Heft 02/2015

EINEWELT - Unsere Verantwortung.
Zur Partizipation im internationalen Kontext

Die Katholische Akademie Bayern lud zum Auftakt Ihrer Reihe „Partizipation“ am Montag, 1. Dezember 2014, ein zu einem Vortrag von Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Thema des Referats: „EINEWELT – unsere Verantwortung. Zur Partizipation im internationalen Kontext.“ Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung an der LMU München. Professor Werner Weidenfeld wird die gesamte Reihe mit mehreren Abenden, die im laufenden Jahr fortgesetzt wird, moderieren.

Zur Partizipation im internationalen Kontext
von Gerd Müller

Ich erinnere mich heute an einen denkwürdigen Vortrag von Franz Josef Strauß. Mitte der 80er Jahre hat er hier in der Katholischen Akademie gesprochen. Das war sehr eindrucksvoll. Dass ich heute eingeladen wurde, ist für mich daher auch eine Herausforderung, weil ich weiß, dass viele interessante Gäste aus der Wissenschaft und auch aus unseren Partnerorganisationen des Ministeriums hier sind. Vielen herzlichen Dank.
Partizipation. Das ist Ihr Thema – und auch mein Thema. Wir alle tragen Verant-wortung für diese eine Welt.
Wenn wir uns ins All beamen, erkennen wir: Die Erde – unser Planet – ist nur ein Staubkorn im Universum. Wir müssen uns unserer Größe oder unserer Kleinheit bewusst sein. Jahrmillionen bevor wir Menschen kamen, gab es diesen Planeten schon, das Universum, die Schöpfung. Es gab Eiszeiten, es gab Dürreperioden, es gab Kontinentalverschiebungen, die Dinosaurier und Panzerechsen regierten den Globus. Wäre unser Planet nur einen Tag alt, dann gäbe es uns Menschen erst seit wenigen Minuten.

Von der Sexualmoral zur Beziehungsethik
Vortrag vor dem Münchner Hochschulkreis der Katholischen Akademie

Vor dem Hintergrund der beiden von Papst Franziskus einberufenen Bischofssynoden zu Fragen der Familie, zwischen denen wir zur Zeit stehen, befasste sich der Münchner Hochschulkreis der Katholischen Akademie am 2. Februar 2015 mit der Analyse dieser für die Glaubwürdigkeit der Kirche und das Leben der Gläubigen zentralen Fragen der kirchlichen Sexualmoral. Der Münchner Moraltheologe Prof. Dr. Konrad Hilpert sah es bei seinem Vortrag mit dem Titel „Von der Sexualmoral zur Beziehungsethik“ als seine Aufgabe, die Suchbewegungen und Diskurse nachzuzeichnen, die sich derzeit beobachten lassen, und auch zu erklären, was hinter den Debatten steckt und warum sie gerade so verlaufen, wie sie es tun. Lesen Sie im Anschluss das Referat von Konrad Hilpert.

Von der Sexualmoral zur Beziehungsethik
von Konrad Hilpert

Innerhalb der katholischen Kirche gibt es seit einigen Jahren eine intensive Debatte über die Sexualmoral. In Gang gekommen ist sie durch das öffentliche Bekanntwerden der Missbrauchsfälle durch Priester und Ordensleute seit dem Jahr 2010. Sexueller Missbrauch blieb aber nicht ihr einziges Thema. Vielmehr wurden von der Heftigkeit der Debatte sehr schnell auch andere Themen der Sexualmoral erfasst. Darunter sind manche, die schon seit Jahrzehnten als problematisch empfunden werden, aber unter einem Geflecht von lehramtlichen Wiederholungen und Maßregelungen kaum mehr offen erörtert werden konnten, unter anderem die Frage der sogenannten künstlichen Empfängnisverhütung. Andere Probleme wiederum – wie etwa das Thema wiederverheiratete Geschiedene – waren zwar seit Jahrzehnten diskutiert worden, aber ohne dass man in der praktischen Handhabung wirkliche Schritte voran gekommen wäre. Nun gerät das alles gleichzeitig auf die Agenda; und es wird auch deutlich, dass es um mehr geht als um Einzelthemen wie Homosexualität, voreheliches Zusammenleben, nichteheliche Lebensformen oder den Zölibat. Gefragt wird nach einer neuen Sexualmoral.
Papst Franziskus hat seit Beginn seines Pontifikats die Kirche dazu aufgerufen, neue Antworten zu suchen und neue Wege zu beschreiten im Umgang mit den alten Problemen. Nicht um des Anscheins der Modernität der Kirche willen, sondern wegen der Menschen, für die es bei Sexualität und Zusammenleben, ja, um ein zentrales Feld ihres täglichen Erlebens und der Gestaltung des Lebens geht, wo sie ihr Glück suchen, aber häufig auch Enttäuschungen erfahren; darüber hinaus um der Glaubwürdigkeit der Kirche selbst willen, die gerade bei Themen wie Liebe, Sexualität, Ehe und Familie hinsichtlich der Transparenz für die frohe Botschaft erstarke oder abnehme.

