle und Bedeutung der Frau“ beigefügt wurde, greift 1 Kor 14,34 auf: „In den Gemeinden sollen die Frauen schweigen“. Das Zitat dieses Schweigegebots mag als bewusst provokanter Hinweis auf eine der „steilen Klippen“ im ersten Korintherbrief ausgewählt worden sein. Und doch spiegelt es treffend wider, was im kollektiven Gedächtnis fest mit dem Thema „Paulus und die Rolle der Frau“ verbunden ist. Das ist keineswegs erstaunlich. Denn dieses Schweigegebot hat ja tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfaltet und diente über viele Jahrhunderte hinweg bis in die jüngere Vergangenheit als nicht hinterfragbare, apostolisch legitimierte Begründung für eine rein passiv definierte Rolle der Frau in der kirchlichen Öffentlichkeit. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzieht sich nun, vor allem in Europa und Nordamerika, ein immer mehr an Dynamik aufnehmender Bewusstseinswandel zur Rolle und Bedeutung von Frauen im öffentlichen Leben und damit verbunden eine fortschreitende Gleichstellung von Männern und Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft. 

Reinheit und Heiligkeit der Gemeinde - „Schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte“
von Hans-Georg Gradl

Man lasse sich vom Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13) – dem wohl bekanntesten Text des ersten Korintherbriefes – nicht täuschen: Paulus findet auch harte und deutliche Worte. Er nennt die Dinge beim Namen und zeigt mit dem Finger auf neuralgische Punkte. Gerade im Jahr der Barmherzigkeit hört man solche Sätze nicht gern, wie etwa: „man hört von Unzucht unter euch“ (1 Kor 5,1), „ich habe mein Urteil gefällt“ (1 Kor 5,3), „übergebt diesen Menschen dem Satan“ (1 Kor 5,5), „habt nichts mit Unzüchtigen zu schaffen“ (1 Kor 5,9) und schließlich „schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte“ (1 Kor 5,13). Die katholische Leseordnung macht einen großen Bogen um dieses prekäre fünfte Kapitel des Briefes. Im Sonntagsgottesdienst hört man daraus nur die recht verträglichen und weniger problematischen Worte zum Sauerteig (1 Kor 5,6b-8). Zweifellos: Nach der Frage der Ehescheidung, der Beziehung zwischen Kirche und Welt und der Rolle der Frau in der Gemeinde gehören auch diese Sätze zu den steilen Klippen des ersten Korintherbriefes.

Paulus – vier Spotlights auf eine vielschichtige Persönlichkeit
von Marlies Gielen

Als nach Darstellung der Apostelgeschichte Paulus bei seinem letzten Aufenthalt in Jerusalem im Tempelreich von römischen Soldaten verhaftet wird, stellt er sich dem Oberst in griechischer Sprache so vor: „Ich bin ein Jude, aus Tarsus in Zilizien stammend, Bürger einer nicht unbedeutenden Stadt“ (Apg 21,39). Und wenig später – so weiß der Historiograph Lukas zu erzählen – beginnt Paulus seine Verteidigungsrede vor den im Tempelbereich anwesenden jüdischen Männern, jetzt allerdings in hebräischer Sprache, mit ganz ähnlichen Worten: „Ich bin ein Jude, geboren in Tarsus in Zilizien“ (Apg 22,3a). Damit liefert Lukas hier zwei interessante Informationen: 1. Paulus ist ein Diasporajude aus Tarsus, der Hauptstadt der römischen Provinz Cilicia. Und 2. Paulus spricht nicht nur Griechisch, wie bei einem Diasporajuden selbstverständlich zu erwarten ist, sondern er ist offenbar auch des Hebräischen (beziehungsweise des Aramäischen) fließend mächtig.

„Wir aber verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ - zur Kreuzestheologie des Paulus
von Udo Schnelle

Im Alten Testament und im Neuen Testament (ebenso im Koran) redet nicht Gott unmittelbar selbst, sondern wir haben es mit Gottes-Bildern zu tun. Gottesbilder, die von Menschen stammen und deshalb selbstverständlich verglichen und beurteilt werden können. Jeder Mensch hat ein Bild, ein Modell von Gott; auch der Atheist, nämlich dass es Gott nicht gibt, nicht geben darf. Der Skeptiker, dass es ihn vielleicht gibt, vielleicht aber auch nicht. Der Gleichgültige, dass ihn Gott nicht zu interessieren hat. Jede Weltanschauung, jede Philosophie und natürlich jede Religion hat ein Modell von Gott. Was ist das Besondere des christlichen, hier des paulinischen Gottesmodells? Bei Paulus gewinnt eine biographische Erfahrung theologische Qualität. Er verfolgte die Jesusanhänger wegen ihrer Behauptung, ein Gekreuzigter sei der Messias (Gal 1,13.23; 1 Kor 15,9; Phil 3,6). Diese Botschaft musste im Kontext von Dtn 21,22f als Blasphemie bekämpft werden.

„Die Liebe durchharrt alles“ - Fridolin Stier als Übersetzer des Neuen Testaments
von Erich Garhammer

Wir stehen am Ende der Biblischen Tage und müssten eigentlich ganz neu beginnen. Allein das Hohelied der Liebe 1 Kor 12b-13,13 böte Stoff für eine ganze Woche. Es hat eine reiche Wirkungsgeschichte entfaltet. Ich möchte andeutungsweise nur drei Beispiele anführen. Seit der Zeit Papst Gregor des Großen (590-604) bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gab es für den Karnevalssonntag, den Sonntag Quinquagesima, eine gleichbleibende Perikopenordnung: Als Lesung traf das Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13), in der das Fehlen von Gottes- und Nächstenliebe als närrisch gedeutet wurde, und das Evangelium beschrieb den Weg Jesu über Jericho nach Jerusalem (Lk 18,31-43). Anhand des Epistel- und des Evangelientextes des Karnevalssonntags stellten die Prediger über Jahrhunderte hinweg zwei Modelle gegenüber: die Cupido-Gemeinschaft der Ungläubigen, symbolisiert durch die Schellenträger, und die Caritas-Gemeinschaft der Gläubigen, symbolisiert durch das Fehlen von Masken, die die „societas bona“ bilden.

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