Sonderheft zu 07/2016 Nur eine finstere Krisenzeit?

Inhaltsverzeichnis
„Das dramatische 14. Jahrhundert“ – Ereignisse und Trends

Das 14. Jahrhundert gilt als Krisenzeit schlechthin. Das „Große Abendländische Schisma“ mit Machtkämpfen zwischen den Päpsten in Rom und Avignon gilt als ein deutliches Krisenphänomen. Naturkatastrophen und Hungersnöte können als Vorboten der „Kleinen Eiszeit“ gesehen werden, Frankreich und England bekämpften sich erbittert im „Hundertjährigen Krieg“ und die Pest suchte ganz Europa heim.
Ungetrübte Erfolge feierten im 14. Jahrhundert hingegen die sich allmählich in Italien herausbildenden Stadtrepubliken. Ebenso konnten die Reichsstädte ihr Selbstbewusstsein gegenüber König und Fürsten deutlich stärken. Es entwickelten sich auch die Vorläufer der heutigen europäischen Nationalstaaten und selbst im Reich stand mit Karl IV. ein durchsetzungsfähiger Herrscher an der Spitze. Kulturell und geistesgeschichtlich waren ebenfalls Aufbrüche zu sehen: Humanismus und Renaissance nahmen ihren Anfang, Giovanni Boccaccio schrieb seinen – die abendländische Literatur nachhaltig prägenden - „Decamerone“, Giotto di Bondone trat als Wegbereiter der neuzeitlichen Malerei hervor – und nicht zuletzt wirkte eine der bedeutendsten Frauengestalten der Kirchengeschichte, Caterina von Siena.
Es scheint also, als sei das 14. Jahrhundert nicht nur eine düstere Zeit gewesen. Die Katholische Akademie Bayern nahm diesen Zeitraum daher bei den „Historischen Tagen“ genauer in den Fokus. Unter der Frageperspektive „Nur eine finstere Krisenzeit? ‚Das dramatische 14. Jahrhundert‘ – Ereignisse und Trends“ führten sie vom 10. bis 13. Februar 2016 Expertinnen und Experten zusammen, die zu ausgewählten Themen aus Kultur-, Wirtschafts-, Kirchen- und Politikgeschichte referierten. Die Studientage mit rund 150 Teilnehmern endeten mit einer Exkursion nach Straubing, im 14. Jahrhundert Sitz eines der bayerischen Teilherzöge.

Die Krise, die Europa formte: England, Frankreich und der Beginn des Hundertjährigen Krieges
von Martin Clauss

Man kann den Hundertjährigen Krieg – also den Krieg zwischen den Königreichen England und Frankreich in der Zeit von 1337 bis 1453 – als eine krisenhafte Zeit deuten. Jeder Krieg stellte in den Augen der leittragenden Zeitgenossen eine Ausnahmesituation dar, in der sich der Rahmen des Gewohnten massiv verschiebt. Wenn hier diese Krise mit der Formierung Europas in Verbindung gebracht wird, bezieht sich dies auf die innere Verfasstheit, die territoriale Ausgestaltung und Beziehung der beteiligten Königreiche zueinander. Der Begriff „Hundertjähriger Krieg“ bezeichnet die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Königen von Frankreich und England in der Zeit von 1337 bis 1453. Im Jahr 1337 konfiszierte Philipp VI. von Frankreich das südfranzösische Herzogtum Guyenne, welches der englische König Eduard III. von ihm zu Lehen hielt, und 1453 verloren die Engländer unter ihrem Kommandanten John Talbot die letzte Schlacht des Krieges bei Castillon, in der Guyenne östlich von Bordeuax. Zwischen 1337 und 1453 liegen offensichtlich mehr als 100 Jahre; die Bezeichnung ist nicht das Ergebnis einer Berechnung, sondern will auf die lange Dauer des Konfliktes und seine daraus für die Nationalgeschichten resultierende Bedeutung verweisen. Sie findet sich erstmals im „Tablaeu chronologique de l’Histoire du Moyen age“ des französischen Historikers Desmichels aus dem Jahr 1823 und ist Teil der Nationalgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Es ist in erster Linie diese Dauer, die den Konflikt historische Bedeutung verleiht. Die langanhaltende Krise, die auf verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Ebenen wirksam wurde, hat das Aussehen der Kriegsparteien verändert. Wie bei jedem Krieg bezieht sich dies zunächst auf die unmittelbaren Folgen der Gewalt: Der Krieg hatte Tausende von Opfern gefordert, Landstriche waren verwüstet und unzählige Gräueltaten begangen worden. Aber auch auf der Ebene der Politik, der Verfasstheit der beteiligten Nationen und ihrem Verhältnis zueinander hatte sich viel verändert: Die Nationalstaaten, die heute die Grundlage Europas bilden, wurden – soweit es England und Frankreich angeht – entscheidend im ausgehenden Mittelalter geprägt. Dabei gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der Krisenhaftigkeit der Kriegs-Situation und der Entwicklung hin zum Nationalstaat.

