Heft 07/2015

Inhaltsverzeichnis
„Laudato sí“
Ein Gespräch zur neuen Papst-Enzyklika

Mehr als 350 Teilnehmer waren am 2. Juli 2015 in die Katholische Akademie Bayern gekommen, um sich genauer über den Inhalt der Umwelt-Enzyklika „Laudato sí“ zu informieren. Die  Akademie brachte wenige Tage nach der Veröffentlichung der Enzyklika zwei Experten ersten Ranges zu dieser mittäglichen Diskussion zusammen, die die wichtigsten Inhalte des päpstlichen Lehrschreibens grundlegend erörtern. Reinhard Kardinal Marx, der Erzbischof von München und Freising, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sowie Prof. Dr. Klaus Töpfer, der frühere Bundesumweltminister und ehem. Chef des UN-Umweltprogramms UNEP diskutierten unter Moderation von Akademiedirektor Dr. Florian Schuller. Und wie in der Diskussion klar wurde, hat der Papst seine Enzyklika bewusst im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Paris publiziert, bei der jetzt im Dezember die von ihm be-nannten Themen wieder im Mittelpunkt stehen.

Kardinal Reinhard Marx und Prof. Klaus Töpfer
Ein Gespräch zur neuen Papst-Enzyklika
von

Florian Schuller: Wenn ich in meine Lebensgeschichte zurückschaue, gibt es nur zwei Enzykliken, die eine ähnliche Resonanz wie in diesen Tagen „Laudato si“ hervorgerufen haben. Die eine war „Pacem in terris“ 1963 von Papst Johannes XXIII., der im Nachklang zur Kubakrise, die beizulegen und den drohenden Atom-krieg zu verhindern er wesentlich beigetragen hatte, ganz bewusst an „alle Men-schen guten Willens“ schrieb. Die andere Enzyklika mit ähnlich großem weltweitem Interesse war „Populorum progressio“ 1967 von Papst Paul VI.
Und nun „Laudato sí“. Laut Vatikansprecher P. Federico Lombardi ist sie das Er-gebnis der Reflexion sehr vieler. Auffallend: Patriarch Bartholomeus war aktiv ein-gebunden, und Metropolit Johannes Zizioulas saß neben dem Heiligen Vater bei der Präsentation der Enzyklika auf dem Podium. Ein muslimischer Theologe, Ali Al-Khawwas, wird zitiert, Ban Ki-moon, der UNO-Generalsekretär, ist im Vorfeld involviert, und Professor Hans Joachim Schellnhuber, der Gründer des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung stellt die Enzyklika in Rom mit vor. Natürlich auch Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga und einer, den wir in Deutschland nicht so kennen, von dem aber vermutet wird, dass er dem Heiligen Vater in sozialethischen Fragen intensiv zuarbeitet, Erzbischof Marcelo Sánchez Sorondo und Erzbischof Victor Manuel Fernández von der Katholischen Universität in Bue-nos Aires. Bischofskonferenzen werden zitiert, selbstverständlich auch die Vorgänger des Papstes. Aber anders als bei früheren Enzykliken sind die lehramtlich-autoreferentiellen Anmerkungen deutlich zurückgefahren. Theologen werden vorgestellt: Teilhard de Chardin und Romano Guardini.
Unser Mittags-Talk hat zwei Ziele. Zum einen sicherlich Information über Themen und Schwerpunkte der Enzyklika. Aber für reine Information bräuchte es nicht die hochkarätige Besetzung unserer Gesprächsrunde. Deshalb geht es als zweiten Punkt um ein intensiveres Eindringen, auch kritisches Nachfragen. Die Gesprächspartner vorzustellen hieße ja so viel wie Kardinäle nach Rom zu tragen.

Akademiegespräch mit Offizieren der Bundeswehr
Was heißt selbstbestimmt sterben?

Rund 300 Offiziere und Offiziersanwärter aus Bundeswehrstandorten in Süddeutschland waren wieder zum Akademiegespräch zu Gast. Das Thema der Veranstaltung war diesmal, am 13. Oktober 2015, der Debatte um die Suizidbeihilfe gewidmet. Im unmittelbaren Vorfeld der Bundestagsdebatte, bei der dann eine neue gesetzliche Regelung beschlossen wurde, sprach Professor Eberhard Schockenhoff, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist. Mit seinem Beitrag „Was heißt selbstbestimmt sterben?“, den Sie im Folgenden nachlesen können, stimmte er viele der anwesenden Soldaten sehr nachdenklich.
Das Akademiegespräch, das zusammen mit der katholischen Militärseelsorge ausgerichtet wird, findet jährlich zwei Mal in der Katholischen Akademie Bayern statt.

