Heft 03/2015

Teresa von Ávila
Zum 500. Geburtstag

Zum 500. Mal jährt sich heuer der Geburtstag einer Frau, die dank ihres wirkmächtigen Glaubens von der Katholischen Kirche zur ersten Kirchenlehrerin ernannt wurde: Teresa von Ávila, deren bis heute vielzitiertes „Gott allein genügt“ Zeugnis gibt von ihrem unumstößlichen Glauben an den Gott Jesu Christi. Aspekte aus dem Leben der Heiligen standen im Fokus der dreitägigen Veranstaltung „Teresa von Ávila. Zum 500. Geburtstag“, zu der vom 26. bis 28. März 2015 über 300 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet in die Katholische Akademie Bayern kamen. Wir dokumentieren die vier gehaltenen Referate, sowie zu Beginn die Predigt von Kardinal Reinhard Marx, die er beim Pontifikalamt anlässlich der Tagung in der Kloster- und Pfarrkirche St. Theresia München gehalten hat.

Predigt beim Pontifikalamt in St. Theresia München
von Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising
Liebe Schwestern und Brüder! Teresa von Jesus ist ein Geschenk an die ganze Welt, nicht nur an die Kirche, nicht nur an die Gemeinschaften, die sich in besonderer Weise auf sie berufen, besonders natürlich die lieben Schwestern des Karmel und die Brüder, sondern an die ganze Welt. Nach 500 Jahren wird das immer bewusster. Die Verehrung, das Interesse nimmt ja nicht ab, sondern eher zu, die Aufmerksamkeit für diese Frau, für ihre Schriften. Genau 500 Jahre ist der Tag ihrer Geburt her, wir haben es eben gehört. Am 28. März des Jahres 1515 wurde sie geboren, und nichts konnte darauf hindeuten, dass dieses Mädchen, diese Frau sich in einer solchen Weise entfalten würde, als ein Geschenk an die ganze Welt.

Es ist am Beginn des 16. Jahrhunderts. Welch ein Jahrhundert für die europäische Geschichte, und damit in gewisser Weise natürlich auch für die Geschichte der Menschheit, denn von Europa aus hat sich dieses Denken auch in alle Teile der Welt hinein weiter entfaltet, ist aufgenommen worden, kritisch und positiv, mit einer großen Wirkung. Das 16. Jahrhundert ist ein entscheidendes Jahrhundert für die Geschichte der Kirche und der Welt. Manche Philosophen und Historiker schauen auf dieses Jahrhundert der Kirchenspaltung und der kirchlichen Erneuerung als auf ein Jahrhundert, wo in neuer und noch intensiverer Weise als zuvor das passiert ist, was die Philosophen die Entdeckung des Subjektes nennen, des Einzelnen mit seinem Suchen, mit seinem Gewissen, mit seiner Frage, wer bin ich vor Gott, was ist meine Sendung. Es besteht kein Zweifel, dass wir in diesem Jahrhundert solche Elemente finden, bei Teresa, bei Martin Luther, aber nicht nur bei den geistlichen Suchern, sondern auch bei den Laienchristen. Denken wir an Thomas Morus, den Heiligen des Gewissens, denken wir an die große Gestalt – nicht unumstritten, aber doch groß –, Kaiser Karl V., der auch eine Gewissensentscheidung fällte in den Auseinandersetzungen der Zeit. Es ist beeindruckend, seine selbstverfasste Rede als junger Mann auf dem Reichstag zu Worms zu lesen.

Teresa von Ávila und Martin Luther
von Mariano Delgado

Teresa von Ávila und Martin Luther – ein schwieriges und reizvolles Thema zugleich. Schwierig, weil Teresa von Ávila und Martin Luther in verschiedenen konfessionellen Lagern standen – und dies zu einer Zeit, in der man sich gegenseitig absprach, die wahre Kirche Christi zu sein. Teresa und Luther haben einander nicht gekannt und teilten in der Fremdwahrnehmung die Vorurteile ihrer Zeit. Was Luther über das Papsttum und die „Papstkirche“ dachte, ist allgemein bekannt. Sein Urteil über die Spanier war nicht freundlicher. In den Tischreden nennt er sie „zum größten Teil Marranen und Mameluken, die durchaus an nichts glauben“. Er meinte, dass die Spanier über Deutschland herrschen wollten, sei es direkt oder durch die Hand der Türken. Im Zweifelsfalle sei es besser, von diesen beherrscht zu werden, denn sie lassen mindestens Gerechtigkeit walten, während die Spanier, wie die Mailänder wissen, sich „ganz wie Bestien benehmen“.

Teresas von Ávila – eine „Conversa“
von Ulrich Dobhan OCD

Noch vor 70 Jahren wäre es niemandem in den Sinn gekommen, über die jüdische Abstammung Teresas auch nur ein Wort zu verlieren. Ihre Abstammung aus einer hochadeligen, also altchristlichen Familie stand ohne jeden Zweifel fest. Heute ist es gerade umgekehrt: Ihre jüdische Abstammung gehört zum gesicherten Wissen über sie.

Wer sich einmal die Mühe macht, die wichtigsten Teresa-Biographien, die seit ihrem Tod 1582 geschrieben worden sind, genauer zu betrachten, kann interessante Beobachtungen machen. Während es den ersten Biographen, darunter etwa Francisco de Ribera, ein Anliegen ist, Teresa für die Seligsprechung „aufzubauen“, wird sie schon bald in den Dienst der Ordensideologie gestellt: Die Ordensleitung gebraucht Teresa zur Rechtfertigung ihrer eigenen Absichten und ihrer Sicht der Ordensgeschichte.
Das gilt etwa für die offiziellen „Historiographen“ des Ordens, vor allem Francisco de Santa María Pulgar. Angesichts der starken Spannungen, die es in der ersten Generation nach Teresa gab, hatte das negative Folgen, da die Meinung der herrschenden Schicht allgemein verbindlich wurde. Dazu trug vor allem die Schrift des Ordensgenerals Alonso de Jesús María, „Doctrina de Religiosos“, bei, in der zur Unterweisung der Ordensmitglieder bestimmt wurde, was das Charisma des neuen Ordens sei. Allerdings war das nicht das von Teresa Vertretene.

