Heft 05/2015

Barmherzigkeit

Im Vorfeld der Synode „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ in Rom fanden in der Katholischen Akademie Bayern drei Veranstaltungen statt, in denen es um die grundlegenden Fragen ging, die auch die Bischöfe vom 4. bis zum 25. Oktober 2015 beschäftigen werden. Am 19. Juni 2105 tagte die Sectio Theologica der Bayerischen Benediktinerakademie und als Gastreferent war Professor Thomas Söding eingeladen, der in zwei Vorträgen den Begriff „Barmherzigkeit“ zu fassen suchte. Auf unsere Bitte hin fasste Thomas Söding die wichtigsten Gedanken seiner beiden Referate in einem Text zusammen.
Rund 150 Kirchenrechts-Experten und interessierte Zuhörer waren am 15. Juli 2015 zum Symposium „Kirchenrecht und Barmherzigkeit“ gekommen. Bei der Veranstaltung, die zusammen mit dem Klaus-Mörsdorf-Studium für Kanonistik der Universität München organisiert wurde, entwarfen drei international anerkannte Fachleute des kanonischen Rechts tragfähige Perspektiven zum Verhältnis von Recht und Barmherzigkeit. Unter anderen sprach Bischof Juan Ignacio Arrieta, der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte.
Das Symposium „Ehe in Kirche und Welt von heute. Eine theologische Vertiefung vor der Bischofssynode“ führte am 23. September 2015 schließlich zwei Theologinnen und einen Theologen in München zusammen, die sich auch explizit mit der besonders strittigen Frage zu geschiedenen Wiederverheirateten befassten. Diese drei Referate wurden uns schon vor dem Vortrag schriftlich zur Verfügung gestellt, um sie noch in diese Ausgabe unserer Zeitschrift „zur debatte“ aufnehmen zu können.
Illustriert werden die nachfolgenden Seiten mit Miniaturen, in denen Werke der Barmherzigkeit dargestellt sind, wie sie in einer Handschrift im „Lo Breviari d’Amor“ von Matfre Ermengau aus dem späten 13. Jahrhundert zu finden sind.

Jesu Wort zur Ehescheidung
von Prof. Dr. Marlis Gielen

Aufgabe des folgenden Statements kann es selbstverständlich nicht sein, die überlieferungsge-schichtliche Komplexität des Wortes Jesu zur Ehescheidung in allen ihren Facetten darzustel-len oder gar zu diskutieren. Doch eröffnet schon ein Überblick über den neutestamentlichen Befund wichtige Grundeinsichten.

I. Das Wort Jesu zur Ehescheidung ist schon in der neutestamentlichen Überlie-ferung nicht als starrer Rechtssatz verstanden worden

Das Wort Jesu zur Ehescheidung findet sich in verschiedenen Varianten und Traditions-schichten des Neuen Testaments. Wenn sich vielleicht auch nicht mehr der O-Ton Jesu exakt rekonstruieren lässt, ist ein überlieferungsgeschichtlich vertrauenswürdiger Zugang zur au-thentischen Aussageabsicht dieses Jesuswortes möglich. Zugleich gewähren die Varianten Einblick in den nachösterlich-urchristlichen Umgang mit dem Jesuswort.

[I] Mt 5,32* (Q): Jeder, der seine Frau entlässt, macht, dass mit ihr die Ehe gebrochen wird.
Und wer eine Entlassene heiratet, bricht die Ehe.

Mt 5,32 (ohne die sog. Unzuchtsklausel) hat die traditionsgeschichtlich älteste Fassung des Jesuswortes über die Ehescheidung bewahrt. Überliefert wurde diese Fassung mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Logienquelle (= Q). Dafür, dass die Q-Version das Jesuswort zu-mindest seiner Intention nach authentisch bewahrt hat, spricht, dass es sehr genau damalige frühjüdische Rechtsverhältnisse in Palästina widerspiegelt. Demnach kann ein Mann (anders als die Frau) die eigene Ehe (etwa durch Untreue) gar nicht brechen. Wenn er sich aber mit einer verheirateten Frau einlässt, bricht er die Ehe des anderen Mannes. Und nur ein Mann kann seine Frau aus der Ehe entlassen (nicht umgekehrt).

