Heft 01/2016

Aufbrüche und Abrüche - Ein Gang durch das lange 19. Jahrhundert

Säkularisierung, Nationenbildung und die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft – dahinter verbergen sich Entwicklungen, die alle in das lange 19. Jahrhundert fallen: Der Zeitraum von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg markiert damit den Weg Europas in die moderne Welt. Auf allen gesellschaftlichen Feldern fanden tiefgreifende Veränderungen statt, die getragen wurden von einem unerschütterlichen Fortschrittsdenken und die mit der Beschleunigung von Mobilität und Kommunikation Hand in Hand gingen, wie sie uns auch in der Gegenwart nicht fremd sind. Nicht zuletzt bedeuteten sie eine tiefgreifende Zäsur für die katholische Kirche und für ihr Verhältnis zu Staat und Gesellschaft.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich wurden auch koloniale und imperiale Bestrebungen immer stärker. Und diese neue, globale Ausrichtung konnte nicht ohne internationale Spannungen bleiben, die schließlich im Ersten Weltkrieg kulminierten.

Die „Historischen Tage“ der Katholischen Akademie Bayern wagten vom 18. bis 20. Februar 2015 einen Gang durch dieses lange 19. Jahrhundert. Auf die Referate zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft, Kirche, Kultur und Literatur folgten engagierte Diskussionen, interessante Gespräche unter den Teilnehmern und an einem der drei Nachmittage auch ein Besuch im Deutschen Museum, das die „Historischen Tage“ mitveranstaltete. Auf den folgenden Seiten haben wir einen Großteil der Referate für Sie abgedruckt.

Von der Französischen Revolution zum Wiener Kongress
von Wolfram Siemann

„Ein Weltbild verliert seine Welt“ – auf diese originelle Formel brachte Wolfgang Burgdorf den Vorgang, der Europa zwischen 1789 und 1815 erfasste: die untergehende Welt war jenes alte Europa, für das die Schlagworte vom „Ancien Régime“ und von der „Aufklärung“ der Kürze halber einmal die ideellen Eckpunkte abgeben sollen. Sie umspannen den engeren Zeitraum der „Sattelzeit“. So hatte Reinhart Koselleck diese epochale Prägezeit benannt, in welcher begrifflich gesehen Kollektivsingulare entstanden. Solche modernen Kollektivbegriffe wie „Freiheit“, „Gleichheit“, „Gesellschaft“, „Nation“ und „Volk“ trennen die uns vertraute Moderne von Burgdorfs altem Weltbild. Genauer: Die aus der Frühen Neuzeit herkommenden Freiheiten oder Privilegien verwandelten sich in die singuläre Freiheit. Ihre Gesellschaften, Korporationen, Sozietäten, Gilden veränderten sich in die einheitlich verstandene Gesellschaft. Die mannigfaltigen Geschichten der Legenden, Viten und Chroniken verdichteten sich zu der Geschichte. Die an den frühen europäischen Universitäten niedergelassenen „Nationes“ oder „Nationalitäten“ mutierten zum Inbegriff von der einen Nation. Die unterschiedlichen „Volksstämme“ gingen auf in dem einzigen Volk. Die neuen Begriffe erzeugten gleichsam Kollektivwesen, denen man Handlungen und Eigenschaften zuschrieb. Theodor Körners patriotisches Kampflied intonierte: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.“ Der Begriff von der einen Nation stieg auf zum alles beherrschenden Leitbegriff des 19. Jahrhunderts. Er löste die Religion als kollektiven Leitwert ab. Das neue Heilsversprechen lag in der geeinten deutschen Nation, welche dem Einzelnen alles abverlangen konnte, auch das Opfer des eigenen Lebens.

