Sonderheft zu 01/2014 Päpste der Renaissance

Julius II. und Leo X.
Renaissancefürsten als Nachfolger Petri

Am 21. Februar 1513, stirbt mit Julius II. der Papst, ohne den Michelangelo nie die Decke der Sixtinischen Kapelle ausgemalt hätte. Als selbstgefälligen, machtbesessenen Fürsten einer verweltlichten Kurie, der auch vor Ränken und Gewalt nicht zurückscheut, um seine politischen Herrschaftsziele zu erreichen, kritisiert ihn Erasmus von Rotterdam. Deutlich positiver fällt dessen Urteil hingegen über den Medici-Papst Leo X. aus, Julius’ direkten Nachfolger. Die Amtszeiten beider Päpste sind einerseits geprägt von einem außergewöhnlichen Bewusstsein für Kultur, andererseits aber auch durch ein komplexes politisches Machtgefüge in Italien und Europa, Missstände der Kirche und die beginnende Reformation. Die Historische Woche 2013 nahm unter dem Titel „Julius II. und Leo X. – Renaissancefürsten als Nachfolger Petri“ Strukturmerkmale und Entwicklungen dieser Zeit in den Blick, die sich in jenem Jahr des Papstwechsels vor genau 500 Jahren verdichten. In diesem Sonderheft zu Ausgabe 1/2014 unserer Zeitschrift „zur debatte“ dokumentieren wir in überarbeiteter Form die Beiträge der Tagung vom 13. bis 16. Februar 2013, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom veranstaltet wurde.

Einige der Referate können Sie auch in der Mediathek der Katholischen Akademie Bayern nachhören.

Renaissance als Reformprojekt?
von Jörg Bölling

Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris – Gedenke Mensch, dass Du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.

Diese wohlbekannten Worte prägten bereits vor genau 500 Jahren die Liturgie des heutigen Aschermittwochs. Papst Julius II. konnte allerdings nicht persönlich daran teilhaben. Wie sein Zeremonienmeister, Paris de Grassis, in seinem bis heute nur handschriftlich vorliegenden, noch nicht veröffentlichten Tagebuch vermerkt, war der Papst schwer erkrankt und hütete das Bett. Im Unterschied zu seinem Vorgänger Coelestin V. und seinem Nachfolger Benedikt XVI. hatte Julius II. sich nicht zu einem vorzeitigen Amtsverzicht genötigt gesehen. Paris de Grassis besuchte ihn nach der Messe in seinem Gemach, einem Raum von nur sehr bescheidenen Ausmaßen. Im Gottesdienst wäre es bei der Austeilung des Aschekreuzes dem Zeremoniar zufolge beinahe zu einem Eklat gekommen: Der Sacrista sacri palatii, seiner Funktion nach Vorgänger des heutigen Präfekten des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, hatte die Kardinäle vorab wissen lassen, sie sollten in gottesdienstlichen Gewändern erscheinen, obwohl dies nur vorgesehen war, wenn der Papst selbst teilnahm. (...)

Alte Welten – Neue Welten
von Klaus Herbers

Im Frühjahr 1514 traf in Rom eine Gesandtschaft aus Portugal ein, die Papst Leo X. auf seine Weltherrschaft aufmerksam machte. Kolumbus war 1506 gestorben, in Portugal förderte König Emanuel weiterhin Fahrten zu neuen Welten. Vasco da Gama hatte Indien erstmals 1498 erreicht, Cabral Brasilien 1500, weitere Vorstöße in den Osten bis nach Goa und Malakka waren gefolgt. Zeichen und Wunder der Neuen Welten wurden im Mai 1514 augenfällig, als Tristan d’Acunha, Entdecker und Gesandter des portugiesischen Königs Rom besuchte, denn die gesamte Gesandtschaft zog prachtvoll in die Stadt ein. Aus Indien brachten sie wertvolle Geschenke für den Papst, Perser ritten auf Pferden, exotische Tiere wurden mitgeführt, darunter ein Elefant. (...)