Barmherzigkeit – ein Schlüssel zur Ehetheologie?
von Prof. Dr. Thomas Söding

I. Ehe und Ehescheidung in der Verkündigung Jesu

Wenige Felder des Lebens werden im Neuen Testament so stark beackert wie Ehe und Familie. Zwar gibt es für Jesus unendlich Wichtigeres, nämlich das Reich Gottes, das nahegekommen ist (Mk 1,15), aber dort, wo es auf Erden seine Spuren hinterlässt, gibt es Weniges, was wichtiger wäre als Ehe und Familie. Jesus selbst hat freilich zölibatär gelebt – aber nicht aus Verachtung der Ehe oder der Sexualität, sondern „um des Himmelreiches willen“ (Mt 19,11 f.). Sein Zölibat, den auch Paulus geteilt hat (1 Kor 7,7.8), macht klar, dass es im Namen der Religion keine Zwangsheirat geben darf, sondern dass, wie traditionell auch immer die Lebensverhältnisse gewesen sein mögen, der eigene Antrieb der Eheleute entscheidend ist, nach dem Epheserbrief ihre Liebe, in der sich die Liebe Christi zur Kirche spiegeln soll (Eph 5,25). Für Paulus ist der Zölibat ein Charisma – und die Ehe auch: „Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so“ (1 Kor 7,7).
Jesus hat den Evangelien zufolge genau vorausgesehen, dass der Ruf zur Umkehr und zum Glauben an das Evangelium tiefe Risse in viele Familien zerreißen wird (Mk 13,12). Seine eigene Familie hat ihn lange Zeit nicht verstanden (Mk 3,20 f.). Im Zweifel müssen die Familienbande gelöst werden, damit der Glaube gelebt werden kann. Aber der Ruf in die Nachfolge hat keine Scheidungswelle ausgelöst. Die Verheißung Jesu besteht vielmehr darin, dass in der Familie Gottes, die er sammelt (Mk 3,31-35), auch die Brüder und Schwestern, die Kinder und Eltern, die Ehepartner, die man – auf Zeit – verlassen hat, wiedergefunden werden können, „wenn auch unter Verfolgungen“, und das Hundertfache an neuen Familienmitgliedern dazu (Mk 10,28-30).
Jesus hat die Ehe zu einer Lebensform der Nachfolge gemacht. Zwar war es nur wenigen Frauen möglich, Jesus auf seinen öffentlichen Missionswanderungen zu begleiten (Lk 8,1 ff; vgl. Mk 15,40 f.) – und die frommen Seelen werden sich die Mäuler darüber zerrissen haben. Aber in der Zeit nach Ostern, als Galiläa verlassen wird und selbst ein Fischer wie Petrus den Weg bis nach Rom findet, haben die Apostel ihre Frauen nicht zurückgelassen, sondern mit auf die Missionsreisen genommen (1 Kor 9,5).

Das Ärgernis der Unauflöslichkeit, oder: Das gestörte Verhältnis von Glaube und Sakrament
von Prof. Dr. Karl-Heinz Menke

I.

Während frühere Zeiten versucht waren, die personale Beziehung des je einzelnen Gläubigen an seiner sakramentalen Übereinstimmung mit dem vom Ortsbischof und vom Papst kriteriell verkörperten Glaubensbekenntnis der Kirche zu messen, dominiert heute die umgekehrte Tendenz.
Entscheidend – so sagen auch kirchlich denkende Gläubige – ist nicht die inhaltliche Vollständigkeit und Richtigkeit des Bekenntnisses, sondern der Vollzug des Glaubens, die betende Beziehung zu Christus, kurzum: die eher unsichtbare, existenziell gelebte Innenseite des Christseins. Man kann diese Entwicklung durchaus positiv bewerten. Denn wichtiger als dogmatische Richtigkeit ist die gelebte Wahrheit des Glaubens. Wichtiger als der äußere Empfang eines Sakramentes ist die personale Haltung, mit der jemand ein Sakrament empfängt. Wichtiger als die Einhaltung von Geboten und Verboten ist die Nächstenliebe. Wichtiger als die Befolgung liturgischer Regeln ist der innere Mitvollzug der Liturgie.
Und dennoch: Wo die sakramentale Ebene von Bekenntnis, Dogma, Geboten und Regeln zugunsten der subjektiven Beziehung des je Einzelnen zu Gott relativiert oder gar verdrängt wird, da wird der Glaube nicht nur privatisiert, sondern auch von Christus getrennt. Denn Christus ist die inkarnierte Sichtbarkeit Gottes. Christus ist keine transzendente Projektionsfläche, sondern der Logos (das Wort), der als der Mensch Jesus dreiunddreißig Jahre sichtbar war und – zum Vater erhöht – durch die untrennbar mit ihm verbundene Kirche spricht und handelt.

Gradualität
von Prof. Dr. Julia Knop

Mit dem Stichwort „Gradualität“ hat der Wiener Kardinal Christoph Schönborn auf der außerordentlichen Versammlung der Bischofssynode zur Familie im Oktober 2014 ein altes theologisches Prinzip in Erinnerung gerufen. Er plädierte dafür, mit Hilfe dieses Prinzips auch das Prozesshafte einer Paarbeziehung und die zunehmend komplizierten Lebensbedingungen von Familien wahrzunehmen und so zu einer differenzierteren Betrachtung heutiger Lebensverhältnisse zu kommen (vgl. HerKorr 68, 2014, 613–617). 