Zur Debatte um die Suizidbeihilfe
von Eberhard Schockenhoff

Der Begriff der Autonomie ist eine Schlüsselkategorie der gegenwärtigen Medizinethik. Für diese liegt die oberste Richtschnur ärztlichen Handelns nicht mehr in der Selbstverpflichtung des Arztes, das Wohl des Patienten zu achten, Schaden von ihm abzuwehren und im Zweifelsfall dem Leben zu dienen. Diese Maximen des ärztlichen Handelns sind vielmehr eingebettet in die oberste Richtschnur, die Autonomie des Patienten zu achten. Von ihr her empfängt das ärztliche Handeln erst seine moralische und rechtliche Legitimation. Ohne die informierte Einwilligung des Patienten, die dieser einem Behandlungsvorschlag des Arztes in der Ausübung seiner eigenen Autonomie erteilt, hat der Arzt keinen Auftrag, zugunsten des Patienten tätig zu werden.
Trotz der zentralen Bedeutung, die dem Autonomiebegriff in der gegenwärtigen Medizinethik zukommt, herrscht über seine genaue Bedeutung alles andere als Einmütigkeit. Ungeklärt ist vor allem, ob Autonomie im Arzt-Patient-Verhältnis mehr auf der Linie der angelsächsischen, auf John Locke zurückgehenden Tradition als individuelle Selbstbestimmung oder, wie in der kontinentaleuropäischen Tradition, als vernünftige Selbstgesetzgebung des Menschen verstanden werden soll. Die erste Variante reduziert Autonomie häufig auf die Fähigkeit und das Recht, eigene Wünsche zu äußern und sich zu deren Verwirklichung der Mithilfe des pflegerischen und ärztlichen Personals der Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge zu bedienen. Dagegen bedeutet Autonomie in der praktischen Philosophie der europäischen Aufklärung, als deren wirkmächtigster Vertreter Immanuel Kant gilt, gerade nicht das Recht auf subjektive Wunscherfüllung, sondern die Fähigkeit des Menschen, sich in vernünftiger Selbstgesetzgebung aus dem Bannkreis sinnlicher Neigungen, subjektiver Wünsche und hypothetischer Zwecksetzungen zu erheben. Das Beharren auf subjektiven Wünschen drückt nach dieser Konzeption nicht die Autonomiefähigkeit des Menschen aus, sondern verbleibt im Bannkreis subjektiver Neigungen, der die Sphäre der Heteronomie nicht durchbricht.
Derart unterschiedliche Autonomiebegriffe führen bei der Bewertung von Sterbewünschen und der Bitte um Suizidbeihilfe zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen. Der Streit darüber lässt sich nicht auf die Alternative: Respekt vor der Selbstbestimmung des Sterbenden oder paternalistische Entmündigung des Sterbenden reduzieren. Es geht auch nicht um die Gegenüberstellung von Selbstbestimmung und Fürsorge, da die Beachtung von Wünschen und die Ermöglichung von Selbstbestimmung generell wichtige Elemente der ärztlichen und pflegerischen Fürsorge für den kranken Menschen sind. Im Streit um die Suizidbeihilfe treffen vielmehr zwei unvereinbare Konzeptionen von Autonomie und Selbstbestimmung aufeinander. In der politischen Auseinandersetzung um deren gesetzliche Regelung muss es vor allem darum gehen, die Selbstbestimmung der Schwachen, nämlich der besonders vulnerablen Personengruppe schwerstkranker und sterbender Menschen gegenüber sozialem, moralischem und rechtlichem Druck zu stärken.

Jan Hus
Theologe, Reformator, Nationalheld. Zum 600. Todestag

Der 6. Juli 1415 war ein schwarzer Tag in der Kirchengeschichte. Es war das Datum, an dem Jan Hus als Ketzer verbrannt wurde. Das Konstanzer Konzil sah in den Forderungen des Prager Universitätslehrers nach einer grundlegenden Reform der Kirche einen Angriff auf die angestammte Lehre und verurteilte ihn als Häretiker. 600 Jahre später wird der böhmische Kirchenmann in der Forschung und in der Öffentlichkeit viel differenzierter gesehen – „Jan Hus. Theologe, Reformator, Nationalheld“ lautete der Titel einer Abendveranstaltung in der Katholischen Akademie in Bayern am 6. Juli 2015 anlässlich des 600. Todestages. In den drei Vorträgen wurde dieses ausdifferenzierte Bild des Jan Hus greifbar.

Leben und historische Einordnung des Jan Hus
von Franz Machilek

Auf den Tag genau vor 600 Jahren, am 6. Juli 1415, wurde der Prager Magister Jan Hus in der XV. Generalsitzung des Konstanzer Konzils nach Verlesung der ihm als ketzerisch angelasteten Artikel als verstockter Ketzer zum Tod verurteilt, als Priester degradiert, dem weltlichen Arm zur Urteilsvollstreckung ausgeliefert und anschließend vor der Stadt auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Um Reliquien zu verhindern, wurde seine Asche im Rhein verstreut.
Die wohl bei vielen seiner Gegner in Böhmen und im römisch-deutschen Reich vorhandene Erwartung, dass die Causa Hus mit seinem Tod abgeschlossen sei, erscheint aus der Rückschau als völlig unrealistisch. Nach Überzeugung der Anhänger war Hus in Konstanz weder überführt, noch rechtmäßig verurteilt worden – „non convictus, non condemnatus“, wie die hussitischen Quellen immer wieder betonten. Seine Verehrung als Wahrheitszeuge und Heiliger setzte unmittelbar nach seinem Tod ein. Gut zwei Monate nach Hussens Feuertod würdigten Rektor, Magister und Doktoren der Prager Universität das Leben und die Verdienste ihres früheren Kollegen in einem an ausgewählte Königreiche und Länder verschickten Zeugnis in überschwänglichen Worten: Hus, der demütig, fromm und tugendhaft lebte und als Spiegel der Heiligkeit erglänzte, habe in Konstanz standhaft den Tod erlitten und damit glorreich über alle Feinde triumphiert. Die Aussteller wünschen, dass Hus – so wie er das Beispiel eines Gerechten war – allen Christgläubigen zu einem Zeugen der katholischen Wahrheit werde.
Ihr Wunsch hat sich durchaus erfüllt: Utraquisten, Taboriten, Böhmische Brüder, Waldenser vornehmlich in Deutschland, Lutheraner, Herrnhuter und die nach 1918 neu konstituierten evangelisch-hussitisch-brüderischen Kirchen auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik hielten das Gedächtnis an den unbesiegten Wahrheitszeugen hoch und bewahrten sein Vermächtnis.