Litauens Aufstieg unter Großfürst Gediminas (ca. 1275-1341) und seinen Nachfolgern
von Mathias Niendorf

Wenn es um die viel beschworene „Krise des 14. Jahrhunderts“ geht, so verkörpert Litauen gewissermaßen das Kontrastprogramm zu England und Frankreich: „Welche Krise?“ – Ein solcher Titel würde eigentlich auch gut zu Litauen passen. Im Land selbst ist das 14. Jahrhundert schließlich alles andere als „ein etwas vernachlässigtes Jahrhundert“, um diese Formulierung aus dem Tagungsprogramm aufzugreifen. Eine weitere Aussage, die dort zu lesen ist, trifft allerdings ohne weiteres auch im vorliegenden Fall zu: dass es ein „dramatisches Jahrhundert“ war, wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird. Wollte man der Geschichte Litauens im 14. Jahrhundert ein Etikett verpassen, dann vielleicht das eines „Heldenzeitalters“. Es findet sich tatsächlich in der älteren deutschsprachigen Fachliteratur. Diese ist bei uns aber bis heute eine Lektüre für Spezialisten geblieben. Um den zitierten Ausdruck leicht abzuwandeln, so ließe sich behaupten, Litauen insgesamt ist hierzulande „ein etwas vernachlässigtes Land“. Daher erscheinen auch einige allgemeine Vorbemerkungen notwendig, was den Ort Litauens auf einer historischen Landkarte Europas anbelangt. Nach einem kurzen Rückblick auf die Vorgeschichte des 14. Jahrhunderts sollen die wichtigsten Stationen und Merkmale des „Heldenzeitalters“ skizziert werden, bevor die Frage nach Bedingungen und Ursachen jenes Aufstiegs diskutiert werden kann. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf den Beginn des 15. Jahrhunderts.

Herzog Gian Galeazzo Visconti (1378-1402) - Die Machtentfaltung Mailands gegen die italienischen Signorien
von Ellen Widder