Zwar ist eine Hermeneutik der Gradualität in der Theologie im Allgemeinen nicht ungebräuchlich. Allerdings wurde sie bisher nur wenig für den Kontext der Sakramententheologie bzw. der kirchlichen Ehelehre fruchtbar gemacht. Auf zwei für diesen Kontext gewichtige Ausnahmen sei zumindest verwiesen: Walter Kardinal Kasper sprach in seinem Referat vor dem außerordentlichen Konsistorium der Kardinäle im Februar 2014 ausdrücklich vom „Gesetz der Gradualität, des immer wieder neuen und tieferen Hineinwachsens in das Geheimnis Christi“ (Das Evangelium von der Familie, Herder 2014, 42). Er verwies dabei auf das Apostolische Schreiben Familiaris Consortio (22.11.1981), in dem in einer moraltheologisch gefärbten Passage von einem stufenweisen, graduellen Hineinwachsen der Eheleute in den göttlichen Plan die Rede ist (FC 9.34). Diese Dynamik, betonte damals Johannes Paul II., beziehe sich nicht auf das Gebot Christi – dies gelte absolut und sei kirchlich normativ. Dynamisch bzw. gestuft, d.h. erst partiell verwirklicht sei die menschliche Seite, mit der die Eheleute diesem Gebot in ihrer Biographie faktisch entsprechen. Papst Franziskus bezieht sich mit Verweis auf dieses Schreiben, jedoch thematisch unspezifisch und ohne den Begriff „Gradualität“ zu verwenden, in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (24.11.2013, Nr. 44) auf Wachstumsstufen der menschlichen Dynamik, die „mit Barmherzigkeit und Geduld begleitet“ werden müssten. Völlig neu ist eine Hermeneutik der Gradualität also nicht. Es wurden, wie der Niederschlag der synodalen Debatten in den Synoden¬dokumenten zeigt, allerdings durchaus neue und klärungsbedürftige Akzente gesetzt.

Barmherzigkeit und kanonisches Recht
von Bischof Dr. Juan Ignacio Arrieta

I. Einleitung

Die Einladung zu dieser feierlichen akademischen Tagung des Klaus Mörsdorf Studiums für Kanonistik der Universität München ist mir eine wirkliche Ehre. Ich habe sie mit besonderer Freude angenommen, aus ganz persönlichen Gründen wie auch aus wissenschaftlichen Motiven. Daher bin ich dankbar für die Gelegenheit, mich für die langjährige Freundschaft, welche mich mit Professor Helmuth Pree verbindet, erkenntlich zeigen zu dürfen; eine Freundschaft, die im Laufe der Zeit gewachsen ist durch zahlreiche Formen der Zusammenarbeit und des geistigen Austausches – überwiegend in Übereinstimmung, bisweilen mit loyalem Dissens; durch Publikationen; durch die Ausrichtung von Veranstaltungen der „Consociatio Internationalis Studio Iuris Canonici Promovendo“ oder auch unserer jeweiligen Fakultäten.
In besonderer Weise fühle ich mich ihm zu Dank verpflichtet für die großzügige Verfügbarkeit, die ich bei ihm immer angetroffen habe, wenn es darum ging, wissenschaftliche Aktivitäten in Gang zu setzen, sei es an der Päpstlichen Universität Santa Croce oder sei es in Venedig, wobei er mit seinem wissenschaftlichen Ansehen zur Fortentwicklung dieser Projekte beigetragen hat; nicht zuletzt habe ich ihm auch zu danken für seine verlässliche und stets geschätzte Mitwirkung als Consultor im Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte. So überbringe ich denn auch die Glückwünsche von Kardinal Francesco Coccopalmerio und des gesamten Dikasteriums an Professor Pree.
Das mir zugedachte Thema ist sei jeher in unserer Disziplin verankert und wird gegenwärtig im Lehramt von Papst Franziskus nahezu ununterbrochen bemüht: die Barmherzigkeit. Konkret behandle ich das Verhältnis zwischen Barmherzigkeit und kanonischem Recht und unserer Aufgabe als Kanonisten. Zwangsläufig beschränke ich mich auf einige ausgewählte Aspekte.