Von der Sprengkraft der Theologie des Jan Hus
von Thomas Prügl

Die Väter des Konstanzer Konzils haben es sich mit der Verurteilung des Jan Hus nicht leicht gemacht. Man rollte einen Prozess auf, der bereits Jahre zuvor an der römischen Kurie gegen den Prager Reformer in Gang gesetzt worden war. Man beauftragte theologische Experten, die in großer Zahl in Konstanz verfügbar waren, mit der Durchsicht der Schriften Hus' und exzerpierte verdächtig klingende Thesen. Man prüfte diese eingehend, legte sie dem Angeklagten zur Stellungnahme vor, verwarf sie, wenn Hus sie glaubhaft entkräften konnte. Man erstellte eine neue Liste, reduzierte auch diese ein weiteres Mal, ehe am 6. Juli 1415 ein Konzilsdekret mit 30 Irrtümern feierlich verabschiedet wurde, denen abzuschwören Hus nicht bereit war und wofür noch am selben Tag das Todesurteil an ihm vollstreckt wurde.
Welches waren die Häresien, die ihm das Leben kosteten? Zu Beginn des Verurteilungsdekrets wird ihm vorgeworfen, er sei ein Schüler des Erzhäretikers John Wyclif und habe dessen Irrtümer gegen das Verbot der Kirche gepredigt und verteidigt. Von den 30 Irrtümern, die danach aufgelistet werden, bezieht sich kein einziger auf die Eucharistie, obwohl man Hus zu Lebzeiten und auch später fälschlicherweise vorgeworfen hat, er vertrete die häretische Remanenzlehre Wyclifs, die der katholischen Transsubstantiationslehre widerstreite. In eucharistischer Hinsicht war Hus rechtgläubig. Auch die Forderung nach dem Laienkelch, die zum Signum des Hussitismus wurde, entstammte weder der Theologie des Jan Hus noch wurde er dafür belangt. Hus wurde auch nicht wegen seiner Christologie oder irriger Auffassungen hinsichtlich des Dreifaltigkeitsdogmas verurteilt. Nicht beanstandet wurden seine Sakramententheologie, auch nicht seine Ansichten zu Ablass, Heiligen- und Reliquienverehrung, Wundern und Wallfahrten, trotz aller Kritik, die er daran äußerte.
Vielmehr erstrecken sich 27 der 30 inkriminierten Sätze des Verurteilungsdekrets auf Aussagen über die Kirche. Von diesen 27 Sätzen wiederum thematisieren 13 explizit das Papstamt, dessen Autorität Hus nur sehr eingeschränkt anerkennen wollte. Die Thesen klangen provokant und wollten es auch sein: „Petrus ist nicht das Haupt der Kirche, und er war es auch nie“ (no. 7), oder: „Die päpstliche Würde erwuchs vom Kaiser und der Vorrang und die Einsetzung des Papstes entsprang der Vollmacht des Kaisers“ (no. 9), oder: „Der Papst ist nicht der wahre und offenkundige Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, wenn sein moralischer Lebenswandel dem des hl. Petrus entgegensteht“ (no. 13), oder, um ein letztes Beispiel zu geben: „Keiner ist ein weltlicher Herr, keiner ist ein Vorsteher, keiner ein Bischof, solange er sich in einer Todsünde befindet“ (no. 30).