Der folgende Beitrag kann sich nur in sehr geraffter Form mit der komplexen Thematik befassen, daher soll dies in mehreren Schritten erfolgen: Erstens wird ein allgemeiner Blick auf die politischen und sozioökonomischen Strukturen Italiens im Spätmittelalter von städtischen Kommunen hin zu „neuen“ Fürstenstaaten geworfen, wobei die Entwicklung der Signorien eine zentrale Rolle spielen wird. In diesem Kontext werden die Visconti als eine politische Familie behandelt, vor deren Hintergrund Gian Galeazzo Visconti (1378-1402) biographisch beleuchtet und im Anschluss daran zu bewerten versucht wird. Ein kurzes Fazit beschließt diese Ausführungen. Betrachtet man Italien im Spätmittelalter, dann blickt man auf eine reiche, bunte und dynamische Welt – dies gilt nicht nur für Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch für den Bereich der Politik. Der Norden und Teile Mittelitaliens haben neben den historischen Niederlanden den höchsten Verstädterungsgrad im damaligen Europa. Es handelt sich um wirtschaftlich hochdynamische Regionen mit spezialisiertem Handwerk (besonders Tuche und Metallverarbeitung) und lukrativem Fernhandel; dieser umfasst sowohl die gesamte Mittelmeerwelt mit den orientalischen Anrainerstaaten als auch die Gebiete nördlich und westlich der Alpen und Westeuropas. Im flandrischen Brügge trifft sich diese Welt der italienischen Kaufleute und Bankiers mit der im Nord- und Ostseeraum aktiven Hanse. Lombarden sind bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts im Deutschland sowie den historischen Niederlanden nachweisbar, agieren als Bankiers und Münzmeister und steuern die Geldströme des damals in Avignon residierenden Papsttums.

Welche Krise? Karl IV. (1346-1378), ein Kaiser der Entscheidungen
von Martin Kintzinger

Schreckensszenarien prägen das verbreitete Bild vom Spätmittelalter: Klimakatastrophen, Kriege, Not und wirtschaftlicher Niedergang. Agrarprodukte erlebten einen Preisverfall, Bauern mussten das Land verlassen und in die Städte ziehen. Das Schlimmste aber war die Pestseuche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. Heute würden wir von einer Pandemie sprechen. Ein Drittel der damals in Europa lebenden Menschen ist an der Pest gestorben, ganze Landstriche und Städte waren entvölkert. Mitten in Europa tobte zudem seit dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts und bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ein großer Krieg, die immer wieder aufflammenden Kämpfe der Franzosen gegen die Engländer, die in ihr Land eingedrungen waren. Oft zogen nach den Schlachten marodierende Söldner durchs Land, Gefahr und Not waren überall gegenwärtig. Weniger gefährlich, aber nicht weniger beängstigend war für die Zeitgenossen der Verlust der überlieferten Ordnungen. 1309 war das Papsttum von Rom, seinem traditionellen Ort, nach Avignon gezogen, unter den Schutz und Einfluss des französischen Königs. Erst 1377 konnte es zurückkehren, doch darüber spaltete sich die Kirche vollends und nun gab es zwei, dann drei Päpste gleichzeitig. Erst 1415 wurde dieser Zustand durch die Wahl eines allgemein anerkannten Papstes auf dem Konstanzer Konzil beendet. Sehr viele Menschen erlebten diese langen Jahre und damit oft genug ihr ganzes Leben als eine Zeit der Angst, Verunsicherung und Bedrohung. Bedrückend war vor allem die Wahrnehmung eigener Machtlosigkeit den Zeitereignissen gegenüber. Um diese Sicht der Zeitgenossen einzufangen, ist das 14. Jahrhundert in der modernen Geschichtsschreibung als „Krisenzeit“ beschrieben worden, auch wenn die Zeitgenossen noch keinen Begriff dafür kannten.

Der Rheinisch-Schwäbische Städtebund und der I. Städtekrieg - Reichsstädtische Interessenwahrung zwischen Königtum und Fürsten
von Christian Jörg