Buddhismus und Christentum
Grundpositionen im Diskurs

Was der Himmel für die Christen bedeutet, ist das Nirvana bei den Buddhisten. Und während Buddhisten an die Wiedergeburt glauben, kennen Christen die Vorstellung vom Fegefeuer. Aber lassen sich diese Grundpositionen der beiden großen Weltreligionen so einfach gegenüberstellen, oder tut man der jeweils anderen Seite damit Unrecht? Die Katholische Akademie Bayern wollte es genauer wissen: Bei vier Veranstaltungen der Reihe „Christentum und Buddhismus im Gespräch“ stellten jeweils ein Vertreter der Religionen einen der Kernbegriffe des Christentums bzw. des Buddhismus vor, die sich aus jeweils ähnlichen menschlichen Grunderfahrungen zu speisen scheinen. Am 30. Dezember 2014 referierte der Wiener Professor Jan-Heiner Tück zum Thema Fegefeuer, Sylvia Wetzel aus Berlin trug mit ihrem Vortrag über Wiedergeburt die buddhistische Vorstellung von dem, was dem Menschen nach dem Tod erwarten, vor.

Wiedergeburt: Fluch, Segen oder frommer Glaube?
von Sylvia Wetzel

Seit Ende der 1970er Jahre befasse ich mich – meist fulltime – mit Buddhismus, und ich habe seither sehr viele buddhistische Vorträge gehört, sehr viele buddhistische Bücher gelesen und mich mit sehr vielen meditationserfahrenen und belesenen Buddhisten und Buddhistinnen über dieses Thema unterhalten. Und doch bin ich bislang nur einer einzigen einleuchtenden Aussage zum Thema Wiedergeburt begegnet. Sie stammt von Buddha selbst, und zwar aus seiner Rede an die Kalamer. In dieser Lehrrede macht der Buddha deutlich, dass man seinem Weg zum Erwachen folgen kann, ohne an Wiedergeburt zu glauben.
Diese Rede ist für mich immer wieder der Rettungsanker, wenn ich von Buddhisten oder buddhistischen Texten aufgefordert werde, buddhistische Thesen zu „glauben“, die ich nicht nachvollziehen kann, einfach weil sie irgendeine Autorität, und sei es ein „heiliger“ Text aus der buddhistischen Tradition verkündet hat.

Werden wir wiederkommen?
von Jan-Heiner Tück

Die Faszination an der Wiedergeburtslehre scheint ungebrochen. Nicht nur Anhänger von Spiritismus und Esoterik, auch Intellektuelle, die Lessing gelesen haben oder anthroposophisch sozialisiert sind, fühlen sich angesprochen. Die eschatologischen Leerstellen, die der weithin ausgeglühte Glaube hinterlässt, werden durch neue Vorstellungen gefüllt. Jedenfalls zeigen religionssoziologische Studien, dass die Reinkarnationsvorstellung zunehmend auch in den Kirchen Einzug hält. Ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, denn die Wiedergeburtslehre ist mit dem christlichen Bekenntnis zur Auferstehung der Toten, wie ich meine, nicht vereinbar, auch wenn es durchaus inhaltliche Überschneidungspotentiale gibt.
Die Wiedergeburtslehre ist aus dreierlei Gründen attraktiv.

Kardinal Wetter Preis 2014

Am 19. November 2014 wurde der nach Friedrich Kardinal Wetter benannte und mit 1.500 Euro dotierte Preis der Katholischen Akademie Bayern für eine theologische Dissertation oder Habilitation zum siebten Mal verliehen; in diesem Jahr nach alphabetischer Rota der sieben bayerischen Universitäten Augsburg, Bamberg, Eichstätt-Ingolstadt, München, Passau, Regensburg, schließlich an der Universität Würzburg. Preisträger 2014 ist der Kirchenrechtler Dr. habil. Thomas Meckel, der für seine Dissertation „Religionsunterricht im Recht. Perspektiven des katholischen Kirchenrechts und des deutschen Staatskirchenrechts“ im Beisein von Kardinal Friedrich Wetter ausgezeichnet wurde.