Hus – ein tschechischer Nationalheld?
von Eva Doležalová

Leben und Werk von Jan Hus inspirierten seine Nachfolger und seine Widersacher im positiven wie im negativen Sinne und blieben in der tschechischen Geschichte bis in die heutige Zeit gegenwärtig. Das Hus-Bild war und ist jedoch veränderlich, und jedes der vergangenen Jahrhunderte wählte von Hus und seinem Werk diejenigen Motive, die in ihm selbst am stärksten widerhallten. Mit der Zeit entstanden so mindestens drei Versionen des Jan Hus, die neben einem gemeinsamen Fundament auch unterschiedliche oder sogar sich widersprechende Züge aufweisen:
1) das irdische Leben: ein der göttlichen Wahrheit ergebener Priester; aber mancher sagt auch: ein sehr auf Popularität bedachter Mann
2) ein Märtyrer und Heiliger der böhmischen Reformation und Reformator: ein Vorgänger der deutschen Reformation; aber mancher sagt, er habe auf unverantwortliche Weise Nationalitätenkonflikte und Religionskriege entfacht
3) ein Held – das Ideal eines Kämpfers, dessen Name auf Bannern getragen wird; aber wofür kämpfte er? Für Gewissensfreiheit oder für nationale Emanzipation oder für soziale Gerechtigkeit oder für eine Kombination all dieser Sachen?
Die verschiedenen Hus-Bilder von seinem Tod bis zum Bild des Nationalhelden und darüber hinaus wurden nicht nur von denjenigen geschaffen und geformt, die annahmen, auf seinen Spuren zu wandeln, sondern auch von denen, die ihm nicht zustimmten und Widerstand leisteten. Dabei sind zwei entgegengesetzte Versionen von Hus-Bildern erkennbar: Bereits die Augenzeugen des Konstanzer Scheiterhaufens hatten die Ereignisse unterschiedlich beschrieben. Nach dem Zeugnis des Peter von Mladoňovice war Jan Hus als Märtyrer und tapferer Mensch gestorben. Dagegen beschreibt sein Zeitgenosse Ulrich Richental, Chronist des Konstanzer Konzils, die Ereignisse ohne emotionale Verbindung und naturalistisch.
Hier soll es überwiegend um das Bild gehen, das von den Nachfolgern des Hus geschaffen wurde.
ei Vorträgen wurde dieses ausdifferenzierte Bild des Jan Hus greifbar.

Sommerakademie
Geld ohne Grenzen
Gibt es einen sanften Kapitalismus?

In der Reihe „Sommergespräch“, einem gemeinsamen Projekt der Evangelischen Akademie Tutzing, der Akademie für Politische Bildung Tutzing und der Katholischen Akademie Bayern, diskutierten Experten am 23. Juni 2015 in der Katholischen Akademie über die Frage: Gibt es einen sanften Kapitalismus? Bei der Veranstaltung mit dem Titel „Geld ohne Grenzen“ waren zu Gast Prof. Dr. Jörg Althammer, Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, und Prof. Dr. Dr. Helge Peukert, Professor für Finanzwissenschaft und Finanzsoziologie an der Universität Erfurt.

Finanzmarktkrise – Krise der ökonomischen Theorie?
von Jörg Althammer

Vor nunmehr fast acht Jahren brach die massivste Krise der internationalen Finanzmärkte seit dem „schwarzen Freitag“ im Jahr 1929 aus. Im August 2007 stiegen die Zinsen für Interbankkredite, ein Indikator für das gegenseitige Vertrauen der Akteure auf den Finanzmärkten, sprunghaft an. Etwa ein Jahr später musste das Investmenthaus „Lehman Brothers“, eines der renommiertesten Finanzhäuser weltweit, Insolvenz anmelden. Und letztlich war die Staatengemeinschaft gefordert, um mit massiven Finanzhilfen und Ausfallbürgschaften einen vollständigen Zusammenbruch des Finanzmarkts zu verhindern und das Vertrauen unter den Finanzinstituten notdürftig wiederherzustellen. Und die Finanzkrise ist noch längst nicht überwunden; sie hält uns nach wie vor fest in ihrem Griff.
Diese Krise ist aber nicht nur eine Krise der Finanzmärkte. Sie hat sich zu einer Vertrauens- und Akzeptanzkrise der Marktwirtschaft insgesamt ausgeweitet. Im Zuge der Finanzmarktkrise hat sich die Kritik spürbar verstärkt, die an unserem Wirtschaftssystem insgesamt und an der Art und Weise, wie wir ökonomische Zusammenhänge analysieren, geübt wird. Und diese Kritik kommt mittlerweile nicht nur von systemkritischen Organisationen wie Occupy Wall Street oder Attac, sie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Papst Franziskus spricht in seinem Schreiben Evangelii gaudium davon, dass diese Wirtschaft tötet. Und das „Wall Street Journal“, ansonsten kein Hort systemkritischen Gedankenguts, schreibt in einem Artikel vom 19.11.2014, die ökonomische Theorie sei „korrekt, präzise und absolut nutzlos“.
Diese tief greifende Verunsicherung strahlt auch auf die Fachdisziplin selbst aus. Michael Burda, der langjährige Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik (VfS) – das ist die größte Vereinigung von Ökonomen in Deutschland –, forderte die Mitglieder unlängst auf, ihre Modelle und Politikempfehlungen vor dem Hintergrund der Finanzkrise gründlich zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Neuerdings findet bei den Jahrestagungen dieses Vereins auch eine Ergänzungsveranstaltung zur heterodoxen Ökonomie statt.
Eigentlich müsste diese tiefe Verunsicherung, welche die Finanzkrise unter den Ökonomen ausgelöst hat, ja überraschen. Denn die Finanzkrise der Jahre 2007/08 war nun wahrlich nicht die einzige krisenhafte Erscheinung, mit der die entwickelten Volkswirtschaften in der Vergangenheit konfrontiert waren.