Teresa und die Stellung der Frau in ihrer Zeit
von Elisabeth Münzebrock
Was ist von einer Mystikerin, Ordensgründerin und begnadeten Schriftstellerin zu halten, welche vom damaligen Nuntius Felipe Sega als „mujer andariega, desobediente y contumaz“, als herumstreunendes, ungehorsames und halsstarriges Weib beschimpft wird, die Papst Paul VI. jedoch 400 Jahre später, am 27. September 1970, als „große, einmalige und doch so menschliche und anziehende Persönlichkeit“ würdigt und zur Kirchenlehrerin ernennt?
Und „wenn von einer Frau gesagt wird, sie habe jedem, der ihr begegnet ist, den Kopf verdreht, dann werden die wenigsten vermuten, dass von einer Heiligen die Rede ist.“ Da nun aber Teresa de Cepeda y Ahumada (1515–1582)schon als junges Mädchen und später als Nonne lebenslang auf alle, die mit ihr in Kontakt traten, wie der Magnet auf das Eisen gewirkt hat, können wir einem weiteren Zeugnis des über seine Zeit hinausragenden Augustiners Fray Luis de León getrost Glauben schenken, der ganz offensichtlich ins Schwärmen geraten ist, wenn er konstatiert: „Alles an ihr war außergewöhnlich: ihre Schönheit, ihr Charme, ihr bezauberndes Wesen, die Brillanz ihres Geistes – ihre Schlagfertigkeit und feine Ironie, aber noch mehr ihre seelische Kraft und die Großmut ihres Charakters.“
Wer also war diese personifizierte „Kommunikation mit Gott und den Menschen“, deren ganzes Leben eine herrliche und abenteuerreiche Geschichte der Liebe war, die mit so menschlich echten Gefühlen der Zuneigung begann und auf dem Gipfel der „unio mystica“ endete, ohne dass jemals die „Menschlichkeit“ ihrer Liebe verkürzt worden wäre?
„Gott allein“ genügt nicht!
von Reinhard Körner OCD
„Gott allein genügt. Teresa von Ávila“ – so steht es auf Spruchkarten und in zahlreichen Büchern und Schriften, so ist es in Predigten und Vorträgen zu hören und nicht selten auch auf den Websites unserer Karmel-Klöster zu lesen. Nimmt man die Suchergebnisse im Internet als Maßstab, erzielt man mit keinem anderen Spruch aus der deutschsprachigen Spiritualität mehr Treffer. Es übertrifft sogar die ignatianische Formel „Gott in allen Dingen finden“.
Doch während Letztere allgemein Zustimmung findet, löst das „Gott allein genügt“ bei nachdenklichen Zeitgenossen Unbehagen aus. Schon Erika Lorenz, die Hamburger Hispanistin, beklagte in ihrem Teresa-Buch von 1982, dass man aus dem „verführerisch schön klingenden“ Spruch nur allzu leicht eine „heils-egoistische Bedeutung“ heraushören könne, wie dies ja auch geschehen ist. Auch die Herausgeber der neuen deutschen Teresa-Gesamtausgabe weisen darauf hin, dass es sich bei dieser Formel um eine „populäre, aber missverständliche Übersetzung“ handelt. Sie könne suggerieren, „dass der Mensch außer Gott nichts bräuchte“.
In der Tat ist der Aussagesinn nicht eindeutig. Je nachdem, wie man die einzelnen Wörter betont, kann man den kleinen Satz so oder so verstehen, im Sinne einer theozentrischen, zutiefst biblischen Spiritualität, aber auch im eher dualistischen Sinne: Man kann heraushören, alles andere als Gott habe den Menschen nicht zu interessieren, ja um in Ganzhingabe an Gott zu leben, müsse der Christ zumindest innerlich „die Welt verlassen“ und dürfe nichts und niemandem im Herzen Raum geben außer Gott
Leben neben einer KZ-Gedenkstätte
von Veronika Schmitt OCD und Johanna Kuric OCD

Einleitung:

Neben dem Gelände der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau liegt das Kloster Karmel Heilig Blut. Zwei Schwestern dieses Karmel, Sr. Dr. Veronika Schmitt OCD und Sr. Dr. Johanna Kurić OCD, die an der Tagung zu Teresa von Ávila teilnahmen, berichteten in einem 45-minütigen Gespräch mit Akademiedirektor Dr. Florian Schuller von ihren Wegen ins Kloster und vom Leben im Kloster, neben einer KZ-Gedenkstätte. Lesen Sie im Anschluss das leicht gekürzte Gespräch.

(...)

Florian Schuller: Sr. Johanna, Sie waren nach der Promotion noch beim Kepler-Projekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften dabei. Warum hat dann Ihr Leben eine solche Wendung genommen, wie sie sich jetzt darstellt? Was können Sie von dem inneren Prozess erzählen, der Sie schließlich 2002 nach Dachau geführt hat? Nachher werden wir sicher noch im Einzelnen darüber sprechen, was speziell Dachau für den Karmel bedeutet. Wie aber begann, wie ging es bei Ihnen?

