Heft 03/2014

Inhaltsverzeichnis
Ein Jahr Pontifikat Papst Franziskus

Vor mehr als 500 Besuchern sprach Walter Kardinal Kasper über die kirchlichen Entwicklungen im ersten Jahr des Pontifikats von Papst Franziskus. In seinem Vortrag am 14. Februar 2014 berichtete der langjährige „Ökumeneminister“ des Papstes von seinen persönlichen Eindrücken, schilderte die Änderungen in Rom und wagte einen Ausblick auf die kommenden Jahre.

Lesen Sie in "zur debatte" seinen Vortrag. Die Rede des Kardinals ist in der Mediathek auf der Homepage der Katholischen Akademie auch nachzuhören. Und dort finden Sie ebenfalls zwei kurze Videos, die Schlaglichter auf seinen Besuch in der Akademie werfen.

Ein Jahr Pontifikat Papst Franziskus
von Walter Kardinal Kasper

Das Jahr 2013 war ein Jahr der Überraschungen: Rücktritt des letzten deutschen Papstes und Wahl des ersten nichteuropäischen Papstes vom anderen Ende der Welt. Schon das allein rechtfertigt von einer historischen Zäsur zu sprechen. Natürlich kann man nach nur einem Jahr Papst Franziskus noch keine Bilanz ziehen oder Prognosen für die Zukunft anstellen. Papst Franziskus war eine Überraschung, und er wird eine Überraschung bleiben. Er passt in kein Schema, weder in ein liberal-progressives noch in ein traditionalistisch-konservatives. Er ist kein Mann von Ideologien, ihm geht es um die Freude des Evangeliums. Als solcher ist er für die große Mehrheit der katholischen Christen weltweit wie für viele andere Christen und Nichtchristen ein Hoffnungsträger, geradezu ein Geschenk des Himmels. Nicht umsonst hat ihn die säkulare Zeitschrift Times zum „Mann des Jahres“ gewählt. Er hat eine neue Phase der Papstgeschichte eingeleitet.

Um Papst Franziskus wirklich und nicht nur oberflächlich zu verstehen müsste man vieles aus seiner Biographie und von der bei uns viel zu wenig bekannten argentinischen Geschichte und Situation erzählen. Ich beschränke mich darauf, nur ein Jahr zurückzublenden und mit dem 11. Februar 2013, dem Tag der  Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt zu beginnen. (...)

Tridentinum meets Vaticanum II
Kriterien und Wirkungen von Liturgiereformen im Vergleich

Oft werden die Liturgiereformen des Konzils von Trient und die des Zweiten Vatikanischen Konzils als zwei radikal unterschiedlich, sich ausschließende Konzepte gesehen. Doch in dem Akademie-Symposium „Tridentinum meets Vaticanum II. Kriterien und Wirkungen von Liturgiereformen im Vergleich“ am 4. Dezember 2013 zeigte sich, dass die beiden Reformen sich nicht unversöhnlich gegenüberstehen, sondern sogar einiges explizit gemein haben. Denn beide reagierten auf aktuelle Herausforderungen, griffen Entwicklungen der liturgischen Praxis auf und beide – auch die tridentinische Reform – befassten sich mit der Bedeutung der Landessprache in der Liturgie.

Lesen Sie die drei grundlegenden Referate der Veranstaltung, die auch in der Mediathek auf unserer Homepage (mediathek.kath-akademie-bayern.de) nachzuhören sind.

Reformforderungen als Konsequenz neuer religiöser Erwartungen im 16. und im 20. Jahrhundert
von Klaus Unterburger

Am II. Vatikanischen Konzil und der durch dieses inspirierten Liturgiereform scheiden sich die Geister, ja mitunter katholische Ideologien. Die einen rufen euphorisch-freudig: Endlich! Das Ende des tridentinischen Zeitalters der Kirche! Die anderen beschwören und protestieren pessimistisch und apokalyptisch: Bruch mit der Tradition wie sie immer war, mit der Messe aller Zeiten, mit dem tridentinischen Messbuch. Beide gegensätzlichen Standpunkte stimmen in einem Punkt überein: die Trienter Messe und die nachvatikanische Messe: zwischen beiden bestehe ein Bruch. Historisch ist zu prüfen, ob dies stimmt. Obwohl es um die Liturgie, den gesamten öffentlichen Gottesdienst der Kirche geht, soll im Folgenden das Hauptaugenmerk auf die hl. Messe gelegt werden, was sich wegen deren Bedeutung für das kirchliche Leben ebenso nahe legt wie wegen der prototypischen Reformen, die an ihr vollzogen wurden. (...)