Religionsunterricht für alle?
von Thomas Meckel

Religionsunterricht im Recht. Perspektiven des katholischen Kirchenrechts und des deutschen Staatskirchenrechts (Paderborn – München – Wien – Zürich 2011 =KStKR 14); so lautet der Titel meiner Dissertation. Meine Arbeit atmet mit den beiden Lungenflügeln des Kirchenrechts und des Staatskirchenrechts bzw. des Religionsrechts. Das Schlimmste wäre aus meiner Sicht Ihnen nun die Gliederung meiner Arbeit vorzustellen. Es würde eventuell Ihnen und mir der Atem ausgehen.
Meine Arbeit trägt ganz bewusst das Wort „Perspektiven“ im Titel. Erwartet man doch vom Recht und insbesondere vom Kirchenrecht eher die Verhinderung von Perspektiven, ist es mein Anliegen, Ihnen zu zeigen, dass das Recht grundsätzlich einen Freiheitsrahmen aufspannen möchte, in dem sich Perspektiven und Gestaltungsspielräume finden lassen. Zugleich aber begrenzt Recht auch Möglichkeiten, spannt demnach einen Begrenzungsrahmen auf, der aber variantenreich gefüllt werden kann und soll.

Julia Fischer im Gespräch mit Siegfried Mauser

Gast bei unserem vierten Abend in der Reihe „Musiker im Gespräch mit Professor Siegfried Mauser“ war die Weltklasse Geigerin Julia Fischer. Am Abend des 8. Dezember 2014 unterhielten sich die beiden Künstler rund anderthalb Stunden. Zu Beginn und am Ende des Gesprächs spielte Julia Fischer, begleitet von Siegfried Mauser, je einen Satz aus Mozarts e-moll-Sonate.

Julia Fischer im Gespräch mit Siegfried Mauser
von

Siegfried Mauser: Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist eine besondere Freude und Ehre für mich und für uns, dass in unserer Gesprächsreihe mit bedeu-tenden Musiker-Persönlichkeiten heute Julia Fischer zu Gast ist. Liebe Julia, wir haben uns Mozarts e-moll-Sonate ausgewählt, relativ spontan. Du hast schon vor zehn Jahren, wie Du mir vorhin gesagt hast, Mozarts Violinkonzerte eingespielt, alle fünf, und jetzt spielst Du sie wieder, am nächsten Wochenende. Wie ist das eigentlich, wenn so ein langer Zeitraum bei so großer, bedeutender Literatur ver-streicht, wenn Du wieder an die Stücke herangehst, jetzt am Beispiel Mozart. Erin-nerst Du dich an vieles, was du gemacht hast? Willst Du Neues entdecken, Altes bewahren? Wie stellt sich das dar?

Julia Fischer: Es ist ja nicht so, dass ich die Konzerte die zehn Jahre nicht gespielt habe. Ich habe sie vor zehn Jahren aufgenommen, aber vor allem die großen Kon-zerte 3, 4, 5, G-Dur, D-Dur, A-Dur, sind ja im gängigen Repertoire, das spielt man natürlich ständig. Deswegen kann ich das gerade bei diesen Werken gar nicht so sagen, abgesehen vom zweiten Violinkonzert, das sogenannte kleine D-Dur: Das habe ich nur ein einziges Mal gespielt in den vergangenen zehn Jahren, weil ich den Zyklus aller fünf Violinkonzerte schon einmal gemacht habe, 2010, in Amsterdam und in Frankfurt. Insofern ist es nicht so, dass es eine plötzliche Wendung gegeben hat. Aber man wächst natürlich mit dem Werk, man erfährt Neues, man spielt es mit verschiedenen Dirigenten. Der eine Dirigent sagt dann mal einen Satz, über den man dann doch länger nachdenkt, oder der einen mehr beeinflusst, oder man hört Mozart vielleicht in anderem Zusammenhang.
Was mich bei Mozart immer besonders beeindruckt, ist, dass die Oper in seinem Leben eigentlich die bedeutendste Rolle spielt, wahrscheinlich sowohl musikwis-senschaftlich als auch emotional. Das ist es, was am meisten berührt. Es ist schon so, dass, wenn man wieder einmal „Don Giovanni“ gesehen hat, und dann zurück-kommt zu den Violinkonzerten, man immer unbewusst beeinflusst wird.