Geld- und Finanzkrisen – wann kommt die nächste?
von Helge Peukert

Zu allererst möchte ich meinen normativen Standpunkt kurz darlegen, da auch die Wirtschaftswissenschaften nicht wertneutral sein können. Ich vertrete die Interessen des einfachen Steuerzahlers und des Durchschnittsbürgers. Mein Eindruck ist, dass diese Interessen zurzeit etwas unter die Räder geraten. Um es prononciert zu sagen: Ich vertrete weder Reiche noch Banken noch den offiziellen Politikbetrieb, auch keine Drittmittelgeber, und ich mache Ihnen jetzt auch keine Angst und biete Ihnen dann anderswo irgendeinen Fonds an, damit Sie gut schlafen können.
Unser Oberthema lautet „Geld ohne Grenzen“. Deswegen möchte ich kurz ein paar grundlegende Reflexionen über das Geld anstellen. John Locke hat einmal gesagt, „Geld“ sei gar nicht so schwierig zu verstehen. Als Geld diente ursprünglich oft Münzgeld, also ein Edelmetall. Es handele sich bei Geld also um eine quasi-physikalische Angelegenheit, ein objektives Phänomen. Das Geld ist demnach eine praktische Sache mit natürlichen Eigenschaften, das in erster Linie den Warentausch vereinfachen soll. Und auch heute noch geht die vorherrschende Mainstream-Ökonomie davon aus, dass Geld eigentlich eine neutrale Sache ist, so wie wenn ich Öl in einen Motor hineintue, und dann funktioniert er.
Meiner Analyse nach ist Geld aber eine soziale Erfindung, eine Institution, die in sehr unterschiedlicher Art und Weise organisiert werden kann. Die Frage ist zunächst einmal, in welchem Maß Geld überhaupt das soziale Leben bestimmen soll. Da hatten zum Beispiel Platon und Aristoteles zu den nötigen Grenzen des Geldes eine kritische Auffassung. Gleiches gilt für das Alte Testament und heute wird auch bei Regiogeld eine Begrenzung angestrebt. Soll also das Geld praktisch viele oder alle sozialen Bereiche beeinflussen oder nicht? Das ist erst einmal zu entscheiden.

Veranstaltung in Kooperation mit dem Rotary Club München Schwabing
Aktuelle Herausforderungen am Arbeitsmarkt

Die aktuellen Herausforderungen am Arbeitsmarkt waren das Thema von Frank-Jürgen Weise, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, als er am 29. Oktober 2015 in der Katholischen Akademie Bayern zu Gast war. Die Veranstaltung, zu der rund 200 Zuhörer gekommen waren, wurde im Rahmen der Schwabinger Vorträge in Zusammenarbeit mit dem Rotary-Club München-Schwabing organisiert.

Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und die Bundesagentur für Arbeit
von Frank-Jürgen Weise

Die Arbeit ist für die meisten Menschen nicht nur eine Quelle von Einkommen und dient nicht nur zur Sicherung des Lebensunterhaltes. Arbeit ist häufig Ursprung von Anerkennung, Selbstbewusstsein und sozialen Kontakten. Arbeit ermöglicht Teilhabe und ist oft die Grundlage für eine geregelte Lebensführung. Viele Menschen – vor allem die, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind – erleben Arbeit als sinnstiftend und häufig auch als wichtig für die Allgemeinheit. Die, die keine Arbeit haben, erleben dies dagegen häufig als Belastung. Nachfolgend werden die Arbeitsmarktreformen in Deutschland seit Beginn dieses Jahrtausends und ihre Auswirkungen auf die Bundesagentur für Arbeit und den Arbeitsmarkt betrachtet.

Anfang des Jahrtausends waren „Arbeit“ und „Arbeitsmarkt“ in Deutschland Stichworte für massive ökonomische und gesellschaftliche Probleme. Noch im Jahr 1999 bezeichnete der britische Economist Deutschland als den „kranken Mann des Euroraums“. Deutschland lag im internationalen Vergleich in vielen Kategorien des Arbeitsmarktes im letzten Drittel. Die allgemein hohe Arbeitslosigkeit und hier besonders die Langzeitarbeitslosigkeit war das bestimmende Kennzeichen des deutschen Arbeitsmarktes. Es wurde sehr viel Geld von Beitrags- und Steuerzahlern aufgewandt um die schlimmsten Formen der Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Gleichzeitig war vor allem die Beteiligung Älterer am Erwerbsleben sehr niedrig. Die Erwerbstätigkeit von Frauen war ebenfalls unterdurchschnittlich. Zudem waren die Frauen häufig in schlechter bezahlten Stellen tätig als Männer. Als gesichert galt die Erkenntnis, dass mit jeder Konjunkturkrise die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit weiter anstieg und auch in der anschließenden wirtschaftlichen Erholungsphase nicht mehr zurückging. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung lag bei heute unvorstellbaren 6,5 Prozent, dennoch hatte die damalige Bundesanstalt für Arbeit Milliardendefizite. Diese wurden über einen automatischen Defizitausgleich durch den Bundeshaushalt ausgeglichen. Zwar gab es bereits erste Bemühungen die Bundesanstalt für Arbeit zu reformieren. Ziel war es die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der aktiven Arbeitsmarktpolitik als auch die Zufriedenheit der Kunden und Mitarbeiter zu erhöhen. Diese Bemühungen wurden aber durch eine öffentliche Debatte über die Vermittlungsstatistik überholt: Die Bundesanstalt hatte Vermittlungserfolge auch dort ausgewiesen, wo der Kontakt ohne ihr Zutun zustande gekommen war. Das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Politik in die Bundesanstalt für Arbeit und ihre Fähigkeit den Problemen am Arbeitsmarkt adäquat begegnen zu können ging verloren.