Das "Ringen um Einheit und Freiheit"
von Franz J. Bauer

Es soll um die Verfassungsbewegung gehen und um die Bestrebungen zur Herbeiführung eines deutschen Nationalstaats. Gleichwohl bleiben Zweifel, eine gewisse Fremdheit gegenüber einem Titel, der nicht ganz von mir kommt. Der Titel wurde mir vom Veranstalter vorgeschlagen, wobei man mir in liberalster Weise anheimstellte, ihn umzuformulieren, wenn ich dies wolle. Und zunächst wollte ich das tatsächlich tun. Aber dann erschien es mir doch reizvoller, das, was mich irritierte, zu problematisieren und für den Einstieg in das Thema zu nutzen. Also habe ich den ursprünglichen Titel im Wesentlichen bestehen gelassen und ihn nur mit zwei Strichlein verändert: Ich habe das Ringen um Einheit und Freiheit in relativierende, differenzierende, auch distanzierende Anführungen gesetzt. So unbedeutend diese Änderung erscheinen mag – auf sie gerade kommt es mir an.
Warum? Nun, das Ringen um Einheit und Freiheit, einfach so in den Raum gestellt, ist eine affirmative Pathosformel. Sie sendet eine unsichtbare, aber semantisch wirksame Strahlung aus, ist gleichsam politisch radioaktiv. Einheit und Freiheit sind normativ stark aufgeladene Programmbegriffe aus dem politischen Diskurs. Sie tragen ein hohes appellatives Potential für die Selbstzuschreibung positiver Eigen- und Errungenschaften im politischen Kampf. Doch wenn sie nicht inhaltlich differenziert und definiert werden, sind sie ohne analytische Funktion und ohne Erklärungswert, und damit ungeeignet für den wissenschaftlichen Diskurs.
„Einheit“ ist eine emphatische Anrufung, die mehr vernebelt als klärt. Man muss ihr mit kritischen Fragen zu Leibe rücken, Fragen wie: Wer will rein in diese Einheit? Wer muss vielleicht rein (auch ohne es zu wollen)? Und wer bleibt draußen? Im kleindeutschen Nationalstaat des Kaiserreichs, der getragen war von einem Bündnis aus monarchischem Konservatismus und liberalem protestantischem Bürgertum, waren es bekanntlich lange die Katholiken, die draußen blieben, und noch länger die Sozialdemokraten, diese „vaterlandslosen Gesellen“. Die wurden erst zur nationalpolitischen Kommunion zugelassen, nachdem sie durch hunderttausendfaches Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ihren „Patriotismus“ unter Beweis gestellt hatten. Dann durften sie sogar versuchen, das Kaiserreich vor der Revolution zu retten.

Die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft
von Gunilla Budde

 

Auf die Frage, welcher historischen Epoche seine besondere Sympathie gehöre, zögerte der Historiker Hans-Ulrich Wehler keinen Augenblick. Eine veritable Versuchung sah er in der Mitarbeit im Büro des Staatskanzlers Hardenberg. „32 Millionen Hektar Land aus Feudalbesitz in privaten Eigentum um(zu)wandeln“ betrachtete der Autor der fünfbändigen Gesellschaftsgeschichte als „eine ungeheure Reformleistung“, die er gerne mit vorangetrieben hätte. Stellte sich mir diese Frage, würde ich mich wohl für dieselbe Zeit entscheiden, aber eine andere Lokalität wählen. Mir erscheinen die Salons an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert, sei es das Mansardenzimmer der Rahel Varnhagen in der Berliner Jägerstraße oder die hochherrschaftliche Wohnung der Wiener Salonière Caroline Pichler, als besonders reizvolle Orte der Vergangenheit.
Sowohl in der preußischen Staatskanzlei als auch in den großstädtischen Salons des frühen 19. Jahrhunderts lag der Geist der Reform, der Geist der Erneuerung förmlich in der Luft. Hier wurden die Ideen einer gesellschaftlichen Neugestaltung entworfen, entwickelt, diskutiert und auf den Weg gebracht. Es ging darum, die Idee einer neuen Gesellschaftsordnung zu entfalten und öffentlich zu machen.
Das Bürgertum wirkte, obschon quantitativ eine Minderheit, in der Zeit zwischen der Französischen Revolution und dem Erstem Weltkrieg so prägend, dass häufig vom „bürgerlichen“ 19. Jahrhundert gesprochen wird. 1851 schrieb der Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl in seinem mehrfach aufgelegten Bestseller „Die bürgerliche Gesellschaft“: „Viele nehmen Bürgertum und moderne Gesellschaft für gleichbedeutend.“ Spätestens mit der Mitte des 19. Jahrhundert hatte sich dieses Selbstbewusstsein, die Geschicke seiner Zeit entscheidend zu gestalten, weitgehend durchgesetzt. Die zwei Segmente des Bürgertums, das Bildungsbürgertum auf der einen Seite und das Wirtschaftsbürgertum auf der anderen Seite, hatten sich von dem alten Stadtbürgertum emanzipiert. Je mehr die ständische Ordnung bröckelte, desto größer war die Durchsetzungskraft dieses neuen Bürgertums, sowohl bezüglich der Wertewelt als auch im Hinblick auf den politischen Einfluss.