Zum Zeitpunkt der Bundesgründung von 1376 bestanden bereits längere Traditionen städtischer Bündnispolitik im Reich. Im Mittelpunkt städtebündischer Politik stand nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen während der durch Thronstreitigkeiten geprägten ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bereits die gemeinsam getragene Abwehr von Gefährdungen der städtischen Freiheiten, was in ganz wesentlicher Weise auch die Politik des Königs im Falle von Verpfändungen betraf. Solche Maßnahmen des stets über einen hohen Finanzbedarf verfügenden spätmittelalterlichen Königtums bedrohten im Falle der Nichtauslösung die Reichsunmittelbarkeit der betroffenen Stadt und konnten zur Eingliederung in das fürstliche Territorium führen. Nach einer Phase der durchaus engen Kooperation zwischen den Reichsstädten in Schwaben und König Karl IV. trat bezeichnenderweise mit der Intensivierung der königlichen Verpfändungstätigkeit seit 1370 ein entscheidender Wandel ein. Im Gefolge zweier kostspieligen Unternehmungen – des Erwerbs der Mark Brandenburg und der Durchsetzung von Karls Sohn Wenzel als dessen Nachfolger zu Lebzeiten des Kaisers – kam es zu weitreichenden Zusagen von königlicher Seite an die Fürsten, die auch Verpfändungen umfasste. Neben weiteren Faktoren lag hier wohl der Hauptgrund für das Zustandekommen des 14 Reichsstädte umfassenden Bundes von 1376, dessen letztlicher Auslöser wiederum die unmittelbar bevorstehende Verpfändung Donauwörths war. Der Versuch des Kaisers, dem Städtebund durch die Verhängung der Reichsacht und die Belagerung des Hauptortes Ulm ein schnelles Ende zu bereiten oder zumindest dessen Ausbreitung zu verhindern, scheiterte kläglich. In der militärischen Konfrontation vor Ulm und im Konflikt mit dem württembergischen Grafen vor Reutlingen setzten sich die Bundesstädte durch.

Das 14. Jahrhundert als Blütezeit der Hanse? Eine Netzwerkorganisation im Umbruch
von Ulf Christian Ewert

Prächtige Hansekoggen ebenso wie mächtige Seestädte mit imposanter Backsteinarchitektur, in denen reiche Kaufleute die politischen Geschicke leiteten und von denen aus sie ihre Waren über riesige Distanzen zwischen Brügge und London im Westen, Bergen im Norden sowie Visby, Reval und Novogorod im Nordosten dirigierten, bestimmen auch heute noch das Bild der Hanse. Und mittendrin, nicht nur geographisch, agierte Lübeck als größte und reichste dieser Städte, zum wirtschaftlichen Zentrum aufgestiegen durch Warenumschlag und einträgliche Zusammenführung von Ostseehering und Lüneburger Salz, nach der Mitte des 14. Jahrhunderts auch als quasi politisches Zentrum der Hanse. Lübeck war der mit Abstand häufigste Versammlungsort der hansischen Tagfahrten, jener bald regelmäßig abgehaltenen Versammlung von Abgesandten der Hansestädte, die über hansische Angelegenheiten beriet und im Konsensprinzip Beschlüsse, so genannte Rezesse, über gemeinsames koordiniertes Handeln der Städte fasste. Und die Hanse führte im 14. Jahrhundert auch erfolgreich Krieg, militärisch wie wirtschaftlich. Welchen Platz hat also das Diktum einer vermeintlichen Krise des 14. Jahrhunderts innerhalb der scheinbar so glanzvollen Erfolgsgeschichte der Hanse? Und wer wollte angesichts solcher Fakten die sich im 14. Jahrhundert voll entfaltende Macht der Hanse in Frage stellen, eine Macht, welche doch scheinbar so deutlich in wirtschaftlichen Belangen (als „Handelsimperium“) wie vor allem in politischen Fragen (als „Staat der Städte“) zu Tage trat?

Giotto di Bondone (1267-1337) als Wegbereiter der neuzeitlichen Malerei
von Wolfgang Augustyn

