Sonderheft zu 06/2016 Mehr als schwarz & weiß Dominikaner

Die Geschichte des Dominikanerordens

Mit einer ganztägigen Veranstaltung in Regensburg am 18. Juni 2016 ging die Katholische Akademie Bayern auf die 800-jährige Geschichte des Dominikanerorden sein. Schwarz und weiß sind seine Ordensfarben. Und in sehr hellen, aber oft auch sehr düsteren Bildern wurde der Orden beschrieben und über ihn geurteilt – das Armutsideal und die brillante Theologie eines Albertus Magnus oder eines Thomas von Aquin leuchten hervor. Die Inquisition, der „Hexenhammer“ und das Wirken des Ablassprediger Tetzel verdunkeln hingegen die Geschichte des Ordens.

Doch undifferenziertes Urteilen wird den Dominikanern nicht gerecht und so versuchte unsere Veranstaltung mit dem Titel „Mehr als Schwarz & Weiß. 800 Jahre Dominikanerorden“, die zusammen mit dem „Akademischen Forum Albertus Magnus im Bistum Regensburg“ organisiert wurde, die 800-jährige Geschichte des „Ordo Praedicatorum“ in allen Facetten zu würdigen. Sechs Referate in der Minoritenkirche, unter anderem das des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer, zeigten die theologische, kunsthistorische, politische und seelsorgerische Bedeutung des Ordens in ganz Europa.

Biblia pauperum – Bibel der armen Bettelmönche? Typologische Schriftauslegung als Predigtgrundlage im Ringen mit den Katharern
von Bischof Rudolf Voderholzer

Was für ein herrlicher Raum, und was für ein architektonischer Reichtum in Regensburg! Ich bin dem Kulturreferenten der Stadt Regensburg, Herrn Clemens Unger, und dem Direktor des Stadtmuseums, Herrn Dr. Peter Germann Bauer, außerordentlich dankbar, dass sie sich für den Vorschlag offen gezeigt haben, dieses Symposium im Rahmen der Ausstellung „Mehr als schwarz und weiß. 800 Jahre Dominikanerorden“ in der zweiten mittelalterlichen Bettelorden-Kirche stattfinden zu lassen, hier in der Minoritenkirche, nachdem die Dominikanerkirche, am westlichen Rand der Altstadt, Teil der Ausstellung selbst ist. Gewiss, hier haben seit dem 13. Jahrhundert Minderbrüder in den Fußspuren des heiligen Franziskus gewirkt, vor allem gepredigt, aber der Geist und die Architektur ähneln sich doch sehr. Auch diese Kirche ist als Predigtkirche gebaut, in der sich viel Volk versammeln konnte. Die Aufgabe der Predigt nun ist den Dominikanern als Gründungscharisma in die Wiege gelegt. Im Paragraph I der Fundamentalkonstitutionen des Ordens wird aus dem Brief von Papst Honorius III. an den Ordensgründer Dominikus zitiert: „Er, der seine Kirche immer neue Kinder hervorbringen lässt, will, wie in früheren Zeiten, so auch heute den katholischen Glauben ausbreiten. Daher gab Er euch den Gedanken ein, euch der Predigt des Wortes Gottes in einem armen und klösterlichen Leben zu widmen und den Namen unseres Herrn Jesus Christus aller Welt zu verkündigen.“ Von diesem Gründungscharisma leitet sich der offizielle Name der Dominikaner her: „Ordo praedicatorum“ Predigerorden. Was aber und wie haben die Dominikaner gepredigt?

Die gotischen Kirchen der Bettelorden in Regensburg
von Hans-Christoph Dittscheid