Theologische Begründungsstrukturen
von Winfried Haunerland

Wer nach theologischen Begründungsstrukturen der Liturgiereformen nach dem Konzil von Trient und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil fragt, setzt nicht nur voraus, dass Liturgiereformen theologisch relevant sind, sondern auch, dass zumindest diese beiden Reformen theologisch motiviert und begründet waren. Mit dieser hermeneutischen Vorentscheidung gilt es, die einschlägigen Beschlüsse dieser beiden Konzilien und das konkrete Reformwerk in den Blick zu nehmen. Dies soll in zehn Thesen geschehen, die zumindest eine erste Antwort auf die Fragestellung erlauben.

These 1: Die theologischen Begründungsstrukturen sind sowohl beim Konzil von Trient als auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil und den von ihnen initiierten Liturgiereformen wesentlich von der kirchlichen Lage vor dem Konzil geprägt. (...)

Wie zu einer erneuerten Liturgie kommen?
von Martin Klöckener

Bei den „Umsetzungsgeschichten“ geht es um die rückblickende Frage, wie unter den zeitgeschichtlichen Bedingungen und mit Rücksicht auf die theologischen Schwerpunkte die Liturgiereformen des Konzils von Trient und des Zweiten Vatikanischen Konzils im Einzelnen durchgeführt worden sind.

Das Zweite Vatikanische Konzil lässt keinen Zweifel daran, dass ihm an einer umfassenden Reform der Liturgie gelegen ist (vgl. schon Sacrosanctum Concilium 1). Diese ist ein zentrales Element der angestrebten Reform der Kirche insgesamt, wie sie in weiteren Konzilsdokumenten theologisch fundiert worden ist (besonders Lumen gentium, Gaudium et spes). Die Umsetzung der Liturgiereform steht dabei nicht isoliert da, vielmehr galt die konziliar angestrebte Erneuerung der Kirche als Ganze.  (...)

Xenotransplantation
als theologisch-ethische Herausforderung

Die Knappheit an Spenderorganen ist ein brisantes Thema und eine Patentlösung, wie diesem Problem abgeholfen werden könne, noch nicht in Sicht. Eine mögliche Alternative, die derzeit entwickelt wird, stellt die Xenotransplantation dar, bei der Zellen und/oder ganze Organe vom Tier dem Menschen implantiert werden. Neuere medizinische Entwicklungen weisen darauf hin, dass dieses Verfahren vielleicht schon bald in die klinische Versuchsphase gehen wird. Die Akademie-Tagung „Xenotransplantation als theologisch-ethische Herausforderung“ vom 30. September bis zum 2. Oktober untersuchte – unterstützt durch Mittel eines DFG-Sonderforschungsbereichs – die theologischen Herausforderungen solcher „Fremdtransplantationen“ und versuchte in wissenschaftlichem, interdisziplinärem Gespräch theologisch-ethische Orientierungen zu entwickeln.

Xenogene Zell- und Organtransplantationen
von Bruno Reichart

In den letzten sechs Jahrzehnten haben sich die verschiedenen allogenen Transplantationsformen, das heißt Transplantationsformen von Mensch zu Mensch, sehr erfolgreich entwickelt und die postoperative Lebensqualität wird in der Regel als „hoch" eingestuft: Organ-Transplantationsverfahren sind bei Patienten mit weit fortgeschrittenem, irreversiblem Organversagen deshalb die Therapie der Wahl. Konsequenterweise ist die Indikation zu den verschiedenen Eingriffen ständig gestiegen, demgegenüber blieb die Anzahl der Organspenden in etwa konstant. Der daraus resultierende Organmangel kann zu schwerwiegenden Folgen für die jeweiligen Transplantations-Kandidaten führen. Zwei Beispiele sollen dies veranschaulichen:

1. In Deutschland beträgt die jährliche Letalität auf der Herztransplantations-Warteliste 17,7 Prozent, das heißt, von 100 Wartenden sterben beinahe 18 vor Erhalt eines Spenderorgans.