Mein Thema gilt einem der bedeutendsten Maler jener Zeit, dessen Name – wie wenig andere – die Zeiten überdauert hat: Giotto di Bondone, der Tafelbilder und Fresken schuf und Mosaiken, möglicherweise auch Glasfenster entwarf. Giotto, wahrscheinlich in Florenz aufgewachsen, vielleicht auch dort geboren, entstammte der Familie eines nicht unvermögenden Schmieds aus der Pfarrei von Santa Maria Novella. Obwohl seine Lebensdaten nicht quellenmäßig belegbar sind, gehört seine Biographie mit etwa 150 primären Nachrichten in Quellen zu den am dichtesten belegten bürgerlichen Lebensläufen im Italien des 14. Jahrhunderts, vergleichbar nur mit wenigen Personen, die nicht weltliche Fürsten oder geistliche Würdenträger waren. Die Erinnerung an diesen Maler ist freilich stark überlagert durch eine Fülle von Vermutungen und Deutungen zu Leben und Werk, die vor allem jene ungeteilte Bewunderung spiegeln, die man ihm schon zu Lebzeiten entgegenbrachte. Die Künstlerbiographen der Renaissance, allen voran Giorgio Vasari um die Mitte des 16. Jahrhunderts, und ihre Nachfahren, die Kunsthistoriker der letzten 150 Jahre, haben nach Kräften dazu beigetragen, ein Bild Giottos zu zeichnen, das den oft eben auch zeitbedingten Deutungsmodellen entsprach. Diese spiegeln vor allem die unterschiedlichen Auffassungen über die Bedeutung dessen, was ein einzelner tun und bewirken könne. Die umfangreiche Literatur zu Giotto belegt dies in geradezu idealtypischer Weise. Die Einschätzungen zum Werk und seiner Rezeptionsgeschichte reichen von uneingeschränkter Heroisierung Giottos, die im Geniekult und dem Glauben an den einen überragenden und inspirierten Ausnahmekünstler gipfelte, dem die Neuzeit die Erfindung der Malerei verdanke, bis zu kennerschaftlichen oder formalistischen Diskussionen in moderner Zeit, in denen sich die individuelle Spur des Künstlers im Nebel von Händescheidung und einander ergänzenden Werkstattbeteiligungen zu verlieren droht. Hinzu kommt, dass viele der in den Quellen bezeugten Werke verloren sind.

Vorboten der Kleinen Eiszeit - Naturkatastrophen und das Leben der Menschen im 14. Jahrhundert
von Josef H. Reichholf

Naturereignisse bleiben in den meisten historischen Darstellungen und Analysen so gut wie unberücksichtigt. Geschichte, so der Eindruck, vollzieht sich als Folge von Kriegen durch das Wirken von Mächtigen „politisch“. „Daten“ zu den Machthabern strukturieren in Schul- und Lehrbüchern die historischen Abläufe gerade so als ob die Bevölkerungen, ihre Lebensgrundlagen und Einflüsse der Natur keine Bedeutung hätten. Eine im obigen Sinne rein historische Darstellung ist für das Verständnis der (Welt-)Geschichte unzureichend und würde die Ursachenforschung beeinträchtigen. Das 14. Jahrhundert eignet sich in besonderer Weise für den Nachweis, dass es nötig ist, auch die Natur, ihre Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Menschen mit einzubeziehen. Es war das Jahrhundert der Naturkatastrophen. Diese wirkten direkt und indirekt auf den „Herbst des Mittelalters“ (Johan Huizinga) und die beginnende Neuzeit. Ohne Berücksichtigung der Naturkatastrophen gäbe es wohl kaum einen triftigen Grund dafür, mit dem 14. Jahrhundert das Ende des Mittelalters zu verbinden und eine historische Zäsur zur Neuzeit einzuführen. Tatsächlich decken sich auch die historischen Perioden der vergangenen Jahrtausende des vorderasiatisch-nordafrikanisch-europäischen Kulturraumes ganz ausgeprägt mit großklimatischen Schwankungen, wie eine erweiterte Betrachtung zeigen würde.