Heillos gespalten? Segensreich erneuert?
500 Jahre Reformation – vielseitig und ökumenisch betrachtet

„Heillos gespalten? Segensreich erneuert?“ So fragten die Katholische Akademie Bayern und die Evangelische Akademie Tutzing bei der gleichnamigen gemeinsamen Veranstaltung vom 23. bis zum 25. April 2015 im Hinblick auf den Beginn der Reformation vor 500 Jahren und die daraus resultierende Kirchenspaltung. Auf der dreitägigen Tagung, die auch der Deutsche Ökumenische Studienausschuss (DÖSTA) der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und die Theologischen Fakultäten in München mitveranstalteten, referierten und argumentierten aber nicht nur katholische und evangelisch-lutherische Theologen, sondern auch Fachleute reformierter, freikirchlicher und orthodoxer Kirchen. Alle warfen aus ihrer Sicht einen Blick auf den ökumenischen Status quo. Einige der Vorträge sind in der Folge dokumentiert, die gesamte Tagung wird in einem wissenschaftlichen Sammelband erscheinen.

Auf ewig geteilt? Für immer geeint? Ökumenische Zukunftsvisionen
von Bischof Gerhard Feige

„Auf ewig geteilt? Für immer geeint? Ökumenische Zukunftsvisionen“, so lautet das Thema des Vortrages zum heutigen Auftakt des Symposiums. Schon seit Längerem ist immer wieder einmal zu hören, dass es in der Ökumene eine Stagnation, gar eine „Eiszeit“ gebe. Eine solche Einschätzung kann ich jedoch nicht teilen. Als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz bewege ich mich in vielen bi- und multilateralen Kontexten, die mir verdeutlichen, wie positiv sich – bei allen Schwierigkeiten und offenen Fragen – doch insgesamt der ökumenische Dialog entwickelt hat. Manchmal sind es freilich nur kleine Schritte, die uns auf dem ökumenischen Weg voranbringen. Dennoch oder gerade deshalb sollten wir mit Geduld und Zuversicht die noch offenen kontroverstheologischen Fragen angehen und auf das Wirken des Heiligen Geistes vertrauen.
Aber wohin soll dieser Weg führen? Was ist das Ziel, auf das hin wir unterwegs sind. Dass es zwischen den Kirchen bisher keine gemeinsame Zielbestimmung gibt, sieht Kardinal Kurt Koch als „die eigentliche Krux“ in der gegenwärtigen Situation an. Und er drängt immer wieder dazu, sich diesem Thema intensiv zu widmen: „Denn“ – so Kardinal Koch – „nur wenn das Ziel der ökumenischen Bewegung klar vor Augen steht, lässt sich auch die Frage nach den nächsten notwendigen Schritten adäquat stellen und klären.“
Das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „Unitatis Redintegratio“ hält gleich zu Beginn das Ziel der ökumenischen Bewegung fest: „Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils.“ Letztlich gründet dieses Ziel im Wunsch Jesu Christi selbst nach Einheit, wie er im Johannesevangelium als eines der letzten Worte unseres Herrn überliefert ist. Damit ist der Ökumenismus „nicht bloß irgendein ‚Anhängsel‘ (…), das der traditionellen Tätigkeit der Kirche angefügt wird. Im Gegenteil, er gehört“ – wie Papst Johannes Paul II. im Jahr 1995 in seiner Enzyklika „Ut Unum Sint“ bemerkt – „organisch zu ihrem Leben und zu ihrem Wirken“. Und er beschreibt in dieser wegweisenden Enzyklika das Ziel aller ökumenischen Dialoge und Bemühungen wie folgt: „Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer einen, sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes.“ Auch der Ökumenische Rat der Kirchen betrachtet sich als „eine Gemeinschaft von Kirchen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet“.

Einheit in versöhnter Verschiedenheit: Perspektiven für die ökumenische Bewegung aus evangelisch-lutherischer Sicht
von Landesbischof Karl-Hinrich Manzke

Seit Beginn des systematischen Dialoges zwischen den im Lutherischen Weltbund verbundenen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es eine Debatte um die Frage, welche Zielvorstellung denn eine mögliche Verständigung der Kirchen haben kann. Beinahe fünfzig Jahre nach Lund und der Verständigung über einen freundschaftlichen ökumenischen Dialog scheint es sinnvoll zu sein, die Debatte um die gemeinsame Zielvorstellung für eine mögliche ökumenische Verständigung und das Bild einer Kirchengemeinschaft, die den ökumenischen Lehrgesprächen und der geistlichen Gemeinschaft neue Impulse und Inspiration geben kann, neu zu beleben.
Haben doch nicht nur evangelische, sondern auch römisch-katholische Partner im ökumenischen Dialog bisweilen pointiert hervorgehoben, dass es einer Zielvorstellung bedarf für das ökumenische Miteinander und die ökumenischen Dialoge, um den Gesprächen auch eine orientierende Richtung zu geben. In den Jahren des systematischen und freundschaftlichen Dialoges zwischen den lutherischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche, insbesondere zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem Einheitssekretariat in Rom, hat es in dieser Hinsicht sehr unterschiedliche Versuche gegeben, das Ziel der Lehrgespräche und der sogenannten geistlichen Ökumene zu beschreiben und begrifflich zu fassen. Das Programm einer Konvergenz-Ökumene steht dabei neben den nach wie vor kursierenden Vorstellungen einer Rückkehr-Ökumene und dem Modell einer wie auch immer zu beschreibenden Konvivenz ökumenischer Partner.
Diese und andere Modelle sind verschiedentlich diskutiert und auf ihre Stimmigkeit abgeklopft worden. Sowohl der Gedanke einer Rückkehr-Ökumene, der davon ausgeht, dass die mit der Reformation von Rom getrennten Kirchen des Abendlandes in den Schoss der Kirche zurückkehren, wie auch unterschiedliche Modelle einer Konvivenz-Ökumene, in der Partner nebeneinander in bestimmter Form der Gemeinschaft existieren, müssen klären: Wie ist eine Communio, also eine Struktur der realen Kirchengemeinschaft, zu fassen und beschreibbar, wenn es sich nicht nur um ein bloßes Nebeneinander von konfessionsgetrennten Kirchen in unversöhnter Verschiedenheit handeln soll?