Das Papsttum und die osmanische Expansion in Südosteuropa in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
von Markus Koller

Der Blick auf die politischen Entwicklungen des 15. Jahrhunderts lässt ein Panorama erkennen, in dem die Geschichte des westlichen Europa zunehmend in globale Kontexte eingebunden worden ist. Zu diesen gehören die großen Veränderungen auf der politischen und religiösen Landkarte des Mittelmeerraumes, wo im Zuge der sogenannten Reconquista bis 1492 alle muslimischen Herrschaftsgebilde auf der iberischen Halbinsel zerschlagen und der Islam fast vollständig aus diesem Teil Südeuropas vertrieben worden war. Gleichzeitig erfolgte seit dem späten 14. Jahrhundert dessen Etablierung in Südosteuropa durch die Expansion des aufstrebenden Osmanischen Reiches, das bis zum späten 15. Jahrhundert seinen Machtbereich über große Teile der Balkanhalbinsel und Anatoliens in regional sehr unterschiedlicher Intensität ausdehnen konnte. Es wäre jedoch missverständlich, diese beiden welthistorisch bedeutsamen und bis in die Gegenwart nachwirkenden Prozesse bevorzugt mit Begriffen wie Reconquista oder Eroberung zu erklären. Schließlich endete die Reconquista nicht an den Gestaden des Mittelmeeres beziehungsweise des Atlantiks, sondern wurde teilweise von den gleichen Akteuren nach Nordafrika und in die „Neue Welt“ getragen. (...)

Konflikte um die Vorherrschaft in Italien
von Elke Goez

In seiner Geschichte der romanischen und germanischen Völker postulierte Leopold von Ranke (1824) das Jahr 1494 zum Epochendatum: Mit dem Einfall der Franzosen in Italien begann für ihn das europäische Staatensystem. Nach 1494 würde jede politische und militärische Veränderung in allen Teilen des Abendlandes Reaktionen hervorrufen, denn die europäische Staatenwelt war so stark ineinander verzahnt, dass sie auf Gedeih und Verderb verbunden schien. Erst jetzt war die Kommunikationsdichte so lückenlos, dass jeder Grenzübergriff sofortige Aufmerksamkeit in ganz Europa erregte.

Dass Karl VIII. 1494 in Italien einfiel, überraschte niemanden und dennoch verfolgte man sein Vorgehen mit atemlosem Staunen, was nicht zuletzt an seinem mehr als beeindruckenden Heer gelegen haben dürfte. Die Kriegstechnik hatte sich verändert; Infanterie, verstärkt durch Schweizer Söldner, und schwere Artillerie waren die neuen Schlüssel zum Sieg. (...)

Das Papsttum und das Ringen um die machtpolitische Neugestaltung Italiens und Europas
von Heinz Schilling

Die folgenden Überlegungen resultieren aus einer jahrelangen Beschäftigung mit den Entstehungsbedingungen, Strukturen und  Funktionsweisen eines internationalen Systems europäischer Macht- und Partikularstaaten seit dem ausgehenden Mittelalter. Im Zentrum des Vortrages steht die Frage, ob und in welchem Umfang das an den mittelalterlichen Rahmenbedingungen der vorstaatlichen societas christiana orientierte Papsttum sich auf die funktionale und strukturelle Mächtekonkurrenz der neuzeitlichen Partikularstaaten unter dem modernen Souveränitätsprinzip einstellen konnte oder wollte. Julius II. ist wie kein anderer Papst geeignet, am Anfang  unserer Betrachtungen zu stehen. (...)

Julius II., Leo X. und das Papsttum bei Erasmus von Rotterdam
von Christoph Galle

Vom 1. November 1503 bis zum 21. Februar 1513 war Guliano della Rovere als Julius II. Oberhaupt der römischen Kirche. Die Äußerungen des Erasmus von Rotterdam (wohl 1466–1536) über ihn gehen freilich über dessen Pontifikat hinaus und finden sich noch in einer Schrift von 1535. Sie setzen nachweislich im Jahr 1506 ein und resultieren aus den Erfahrungen, die Erasmus während eines Italienaufenthalts von 1506 bis 1509 sammelte. Ihm hatte sich die Gelegenheit geboten, die Söhne des Leibarztes von Heinrich VII., dem englischen König, in das Mutterland des Renaissance-Humanismus zu begleiten. Gleich zu Beginn musste er eine Erfahrung machen, durch die er – wie Peter Walter resümierte – „von dem stark verweltlichten Papsttum abgestoßen“ wurde: Erasmus sah sich genötigt, seine Studien in Bologna zu unterbrechen, da das päpstliche Heer zur Belagerung der Stadt anrückte. Wenngleich er einräumte, dass sich die Stadt zu Unrecht im Machtbereich Venedigs befand, hatte er doch kein Verständnis für das Vorgehen des Papstes, wie in einem Brief vom 17. November 1506 zum Ausdruck kommt: „Gegenwärtig nämlich erlahmen in gewisser Weise in Italien sämtliche wissenschaftliche Beschäftigungen, Kriege wüten. Der höchste Pontifex Julius führt Krieg, er siegt, er triumphiert und er gibt tatsächlich den Julius.“ (...)