Kanonisches Recht und Barmherzigkeit aus der Perspektive des orientalischen Kirchenrechts
von Péter Szabó

I. Einleitung


Zuallererst möchte ich Ihnen meinen Dank für die Einladung zu diesem beachtenswerten akademischen Ereignis aussprechen. Es ist mir eine Ehre, meinen Beitrag in Gegenwart zweier so angesehener Kanonisten als Hauptvortragende an diesem Nachmittag präsentieren zu dürfen. Zugleich danke ich den Organisatoren aufrichtig dafür, in dieser bedeutenden und aktuellen Thematik die Aspekte des orientalischen Kirchenrechts mit zu berücksichtigen. Vermutlich hat Prof. Pree diese Entscheidung unterstützt, zumal in seinem überaus beachtlichen akademischen Schaffen Themen des orientalischen Kirchenrechts in den letzten Jahren einen wachsenden Stellenwert eingenommen haben.
Mehrere grundlegende monographische Studien befassen sich mit dem Begriff und der praktischen Anwendung der „Barmherzigkeit“ in der Westkirche. Eine Art „Definition“ bzw. eine präzise Kurzbeschreibung gibt Thomas von Aquin.
Will man die Problematik aus orientalischer Perspektive untersuchen, so stellt sich als erste Frage, ob „Barmherzigkeit“ dort in genau demselben Sinne verstanden wird wie im Westen. Darauf gibt es gewiss keine kurze Antwort. Schon diese Art der Fragestellung selbst ist östlichem Denken fremd, das von Natur aus weniger an formalen Definitionen interessiert ist. Hierzu darf ich eine brillante Bemerkung von Yves Congar in Erinnerung rufen, derzufolge die Orientalen bzw. die Orthodoxie „not only does not need to define but (rather) needs not to define“.
Obwohl die östlichen Quellen oft von Barmherzigkeit sprechen, reflektieren sie eine zwar inhaltlich reichhaltige, aber begrifflich wenig durchdrungene Idee, wie sich aus der einschlägigen Literatur unschwer feststellen lässt. Vor etwa 50 Jahren beendete William Frazier, um ein Beispiel zu nennen, seine Dissertation zum Thema „The Pre-Eminence of Divine Mercy according to Greek Fathers“ mit den Worten: in diesen Schriften „hardly ever does the idea of God’s mercy rise fully to the surface and receive the express and minutely calculated attention that other dogmatic questions enjoyed… For the patristic approach to divine mercy we have more an attitude of thought than a consciously organized body of teaching”.

Kirchenrecht und Barmherzigkeit
von Prof. Dr. Helmuth Pree

Hinführung

Das Pontifikat von Papst Franziskus ist unübersehbar geprägt von dem Anliegen, der Botschaft von der Barmherzigkeit (Gottes) einen zentralen Stellenwert in seiner Verkündigung zuzuweisen, sie im Umgang der Kirche mit den Menschen sichtbar und spürbar werden zu lassen. Das spiegelt sich auch in den Vorbereitungen zur bevorstehenden Bischofssynode zu Fragen von Ehe und Familie: In der Außerordentlichen Bischofssynode 2014 plädierte eine deutliche Mehrheit der Bischöfe dafür, unter genau umrissenen Bedingungen geschiedenen Wiederverheirateten den Zugang zu den Sakramenten zu ermöglichen. Aus den Antworten auf die Umfrage, die auf Anweisung des Generalsekretariats der Bischofssynode in den Diözesen durchgeführt wurde, ergibt sich eindeutig, dass der Ausschluss von den Sakramenten von den Betroffenen und überhaupt das Handeln der Kirche gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen als „unbarmherzig“ empfunden werden.
Das kanonische Recht muss diese Herausforderung aufgreifen. Doch es stellt sich sogleich die Frage: Kann Barmherzigkeit allen denkbaren Anforderungen gegenüber, die ein Gläubiger nicht erfüllt, eingemahnt werden? Kann z.B. der kirchliche Richter eine Ehe aus Barmherzigkeit für ungültig erklären, weil er von der Nichtigkeit überzeugt ist, aber die Beweise nicht ausreichen? Kann ein Seelsorger unter Berufung auf die Barmherzigkeit eine kirchlich verbotene Segnungsfeier für kirchlich ungültig Wiederverehelichte oder „Trauungen“ homosexueller Paare vornehmen? Kann der kirchliche Arbeitgeber bei der Anstellung von Laien aus Barmherzigkeit über das Nichtvorliegen rechtlich verlangter Anstellungsvoraussetzungen für die betreffende Verwendung absehen, und macht es dabei einen Unterschied, ob es sich um fachliche Anforderungen (z.B. Ausbildungsabschluss, bestimmter akademischer Grad) oder um persönliche Anforderungen (z.B. sittlich einwandfreies Leben) handelt? Sollte sich bei irgendeiner der genannten Fragen die Barmherzigkeit als anwendbar erweisen, so müssen wir vom Recht aus die weitere Frage stellen, ob Barmherzigkeit zum methodischen Instrumentar des Kirchenrechts gehört oder gehören soll oder ob sie dazu bestimmt ist, das Recht von außen zu korrigieren, ohne selbst rechtliche Relevanz zu besitzen.
Der Versuch einer Antwort auf die überaus komplexe Frage nach dem Verhältnis von Barmherzigkeit und Recht soll in drei Schritten erfolgen: Zuerst bedarf es einer wenngleich auf das Wesentliche beschränkten Begriffsklärung (I). Im zweiten Schritt fragen wir nach dem Grund und nach dem Anwendungsbereich der Barmherzigkeit aus theologischer Perspektive (II). Barmherzigkeit wird sich dabei als genuines Thema der Rechtstheologie erweisen, das wie kaum ein anderes geeignet ist, dem Recht im Gesamten des pastoralen Handelns der Kirche den ihm gebührenden Stellenwert und Ort zuzuerkennen. Der dritte Schritt widmet sich dem Verhältnis von Barmherzigkeit und Recht aus der Perspektive des Rechts (III). Dabei werden zwei Probleme aufgegriffen: der Anwendungsbereich der Barmherzigkeit im Bezug auf das Recht; m.a.W.: Wo berührt die Barmherzigkeit überhaupt das Recht? Und schließlich das Wie, die Methode. Wie verläuft die Anwendung von Barmherzigkeit auf rechtliche Sachverhalte? Ist Barmherzigkeit eine Rechtsanwendungsmethode? Gehört sie zum Recht oder ist sie anderer Natur?
Als Beispiel soll abschließend das Dargelegte auf das eingangs angesprochene Problem des Sakramentenzugangs geschiedener kirchlich ungültig Wiederverheirateter angewendet werden.