Luther und die Reformation 1517-2017
von Heinz Schilling

Auch in ökumenischer Perspektive gilt die alte Fleischer-Weisheit, dass von einem Rind nur Rindfleisch zu erwarten ist. Deshalb hält ein Historiker einen historischen Vortrag. Der ökumenische Geist mag gleichwohl wehen, weil der Vortragende zwar Protestant ist, aber ein Kölner Protestant – „un dat is nid a su schlimm!“
Sollten Theologen wie Historiker, aber auch die nur am Reformationsjubiläum interessierten normalen Menschen nicht sicher sein, was am 31. Oktober zu feiern oder zu erinnern sei? Nämlich ein weltgeschichtliches Ereignis, das auf der Basis einer Revolution in der Gott-Mensch-Beziehung zunächst in Europa, dann darüber hinaus ganz neue, eben neuzeitliche Bedingungen des Denkens und Handelns eröffnet hat, des Selbstbewusstseins, der individuellen wie kollektiven Identität sowie des alltäglichen Zusammenlebens in Familie, kirchlicher wie politischer Gemeinde und natürlich auch und vor allem im neuzeitlichen Staat, der zusammen mit der Reformation zur beherrschenden Macht der Neuzeit aufstieg? Diese „Modernisierungskraft“ schrieb man – zumal in Deutschland – ausschließlich dem Protestantismus zu.
Berufen konnte man sich auf niemanden Geringeres als auf den berühmten Berliner Weltgeistdeuter Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Leopold von Ranke (1795-1886). Zwar war zuzugestehen, dass ökonomisch, philosophisch und künstlerisch „alles in Italien anfing“. Doch den epochalen Umbruch brachte „erst die Heroengestalt eines Luther, erst das deutsche Gewissen mit dem Erlebnis des tiefsten Sündenbewusstseins, mit der Entdeckung der allein auf dem Wege des Glaubens an den Gekreuzigten anzueignenden Gottesgerechtigkeit und mit der Befreiung der Bibel aus der Gefangenschaft päpstlicher Autorität.“
Noch nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges und im Angesicht der Nazi-Barbarei stand für Adolf von Harnack (1851-1930), dem wohl bedeutendsten Theologen und Wissenschaftsorganisator seiner Zeit, fest: „Die Neuzeit hat mit der Reformation Luthers ihren Anfang genommen, und zwar am 31. Oktober 1517; die Hammerschläge an der Tür der Schloßkirche zu Wittenberg haben sie eingeleitet“.

Die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ – heute gelesen. Eine exegetische Kritik in ökumenischer Absicht
von Thomas Söding

Sie war eine schwere Geburt, aber ein glückliches Ereignis. Sie ist ein ökumenischer Durchbruch, aber auch ein Stein des Anstoßes: Die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ wurde symbolträchtig in Augsburg am Reformationstag 1999 ratifiziert – mit der feierlichen Unterzeichnung der „Gemeinsamen offiziellen Feststellung“ durch Christian Krause, den damaligen Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, und Kardinal Edward Cassidy, den seinerzeitigen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, sowie die seinerzeitigen „Sekretäre“ Ishmael Noko und Walter Kasper.
Mehr als anderthalb Jahrzehnte später (von einem katholischen Neutestamentler) wieder gelesen, zeigt die „Gemeinsame Erklärung“ wie unter einem Brennglas Höhepunkt und Krise, Geschichte und Auftrag, Größe und Grenze der evangelisch-katholischen Ökumene.
Die „Gemeinsame Erklärung“ hat die Früchte jahrelanger Vorarbeiten, besonders in Deutschland und Nordamerika, geerntet. Sie ist das erste – und bislang einzige – ökumenische Dokument unter katholischer Beteiligung, das nicht nur ein Konsenspapier der Theologie, sondern ein offizielles Lehrdokument der Kirchen ist (wiewohl sein genauer Status Fragen aufwirft). 2006 ist der Weltrat Methodistischer Kirchen der „Gemeinsamen Erklärung“ beigetreten. Für ein Studienprojekt zur biblischen Basis der Rechtfertigungslehre (2012 auf Englisch und Deutsch publiziert) hat auch der Reformierte Weltbund Theologen nominiert. Deshalb gehört die „Gemeinsame Erklärung“, ursprünglich im lutherisch-katholischen Dialog entwickelt, zu den wichtigsten und international einflussreichsten Dokumenten multilateraler Ökumene. Im internationalen Dialog zwischen katholischen, lutherischen und methodistischen Partnern ist sie gesetzt. Sie hat Vertrauen geschaffen und Verbindlichkeit erzeugt.
Allerdings ist die „Gemeinsame Erklärung“ auch eines der umstrittensten „Dokumente wachsender Übereinstimmung“. In der letzten Phase der Entstehung hat ein kritisches Gutachten der Glaubenskongregation und des Einheitsraters Vorbehalte geäußert, denen aber mit der „Gemeinsamen offiziellen Feststellung“ Rechnung getragen werden konnte. Lauter und stärker war der öffentliche Protest gegen die „Gemeinsame Erklärung“, den im Januar 1998 an die 250 evangelische Theologieprofessoren unterzeichnet haben, weil sie einen Verrat der Reformation an eine Konsensökumene fürchteten, die theologische Profile nicht schärfe, sondern verschleife und so den Katholizismus hermeneutisch triumphieren lasse. Während der Protest international kaum Beachtung gefunden hat, wirkt er in Deutschland nach. Nachdem die lutherischen wie die reformierten Synoden Zustimmung signalisiert hatten, hat sich die EKD seinerzeit zurückhaltend, aber wohlwollend geäußert.