1348 - Gesellschaft im Zeichen der Pest
von Klaus Bergdolt

Die „Pest von 1348“, die Europa zwischen 1346 und 1352 von der Krim über Konstantinopel, Süd- und Mitteleuropa bis nach Skandinavien, Island und Grönland überrollte, war zweifellos eines der einschneidensten und prägendsten Ereignisse der europäischen Geschichte. Die Zahl der Opfer übertraf nicht nur sämtliche aus dem Mittelalter bekannten Seuchen. Rechnet man die Bevölkerungsverluste in Prozenten hoch, stellte die Pandemie des 14. Jahrhunderts sogar die größte dokumentierte Katastrophe dar, die den Kontinent bisher heimgesucht hat. Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg kamen zwar, einschließlich der Opfer des Holocausts sowie der Umsiedelungen und Vertreibungen in Europa (unter Zurechnung der Gebiete der damaligen Sowjetunion jenseits des Urals), etwa 60 Millionen Menschen um, im Vergleich zu etwa 20 Millionen, die der Schwarze Tod von 1348 das Leben kostete, doch waren es, ungeachtet der Problematik solcher Gegenüberstellungen, prozentual „nur“ etwa fünf Prozent – im Vergleich zu 30 bis 35 Prozent, die der Pest von 1348 erlagen! Furchterregend war, bevor die Seuche Europa erreichte, schon ihre Fama. Ein flämischer Geistlicher schrieb, in Indien seien Frösche, Schlangen, Eidechsen und Skorpione vom Himmel gefallen und Mensch und Tier tags darauf durch Hagelschlag vernichtet worden. Die Überlebenden hätte ein aus den Wolken fallendes Feuer verbrannt. Durch den Gestank der Leichen seien die gesamte Region, alle Nachbarländer sowie die Küsten des Schwarzen Meeres mit einem Pesthauch überzogen worden, der sich langsam nach Westen ausgebreitet habe und hier faulige Lüfte (Miasmen) hervorrief, welche die Ärzte seit der Antike als die Ursache von Seuchen betrachteten. Aus der Sicht der Zeitgenossen gab es zahllose düstere Vorzeichen, nicht zuletzt in Europa selbst. Bereits in den Dreißigerjahren des 14. Jahrhunderts war Mittelitalien von mehreren Erdbeben heimgesucht worden. In der Toskana brachen Seuchen aus, die Tausende von Opfern forderten. Missernten führten zu Hungersnöten, die wiederum eine höhere Krankheitsanfälligkeit zur Folge hatten. Auch die im Süden übliche Salzgewinnung durch Meerwasserverdunstung war durch Unwetter unmöglich geworden, wodurch nicht zuletzt das Pökeln von Fleisch, die wohl älteste Technik der „Konservierung“, verhindert wurde. Dazu beunruhigte die Häufung militärischer Auseinandersetzungen: Der Paduaner Chronist Cortusio, ein Augenzeuge, beschrieb die Situation: „Damals führte man in der Christenheit fünffachen Krieg: Zunächst bei Smyrna gegen die Türken, dann der englische König (im Hundertjährigen Krieg) gegen Frankreich, der ungarische in Apulien, der König von Böhmen und erwählte römische Kaiser gegen Bayern, und schließlich floh der römische Tribun (Cola di Rienzo), von den Patriziern verfolgt, nach Apulien. Das Menschengeschlecht war so sehr geschlagen und wußte, daß es nichts an dem ändern konnte, was Gott tat, damit es wieder Furcht vor ihm lernte“.

„Wartet nicht auf die Zeit – die Zeit wartet nicht auf Euch!“ Caterina von Siena – Mystik und Kirchenreform
von Marianne Schlosser