Sr. Johanna: Für mich war die Frage nach dem Sinn entscheidend, nach dem Sinn meines Lebens. Das ist vielleicht überraschend, denn ich hatte ja ein Studium gewählt, das ich immer wollte, das mich interessiert und erfüllt hat. Theologie und Germanistik. Ich habe immer gern gelesen. Wenn man Bücher liest, erkundet man neue Welten, so wie wenn man eine neue Sprache erlernt. Man lernt andere Denkmuster kennen. Aber meine Frage war: Wie komme ich selber zu einem sinnvollen Leben? Das war für mich der Dreh- und Angelpunkt. Bei aller beruflichen Erfülltheit, die ich hatte, war ich nicht zufriedengestellt mit dem, was ich erreicht hatte.

Florian Schuller: Und warum gerade der Karmel und nicht Benediktinerin oder Ehefrau. Das kann auch zu einem sehr sinnerfüllten Dasein führen.

Sr. Johanna: Da bin ich dem Vortrag von P. Reinhard Körner ganz dankbar. Sozusagen „um Gottes Willen“ geht man in den Karmel. Das war auch für mich der ausschlaggebende Beweggrund. Die Überlegung oder tiefe Erfahrung: Wenn es Gott gibt, dann muss Gott so wichtig sein in meinem Leben, dann ist er so wichtig, dass ich ihm mein Leben anvertrauen will, es ihm geben möchte.

Florian Schuller: Hatten Sie vorher eine Karmelitin gekannt?

Sr. Johanna: Zunächst nur durch Lektüre, wie es immer geht.

Florian Schuller: Auch die heilige Teresa?

Sr. Johanna: Auch Teresa, durch die Vermittlung von Edith Stein. Ich habe mich mit Edith Stein während der Schulzeit einmal beschäftigt, anhand eines Referates. Ich habe damals gelesen, dass Edith Stein Teresa gelesen hat; also wollte ich auch Teresa lesen. Das ist aber dann wieder in den Hintergrund getreten, bis ich mir ein Herz gefasst hatte, zum Karmel Dachau hinauszufahren und einmal an der Pforte zu läuten. Und das war dann die erste Begegnung mit einer lebenden Karmelitin.

Florian Schuller: Sr. Veronika, bei Ihnen war es etwas spannungsreicher. Ich weiß nicht, ob es konfliktreicher war oder ob es eine stärkere Suche war. Erzählen Sie bitte ein bisschen.

Sr. Veronika: Der Grund, der mich in den Karmel gezogen hat, war zunächst einmal, dass ich in meinem Studium eine Karmelitin kennenlernte. Als ich gestern hier in dieses Haus gekommen bin, ist die Erste, die mir über den Weg gelaufen ist, sie gewesen. Sie nimmt an der Tagung teil, wofür ich sehr dankbar bin. Sie lebte damals außerhalb des Klosters und nahm mich auf einen Meditationskurs mit. Das war Advent 1971. Damals kannte man das Wort Meditation und Kontemplation noch nicht. Die allerersten waren P. Lassalle SJ, P. Zapf und P. Massa. P. Massa kam gerade das erste Mal von Japan zurück. Er war dort ein paar Wochen gewesen und hat mit uns Studenten, mit der KHG, einfach ausprobiert, was er dort selbst erfahren hat: Er hat uns auf den Boden gesetzt und die Schweigemeditation gezeigt, im Stil des Zen, wie das damals hieß.

Da war etwas, was ich in der katholischen Kirche bis dahin überhaupt nie gefunden hatte. Ich war eine normale Katholikin, nicht irgendwie etwas Besonderes. Dann merkte ich, das ist meine Weise des Betens. Und das hatte durchgeschlagen. Ab da habe ich jeden Tag meditiert. Ich wohnte noch zuhause, und es gab einen Aufstand in unserem Haus, denn keiner wusste, was ich da machte. Mir fielen dann die Werke des Johannes vom Kreuz in die Hände – auch das ein Meilenstein. Dann kam aber doch mehr die innere Erfahrung, dass mein Weg der Nachfolge Christi der Weg der Kontemplation war, als ein persönliches Angerührtsein. Zunächst jedoch sagte ich der Familie überhaupt nichts.

Ich bekam aber ein Heft geschenkt: „Von der christlichen Innerlichkeit“. Ein Freund schenkte es mir. Das war damals unsere Zeitschrift im Karmel. Darin standen zwei Artikel, einer von Sr. Gemma Hinricher und einer von Waltraud Herbstrith. Ich weiß nicht warum, aber ich habe an beide geschrieben. Meiner Familie wollte ich immer noch nichts sagen. Ich habe also an die beiden geschrieben und nur einmal Post bekommen, nämlich aus Köln, wo ich sofort zum Gespräch mit Waltraud Herbstrith eingeladen wurde. Auf den anderen Brief hin kam keine Post. Deshalb war also mein erstes Gespräch mit einer Karmelitin im Karmel mit Waltraud Herbstrith. Sie war dann auch meine Novizenmeisterin. Aus Dachau kam erst einen Antwort, als alles mit Köln geregelt war. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn beide zugesagt hätten; diese Entscheidung war mir aber abgenommen worden. In Köln ist mir Edith Stein sehr nahe gekommen. Das geschah nicht im Studium, denn in meinem gesamten Theologiestudium habe ich weder von Spiritualität noch von Mystik etwas gehört. Auch von Edith Stein war nirgendwo die Rede.

Ich bin später mit nach Tübingen gegangen und von Tübingen aus nach Dachau. Sr. Gemma wollte mich unbedingt mit nach Berlin nehmen; dort war ich dann zehn Jahre, bevor ich nach Dachau zurückkam, wo ich jetzt seit 22 Jahren wieder bin. Es ist also kein geradliniger Weg, aber ein Weg, der mir sehr viel Erfahrungen und Lernbares erschlossen hat. 