Aus der Vielzahl der heute noch erhaltenen Dominikaner-und Franziskanerkirchen lässt sich die große Wirkung der beiden Orden erkennen, mit denen sie das kulturelle Leben der Städte in Europa seit Gründung ihrer Orden revolutionierten. Im Unterschied zu Benediktinern und Zisterziensern, die für ihr monastisches Leben die Einsamkeit in der Natur suchten, widmeten sich Dominikaner und Franziskaner der Missionierung der Stadtbevölkerung, auf deren milde Gaben sie als Bettelorden angewiesen waren. Die seit circa 1225/30 errichteten Kirchen entstanden zu einer Zeit, die man der Hochgotik zurechnet. Die Ordenskirchen belegen, dass die technischen und künstlerischen Errungenschaften der Hochgotik keineswegs spurlos an ihnen vorübergegangen waren, wie man aus vielen Details der Gestaltung erkennen kann. Dennoch suchten sie die Differenz zu den ambitiösen Kathedralbauten, an denen die Prinzipien gotischer Architektur entwickelt wurden, und verzichteten auf vieles, was eine Kathedrale ausmacht – auf ein Querhaus, einen Chorumgang, ein Triforium, ja sogar, wie im Falle der Minoritenkirche, Gewölbe im Langhaus.

Beide Orden waren Gründungen eines Ordensheiligen. Der aus Kastilien stammende Dominikus erhielt 1216 von Papst Honorius III. die Zustimmung, einen Orden zu begründen, der sich vornehmlich dem Kampf gegen die Häresie widmen sollte. Dies setzte einen hohen Bildungsgrad der Priestermönche nicht nur in theologischer Hinsicht voraus. Der hohe Grad an Wissenschaftlichkeit lässt sich daran ermessen, dass kein geringerer als Aristoteles die philosophische Richtung vorgab. Der zwei Jahre auch in Regensburg als Bischof wirkende Albertus Magnus hatte Aristoteles für die abendländische Scholastik wiederentdeckt, sein Schüler Thomas von Aquin hat seine eigene, auf Empirie beruhende Erschließung des Universums auf Aristoteles aufgebaut. 

Füchse im Weinberg - Das Ketzerproblem in der frühen Geschichte des Dominikanerordens
von Jörg Oberste

Ich beginne mit einer Szene aus dem Jahr 1178, als Dominikus noch ein Kleinkind war. Sie wirft ein Schlaglicht auf die religiöse und gesellschaftliche Situation in Südfrankreich und auf die Herausforderungen, vor denen die Kirche damals stand. Papst Alexander III. ernennt Abt Heinrich von Clairvaux, den zweiten Nachfolger Bernhards, zum Leiter einer hochrangigen päpstlichen Kommission, die den Auftrag hatte, die Verbreitung des Katharismus in Südfrankreich zu erkunden. Für den Papst ging es konkret darum, einen zuverlässigen Bericht zu erhalten, welchen er dem für 1179 geplanten III. Laterankonzil vorlegen konnte. Übrigens gehörte die gesamte Kommission, die neben Abt Heinrich auch den Kardinal Petrus von Pavia, die Bischöfe von Bath und Poitiers sowie den Erzbischof von Bourges umschloss, dem Zisterzienserorden an. Ich unterstreiche das, weil die späteren Erfahrungen und Entscheidungen des Dominikus in Sachen Ketzerei sehr stark mit diesem, damals bedeutendsten Orden der lateinischen Christenheit zusammenhingen. Die zisterziensischen Gesandten bekamen bei ihrem Aufenthalt in Toulouse die gewachsene Macht der Katharer deutlich zu spüren. In seinem Abschlussbericht hält Kardinal Peter von Pavia fest, zwei Häretiker seien vor ihm erschienen. Weil man sonst einen Aufruhr unter der Bevölkerung befürchtete, die von der Unschuld der Katharer überzeugt war, wurde ein öffentliches Streitgespräch zwischen Katholiken und Katharern in der Tolosaner Kathedrale veranstaltet. Teilnehmer waren neben dem Grafen von Toulouse und der Kommission ungefähr 300 weitere Kleriker sowie viele Laien. Öffentliche Streitgespräche sind ein Signum der Stärke des okzitanischen Katharismus; deshalb erzählen auch zwei der frühesten Dominikus-Quellen von solchen Streitgesprächen, in denen zuerst Diego und später – verbunden mit dem berühmten Flammenwunder – auch Dominikus ihre besondere Begabung bei der Verteidigung des wahren Glaubens gegen die Irrlehrer unter Beweis stellten.  