 

Die soziale Frage als Kernproblem des 19. Jahrhunderts
von Friedrich Lenger

 

Die Themenformulierung gibt bereits die Gliederung vor, der Ursachen und Hintergründe, Problemlagen und Problemwahrnehmungen sowie Lösungsansätze in jeweils eigenen Abschnitten behandeln wird. Allerdings ergibt sich aus dieser Verfahrensweise keine Dreigliederung, sondern vielmehr eine in sechs Abschnitte. Der Grund dafür ist einfach: Bei diesem Thema wird man kaum von einer epochalen Einheit des 19. Jahrhunderts ausgehen dürfen. Stattdessen sollen die erste und die zweite Hälfte des Jahrhunderts getrennt behandelt werden – mit einer Überlappungszone in den 1840er und 1850er Jahren.
Das entspricht dem zeitgenössischen Sprachgebrauch. Denn die hier verhandelten Probleme wurden bis in die 1850er Jahre hinein als solche des Pauperismus bezeichnet. Davon hob sich die eigentliche soziale Frage ab – ein Begriff, der seit den 1840er Jahren Verbreitung fand, sich aber erst in der zweiten Jahrhunderthälfte durchsetzte. Vor sechzig Jahren hat Werner Conze diese Differenz in seinem berühmt gewordenen Aufsatz „Vom Pöbel zum Proletariat“ auf den Begriff gebracht und dabei Pöbel nicht pejorativ, sondern als summarische Beschreibung der unterständischen Schichten gemeint.
Da im Folgenden die deutsche Entwicklung ganz im Vordergrund stehen soll, sei nur am Beispiel der Begriffe deutlich gemacht, dass die deutsche Diskussion und Problemwahrnehmung in einem nationale Grenzen überschreitenden Horizont standen. Von „pauperism“ war erstmals im Zusammenhang der Reform des englischen Armenrechts die Rede, die „question sociale“ hatte französische Wurzeln, und den deutschen Zeitgenossen waren diese Semantiken wie die gesamteuropäischen Problemlagen durchaus vertraut.

 