Partizipation - Quintessenz der Demokratie
Reihe "Partizipation" II

Mit drei international renommierten Politikwissenschaftlern untersuchte die Katholische Akademie Bayern am Abend des 29. Januar 2015 bei der zweiten Veranstaltung ihrer Reihe „Partizipation“ die Bedeutung von Partizipation in der Demokratie. Peter Graf Kielmansegg, emeritierter Professor an der Universität Mannheim, Uwe Wagschal, Professor an der Universität Freiburg, und Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung an der Universität München, erörterten unter dem Titel „Partizipation – die Quintessenz der Demokratie?“ unter anderem, worin das Wesen von Partizipation in der Demokratie besteht. Lesen Sie im Folgenden die Referate der Professoren Graf Kielmansegg und Wagschal, die auch in der Mediathek auf der Homepage der Akademie unter mediathek.kath-akademie-bayern.de nachzuhören sind.

Ämterverfassung und Bürgerbeteiligung
von Peter Graf Kielmansegg

Auch offene, diskussionsfreudige Gesellschaften neigen dazu, in ihren politischen Diskursen von Zeit zu Zeit Annahmen, die durchaus der Nachfrage bedürfen, als unumstößliche Wahrheiten festzuschreiben. Dass Bürgerbeteiligung und Demokratie ein und dasselbe seien, wird allgemein als eine solche unumstößliche Wahrheit angesehen. Dabei tut man gut daran, sich gelegentlich der alten chinesischen Weisheit zu erinnern: „Wenn niemand mehr fragt, dann ist es Zeit zu fragen.“ Will sagen: Wenn niemand mehr die die Anstrengung des Denkens für nötig hält, ist sie besonders dringlich.

Ob wir die schlichte Gleichsetzung von Bürgerbeteiligung und Demokratie ungefragt durchgehen lassen dürfen, hängt von unserem Verständnis der politischen Ordnung ab, in der wir leben, der repräsentativ verfassten Demokratie. Sieht man sie nur als einen den äußeren Zwängen – der Weite des Raumes, der Millionenzahl der Bürger – geschuldeten Notbehelf an, eine Minderform der wahren Demokratie, als, mit dem amerikanischen Politikwissenschaftler Robert Dahl gesprochen, „a sorry substitute for the real thing“, dann mag man dieses Gleichheitszeichen setzen. Aber es gibt eine andere, in jedem Belang sinnvollere, vor allem auch normativ anspruchsvollere Konzeption von dem, was die repräsentativ verfasste Demokratie ist. Und mit ihr werden alle Antworten komplexer.

Direkte Demokratie im internationalen Vergleich
von Uwe Wagschal
Die direkte Demokratie gilt gemeinhin als Medizin dafür, alle möglichen Krankheiten der Demokratie zu beseitigen oder zu lindern. Der St. Gallener Ökonomieprofessor Gebhard Kirchgässner meint beispielsweise über die Menschen, die mit einem hohen Maß an direkter Demokratie leben: Die Menschen leben gesünder und länger, sie lesen mehr Zeitung, sind politisch interessierter. Kurz: direkte Demokratie ist gleichsam ein Allheilmittel für alles. Als Wissenschaftler sollte man allerdings auch die Risiken und Nebenwirkung eines solchen Mittels im Blick haben. Hier soll der Versuch unternommen werden, die Ambivalenz der Kultur direkter Demokratie und ihrer Verfahren gründlich zu beleuchten.
Direkte Demokratie kann an unterschiedlichen Stellen im politischen System ansetzen. Der Sozialwissenschaftler David Easton beschrieb 1965, dass dieses System zum einen Inputs, also Unterstützung oder auch Ansprüche von der Staatsbevölkerung erhält und diese mithilfe des in ihm herrschenden politischen Wettbewerbs und bestimmter weiterer Prozesse zu sogenannten Outputs umwandelt, also staatlichen Leistungserbringungen.
Dieter Dorn bei Siegfried Mauser

Mit Dieter Dorn als fünftem Gast setzte die Akademie am 24. März 2015 die Reihe „Im Gespräch mit Professor Siegfried Mauser“ fort. Nach dem Dirigenten Kent Nagano, der Sängerin Waltraud Meier, dem Komponisten Wolfgang Rihm und der Geigerin Julia Fischer konnten sich die rund 220 Zuhörer an diesem Abend auf einen der bedeutendsten Theaterregisseure und Intendanten freuen. Dieter Dorn (79) – unter anderem als Intendant der Münchner Kammerspiele und des Residenztheaters eigentlich ein Mann des Sprechtheaters – führte und führt auch bei vielen Opern Regie und gab aus seiner Perspektive interessante Einsichten in die Welt des Musiktheaters.

In unserer Mediathek können Sie das Gespräch zwischen Dieter Dorn und Siegfried Mauser auch nachhören.