Semper reformanda? Semper purificanda? Eine orthodoxe Besinnung auf ein westliches ekklesiologisches Leitwort
von Athanasios Vletsis

Die Orthodoxen behaupten gern und nicht ohne Stolz, dass ihre Kirche bis heute keine Reformation durchlaufen hat oder je sie nötig gehabt hatte: Dies wird als Beweis der ununterbrochenen Überlieferung des Glaubens der alten Kirche vorgeführt. Der Bedarf einer Reformation im Leben der Kirche wird dann als Zeichen einer fehlerhaften Entwicklung interpretiert, als Widerspruch in sich, denn die Kirche kann nicht Fehler begehen, geschweige denn sündigen, wenn nach den Gründungsworten ihres Herrn „die Pforte des Hades (…) sie nicht überwältigen (werden)“ (Mt 16,18). Die Korrektur einer fehlerhaften Entwicklung des lateinischen Katholizismus wird von vielen Orthodoxen als ein notwendiges Übel hingenommen: „Das Schisma (zwischen Ost- und Westkirche) gibt im Voraus eine Erklärung für das Ereignis der Reformation; und die Reformation rechtfertigt das Schisma im Nachhinein. Luther kann als theologische Rechtfertigung des Photios angesehen werden“ (Marios Begzos).
Wenn in der Orthodoxie das Wort von der Unfehlbarkeit außer dem Dreieinigen Gott irgendwo Gültigkeit beansprucht, dann für die Kirche als Ganzes. Das fehlerhafte Verhalten ihrer Mitgliedern kann ihr Wesen und ihre Existenz nicht tangieren oder beeinträchtigen: Die gefallenen Mitglieder mögen durch Reue und Widerruf ihres Irrtums den Weg der Rückkehr zum sicheren Hafen ihrer Kirche finden. Die Orthodoxen haben nie daran gezweifelt, dass ihre Kirche „Träger und Zeuge des Glaubens und der Tradition der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche“ ist (III. Panorthodoxe Vorkonziliare Konferenz).
Doch schaut man etwas genauer auf die lange Geschichte der Orthodoxen Kirche zurück, wird man anderweitig fündig: Reformen waren kein unbekanntes Wort in der langen Geschichte der Orthodoxie und haben sogar zu tiefen Rissen geführt, von denen einige bis heute die Zeit überdauert haben. Ich kann hier nur zwei Stichworte kurz erwähnen: die Spaltung der altgläubigen Raskolniken (übersetzt: „Abspalter“) in der Russisch-Orthodoxen Kirche des 17. Jahrhunderts nach den Reformen des Patriarchen Nikon (1633) sowie die Trennung zwischen den Neu- und Altkalendarien nach der Einführung des neuen gregorianischen Kalenders 1923 nur durch einen Teil der Orthodoxen Kirchen. Die Kalenderreform hat zwar in der Communio-Eucharistischen Gemeinschaft nicht direkt zu einer Spaltung geführt, bis heute aber einen tiefen Riss im Leib der Orthodoxie hinterlassen.
Man hätte diesen Katalog weiterführen können, beispielsweise unter Verweis auf die Gründung von autokephalen Kirchen, was fast nie ohne Verwerfungen vor sich gegangen ist und bis heute immer wieder ein Grund für kleinere Spaltungen und sicherlich für eine Disfunktionalität in den Orthodoxen Kirchen ist. Sind denn die Orthodoxen so überheblich, diese und ähnliche Reform- und Spaltungsymptome im Leben ihrer Kirche einfach unter den Teppich kehren zu wollen, oder steckt dahinter eine ganz andere Wahrnehmung des Kirchenverständnisses und letztendlich des Glaubens, demgemäß all diese vielfältigen Reformen, aber auch die Verfehlungen getrost ignoriert werden können, weil sie das Kirche-Sein nicht ernsthaft in Frage stellen können?

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