Deutschland wird Industriestaat
von Dieter Ziegler

Nach einer naiven, aber gleichwohl sehr verbreiteten Vorstellung bildete die Dampfmaschine den Auslöser einer Entwicklung, die seit über 150 Jahren als „Industrielle Revolution“ bezeichnet wird. Selbstverständlich ist der europäische Weg der Industrialisierung nicht ohne Kohle und Koks, die Dampfmaschine, die „Spinning Jenny“ als erste Baumwollspinnmaschine oder die Stahlgewinnung durch das „Puddeln“ vorstellbar. Diese und andere technische Errungenschaften stellen insofern eine notwendige Bedingung für die Industrialisierung dar, aber hinreichend sind sie noch lange nicht. Denn entscheidend für die wirtschaftliche Durchsetzung einer Maschine oder eines technischen Verfahrens sind eine bestehende oder zumindest latente Nachfrage nach dem Produkt, für dessen Herstellung Maschine oder Verfahren benutzt werden können, und die Wirtschaftlichkeit ihrer Anwendung.
Die Wirtschaftlichkeit sprach jedoch bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht einmal in England für die Dampfmaschine. Denn Dampfmaschinen waren teuer und ihr Kauf für jeden Unternehmer anfangs ein Risiko. Es sollte deshalb Jahrzehnte dauern, bis sich in England die „Dampfmaschinen-Ökonomie“ durchgesetzt hatte. Bis sie in anderen Teilen Europas ankam, dauerte es sogar eine oder mehrere Generationen. Es war deshalb auch nicht die Schwerindustrie, die als Pionier der modernen industriellen Produktion gilt, sondern die Textilindustrie, genauer gesagt: die Baumwollspinnerei, anfangs mit dem Wasserrad als Antriebsaggregat. Sie bestimmte die erste Phase der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. und im frühen 19. Jahrhunderts. Sie war aber zunächst nur in Großbritannien und auch dort nur in wenigen Regionen wirkungsmächtig.
An den deutschen Staaten ging diese Entwicklung – abgesehen von einigen textilindustriell geprägten „Inseln“ wie in Westsachen oder im Wuppertal – weitgehend vorbei. Das änderte sich mit dem Eisenbahnbau, der in England Ende der 1820er Jahre und in den deutschen Staaten knapp zehn Jahre später einsetzte. In der Literatur über die deutsche Industrialisierung wird diese Periode bis heute als die Phase der Industriellen Revolution bezeichnet, der eine vorbereitende Phase, die Frühindustrialisierung, vorgeschaltet war und der nach Überwindung der Wachstumsschwäche der späten siebziger und achtziger Jahre eine Phase der Hochindustrialisierung folgte.

Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“
von Ulrike Kienzle

Vor hundertfünfzig Jahren, am 10. Juni 1865, erhob der Dirigent Hans von Bülow im Königlichen Hoftheater München seinen Taktstock. Eine Uraufführung stand auf dem Programm: „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner. Zahllose Proben waren diesem Abend vorangegangen. Nicht nur hier in München, sondern vorher bereits in Wien und anderswo. Unmöglich, hatten Sänger, Musiker und Dirigenten verlauten lassen, das könne man doch gar nicht singen oder spielen. Katzenmusik!
Doch die Uraufführung von Wagners „Tristan“ im Münchner Hoftheater wird eine Sternstunde der Musikgeschichte, allen Unkenrufen zum Trotz. Ein Triumph für den Komponisten, für die Sänger und für den Dirigenten – trotzdem oder gerade weil man eine solche Musik noch nie zuvor gehört hat. München erlebt die Geburt der musikalischen Moderne.
Das Vorspiel zu Wagners „Tristan“ beginnt mit einer magischen Formel. Alle Sehnsucht, alles Leiden der Liebe – denn darum geht es im „Tristan“ – ist in einem suggestiven Klangzauber zusammengefasst. Aus der Stille heraus, dem schweigenden Urgrund der Musik, erhebt sich zunächst ein emphatischer Sextaufschwung in den Violoncelli, der lange auf dem Ton f verharrt und sodann wieder in sich zurücksinkt. Dieser Sextaufschwung ist ein expressives Ausdrucksmittel mit einer langen musikgeschichtlichen Tradition. Als exclamatio war die emphatische Sexte bereits in der musikalisch-rhetorischen Figurenlehre des Barock ein Zeichen für Klage, Schmerz, Sehnsucht. Durch die Orchestrierung mit einer einzigen Instrumentalstimme – dem Cello – und in einer Lage, die der menschlichen Stimme entspricht – der Tenorlage – wird dieser Sextaufschwung zum Ausdruck einer musikalischen Klangrede mit klagendem Charakter.