Warum bewegt uns Musik?
Ein Gesprächskonzert

Auf eine Reise durch 40 000 Jahre Musikgeschichte nahm Eckart Altenmüller am Abend des 5. März 2015 die mehr als 250 Teilnehmer mit, die zu einem Gesprächskonzert in die Katholische Akademie gekommen waren. Sechs Stücke, angefangenen mit „Klängen aus der Steinzeit“ bis zum „Requiem für Flöte allein“, 1956 von Kazuo Fukushima komponiert, interpretierte der studierte Konzertflötist in rund 90 Minuten auf verschiedenen Instrumenten. Und das Besondere am Abend: Eckart Altenmüller erklärte anschaulich, ausgehend von den brillant vorgetragenen Stücken, was im Gehirn der Zuhörer vorgeht, wenn sie diese Musik hören. Denn Prof. Dr. Eckhart Altenmüller ist auch Professor für Neurologie, gilt als international anerkannter Fachmann für Musikphysiologie und Musiker-Medizin. Er versteht es, Klangkunst und Heilkunst auf unterhaltsame und lehrreiche Weise zusammen zu führen.
„Musik hören, sich zur Musik zu synchronisieren und Musik zu machen, gehören mit zu den kompliziertesten menschlichen Leistungen“, schreibt Eckart Altenmüller in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Vielleicht“, so fährt er fort, „sind es sogar die einzigen Aktivitäten, bei denen das gesamte Gehirn beteiligt werden kann – kann, weil Vernetzungen und anatomische Anpassungen bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Unser musikalisches Gehirn wird durch unseren Umgang mit Musik geprägt, und der ist immer ein sehr persönlicher. Das musikalische Gehirn ist ein Abbild der musikalischen Biographie.“
In der anschließenden Diskussion in der Akademie führte Altenmüller auch aus, wie das frühe Erlernen eines Instruments die Entwicklung eines Kindes beeinflusst. Auch zu den Möglichkeiten, mit Musik Schlaganfall- oder Demenzpatienten zu helfen, äußerte er sich.

Armut
Philosophische Tage

Armut – in der Regel definiert als mangelnde Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Kleidung, Wohnraum und Gesundheit – lässt sich nicht auf das Fehlen materieller Güter reduzieren. Armutsbekämpfung hat daher nicht nur mit finanzieller Zuwendung zu tun. Vom 9. bis zum 11. Oktober 2015 suchten Fachleute bei den Philosophischen Tagen an der Katholischen Akademie Bayern nach Argumenten für bestimmte Definitionen von Armut und nach einem Ansatzpunkt für eine theoretisch fundierte Bekämpfung der Armut. Festgestellt wurde, dass bislang Armut als Thema der Philosophie erstaunlicherweise eher eine Nebenrolle spielte, sieht man einmal von Diogenes in der Tonne, von Montaigne oder dem frühen Karl Marx ab.

Ethik und Elend der Armut
von Uwe Becker

Das Thema dieses Vortrags ist erklärungsbedürftig. Zum „Elend der Armut“ mag man Assoziationen haben oder auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, man denke symbolisch an die „Zinkwanne“ der 1960er Jahre. Aber was ist mit „Ethik der Armut“ gemeint? Es geht darum, dass nicht nur die reale Armut, sondern auch die Bewertung der Armut und ihrer Ursachen handlungsleitend den Umgang mit Armut konstruiert und auch normiert. Grundmechanismen der zwischenmenschlichen Interaktion, also des Ethos zum Beispiel in der sozialen Arbeit gegenüber Menschen in Armut, unterliegen dabei gesellschaftlichen Normierungen, die die Art der Interaktion maßgeblich bestimmen.
Anders gesagt: Ob der Umgang mit Menschen in Armut sich eher im Sinne der Fürsorge, der Disziplinierung, der sozialstaatlichen Absicherung oder der Aktivierung darstellt, diffundiert nicht in Form der individuellen Beliebigkeit, sondern passt sich in der Regel in eine handlungsleitende Theorie und entsprechende Semantik ein. Diese Theorie ist die Ethik, deren Konstruktion dynamisch ist. Sie ist historischen Umbrüchen unterworfen und weder einförmig, noch unumstritten.