Dietrich Bonhoeffer
Zum 70. Todestag. Tagung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Mit einer Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg am 8. Juni 2015 und einem wissenschaftlichen Vortrag erinnerte die Katholische Akademie Bayern an den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Der evangelische Theologe – wichtige Kontaktperson zwischen zivilen und militärischen Widerstandskreisen – war nach fast zweijähriger Inhaftierung in Berliner Gefängnissen ins oberpfälzische Flossenbürg gebracht und am 9. April 1945 dort ermordet worden. Die Veranstaltung fand im neu eröffneten Begegnungszentrum der Gedenkstätte statt. Lesen Sie im Anschluss das überarbeitete Referat über Bonhoeffers Theologie und zu Beginn eine Einführung in Geschichte und Konzeption der Gedenkstätte.

Relikte, Sinnstiftungen und memoriale Blueprints
von Dr. Jörg Skriebeleit

I. Unmittelbare Nachkriegszeit

Wie in fast allen befreiten Konzentrationslagern wurden auch die baulichen Relikte des KZ Flossenbürg von Seiten der Alliierten primär als immobile Verfügungsmasse betrachtet und keineswegs als memorial bewahrenswert behandelt. In Flossenbürg richteten amerikanische Militärstellen im ehemaligen KZ-Areal ab Juli 1945 ein temporäres Kriegsgefangenenlager für SS-Angehörige ein. Diesem folgte, zufälligerweise exakt ein Jahr nach der Befreiung des Konzentrationslagers, am 23. April 1946 die Umwandlung in ein Transitcamp für polnische Displaced Persons (DPs). Diese – selbst in einer Notsituation – sahen es sehr wohl als wichtig an, an die Leiden im ehemaligen Konzentrationslager zu erinnern, hatten das Bedürfnis einer memorialen Sinnstiftung und gründeten nur wenige Wochen nach der Eröffnung des DP-Camps ein „Ausführungskomitee für den Bau des Denkmals und der Kapelle im Konzentrationslager Flossenbürg“.
Bereits wenige Wochen nach der Gründung des Denkmalkomitees präsentierte ein von diesem beauftragter Architekt erstmals seine Überlegungen für eine große Gedenkstätte.
„Zum Gedächtnis der fast 54 000 Toten verschiedener Nationen wird auf dem Ostteil des ehem. KZ-Lagerplatzes eine Gedenkkapelle errichtet, die an den zu erhaltenden Wachturm anschließt. Das Gelände zwischen Kapelle und Krematorium wird in einfacher und würdiger Form gestaltet. Der jetzt frei liegende Aschenhügel wird in die Erde versenkt und darüber ein Aschenmal errichtet. Die anschließende Richtstätte, auf der die Erschießungen erfolgten, wird durch einen Gedenkstein mit Inschrift gestaltet“ heißt es dort unter anderem.
Das ins Auge gefasste Gelände befand sich am östlichen Rand des ehemaligen Konzentrationslagers in einer Senke unterhalb des früheren Häftlingsbereiches und lag außerhalb des DP-Lagers. Neben einem neuen, über die gesamte Anlage thronenden Kapellenbau, der aus den Steinen abgetragener Wachtürme errichtet werden sollte, war der Umgriff des Krematoriums mit dem ehemaligen Schießplatz der SS und dem Leichenverbrennungsplatz der zweite zentrale Fixpunkt der geplanten Anlage.