Konfrontation mit der Moderne
von Claus Arnold

Die Kirchen- und Theologiegeschichte ist zu allen Zeiten bewegt gewesen, doch spricht Vieles dafür, dass sich im langen 19. Jahrhundert besonders tiefgreifende Umbrüche vollzogen oder zumindest angebahnt haben: Die Bildung moderner Nationalstaaten, das Auseinandertreten von Staat und Gesellschaft und die beginnende Differenzierung relativ autonomer Kultursphären, die sich im Zeichen der Aufklärung weitgehend von kirchlichem oder staatlichem Einfluss emanzipieren. Diese Prozesse haben auch die kirchlichen Landschaften umgepflügt. In ihnen zerfallen nach und nach die Lebenswelten der Frühen Neuzeit, in denen die christlichen Konfessionen unbestritten die Hauptrolle als gesellschaftliche Integrationsebene gespielt hatten. Ihre Riten und Lehrinhalte strukturierten zuvor die Lebenswelt und vermittelten letzten Sinn und Halt.
Im 19. Jahrhundert muss das Christentum mit alternativen Integrationsideologien konkurrieren, vor allem mit dem Nationalismus, der nicht mehr das rechte Leben vor Gott, sondern die Nation als letzten Wert proklamierte. Vor diesem Hintergrund hat man die Zeit seit 1789, also das lange 19. Jahrhundert bis 1914, gerne im Sinne eines einlinigen Säkularisierungsprozesses beschrieben: In dieser Zeit sei die religiöse Weltdeutung gewissermaßen verdunstet und die Welt zunehmend rein weltlich, eben säkular geworden.

Eine „neue“ Kirche?
von Dominik Burkard

„Ein knapp anliegend steifleinern Habit statt des alten reichgestickten Purpurmantels, ein Rohrstengel statt des Zepters verlorener Landesherrlichkeit, dazu die Dornenkrone der Dienstbarkeit: Ecce Ecclesia Germanica!“ – Vielleicht ist dieser Satz von Joseph Görres die treffendste, sicher aber die augenscheinlichste Charakterisierung jenes Umbruchs, der mit dem Untergang der alten Reichskirche in der Säkularisation zwar begann, aber mit der Neuorganisation der deutschen Kirche und der erstmaligen Besetzung der „neuen“ Bistümer nicht zu Ende war. Die „Säkularisation“ der deutschen Kirche (man kann sich darüber streiten, ob es sich dabei um eine Verweltlichung oder eine Entweltlichung der Kirche handelte – vielleicht zuerst das eine, dann das andere), zeitigte mittelfristige, aber auch langfristige Folgen, welche die Kirche nicht nur in ihrem äußeren Bestand, sondern in ihrer Tektonik, ihrem inneren Gefüge veränderten.
Auf dem Wiener Kongress (1814/15) wurden von kirchlicher Seite noch einmal verzweifelte Versuche einer Revision unternommen, die auf eine (teilweise) Restauration der 1802 untergegangenen geistlichen Staaten, zumindest aber der Reichskirche zielten. Immer wieder wurde auf den Westfälischen Frieden und den Reichsrezess von 1803 rekurriert; auch wies man darauf hin, die Säkularisation sei mit dem Wegfall des Säkularisationsgrundes von 1803 – durch Wiedereroberung der linksrheinischen Gebiete – obsolet geworden und müsse deshalb rückgängig gemacht werden. So einleuchtend diese Argumente waren – sie verfingen nicht. Dem „ungeheuren Rechtsbruch“ der Säkularisation (Treitschke) folgte keine Reorganisation der geistlichen Staaten. Und selbst die weniger weitreichenden Hoffnungen, die sich allein auf die kirchliche Reorganisation richteten, blieben unerfüllt. Es siegte der eifersüchtige Absolutismus der Fürsten, der die Kirche einer meist engherzigen Staatskirchenhoheit unterwarf.