Was Armut in reicher Gesellschaft bedeutet
von Helmut P. Gaisbauer

Am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg widmen wir uns in einem kleinen Team rund um Professor Clemens Sedmak der Erforschung von Aspekten von Armut und sozialer Ausgrenzung in wohlhabenden Gesellschaften. Die leidvollen Erfahrungen von Armut und Not, die betroffene Menschen „bei uns“ machen müssen, stehen – anders als in Armutsgesellschaften – in einem engen Zusammenhang damit, wie bei uns über Armut gedacht, gesprochen wird. Dieses „Sprechen“ über Armut, das Prägen von Vorstellungen über Armut findet in der Kakophonie der modernen Kommunikations- und Wissensgesellschaft in vielen Kanälen statt, in verschiedensten Foren und an unterschiedlichen Orten durch mannigfaltige Sprecher und Meinungsbildner. Nur eine „Gruppe“ hat darauf nur in den allerwenigsten Fällen Einfluss: die Betroffenen selbst.
Das ist ein verschiedener Hinsicht ein Problem. Es stellt ein Problem dar, weil gerade diejenigen, die am besten über ihre Lage Auskunft geben könnten, gerade nicht gefragt werden. Es stellt ein Problem dar, weil damit der unkritischen und meist auch diffamierenden Berichterstattung nur wenig authentisches Erfahrungswissen gegenübergestellt werden kann. Auch wenn engagierter Journalismus einiges gutzumachen im Stande ist. Es stellt ein Problem dar, weil diejenigen, die betroffen sind, damit in jenem Dunkel bleiben, das Bert Brecht seinerzeit im Leitsatz der Dreigroschenoper beschworen und bekämpft hat. Dass die Betroffenen keinen adäquaten Zugang zum Armutsdiskurs haben, ist aber nicht nur ein epistemisches Problem der Wissensgesellschaft, es ist auch ein Skandal. Das Skandalon besteht darin, dass von Armut und sozialer Ausgrenzung Betroffene unter dieser Fremddefinition ihrer Notlage leiden, dass die mit den entsprechenden Stereotypen – etwa des faulen Missbrauchens der „sozialen Hängematte“, des leistungsunwilligen Hartz-IV-Empfängers, der kulturlosen Unterschicht-Existenz – verbundenen Klischees in der Welt der schnellen und plakativen Zuschreibungen umgehend zu Stigmatisierungen werden, denen Betroffene nur schwer ausweichen können.

Selbstachtung und Befähigung
von Thomas Steinforth

Eine philosophische Tagung zur Armut kann in zweierlei Weise fruchtbar sein – nämlich für die Praxis der Armutsarbeit wie für die Philosophie selbst: Die philosophische Reflexion kann (gerade durch ihre reflexive Distanz zur realen Praxis der Armutsarbeit) einen neuen Blick auf eben diese Praxis werfen und dadurch (vielleicht) hilfreich sein für diese Praxis. Philosophie kann ja generell gerade dann besonders praxisrelevant sein, wenn sie sich traut, Theorie zu sein.
Umgekehrt kann die Philosophie selbst durch die Beschäftigung mit dem Thema Armut für ihr eigenes Geschäft profitieren. Die philosophische Beschäftigung mit der Armut wirft zum Beispiel unweigerlich die alte und stets neue philosophische Frage nach dem „guten Leben“ auf, insofern man Armut als gravierenden Mangel an den Voraussetzungen eines guten Lebens verstehen kann. Und wenn wir heute in der politischen Philosophie in der Regel eine große und durchaus berechtigte Skepsis gegenüber sogenannten „dicken“, also inhaltlich gefüllten, allgemein zu teilenden Konzepten des guten Lebens hegen, dann muss sich diese phi-losophische Skepsis durch die Beschäftigung mit der Armut fragen lassen, wie man denn ganz ohne eine „dicke“ Theorie des Guten Armut verstehen kann. Und solche produktiven Infrage-stellungen philosophischer Positionen durch menschliche und soziale Praxisrealitäten (wie zum Beispiel Armut) sind das Futter, ohne das philosophische Reflexion sehr schnell abmagert.