Dietrich Bonhoeffers Theologie der Nachfolge.
Impulse für das Christsein in heutiger Gesellschaft
von Prof. Dr. Ralf K. Wüstenberg

Im Morgengrauen des 9. Juli 1945 ist Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg ermordet worden. Einige Tage zuvor soll er geäußert haben: „Das ist das Ende, für mich der Anfang des Lebens.“ 

Meine Damen und Herren, allein diese Worte wären Grundlage für einen eigenen Vortrag. Sie zeugen von einer Tiefe im Glauben und einer Gewissheit, die über das diesseitige Leben hinausweist.
Bonhoeffers Glaubenszeugnis gibt uns zentrale Impulse für das Christsein in der heutigen Gesellschaft. Dier Theologe und Widerstandskämpfer ist ein glaubwürdiges Beispiel dafür, wie Nachfolge Jesus Christi gelebt werden kann. In solcher Nachfolge steht das Leben in einem Spannungsbogen, der dadurch markiert ist, dass alles Diesseitige sich im Jenseitigen aufgehoben weiß. Leben in voller Diesseitigkeit und zugleich in vollem Wissen um den Tod und die Auferstehung Jesu, und damit um ein Danach. Leben in voller Diesseitigkeit und die stete Bereitschaft, dieses Leben, wo es das verantwortliche Zeugnis fordert, aufzugeben zu dürfen. Und das ist ein Impuls, den wir für unsere heutige Gesellschaft von Bonhoeffer her aufnehmen dürfen: Das gegenwärtige Leben vom zukünftigen her relativieren lassen. Es ist auch entlastend, wenn man nicht alles aus dem Hier und Jetzt erwarten muss; wenn Erfüllung noch aussteht. Entlastend auch, weil Leben eben auch in aller Gebrochenheit und Fragmentarität noch oder besser: bereits Sinn hat, obwohl es äußerlich so anders scheinen mag – unvollkommen, voller Brüche.

Klimawandel konkret
Polarforschung als Seismograph klimatischer Veränderungen

 

Die Meteorologin und Wissenschaftshistorikern Dr. Cornelia Lüdecke legte bei der Veranstaltung „Polarforschung als Seismograph klimatischer Veränderungen“ am 14. November 2014 am konkreten Beispiel des Grönländischen Inlandeises dar, wie der Klimawandel wirkt. Die Beschäftigung mit dem Klimawandel in der Nordpolarregion begann 1891, als Erich von Drygalski an der Westküste Grönlands Vorbereitungen für seine Überwinterung 1892-1893 traf, um die Bewegung des Inlandeises und einiger lokaler Gletscher ohne Verbindung zum Inlandeis zu untersuchen. Alfred Wegeners Expeditionen in den Jahren 1929 und 1930-1931 bestätigten diesen Trend. Heute fließt der Eisstrom mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 46 Metern am Tag ins Meer, so die Erkenntnisse der Wissenschaftlerin.

Polarforschung als Seismograph klimatischer Veränderungen
von PD Dr. Cornelia Lüdecke

I. Einleitung

Angesichts der andauernden Diskussion um die Energiewende in Deutschland wird das Thema Klimawandel in den Hintergrund gedrängt. Dabei ist diese Thematik drängender denn je, wie der am 2. November 2014 erschienene fünfte Klimabericht des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), eindrucksvoll bestätigte. Die Klimaforschung selbst ist hoch komplex – und hat, was weniger bekannt ist, eine lange Geschichte, die sich exemplarisch an der Erforschung Grönlands ablesen lässt. Ende des 19. Jahrhunderts war noch recht wenig über das Innere der größten Insel der Erde bekannt. Bevor der Schwede Adolf Erik Nordenskiöld (1832-1901) 1870 von der Westküste aus den ersten Vorstoß auf die Eiskappe unternahm, vermutete man dort ein grünes Land, so wie es heute noch die englische Bezeichnung „Greenland“ (Grünland) suggeriert. Erst der Norweger Fridtjof Nansen (1861-1930) konnte im Sommer 1888 während seiner legendären Überquerung der grönländischen Eiskappe nachweisen, dass sich jenseits der Küstengebirge weder grüne Wälder oder fruchtbare Täler befanden, sondern nur eine Eiswüste, die an ihrer höchsten Stelle bis über 2700 m hinaufreichte. Von Vegetation keine Spur. Bedeutete dies, dass dort früher vielleicht ein wärmeres Klima geherrscht hatte, das wie in Mitteleuropa vor rund 10.000 Jahren von einer Eiszeit abgelöst wurde? Diese Frage beschäftigte den jungen Königsberger Geographen Erich von Drygalski (1865-1949), der 1887 in seiner Doktorarbeit bei dem renommierten Geographen Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833-1905) in Berlin die „Geoid-Deformation der Kontinente zur Eiszeit und ihr Zusammenhang mit den Wärmeschwankungen in der Erdrinde“ untersucht hatte, das heißt, er berechnete die Verformung der Erdoberfläche durch die Auflast der Eismassen während der Eiszeit und die Veränderungen während der Warmzeiten, in denen das Eis schmolz und sich dadurch die Gewichtsverteilung auf der Erdoberfläche erneut änderte.