Siegfried Mauser: Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist mir eine besondere Freude, heute mit Dieter Dorn, einem alten Freund, ein Gespräch führen zu dürfen. Es hat sich im Vorfeld schon auf verblüffende Weise einiges gefügt. Die letzte große und herausfordernde Musiktheaterproduktion, die Dieter Dorn mit internationalem Erfolg an die Öffentlichkeit brachte, war in Genf Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Die jetzt folgende wichtige Produktion, ab November an der Lindenoper in Berlin zusammen mit Daniel Barenboim, ist eine Oper von Verdi, nämlich „La Traviata“. Wagner und Verdi, die uns heute als die beiden Heroen der Musiktheatergeschichte des 19. Jahrhunderts einrahmen, sind also auch die beiden Komponisten, die die vergangene Produktion und die kommende ausmachen.
Noch ein Wort zu den beiden jetzt folgenden Stücken von Richard Wagner, die, wie ich glaube, selbst Musikkennern nicht immer bekannt sein dürften. Hier fügt sich noch einmal etwas zusammen. Sie sind entstanden in der frühesten Zeit Wagners in Leipzig. In Leipzig hat auch Dieter Dorn die wichtigen Ausbildungsimpulse in Sachen Theater erfahren, an einer Elitehochschule. In Leipzig hat auch Wagner seine ersten Schritte getan in Richtung Komposition, in Richtung Musik. Und bescheiden, wie er nun einmal war, hat er sich natürlich gleich an etwas Gewaltiges herangemacht, nämlich den Goethe‘schen Faust. Das hatte auch einen biographischen Hintergrund, weil nämlich seine Schwester dort am Theater das Gretchen spielte. Und so hat er sich herausgefordert gefühlt, eine Art vielschichtiger Bühnenmusik mit Liedern, Instrumentalstücken und eben auch einem Melodram zu komponieren.
Von diesen Bühnenmusiken des frühen Wagner zum „Faust“, in denen man zumindest schon das musikdramatische Genie irgendwie durchschimmern sieht und hört, wie ich meine, möchten wir die beiden Gretchen-Monologe, die er vertont hat, vorstellen. Ungemein interessant, denn am Ende werden wir dieselben Texte, die Gretchen-Monologe, noch in italienischer Sprache hören. Und, last but not least, ist der „Faust“ natürlich eines der Werke gewesen, die Dieter Dorn als Schauspielregisseur beschäftigt haben. Viele werden sich vielleicht noch an diese gewaltige, ganz außerordentliche Inszenierung unter den vielen höchst gelungenen Inszenierungen erinnern, nämlich 1987 an den Kammerspielen Goethes „Faust“. Es ist also ein vielschichtiger Kreis, der sich hier schließt.

Das dunkle Gen
DOK.fest 2015

Bereits zum siebten Mal war die Katholische Akademie Bayern Aufführungsort im Rahmen des DOK.fest München, das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feierte. Am Donnerstag, den 7. Mai, dem Eröffnungsabend des DOK.fest, zeigte die Akademie den Film „Das dunkle Gen“ der beiden Regisseure Miriam Jakobs und Gerhard Schick. Nach seiner Uraufführung bei den Solothurner Filmtagen 2015 feierte der Film just an diesem Abend Deutschlandpremiere. Neben den beiden Regisseuren waren zudem auch der Hauptdarsteller, Dr. Frank Schauder, und der Dramaturg, Tim Moeck, anwesend, so dass die rund 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der gemeinsamen Filmrezeption die Möglichkeit hatten, mit mehreren am Film Beteiligten ins Gespräch zu kommen.
Der Film „Das dunkle Gen“ beschäftigt sich hauptsächlich mit dem gesellschaftlich aktuellen Thema Depression, mit dem sich der Protagonist Dr. Frank Schauder, der selbst Arzt ist, auseinandersetzt, da er selbst immer wieder an Depressionen erkrankt war. Auf einer sehr persönlichen Ebene begleiten ihn Miriam Jakobs und Gerhard Schick dabei, wie er sich auf die Suche nach einem möglichen „dunklen Gen“ macht, das Depressionen auslöst, und dabei auf Menschen stößt, die sich auf unterschiedlichste Weise dem Thema Genetik nähern: von Musikern, die Genstränge in Melodien umsetzen, und bildenden Künstlern, deren Skulpturen menschlicher DNA ähneln, über Molekularbiologen und -genetiker, die anhand von biochemischen Experimenten das menschliche Erbgut und mögliche Schäden erforschen, bis hin zu Firmen, die anhand einer Speichelprobe Einsichten in die genetische Vergangenheit und Zukunft eines Menschen glauben bestimmen zu können. Daneben begibt sich Frank Schauder mit seinem Sohn Leonhard auch auf spielerische Art auf die Spur der Gene, indem sie gemeinsam DNA-Ketten aus Gummibärchen nachbauen oder mithilfe verschiedener Stoffe die DNA von Erdbeeren sichtbar machen.
Ein weiterer interessanter Baustein des Films sind computeranimierte Sequenzen, die beispielsweise das Verhalten von Zellen beim Ausstoß des sogenannten Glückshormons Serotonin plastisch nachstellen oder die Aufgewühltheit im Inneren eines Körpers versinnbildlichen.
Dass „Das dunkle Gen“ beim Publikum einen Nerv getroffen hatte, ließ sich nicht nur am lang anhaltenden Applaus ablesen, sondern auch an den vielen Fragen an das Podium, besonders aber an Frank Schauder. Persönlich von Depression Betroffene dankten dem Protagonisten für seinen Mut und seine Offenheit im Umgang mit dem Thema Depression, Fachleute, die sich mit (Psycho-)Medizin befassen, stellten Fragen zur Krankheitsbehandlung. Daneben ging der Protagonist u.a. auch darauf ein, wie sehr ihm die Arbeit am Film und vor allem auch tiefe freundschaftliche Beziehungen den Weg aus der Depression erleichtert hätten.
Nach insgesamt einer vollen Stunde intensiver Diskussion wurde der Abend mit einem weiteren langanhaltenden Schlussapplaus beschlossen. Astrid Schilling

Ab dem 11. Juni 2015 wird der Film in München im Kino Monopol, Schleißheimer Straße 127, gezeigt.