„Wartet nicht auf die Zeit – die Zeit wartet nicht auf Euch“ – dieser Satz kehrt in Caterinas Briefen mehrfach wieder. „Zeit“ ist etwas Kostbares, nicht nur wegen der Begrenztheit des irdischen Lebens, sondern weil sie die Gestalt des Kairos annehmen kann: Sie soll genützt, mit dem paulinischen Wort „ausgekauft“ werden (Eph 5,16). Charakteristisch für die Spiritualität Caterinas ist die hohe Bedeutung, die sie dem Willen des Menschen und seinen Entscheidungen beimisst. Sie ist überzeugt, dass von jedem Einzelnen – ob gering oder bedeutend in der Weltgeschichte – vieles abhängt. Denn selbst wenn jemand mit all seinem guten Willen nach außen hin nichts ausrichtete, so würde er doch viel bewirken, indem er selbst gut ist. Treffend hat Rainer M. Rilke Caterina einmal „das Gewissen ihrer Zeit“ genannt. Um das sein zu können, muss jemand einen wachen Blick für die eigene Zeit haben – darf aber nicht gänzlich ein Kind der eigenen Zeit sein, sondern muss noch andere Quellen oder Wurzeln haben, aus denen sich sein Urteil speist. Will man sich mit der „Mystikerin und Kirchenreformerin“ aus Siena beschäftigen, so kann man sich auf zahlreiche Quellen stützen: Caterinas eigene Werke und Zeugnisse ihrer Zeitgenossen. Unter den frühesten Lebensbeschreibungen ragt die „Legenda maior“ (LM) des Raimund von Capua hervor, Beichtvater und kongenialer Mitstreiter Caterinas. Raimund stammte aus der berühmten Familie delle Vigne, war ein ausgezeichnet gebildeter Theologe und sollte 1380 Generalmagister des Dominikanerordens werden. Er begann die Vita fünf Jahre nach Caterinas Tod und schloss sie zehn Jahre später ab. Zu dieser Zeit war Caterinas Mutter noch am Leben, ebenso wie die meisten anderen Weggefährten und Mitschwestern. 

Zerrissene Christenheit oder: das Monster mit drei Köpfen - Auslöser, Verlauf und Folgen des Großen Schismas von 1378
von Ralf Lützelschwab

Erst der zweite Versuch war erfolgreich: als Gregor XI. am 17. Januar 1377 in festlichem Zug durch Rom zur Petersbasilika geleitet wurde, war die Begeisterung zumindest auf Seiten der Römer groß. Bereits sein Vorgänger Urban V. hatte 1367 die Rückverlegung der Kurie nach Rom in die Wege geleitet – sein Vorhaben stand jedoch unter keinem guten Stern. Nach nur drei Jahren musste Urban desillusioniert den Rückzug nach Avignon antreten. Anders bei Gregor XI.: Die politische Situation in Rom und im Kirchenstaat hatte sich in nur sieben Jahren so verändert, dass einer endgültigen Rückkehr des Papsttums an seinen angestammten Sitz nichts mehr im Wege stand. Immerhin rund 70 Jahre – seit 1309 – hatten es sich die Päpste in Avignon an den Ufern der Rhône in unmittelbarer Nähe zum französischen Königreich bequem gemacht. Und was hatte man nicht alles geleistet: Avignon war von der nicht sonderlich bedeutsamen, geographisch aber günstig gelegenen Handelsstadt zum unumschränkten Zentrum der Christenheit aufgestiegen. Man hatte im Laufe des Aufenthalts nicht nur den Papstpalast und prächtige Residenzen für hohe Kleriker gebaut, sondern auch eine der effizientesten Verwaltungsmaschinerien geschaffen, über die Europa in der damaligen Zeit verfügte.