Geschichte als Ersatzreligion?
von Hans-Michael Körner

Unsere drei Tage hier in der Katholischen Akademie in Bayern, wo wir uns im Blick auf einen Gang durch das lange 19. Jahrhundert versammelt haben, entheben den Referenten der wortreichen Entschuldigung, dass natürlich das Reden über die Geschichte als angebliche Ersatzreligion keinen umfassenden Zugriff auf eben dieses 19. Jahrhundert beinhaltet, sondern nur ein ganz spezifisches Segment herausgreift. Natürlich kann man dieses 19. Jahrhundert auch noch unter ganz anderen Blickwinkeln angehen, unter dem Blickwinkel des Eisenbahn- und Kanalbaus, des Aufschwungs der chemischen und der elektrischen Industrie oder der sozialen Bewegung oder des Marx'schen Kapitals.
Im Anschluss an solche Selbstverständlichkeiten sei es mir gestattet, neben dem mildernden Fragezeichen – „Geschichte als Ersatzreligion?“ – die Konturierung meines Themas durch drei weitere Begriffe zu schärfen: „Geschichte zwischen Dilettantismus, Wissenschaft und politischer Sinnstiftung“. Hier wird beziehungsweise würde dann unmittelbar deutlich, wie gewaltig der Raum für alternative Deutungen dieses 19. Jahrhunderts doch ist: Hat die Intensivierung des Historischen, von der wir im Blick auf das 19. Jahrhundert wohl tatsächlich ausgehen dürfen, hat diese Intensivierung etwas oder nichts zu tun mit dem Aufschwung des Verkehrswesens? Oder haben umgekehrt – was unmittelbar einsichtig erscheint – die Tendenzen zur Bewahrung des historischen Erbes gegen Ende des Jahrhunderts vielleicht etwas zu tun mit dem Zerstörungspotential einer sich technisierenden Welt?
Sie sehen selbst, zu welchen Kategorien man vorstoßen würde, wenn man das gestellte Thema seiner feuilletonistischen Gewandung entkleidet, es von der Sache und von den vielfältigen Differenzierungen her ernstnimmt.

Die Modernität des Sozialen
von Tim Lörke

Gerhart Hauptmanns sozialkritisches Theaterstück „Die Weber“ eroberte sich mit einem Knall seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte. Denn das Stück war bei seiner ersten öffentlichen Aufführung 1894 im Deutschen Theater in Berlin tatsächlich etwas Unerhörtes: Nicht allein seiner brisanten politischen Thematik wegen, an der die zuständigen Behörden denn auch gehörig Anstoß nahmen, sondern auch aufgrund seiner formalen Avanciertheit. Hauptmann musste damit rechnen, sowohl bei den staatlichen Behörden als auch bei der literarischen Öffentlichkeit auf Widerstand zu stoßen. Der Skandal ließ auch nicht lange auf sich warten.
Der Aufführung vorangegangen war ein Streit um das Zensurverbot. Bezeichnenderweise wurde das Verbot nicht damit begründet, das Stück stelle wahrheitswidrig die Zustände dar, die zum schlesischen Weberaufstand im Jahr 1844 führten. Im Gegenteil: Die Theaterpolizei begründete ihr Verbot mit der historischen Stimmigkeit des Stücks, die durch eine gelungene Inszenierung aufrührerisch wirken müsse und vor allem den der Sozialdemokratie zugeneigten Teil der Bevölkerung zum Aufstand anstacheln könne. Hauptmanns Anwalt klagte gegen das Verbot, schließlich handele es sich doch um die Darstellung von historischen Ereignissen, die mittlerweile fünfzig Jahre zurücklägen. Doch erwiderte der Berliner Polizeipräsident, der zeitliche Abstand sei unerheblich, „da die im Stück beschriebene Gesellschaftsordnung noch die gegenwärtige sei“.
Für die Frage nach der Modernität des Sozialen in literarischer Perspektive ist daran zweierlei bemerkenswert: zum einen die gelassene, aus heutiger Sicht zynisch anmutende Haltung, mit der das wilhelminische System hier zu seinen Klassenschranken steht. Es wird ja gar nicht bestritten, dass unter den schlesischen Webern das Elend groß war und nicht zuletzt durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung hervorgerufen wurde. Und zweitens wird von den Zensurbehörden die Verbindung gezogen von Hauptmanns Drama und dem Autor selbst zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Es wird eine Nähe postuliert von Naturalismus und Sozialdemokratie, ja, der Naturalismus wird als künstlerischer Arm der Sozialdemokratie wahrgenommen.