Spiritualität und Medizin
In Zusammenarbeit mit dem SZ Gesundheitsforum

In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsforum der „Süddeutschen Zeitung“ nahm sich die Katholische Akademie Bayern am 21. Oktober 2014 des Themas „Spiritualität und Medizin“ an. Haben die beiden Begriffe auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun – Spiritualität kümmert sich um die Seele, Medizin sorgt sich um den Körper –, so wurde im Verlauf des Forums deutlich, dass sehr wohl ein Zusammenhang dieser beiden Begriffe existiert. Denn gerade bei einer schweren, gar tödlichen Krankheit stellen sich für den Menschen existenzielle Fragen. Dann sind spirituelle und medizinische Kompetenz von Nöten.

Spiritualität und Medizin
von Eckhard Frick SJ

Spiritualität ist heute in aller Munde, innerhalb eines Wortfeldes, das sich dynamisch weiterentwickelt. Viele denken dabei an die Religionen mit ihren Traditionen, Gemeinschaftsformen, heiligen Texten und Ritualen, aber auch mit ihrer subjektiven, mystischen Innenseite. Manchen ist Spiritualität auch verdächtig, weil sie „Missionieren“ wittern, mit dem fragwürdigen Klang, den dieses Wort derzeit im Deutschen hat: jemanden auf seine Seite ziehen, die Schwäche des anderen, womöglich kranken, Menschen ausnutzen, um ihn spirituell zu machen. Im spirituellen Wortfeld spielt Heilung eine große Rolle: Ganz werden, sich versöhnen, aber eben auch: mit und in den eigenen Grenzen leben, als Fragment, das ich bin und bleibe.
Spiritualität gewann ab den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine zunehmende Bedeutung in den Gesundheitswissenschaften, als Breitbandbegriff, der Religiosität einschließen kann, aber auch humanistische, philosophische, sogar atheistische Spiritualitäten. Vorher war Spiritualität ein christlicher Binnenbegriff mit einer verwickelten Geschichte, vor allem im französischen und englischen Sprachraum. Die biblischen Ursprünge reichen in die ganzheitliche, nicht-dualistische Anthropologie der Bibel Israels zurück. Paulus meint mit „pneûma“ (Atem, Wind, Geist) den inneren Menschen, der für das göttliche Pneuma, den heiligen Geist, offen ist. Diesen Menschen nennt er „pneumatikós“ (geistlich), was im Lateinischen „spiritualis“ heißen wird. Das Substantiv „spiritualitas“ kehrt in der französischen „nouvelle spiritualité“ wieder. Möglicherweise ist dies ein polemischer Begriff der Gegner dieser von Laien und Weltpriestern getragenen Frömmigkeitsbewegung des 17. Jahrhunderts.

Das Verhältnis von Arzt und Patient
von Andreas Eigler

Im Mittelalter wurden Häuser für Arme und Kranke von Nonnen und Mönchen geführt und es bestand keinerlei Trennung in der Versorgung von körperlichen und spirituellen Nöten. Aufgrund der naturwissenschaftlichen Entwicklung der Medizin und im Rahmen der Aufklärung entwickelte sich das Krankenhaus für Patienten mit Erkrankungen die nach naturwissenschaftlichen Erkenntnissen behandelbar waren. Dadurch kam es zu einer Aufspaltung von somatischer und spiritueller Betreuung.
Das Medizinstudium basiert heute auf den Naturwissenschaften, es werden Fakten und Techniken wie die eingehende körperliche Untersuchung und die Durchführung von Untersuchungen mit apparativen Hilfsmitteln erlernt. Immer mehr gewinnt das praktische Lernen in Form von Kleingruppen an Bedeutung. Die Studenten erlernen untereinander, mit Patienten oder auch Schauspielern Anamneseerhebung und Untersuchungsmethoden.
Erstmals im Jahr 2004 wurde an der Ludwig-Maximilians Universität in München die Pflichtveranstaltung Palliativmedizin eingeführt. Die Ergebnisse der Evaluation dieses Kurses wurden im Deutschen Ärzteblatt 2008 unter dem Titel: „Palliativmedizin im Studium, Spiritualität und psychosoziale Begleitung als wichtiger Lehrinhalt“ publiziert. Das Modul wurde von den Studierenden ganz überwiegend positiv bewertet. Inzwischen haben diese Lehrinhalte auch an weiteren Universitäten Einzug gehalten. Neben der Einführung des Faches Palliativmedizin auch mit Schwerpunkt Spiritualität und psychosozialer Begleitung ist aus meiner Sicht das Lernen am Vorbild ein entscheidender Weg um den Umgang mit und die Fürsorge für die Patienten zu erlernen. Wichtige Punkte sind hier die Entwicklung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient und die Zeit, die sich für ein Gespräch und das Zuhören genommen wird – und hier ist nicht unbedingt die Dauer entscheidend aber die ungestörte Aufmerksamkeit.

Spiritualität in der Pflege
von Constanze Giese

Mit der Anerkennung der Bedeutung von Spiritualität für den Menschen im Prozess von Therapie, Heilung und Krankheitsbewältigung ist inzwischen immer ein interdisziplinäres Herangehen vorausgesetzt, das die Pflege einerseits integriert, andererseits aber auch ihre spezifische Perspektive würdigt. Bei allen Gemeinsamkeiten mit anderen Heil- und Gesundheitsberufen hat die Pflege als „Beziehungs- und Berührungsberuf“ (Charlotte Uzarewicz) einen eigenen Zugang zum Thema, dessen besondere Betrachtung sich lohnt. In drei Schritten sei dabei vorgegangen:
Im ersten Schritt geht es um die Bezüge der Pflege zur Spiritualität des Menschen, um Anknüpfungspunkte, die sich direkt aus dem Arbeitsfeld ergeben und sich heute in allen aktuellen Pflegemodellen wieder finden. Der zweite Schritt fragt historisch und aktuell exemplarisch, warum spirituelle Sorge für den Menschen als selbstverständlicher Aspekt pflegerischer Versorgung anzusehen ist, nicht ohne dabei auch kurz die Besonderheit und Alltäglichkeit (!) der spirituellen Begleitung demenzerkrankter Menschen anzusprechen.
Im dritten und letzten Schritt sei ein kurzer Einblick gegeben, wie Pflegende selbst Spiritualität ihrer Patienten und spirituelle Aspekte ihrer Tätigkeit erleben.