2. Für Nieren-Transplantations-Kandidaten dient die Dialyse zur Überbrückung, die jedoch mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität und einer deutlichen jährlichen Letalitäts- und Morbiditätsrate einhergeht. Bei Patienten, die präoperativ länger als sechs Monate die Hämodialyse benötigten, sinkt die Wahrscheinlichkeit um die Hälfte, dass sie zehn Jahre nach der Nierentransplantation ein noch funktionierendes Organ haben.

Alternativen aus diesem therapeutischen Dilemma sind also gefragt, zumal eine wesentliche Steigerung der Spenderaten gerade in Deutschland nur schwer zu erreichen sein wird. (...)

Alttestamentliche Zugänge zum Menschen, zum Tier und zum Mensch-Tierverhältnis
von Erasmus Gaß

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier war im alten Israel fundamental anders als heute. Heutzutage werden Tiere entweder als Partner vermenschlicht oder als Objekte verdinglicht. Ganz anders in biblischer Zeit! Die Menschen des alten Israel mussten ihren Platz auf der Welt mit Nachdruck gegenüber den Tieren erkämpfen. Immer wenn der Mensch seine geschützte Siedlung verließ, betrat er eine chaotische Gegenwelt, in der die Tiere tonangebend waren. In der Bibel wird immer wieder darauf hingewiesen, wie Menschen von Raubtieren gefährdet werden. Angesichts des damaligen Bedrohungsszenarios rechnete niemand damit, dass sich die Kräfteverhältnisse zwischen Mensch und Tier irgendwann verschieben, wie es heute der Fall ist.

Der Mensch im alten Israel unterschied vier Arten von Tieren, nämlich: Wassertiere, Flugtiere, Kriechtiere und Vierfüßler. Darüber hinaus klassifizierte man nach Nutztieren und nach Wildtieren. Zu den Nutztieren gehörten das Kleinvieh (Schaf und Ziege), das Großvieh (Rinder), Esel und Kamel sowie Hunde. Die Domestizierung der Nutztiere war offenbar schon lange abgeschlossen, sodass sich in der Bibel keine Erinnerung an die langwierige Zähmung einzelner Tiere findet. (...)

Menschsein im Spiegel des Neuen Testaments
von Gerd Häfner

Dass jemand, der sich mit Texten aus dem ersten und frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. befasst, zum Thema dieser Tagung nichts unmittelbar beitragen kann, liegt auf der Hand. Die heutigen Möglichkeiten auf dem Gebiet der Transplantationsmedizin werfen ethische Fragen auf, die völlig außerhalb des Horizonts der Lebenswirklichkeit in der Antike liegen. Als Neutestamentler konzentriere ich mich daher auf einige grundsätzliche anthropologische Beobachtungen, die sich auf den Aspekt der leiblichen Existenz des Menschen und sein Verhältnis zur Tierwelt richten. Dies ist nicht nur angesichts der Fragestellung der Tagung angemessen; mit dem Leib ist auch eine Grundkategorie biblischer Anthropologie benannt.

Die Frage, was der Mensch sei, wird mit dem Hinweis auf seine Leiblichkeit selbstverständlich nicht umfassend beantwortet; es handelt sich dabei aber sicher um die wichtigste anthropologische Grundkategorie. Dies gilt für das Neue nicht anders als für das Alte Testament. So gibt es keine Gegenüberstellung von Leib und Seele oder Leib, Seele und Geist/Verstand, keine anthropologische Dicho- oder Trichotomie. Der Mensch ist eine Einheit, in der die verschiedenen Momente, die das Menschsein ausmachen, miteinander verbunden sind. (...)