Boccaccio und die Erfindung der Liebe
von Christof Breitsameter

Der Titel „Boccaccio und die Erfindung der Liebe“ muss auf zweifache Weise provozierend wirken. Denn man könnte zum einen entgegnen, Liebe müsse nicht erfunden, sondern nur gefunden werden. Die Formel von der „Erfindung der Liebe“ setzt sich mit der von Niklas Luhmann entfalteten These auseinander, Liebe sei kein Gefühl, sondern eine Form der Kommunikation, die das Gefühl der Liebe allererst hervorzubringen imstande sei, weil sie die Folgen organischer Ursachen zu deuten erlaube. Dabei sind es gerade die irritierenden Elemente und verwirrenden Ereignisse, die den Menschen dazu zwingen, in ihnen, gerade weil sie unabweisbar und unerklärlich sind, den Prozess der Kultur voranzutreiben und so jenen Reichtum an Sinn zu produzieren, der das Leben lebenswert macht. Man könnte der Formel von der Erfindung der Liebe zum anderen erwidern, sie suggeriere, Boccaccio habe die Liebe als Kulturthema entdeckt. Das in der Überschrift sorgsam gesetzte „und“ will diesen Eindruck gleichzeitig zerstreuen und verstärken, gibt es doch lange vor Boccaccio schon folgenreiche Diskurse über die Liebe, wenngleich mit Boccaccio eine gänzlich neue Sicht anhebt. Das Neue, das Boccaccio bringt, lässt sich vielleicht am besten verstehen, wenn man auf einen Dichter blickt, auf den er sich bezieht, nämlich auf Dante. Besonders klar lässt sich dieser Einfluss an der einzigen Liebesgeschichte in Dantes Jenseitsreise zeigen, in der von Francesca und Paolo erzählt wird. Francesca wurde, wie es damals üblich war, verheiratet, und zwar mit einem Mann, der hässlich war und hinkte, jedoch einen schönen Bruder, eben Paolo, hatte (erkennbar ist Hephaistos dafür Vorbild). Der warb im Dienste seines Bruders um die Hand Francescas, wobei er sie allerdings über seine Identität täuschte. Und Francesca berichtet, wie sie und Paolo eines Tages allein waren und einen Liebesroman lasen, wie sie darauf von unwiderstehlichem Begehren zueinander ergriffen wurden und sich nach dem literarischen Vorbild küssten. Da war es um sie geschehen: an jenem Tag lasen sie nicht weiter, so lautet die berühmte Formulierung. Beide wurden, so endet die Erzählung – des Ehebruchs wegen, zu dem ihre Liebe sie geführt hat – vom Schwert des betrogenen Ehemannes durchbohrt.

„hauptstat unsers Landes ze Beyrn“ – Straubing unter den Herzögen von Bayern-Straubing-Holland
von Dorit-Maria Krenn

Tulpen, Käse, Windmühlen, Meer und Grachten – Brezen, Leberkäs, Wald, Fluss und Gäu: Ungefähr 800 Kilometer liegen zwischen den Niederlanden und Niederbayern. Auf den ersten Blick haben die beiden Landschaften nicht viel gemeinsam. Und doch kann man in der Kirche St. Jakob in Straubing einem Mann in holländisch-burgundischer Mode begegnen, auf der gotischen Grabplatte des Kaufmanns Ulrich Kastenmayr. Umgekehrt grüßen zum Beispiel in der Oude Kerk von Delft die vertrauten weißblauen Rauten aus den Kirchenfenstern. Fast 75 Jahre lang, von 1353 bis 1425, gingen die heute niederländischen Provinzen Nord- und Südholland, Seeland und Friesland, das belgisch-französische Hennegau und ein Teil Niederbayerns ein Stück des Wegs gemeinsam: im „Herzogtum Bayern-Straubing-Holland“. Wie kam diese ungewöhnliche Verbindung zwischen Nord und Süd im mittelalterlichen Europa zustande? Ludwig IV., römischer Kaiser, deutscher König und wittelsbachischer Bayernherzog, betrieb eine energische Hausmachtpolitik. So wurden unter seiner Herrschaft die Mark Brandenburg und die Grafschaft Tirol wittelsbachisch. Als im September 1345 Wilhelm IV., der letzte Graf von Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, starb, griff Kaiser Ludwig auch hier zu. Er hatte in zweiter Ehe Margaretha, die älteste Schwester Wilhelms, geheiratet. Sie erbte nun nicht nur Hennegau, ein Lehen des Bistums Lüttich, sondern ihr Mann übertrug ihr auch die Reichslehen Holland, Seeland und Friesland.

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