Spirituelle Fragen am Lebensende
von Claudia Bausewein

Die Aufgaben eines Arztes haben sich im Lauf der Jahrhunderte deutlich geändert. Im Mittelalter war Heilung kaum möglich, so dass die Linderung von Gebrechen zu den Hauptaufgaben eines Arztes gehörte und Trösten eine zentrale Rolle einnahm. Durch die Entwicklungen der Medizin herrscht heute überwiegend die Erwartung vor, dass doch immer eine Heilung möglich sein sollte. Lindern wird häufig nicht als ärztliche Aufgabe wahrgenommen, und Trösten hat die Medizin an andere delegiert. Dame Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin, hat 1967 mit der Eröffnung von St. Christopher’s Hospice im Süden von London, in der Medizin die alte Erkenntnis, dass auch Linderung von Leiden eine zentrale ärztliche Aufgabe ist, wieder aufgenommen, indem sie sich besonders der Verbesserung der Situation und Betreuung schwerkranker und sterbender Menschen angenommen hat. Die Hospizbewegung und Palliativmedizin haben, von England ausgehend, zu einer Verbesserung der Versorgung Sterbender weltweit geführt und sind auch in Deutschland mittlerweile fester Bestandteil des Gesundheitswesens. Mit ihrem Konzept des „Total pain“, also des ganzheitlichen Erlebens von Schmerzen, macht Cicely Saunders deutlich, dass Schmerzen und Leiden nicht nur körperlich erlebt werden, sondern immer auch eine psychische, seelische und vor allem spirituelle Dimension haben.
Bei schwerer Krankheit und besonders am Lebensende stellen sich für die Betroffenen häufig eine Reihe spiritueller und existenzieller Fragen, die nicht unbedingt religiöse Fragen sein müssen, aber durchaus sein können. Dazu gehören Fragen wie zum Beispiel: Warum bin ich krank geworden? Warum muss ich jetzt schon sterben? Was ist der Sinn meines Lebens? Wo ist Gott in allem? Warum lässt Gott das zu? Kann ich Ja zu meinem Leben sagen? Dazu gehören auch Fragen nach Schuld, Versöhnung oder den eigenen Lebenszielen. Manche dieser Fragen stellen sich nicht erst am Lebensende, sondern sind oft, ausgesprochen oder nicht, bei vielen Menschen im Lauf des Lebens vorhanden. Auf viele dieser Fragen, besonders wenn sie am Lebensende gestellt werden, gibt es keine (einfachen) Antworten. Trotzdem wollen diese Fragen gestellt werden. Wenn es eine Antwort geben kann, dann kann sie nur der Betroffene selbst finden. Die Begleiter können den Betroffenen aber darin unterstützen, für sich selbst Antworten zu finden. So wird das Sterben oft zu einem Brennpunkt für das Leben.

Spiritualität als Ressource
von Thomas Hagen

Was legt Spiritualität eigentlich nahe? Dies gilt es, sowohl wissenschaftlich zu erforschen und zu definieren als auch aus Sicht der Patienten, der Angehörigen und Mitarbeiter in den Blick zu nehmen. Mit welchen Erfahrungen – positiver wie negativer Art – ist dieser Begriff bei jedem einzelnen gefüllt? Vorhanden ist diese Dimension – laut des in der WHO-Definition von „palliative care“ ausformulierten Menschenbildes – letztlich bei jedem. Es ist eben jener Bereich im Menschen, der einen die zentralen Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem „Wozu“ und „Warum“ stellen lässt. Das Nachdenken über die eigene Endlichkeit und über die persönliche Hoffnung ist sicher im Leben eines jeden unterschiedlich ausgeprägt, denn es wird immer von konkreten Situationen mitgesteuert und kann Veränderungen unterliegen. Wenn an die Stelle eines bloßen Nachdenkens über diese Fragen plötzlich eine ganz konkret erfahrbare und spürbare Realität tritt, dann werden diese Fragen nicht mehr nur theoretisch gestellt, sondern sie suchen ganz praktisch nach einer Antwort, nach einer Möglichkeit, mit dieser neuen Situation leben zu können. Und gerade in solchen Phasen zeigt sich die in allen existenziellen Dimensionen des Menschseins vorhandene Kraft, die zum Leben verhilft.
Friedrich Nietzsche drückte dieses Kraftpotential einmal so aus: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Dieser Ressource Raum zu geben, ihr einen Ort, einen Platz im Alltag der medizinischen Versorgung einzuräumen, sie letztlich einfach nur wahrzunehmen sind große Herausforderungen. Darin liegt der Unterschied zwischen Gesund- und Heilwerden. Gelingen kann dies letztlich nur im Miteinander aller in der Wahrnehmung und Betreuung patientengeschulter Professionen. Neben den Ärzten sind hier sicherlich besonders die Pflegenden hervorzuheben. Eine wichtige Profession in der Wahrnehmung des Kranken ist aber diejenige, die letztlich die Ressource „Spiritualität“ im Alltag immer wieder sichtbar und hörbar in Erinnerung ruft und die bei den Patienten genau diesen Raum eröffnet: die Krankenhausseelsorge.