Keine Angst vor dem Fremden - Die Dominikaner in der Auseinandersetzung mit Judentum, Islam und anderen Kulturen
von P. Elias H. Füllenbach OP

Wohl kaum eine „andere Organisation des Mittelalters war so mobil wie die Bettelorden des 13. Jahrhunderts. Schon wenige Jahre nach ihrer Gründung begannen Vertreter des Dominikaner- und Franziskanerordens von ihren europäischen Drehpunkten aus neue und bis dahin zum Teil völlig unbekannte Gegenden der Welt zu erwandern und zu erschließen. Sie zogen durch Skandinavien und das Baltikum, querten kaukasische Steppen, erkundeten sodann die Wunderländer Indien, Persien und den geheimnisvollen Osten, besuchten schließlich Arabien, und ließen sich nieder in Nordafrika und im multikulturellen Süden der iberischen Welt“, fasst Anne Müller in unserem Begleitband zur Regensburger Ausstellung die erstaunliche Mobilität der Dominikaner und Franziskaner im Mittelalter recht eindrücklich zusammen. Ziel dieser Reisen war natürlich nicht allein die Erschließung neuer und fremder Welten, sondern zuallererst die Missionierung der dort lebenden Menschen, denen das Evangelium Jesu Christi bekanntgemacht werden sollte. Immer wieder erstaunt dabei die Neugier, mit der die Ordensmänner dem Fremden begegneten, auch wenn sie stets „Kinder ihrer Zeit“ blieben und sich von überkommenen Vorurteilen und Feindbildern oft nicht lösen konnten. Hans-Werner Goetz hat dieses „Nebeneinander von Polemik und Verfolgung auf der einen und Duldung und Koexistenz auf der anderen Seite“ sogar zu einem wesentlichen Merkmal mittelalterlicher religiöser Vorstellungen erklärt. Denn die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen ging nicht automatisch mit einer kritischen Reflexion eigener Positionen einher, doch sie war ein erster und wichtiger Schritt dorthin und konnte – langfristig betrachtet – zu einem besseren Verständnis des Anderen führen. 

Vom Theologenstreit zum Überlebenskampf - Die Auseinandersetzung der Dominikaner mit der Reformation
von Klaus Unterburger

Der Zusammenprall von Dominikanerorden und früher reformatorischer Bewegung ist für beide Seiten schicksalshaft geworden: Im Jahre 1515 zählten die beiden Dominikanerprovinzen Teutonia und Saxonia 101 Klöster und damit wohl über 3000 Dominikaner. Hinzu kamen die Konvente der Dominikanerinnen. Rund 90 Prozent der bestehenden Klöster wurden in den folgenden Jahrzehnten aufgelöst von protestantischen, teilweise auch von katholischen Obrigkeiten, wie Klaus-Bernward Springer gezeigt hat. Auch der Predigerorden war mit einer Klosterflucht konfrontiert, Martin Bucer etwa war ja ursprünglich Dominikaner. Schließlich waren ein eklatanter Zusammenbruch des Ordensnachwuchses und damit ein Niedergang der noch existierenden Klöster zu konstatieren. So war das Reformationszeitalter für den Orden zwar nicht tödlich, zumal er natürlich auch in Gebieten – vor allem in Spanien und Italien – beheimatet war, die wenig mit der Reformation in Berührung kamen. Dennoch sollte er nicht nur in Mitteleuropa – trotz allmählicher Konsolidierung – nie mehr die Rolle spielen, die ihm bis 1515 zugekommen war. Gerade jene Länder, die sich in der Neuzeit als die dynamischsten erweisen sollten, gingen weitgehend verloren. Der Orden mit seinen innovativen Verfassungs- und Seelsorgsformen setzte nun verstärkt auf antireformatorische Abgrenzung und auf Restauration der Pastorationsformen, insbesondere der Bruderschaften. Gerade deren im Barock besonders gepflegten Frömmigkeitsformen machten die Mendikanten in der Aufklärung dann besonders verhasst. Für den zweiten großen Sturm der Säkularisation, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast überall zum Untergang des Ordens führte, wurden so Fundamente gelegt.