Autoren zu Gast bei Albert von Schirnding
Jan Wagner

„Regentonnenvariationen“ heißt der Gedichtband, für den der Lyriker Jan Wagner im Frühjahr diesen Jahres mit dem renommierten Literaturpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde – ein Novum, denn Wagner ist damit der erste Poet unter den Preisträgern. Die Gedichte des gebürtigen Hamburgers, dessen Erstlingswerk „Probebohrungen im Himmel“ 2001 bereits aufhorchen ließ, sind mittlerweile in rund 30 Sprachen übersetzt. Nur naheliegend also, dass der erfolgreiche Lyriker der Gegenwart unter anderem Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ist.
Im Rahmen der regelmäßigen Veranstaltungsreihe „Autoren zu Gast bei Albert von Schirnding“ lud auch die Katholische Akademie Bayern Jan Wagner am 13. Juli 2015 zu einer Lesung und einem Gespräch mit Albert von Schirnding. Hier dokumentieren wir das Begrüßungswort von Albert von Schirnding.

Der Lyriker Jan Wagner
von Albert von Schirnding

„... und ich verwechsle / noch immer schubert und schumann“. So endet ein Gedicht aus Jan Wagners letztem, 2014 erschienenem Band „Regentonnenvariationen“. Handelt es sich um das trotzige Bekenntnis eines hoffnungslos Unmusikalischen? Die Frage erledigt sich schon dadurch, dass ihr Gegenstand nicht eine sachliche Aussage, sondern die Strophe eines Gedichts ist, die Schlussstrophe einer achtstrophigen Versfolge mit dem Titel „die etüden“. Es besteht somit keinerlei Anlass für unseren Pianisten, den Saal unter Protest zu verlassen. Gedichte antworten nicht auf Ja- oder Neinfragen.
Bei dieser Gelegenheit mag es billig und heilsam sein, „aequum et salutare“, in nüchterner Prosa darauf hinzuweisen, dass bekennerhafte Gefühlsentladung weder die Sache der Musik noch die des Gedichts ist. Meisterschaft des lyrischen und pianistischen Virtuosen beruht – zumindest auch – auf kühler Reflexion und harter Arbeit. Schon Diderot spricht vom „Paradox des Schauspielers“, der nur dann rühren kann, wenn er selbst nicht gerührt ist. Soviel zunächst zu der schlichten, aber gern unbeachteten Wahrheit, dass Gedichte ebenso wenig wie Lieder vordergründig wörtlich zu nehmen sind.
In Jan Wagners Poetik spielt die Frage nach der Identität des Autors eine zentrale Rolle. Seinem Gedichtband „Australien“ von 2010 hat er das Zitat eines gewissen Álvaro de Campos vorangestellt, eines Autors, der nie gelebt hat, den vielmehr der portugiesische Dichter Fernando Pessoa erfunden hat. Wagner zitiert ihn wie einen eigenständigen Poeten, voraussetzend, dass der Leser sich in Pessoas Maskenspielen auskennt oder auch nicht auskennt. Warum sollte der imaginären Existenz eines Dichters ein geringerer Grad von Wahrheit zukommen als der tatsächlichen? Das Zitat lautet: „Man ist glücklich in Australien, sofern man nicht dorthin fährt.“ Es dechiffriert den Titel des Gedichtbands als Bezeichnung eines Kontinents, der mit dem geographisch fixierten lediglich den Namen gemeinsam hat. Im Schlussgedicht graben zwei Jungen in einer Abseitslandschaft, wo weggeworfene Teppiche, entsorgte Autoreifen und zerschlagene Farbkanister herumliegen, ein Loch in die Erde. Offenbar wollen sie zu den Antipoden vorstoßen. Der abends zurückgelassene Spaten markiert die Stelle der unvollendeten Inbesitznahme Australiens, er steckt im Boden „wie ein fahnenmast“.

Reihe "Partizipation" III
Reformideen in der katholischen Kirche

Zum dritten Abend der Reihe „Partizipation“ hatte die Katholische Akademie Bayern am 30. April 2015 den Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf aus Münster eingeladen. „Reformideen aus der Kirchengeschichte. Zur Partizipation in der katholischen Kirche“ lautete der Titel des Abendvortrags von Professor Wolf. Im Anschluss an seinen Vortrag diskutierte der Historiker mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung an der Universität München. Professor Weidenfeld, auch Mitglied der Akademieleitung, betreut die Reihe „Partizipation“. 

Zur Partizipation in der katholischen Kirche
von Prof. Dr. Hubert Wolf

I.