Projektion
von Hubertus Kohle

 

Die Projektion kann als eine Kategorie gedeutet worden, die auf fundamentale Art und Weise das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt charakterisiert. Man hat sie als das Schlüsselkonzept einer Ästhetik definiert, die die innere Konstruktion eines Bildes gegenüber der Nachahmung der Außenwelt privilegiert. So vor allem Jutta Müller-Tamm in ihrem umfassenden und tiefsinnigen Buch über „Abstraktion als Einfühlung“, in dem sie den Titel von Wilhelm Worringers berühmter Dissertation „Abstraktion und Einfühlung“ von 1907 aufgenommen und umgewandelt hat. Die Umwandlung deshalb, weil sie im Unterschied zu Worringer und diesen mit seinen eigenen Kategorien korrigierend die Projektion nicht mehr der Abstraktion entgegensetzt, sondern letztere als einen Aspekt der Projektion auffasst, die Projektion also als den grundlegenderen Begriff beschreibt.

 

Statt der Mimesis oder Imitatio, seit Jahrhunderten Grundlage des Kunstbegriffs, wird mit der Projektion die Vorstellung von innengeleiteter Schöpferkraft eingeführt, nachdem die Genieästhetik des 18. Jahrhunderts Vorstufen dazu natürlich schon formuliert hatte. Und man kann sagen, dass in der abstrakten Kunst sich am reinsten die körperliche Einfühlungskraft des Künstlers wie Betrachters materialisiert. Um abstrakte Kunst soll es aber hier nicht gehen, vielmehr um punktuelle Deutungen von Künstlern, die am Anfang der Entwicklung hin zu einer nicht-gegenständlichen Kunst gestanden haben.

 

Verheißung und Gewalt
von Jörn Leonhard

Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, 1924 erschienen, war ein Zeitroman im doppelten Sinne: Er thematisierte zum einen das Phänomen der Zeit an sich, also die pathologische Zeiterfahrung der Protagonisten in der Welt des Lungensanatoriums Berghof, ihre Subjektivierung, ihre Aufsplitterung in konkurrierende Zeitkonzepte. Und zum anderen ging es ihm um die historische Zeit vor 1914 und um den Umbruch der Zeitumstände, um das, was die Zeitgenossen im Sommer 1914 als „Donnerschlag“ erlebten. Denn im Augenblick des Kriegsausbruchs zerbrach die kosmopolitische Welt des Berghofs. An die Stelle der Weltläufigkeit traten die nationalen Antagonismen. Damit hing ein weiterer Aspekt zusammen: Für den Schriftsteller Mann aus seiner Perspektive nach 1918 rührte die „hochgradige Verflossenheit“ der Geschichte vor 1914 daher, „dass sie vor einer gewissen Leben und Bewusstsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt“, eben in der „Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat.“
Was war der Erste Weltkrieg? Im Wissen um seine Konsequenzen erscheint er als Auftakt, als elementare Krise und Umbruch des noch jungen 20. Jahrhunderts. Er markierte nicht nur eine bisher ungeahnte quantitative und qualitative Gewaltsteigerung mit annähernd zehn Millionen getöteten Soldaten und fast sechs Millionen getöteten Zivilisten, eine bis dahin völlig unbekannte Dimension von Opferzahlen, eine nie dagewesene Mobilisierung von Gesellschaften und Medien, von Ökonomien und Finanzen, von Deutungen und Rechtfertigungen, sondern auch einen tiefgreifenden Umbruch in der Bedeutung unterschiedlicher Weltregionen und zumal im Gewicht Europas in der Welt.

"Im Stillen"
Nicole Ahland - Fotografie

„Im Stillen“ heißt die erste Kunstausstellung des Jahres 2016 in der Katholischen Akademie Bayern: In schwarz/weiß gehaltene Fotoarbeiten von Nicole Ahland sind zu sehen. Die 1970 in Trier geborene und in Wiesbaden lebende Künstlerin ist durch eine große Zahl von Ausstellungen bekannt und erhielt bereits eine Vielzahl von bedeutenden Preisen.
Den Einführungsvortrag bei der Vernissage am 13. Januar 2016, den Sie zusammen mit der Begrüßung von Akademiedirektor Dr. Florian Schuller in unserer Zeitschrift "zur debatte" dokumentiert finden, hielt der Kunstexperte Dr. Walter Zahner, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst (DG).

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