Die Medici und Florenz im Zeitalter der Renaissance
von Tobias Daniels

Eine Grundlinie kennzeichnet die komplexe Geschichte der Medici im Zeitalter der Renaissance: das Streben danach, das Gemeinwesen der Stadt Florenz zu kontrollieren. Erstens strebten sie danach, eine zunächst implizite, dann offenkundige politische Dominanz in der Heimatstadt zu etablieren, und zweitens versuchten sie, diese Dominanz durch Statuserhöhung auf weltlicher und kirchlicher Ebene zu festigen und auszubauen. Dies sei im Folgenden in zwei Schritten dargestellt.

Einen guten Ausgangspunkt gibt uns Machiavelli. Seine Geschichte von Florenz ist ein Auftragswerk, zugeeignet dem Medici-Papst Clemens VII. Der Pontifex hatte ihn – so die Dedikationsepistel – gebeten, etwas von der Geschichte von Florenz, und insbesondere jener der Medici zu schreiben. (...)

Das päpstliche Rom als Sündenpfuhl?
von Klaus Unterburger

„Nichts hat die Völker des Abendlandes in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts so stark und so ausdauernd beschäftigt, wie die Frage nach der Besserung der kirchlichen Zustände, das, was man mit einem seither feststehenden Ausdruck die ‚Reform der Kirche an Haupt und Gliedern‘ nannte.“ So eröffnete 1903 der Tübinger Historiker Johannes Haller sein klassisches Werk „Papsttum und Kirchenreform“. 100 Jahre später sind für Françis Rapp die „Reformvorstellungen“ zentrales Gliederungsmoment seiner Geschichte des Christentums zwischen 1378 und 1552. „Ecclesia semper reformanda – davon waren Prälaten und Doktoren seit jeher überzeugt. Doch aus verschiedenen Gründen wurde im Spätmittelalter diese Aufgabe zur Zwangsvorstellung“, so Rapp.

Es wäre aber ein Fehlschluss, wenn man, wie oft geschehen, aus den zahlreichen Beschwerden über Missstände auf einen Niedergang des kirchlichen Lebens, ja eines ganzen Zeitalters, schließen wollte. (...)

Papst Leo X. am Vorabend der Reformation
von Götz-Rüdiger Tewes

Es gibt vermutlich keinen Papst, bei dem Amt und Biographie voneinander zu trennen sind. Bei Leo X., in dessen Pontifikat der Beginn der Reformation fiel, dürfte diese Korrelation allerdings stärker und wirkmächtiger gewesen sein als bei den meisten anderen. Denn Leo X. war bekanntlich ein Medici, der erste seiner Familie auf dem Stuhl Petri, und anders als ein Borgia, Della Rovere, Piccolomini oder gar Florensz (Hadrian VI.) herrschte Giovanni de' Medici als Papst nicht nur über den Kirchenstaat, sondern seine Familie war faktisch zugleich Herrscher eines weiteren Staates, der Republik Florenz. Als Giovanni de' Medici in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1513 recht überraschend zum Nachfolger von Julius II. gewählt wurde, hatte er die Herrschaft über Florenz gerade erst seit dem August/September 1512 wiedererlangt. Diesem Erfolg war ein über 18 Jahre währendes Exil vorausgegangen, welches sowohl Giovanni als auch seine engeren Familienangehörigen und Freunde existentiell geprägt hatte. (...)