An die „Bruchlinien“ gehen - Der Auftrag des Dominikanerordens heute
von P. Thomas G. Brogl OP

„Die Kirche vollendet ihre Berufung und ihre Mission, wenn sie gegenwärtig ist an den Bruchstellen, die die Menschheit in ihrem Fleisch und ihrer Einheit kreuzigen.“So hat Pierre Claverie, Dominikaner und Bischof von Oran in Algerien, den Auftrag der Kirche zusammengefasst – 1996, kurz vor seinem Martyrium durch islamistische Terroristen. Damit folgt die Kirche nach Claverie dem Weg ihres Herrn. Jesus habe sich in seinem Kreuz genau auf diese Bruchstellen gestellt hat, um sie zu heilen und zu versöhnen.

Der Dominikanerorden hat in den letzten Jahren das Wort seines Mitbruders Pierre Claverie immer wieder aufgegriffen, um die eigene Sendung zu befragen und die Bruchlinien der eigenen Zeit in den Blick zu nehmen. Heute trifft sich diese Aufforderung zudem mit dem Anliegen von Papst Franziskus, „an die Ränder zu gehen“.

Dieser Weg an die Ränder impliziert aber, aus unserer „Selbstzentrierung“ (Papst Franziskus) oder – mit Pierre Claverie gesprochen – „aus unseren Blasen“ (persönlichen wie kirchlich-gesellschaftlichen) auszubrechen – hinein in die Wirklichkeit so wie sie ist. Dies ist immer wieder ein Herausgerufen-Werden, das zunächst Kraft kostet und Mut braucht. Denn die „Bruchlinien“ der Gesellschaft sind nicht die bequemsten Orte: Man kann an ihnen nicht sicher stehen – und steht zwischen den Parteiungen. Die Geschichte des Ordens zeigt jedoch, dass er dort, wo er diese Bruchlinien aufgesucht hat und sie zum theologischen und pastoralen Ort werden ließ, eine besondere Fruchtbarkeit entfaltet hat: sei es bei Dominikus mit seiner neuen Form der Auseinandersetzung mit den Katharern, sei es bei Thomas von Aquin und Albert in der Fruchtbarmachung des als mit dem Christentum unvereinbar geltenden Aristotelismus oder seien es die Auseinandersetzungen der Dominikaner um Antonio Montessino und Las Casas um die Rechte der Indios, die dann in den theologisch-philosophischen Reflexionen der Dominikanerschule von Salamanca zur Formulierung der Vorläufer der Menschen- und Völkerrechte führten. Immer waren es die „Bruchlinien“ der Gesellschaft, die sich als Orte Gottes und der Erneuerung des Ordens erwiesen. Was nun können wir heute als Bruchlinien unserer Gesellschaft identifizieren?

Die Festsetzung des liturgischen Gesangs bei den Dominikanern und das Officium zu Ehren des Ordensgründers
von David Hiley

Die ganze Seite mit der großen Initiale „G“ haben wir in der Ausstellung bewundert, im prächtigen Chorbuch aus dem Kloster Heilig Kreuz in Regensburg, das in der Werkstatt Berthold Furtmeyrs illuminiert wurde. Das „G“ steht am Anfang der Antiphon Gaude felix parens Hispania zu Ehren des heiligen Dominikus. Der lateinische Text, in Reimvers verfasst, bezieht sich auf die Herkunft des Dominikus aus Spanien, auch auf die Stadt Bologna, wo er 1221 starb:

           Gaude felix           parens Hispania,    

            nove prolis           dans mundo gaudia! 

            Sed tu magis        plaude Bononia,     

            tanti patris           dotata gloria.          

            Laude tota            mater Ecclesia           

            nove laudis           agens solemnia.     

Die Antiphon ist Teil eines Gesangszyklus, der bei der feierlichen Begehung des Dominik-Tags gesungen wurde. Für die erste Vesper am Vorabend des Festtags, für das lange Nachtoffizium, für die Lauden früh am Morgen und für die Zweite Vesper gegen Ende des Tages sind insgesamt 19 Antiphonen, 9 Responsorien und 1 Hymnus neu verfasst worden. Die Antiphonen dienen als Rahmengesänge für den Vortrag der Psalmen, die Responsorien folgen jeweils einer Lesung im Nachtoffizium, wo Kapitel aus der Vita des Heiligen vorgetragen werden. Der Zyklus verleiht den Gebetsstunden besondere Würde und Aktualität.

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