Frankreich nach den Attentaten
Akademiegespräch mit Offizieren der Bundeswehr

Zum traditionellen Akademiegespräch mit Offizieren aus Bundeswehrstandorten in Süddeutschland hatte die Katholische Akademie Bayern und die katholische Militärseelsorge am 10. März 2015 eingeladen. Vor rund 300 Offizieren und Offiziersanwärtern sprach Prof. Dr. Henri Ménudier, Professor für Politikwissenschaft an der Université Paris III – Sorbonne Nouvelle, über die Attentate in Paris zu Beginn des Jahres. Im Zentrum stand die Frage, welche Nachwirkungen die Anschläge auf die französische Politik und Gesellschaft hatten. Im Folgenden dokumentieren wir den Vortrag.

Wie verletzt ist das Land?
von Henri Ménudier

Im Rahmen der asymmetrischen Konflikte missachten die Terroristen die Regeln der konventionellen Kriege. Sie bringen rücksichtslos Kinder, Frauen, Männer, Polizisten, Militärs, Christen und Juden um. Muslime bilden den größten Anteil ihrer Opfer. Muslime töten Muslime im Namen des Propheten und des Korans. Sie foltern, erhängen und erschießen unschuldige Menschen, sie enthaupten sogar Geiseln vor laufenden Kameras, um im Internet noch mehr Aufmerksamkeit zu finden. Mädchen und Frauen werden vergewaltigt, verschleppt, zwangsverheiratet oder als Sklavinnen verkauft. Die Terroristen üben eine brutale Gewalt  aus, um die Menschen durch Schreck gefügig zu machen; damit wollen sie ihre Macht erweitern und Regierungen zu Zugeständnissen bringen. Ein ungleicher Kampf zwischen Staaten und Gruppen, viel gefährlicher als seiner Zeit die Rote Armee Fraktion, die die Bundesrepublik Deutschland verunsicherte. Heute mobilisieren die unterschiedlichsten Milizen Tausende von Kämpfern aus vielen Ländern, sie verfügen über Geld, Waffen und beachtliche Mitteln; sie besetzen sogar Teile von Staaten und sind dabei, alte nationale Grenzen, die auf die Kolonialzeit zurückgehen, in Frage zu stellen. Abgesehen von den regionalen und nationalen Prägungen hat sich der islamische Terrorismus seit Anfang des 21. Jahrhunderts globalisiert. Deswegen ist er sehr gefährlich.

MENSCH SEIN
Vernissage mit Werken von Josef Lang

Rund 100 Kunstinteressierte sind am Abend des 22. April 2015 zur Vernissage der Ausstellung „MENSCH SEIN“ mit Skulpturen aus Holz von Josef Lang in die Katholische Akademie Bayern gekommen. In seiner Einführung lobte der Augsburger Kunsthistoriker Prof. Dr. Thomas Raff den Bildhauer Lang als einen der herausragenden Vertreter seiner Zunft. Es gehe ihm, so Professor Raff, immer um die Suche nach dem Allgemeingültigen im Konkreten, also durchaus um „Abstraktion“, aber eben nicht um „Gegenstandslosigkeit“, zwei Begriffe, die manchmal verwechselt würden. Seine menschlichen Figuren, scheinbar grob mit der Kettensäge aus dem Eichenstamm geschnitten, würden nicht einfach abbilden, sondern sie würden vorstellen.
Die Ausstellungen im Kardinal Wendel Haus und im Park der Akademie sind bis zum 17. Juli 2015, montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Wir bitten um eine kurze Anmeldung unter 38102-0.

Zur Einführung in die Ausstellung Josef Lang
von Thomas Raff

Der Bildhauer Josef Lang nennt die heute zu eröffnende Ausstellung „MENSCH SEIN“.
Ob er dabei an Goethes „Osterspaziergang“ dachte? Sie kennen die Szene: Der grüblerische Stubenhocker Heinrich F. geht hinaus und freut sich nicht nur über die wiedererwachte Natur, sondern auch über das Gewimmel der Dorfbewohner, die wieder spazieren gehen können, nachdem Strom und Bäche „vom Eise befreit“ sind. Und als Ausdruck seines Wohlbefindens resümiert er: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ – „MENSCH SEIN“.
Beim Nachdenken über das Werk des Bildhauers Josef Lang, dessen Entwicklung ich schon seit vielen Jahren beobachte, wanderten meine Gedanke erstaunlicherweise zum Kunstverständnis des antiken Philosophen Platon. Dessen negatives Urteil über die bildende Kunst lässt sich nur verstehen, wenn man wenigstens oberflächlich seine „Ideenlehre“ kennt. Nach dieser „Lehre“ handelt es sich bei der uns umgebenden, sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit nur um unvollkommene, fragwürdige Abbilder der dahinterstehenden reinen Ideen. Erst in diesen besäßen die Dinge der sichtbaren Welt ihre eigentliche, perfekte und ideale Form, verborgen dem normalen Betrachter, zugänglich nur dem nach Wahrheit suchenden Philosophen. Er illustriert das mit dem berühmten Höhlengleichnis.
Demnach seien wir alle wie Menschen, die in einer Höhle festgebunden mit dem Rücken zum Eingang sitzen. Sie können sich nicht umdrehen und starren nur auf die hintere Wand der Höhle. Dort sehen sie die Schatten dessen, was sich vor der Höhle im hellen Sonnenlicht abspielt. Und weil sie sich nicht umdrehen können, halten sie – je länger, desto überzeugter – die Schatten auf der Wand für das eigentliche Leben. So ähnlich ergehe es auch uns bei der Betrachtung der Welt: Diese sei nur ein Abklatsch, ein blasser Schatten der eigentlichen Wahrheit, eben dem Reich der Ideen.

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