Die Päpste Julius II., Leo X. und Klemens VII.
von Andreas Rehberg

Unter den Päpsten Julius II. Della Rovere (1503–1513) und den beiden aus Florenz stammenden Medici Leo X. (1513–1521) und Klemens VII. (1523–1534) erreichte das Papsttum einen Höhepunkt seiner Macht, und der päpstliche Hof erstrahlte im Glanz der Künstler und Literaten. Doch die Rückschläge zum Schaden der Kircheneinheit und des Kirchenstaates zeichneten sich spätestens unter Klemens VII. ab, dessen glückloser Pontifikat vom Sacco di Roma, der schrecklichen Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen im Jahre 1527, überschattet wurde. Der Vortrag möchte Glanz und Schatten dieser bewegten Zeit aus der Sicht der Bewohner der Ewigen Stadt beleuchten. Unverkennbar litten die ihrer Autonomie beraubten Römer unter ihrer „Statistenrolle“, sie profitierten aber letztlich – so die These – auch vom demographischen Sog und den öffentlichen Aufträgen (zumal auf dem Kunstsektor), alles Faktoren, die von der Kurie ausgingen und Reichtum in die Stadt brachten. (...)

Bramantes Entwürfe und Konzepte für den Neubau der Peterskirche in Rom
von Hans W. Hubert

Großbauvorhaben wie Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie oder der nicht fertig werden wollende Berliner Flughafen sind nicht erst in der Moderne technisch problematisch, finanziell ein Wagnis und folglich politisch umstritten. Schon in der Renaissance lösten Großbauunternehmungen einerseits Beifall und bewunderndes Staunen aus, andererseits aber auch Kritik, Ablehnung oder Spott. Und schon damals erfolgten – wie heute – tief greifende Umplanungen nach dem Baubeginn, schon damals resultierten aus solchen Manövern schwer zu kalkulierende Mehrkosten, und schon damals erwiesen sich die anvisierten Zeitrahmen oft als Makulatur. Aufgrund solcher Aspekte weisen Großbauvorhaben der Vormoderne durchaus Parallelen mit manchen unserer heutigen Bauanstrengungen auf.

Der Neubau des Petersdomes in Rom war so ein Fall. Er war sicher nicht der erste und einzige, aber insofern ein besonders prominenter, als es sich um diejenige Kirche handelte, die als Grabesstätte des Apostelfürsten Petrus die Idee des Papsttums aufs stärkste zu symbolisieren vermochte. Insofern konnte auch die Kritik an dem Kirchenneubau zu einem Synonym für die Kritik an der erneuerungsbedürftigen Institution Kirche werden. (...)

Michelangelo: Architekturgestaltung und Figurenzeichnung im Deckenfresko der sixtinischen Kapelle
von Vitale Zanchettin

Der Auftrag der Sixtinischen Decke bedeutete für Michelangelo den ersten Schritt in der Welt der großflächigen Wandmalerei und gleichzeitig die erste wirkliche Auseinandersetzung mit dem Feld der Architektur. Es ist in diesem Kontext klar, weshalb die Architekturgliederung als ein neutraler Hintergrund der Figurenmalerei und ihrer ikonographischen Bedeutungen gelesen wird. Höchstwahrscheinlich rührt das auch von einer Entscheidung des Künstlers her, der einen neutralen Rahmen hinter den Figuren haben wollte.

Aber gerade vor diesem Hintergrund kann man eine besondere Beziehung zwischen Malerei und Architektur erkennen. Heute möchte ich kurz diese Beziehung behandeln und insbesondere danach fragen, ob die tägliche Tätigkeit Michelangelos als Maler und Bildhauer eine Rolle in der Konzeption der Architektur spielte.

Politik und Theologie mit Pinsel und Palette
von Arnold Nesselrath

Allein die Ausmalung der päpstlichen Repräsentationsräume ist sowohl ein politisches als auch ein theologisches Statement. Es handelt sich um die wichtigsten Gemächer in der Residenz des Papstes. Hier tagen Gremien unter seinem Vorsitz, hier empfängt er Gesprächspartner in Privataudienz, hier unterzeichnet er wichtige Dokumente, von hier aus regiert er den Kirchenstaat und lenkt die Kirche. Indem er die Wände und sogar die Gewölbe ikonographisch gestalten lässt, formuliert er ein Bildprogramm, unter dem er seinen Besuchern entgegentritt und das seine Handlungen umgibt. Wahrscheinlich sind die päpstlichen Dokumente zu den Anfängen Luthers und in der Folge zur Reformation, das heißt Bullen, Briefe etc., in diesen oder den angrenzenden Räumen unterzeichnet, von hier päpstliche Gesandtschaften über die Alpen in die deutschen Lande geschickt worden, hat hier der Papst die Berichte der zurückkehrenden Delegationen entgegengenommen. (...)

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