Bausteine gelungener Armutsbekämpfung
von Clemens Sedmak

Es gibt in der Armutsforschung ein klassisches Buch von Carolina Maria de Jesus, die von 1913 bis 1977 in einer Favela in der Nähe von Sao Paolo in Brasilien gelebt hat, als alleinerziehende Mutter von drei Kindern. In einem Tagebuch hat sie über ihre Erfahrun-gen als Armutsbetroffene berichtet, zunächst für sich selbst privat. Dann ist sie durch einen glücklichen Zufall von einem Journalisten entdeckt worden, und das Tagebuch wurde 1960 publiziert. Das hat sie auf einen Schlag bekannt gemacht. Sie hat Geld ver-dient und ist dann stolz aus der Favela in ein Mittelklasse-Wohngebiet gezogen, konnte dort aber nicht Fuß fassen. Sie konnte sich nicht an die kulturellen Gepflogenheiten ge-wöhnen, wurde sozial diskriminiert, hat mit weiteren Büchern keinen Erfolg gehabt und schließlich alles Geld verloren, durchaus auch deswegen, weil zu viele Menschen hinter ihrem Geld her waren. Sie ist dann wieder zur Müllsammlerin geworden, wie sie in den 1950er Jahren begonnen hatte, und verarmt im Jahr 1977 gestorben.
Dieses Beispiel von Carolina Maria de Jesus zeigt: Es ist nicht so einfach. Selbst wenn du jemanden mit einer monetären Infrastruktur ausstattest, selbst wenn du jemandem über einen Bucherfolg soziale Anerkennung gibst, ist das Gelingen des Herauskommens aus einer Armutssituation nicht garantiert. Deswegen ist das Nachdenken über Bausteine ge-lingender Armutsbekämpfung zentral und ein wenig anspruchsvoll.

Philosophischer Meisterkurs
Ist der Gott der Philosophen ein Erlösergott?

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Philosophie SJ in München veranstaltete die Katholische Akademie Bayern auch heuer wieder einen Philosophischen Meisterkurs. Prof. Dr. Holm Tetens, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin, leitete den Meisterkurs mit 24 jungen Wissenschaftlern vom 24. bis zum 26. Februar 2015. Im Rahmen des Kurses hielt Professor Tetens am Abend des 25. Februars auch einen öffentlichen Abendvortrag mit dem Titel „Ist der Gott der Philosophen ein Erlösergott?“ Für den Druck in unserer Zeitschrift „zur debatte“ hat er den Vortrag noch einmal überarbeitet. 

Über eine postnaturalistische Rückkehr der Philosophie zur Gottesfrage
von Holm Tetens

„… zugestanden, dass das reine moralische Gesetz jedermann […] unnachlaßlich verbinde, darf der Rechtschaffene wohl sagen: ich will, dass ein Gott […] sei, ich beharre darauf und lasse mir diesen Glauben nicht nehmen.“ Nur etwas anders gesagt: Eine Person, insofern sie sich zu Recht als vernünftige moralische Person versteht, darf sagen: „Ich will und beharre darauf, dass Gott existiert, und ich lasse mir diesen Glauben nicht nehmen“. Das klingt in vielen Ohren nach krassem Wunschdenken. Umso erstaunlicher ist die Quelle dieses Zitats: Immerhin ist es Kant, der das in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ (Kant, Kritik der praktischen Vernunft, A 258) so prägnant formuliert. Und was Kant dem „Rechtschaffenen“ in den Mund legt, ist Kants ureigene philosophische Überzeugung.
Zur Stimme Kants meldet sich eine verblüffend, aber konsequent spiegelverkehrt for-mulierte Gegenstimme. Auch hinter ihr steht eine philosophische gewichtige Autorität, näm-lich kein Geringerer als der amerikanische Philosoph Thomas Nagel. „Der Gedanke, dass die Beziehung zwischen Geist und Welt etwas Grundlegendes sei, macht viele Menschen unseres Zeitalters nervös. Nach meiner Überzeugung ist das die Äußerung einer Religionsangst […]. Dabei rede ich aus Erfahrung, denn ich selbst bin dieser Angst in hohem Maße ausgesetzt: Ich will, dass der Atheismus wahr ist, und es bereitet mir Unbehagen, dass einige der intelligen-testen und am besten unterrichteten Menschen, die ich kenne, im religiösen Sinne gläubig sind. Es ist nicht nur so, dass ich nicht an Gott glaube und natürlich hoffe, mit meiner Ansicht recht zu behalten, sondern eigentlich geht es um meine Hoffnung, es möge keinen Gott geben! Ich will, dass es keinen Gott gibt; ich will nicht, dass das Universum so beschaffen ist.“ (Thomas Nagel, Das letzte Wort. Stuttgart 1999, S. 190f). Dürfen wir Nagels autobiographischem Bekenntnis Glauben schenken, haben wir eine interessante und heutzutage sicher unpopuläre Lektion zu lernen: Wie viele sehen heute im Gottesgedanken und Gottesglauben nichts anderes als Wunschdenken am Werk. Doch mit und nach Nagel sollte niemand das Wunschdenken im Atheismus übersehen, das sich aus der Angst speist, der Theismus könnte wahr sein.

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