„Kleriker und Laien sind in der römisch-katholischen Kirche scharf voneinander geschieden und in ein Verhältnis der Über- und Unterordnung gestellt. Geweihten Männern als solchen gebührt Ehrfurcht, das heißt achtungsvolle Scheu und Respekt vor ihrer geistlichen Erhabenheit, sowie als Trägern von Jurisdiktion Gehorsam. Die verpflichtende Klerikertracht ist sozialstützende visuelle Standesmarkierung. Rechtlich begründet die Ordination der einen die Subordination der anderen. Was die Logik der ständischen Gliederung an rechtlicher Ungleichheit fordert, kann mit noch so wohlgeformter konziliarer oder nachkonziliarer theologischer Gleichheitsrhetorik nicht überbrückt werden. Die Kleriker bilden den Leitungs- oder Führungsstand, Laien den Gefolgschaftsstand. Die katholische Kirche ist unaufgebbar eine ‚communio hierarchica‘ oder ‚societas inaequalis‘.“
Mit diesen klaren Worten bringt der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke die strikte Trennung von Klerikern und Laien im derzeit geltenden katholischen Kirchenrecht auf den Punkt. Zugleich erklärt er die im Zweiten Vatikanischen Konzil definierte Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Getauften, vom Anteil der Laien am dreifachen Amt Christi und der daraus resultierenden Partizipation der Laien an kirchlichen Kompetenzen zu einer schönen, aber für die heutige kirchliche Realität völlig bedeutungslosen Rhetorik. Und in der Tat, die katholische Kirche ist eine Klerikerkirche. Nur die Geweihten sind Rechtssubjekte, die Laien hingegen allenfalls Objekte der Seelsorge, unmündige Schafe, die der stetigen Anleitung durch Hirten bedürfen, welche sie von den gefährlichen Weideplätzen zu gesunden Quellen führen müssen. Eigenständige Initiativen der Laien in der Kirche und für die Kirche in der Welt sind nicht vorgesehen.

"Blick"
Malerei und Fotografie von Rüdiger Lange

Den bescheidenen und dennoch treffenden Titel „Blick“ trägt die Kunstausstellung, die bis kurz vor Weihnachten in der Katholischen Akademie Bayern zu sehen ist. Rund 30 Malereien, Fotografien und Collagen des sächsischen Künstlers Rüdiger Lange hängen in den Räumen des Kardinal Wendel Hauses an der Mandlstraße 23. Bei der Vernissage am 7. September 2015 führte der Kunstkritiker Wilhelm Christoph Warning in die Werke Langes ein, der seine Ausbildung von 1999 bis 2006 an der Akademie der Bildenden Künste in München absolviert hat.
Die Ausstellung im Kardinal Wendel Haus ist bis zum 17. Dezember 2015, montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Wir bitten um eine kurze Anmeldung unter 38102-0.
An der Rezeption der Akademie ist auch der Katalog zur Ausstellung erhältlich (20 Euro).

Eine Einführung
von

Es ist mir eine Freude, heute Abend einige Hinweise geben zu können im Blick auf die Arbeit von Rüdiger Lange, den ich lange schon kenne, schon seit seinen Zeiten in der Akademie der Bildenden Künste hier in München. Schon einmal waren Bilder von ihm zu sehen, damals, wenn ich mich nicht täusche, 2004, also vor 11 Jahren, als die Klasse des Malers Jerry Zeniuk hier ausstellen konnte. Rüdiger Lange hat sich deshalb entschieden, neben ganz neuen auch Arbeiten zu zeigen, die in diesem Zeitbogen entstanden sind und hat die Ausstellung deshalb lakonisch „Blick“ genannt.
Blick. Wir blicken mit den Augen, und unsere Sprache signalisiert mit dem Ausdruck Augen-Blick etwas, das rasch vorübergeht. Aber was bedeutet das schon? Kann doch der Augenblick auch ein Innehalten sein, einem Verharren gleichkommen, einem „In dem Moment Wahrnehmen“, was zu sehen ist. Was aber bedeutet „wahrnehmen“? Abrufen und einordnen von Bekanntem? Oder setzt es nicht vielmehr Offenheit des Blicks voraus?
Der Heilige Augustinus, dessen Schriften wahre Quellen der Erkenntnis sind, notierte in seinen Confessiones: „Und es gehen die Menschen zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahin fließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne – und haben nicht acht ihrer selbst.“
Wer aber nicht „achthat“ seiner selbst, wie der Kirchenvater sagt, der konsumiert, um es modern auszudrücken. Sieht Bilder gleichsam nur an der Oberfläche und kann, folgt man Augustinus, keine innere Verbindung herstellen, die es ermöglicht, eine Erfahrung zu machen, die das Sehen auf eine andere Ebene hebt, es transzendiert. Dann bliebe es bei dem, wie man heute gerne sagt, „Wow-Effekt“. Verräterisch ist diese sprachliche Verhunzung, die zeigt, dass hier nur der optische Kick gesucht wird – um im Bild zu bleiben.

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