Der Andere in uns
von Erwin Dirscherl

Papst Johannes Paul II. hat sich bei einer Fachtagung in Rom im Jahr 2000 zu der hier zur Debatte stehenden Frage der Xenotransplantation folgendermaßen geäußert: „It is not my intention to explore in detail the problems connected with this form of intervention. I would merely recall that already in 1956 Pope Pius XII. raised the question of their legitimacy. He did so when commenting on the scientific possibility, then being presaged, of transplanting animal corneas to humans. His response is still enlightening for us today: In principle, he stated, for a xenotransplant to be licit, the transplanted organ must not impair the integrity of the psychological or genetic identity of the person receiving it; and there must also be a proven biological possibility that the transplant will be successful and will not expose the recipient to inordinate risk (cf. Address to the Italian Association of Cornea Donors and to Clinical Oculists and Legal Medical Practitioners, 14 May 1956). In concluding, I express the hope that, thanks to the work of so many generous and highly-trained people, scientific and technological research in the field of transplants will continue to progress, and extend to experimentation with new therapies which can replace organ transplants, as some recent developments in prosthetics seem to promise. In any event, methods that fail to respect the dignity and value of the person must always be avoided.”

Die von mir markierten Stellen beziehen sich auf die zentralen Argumente: Die Integrität der psychologischen und genetischen Identität der Person sind ebenso zu schützen wie deren Würde und Wert. Damit sind zentrale Grundbegriffe der Anthropologie berührt, die sich nicht einfach von selbst verstehen.

Die Identität, Integrität und Würde des Menschen sind verletzbar und gefährdet. 

Christlicher Anthropozentrismus?
von Magnus Striet

Wer freimütig zugibt, anthropozentrisch zu denken, darf sich gewiss sein, auf kritische Ablehnung zu treffen. Dies gilt sicherlich für breite Kreise außerhalb der Theologie, aber auch innerhalb. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, welche zunächst angeführt seien, bevor ich dann ein Plädoyer für einen geläuterten Anthropozentrismus halte – also für ein Denken, welches den Menschen ins Zentrum stellt und das Differenzmarkierungen in der Welt des Lebendigen vornimmt. 

Kulturell hat sich (1) in den westlichen Gesellschaften der Verdacht durchgesetzt, dass es wesentlich das Christentum gewesen ist, das mit der starken Gewichtung des Menschen ökologieausbeuterisch und gewaltfreisetzend wirksam geworden sei. Während Alleinheitskonzeptionen des Religiösen den Menschen zu einer stärkeren Harmonie mit dem Nicht-Menschlichen führten, so sei dies mit der Aufwertung des Menschen zu einem Gottebenbildlichen umgekehrt. In diesem Wahn setze sich der Mensch absolut. Das Geistwesen Mensch betrachte die nichtmenschliche Natur als seelenlos, und sie werde damit zur Verfügungsmasse. Als Radikaltherapie gilt eine Abkehr vom anthropozentrischen Denken. (...)

Heilige Herzen
von Xenia von Tippelskirch

Im Juni 1614 wird durch die Straßen von Rom in einer feierlichen Prozession ein versiegeltes Gefäß zur Basilika der Heiligen Ambrosius und Karl (heute San Carlo al Corso) getragen: In diesem Gefäß befindet sich eine Reliquie, das Herz des 1584 verstorbenen Kardinals Karl Borromäus. Begleitet wird es von einem großen Umzug vorbei an Tribünen, auf denen sich die Massen drängen. Der Zug führt bis zur Kirche, an deren Fassade von Pfeilen durchbohrte, flammende Herzen angebracht sind. Voran zieht die Schweizer Garde, dann kommen acht Trompeter, sodann 36 als Engel verkleidete Jünglinge, die Lilien, Weihrauchkessel und mit Herzen bemalte Tafeln in den Händen halten. Einige singen mit Sopranstimme, dann folgen weitere Chöre sowie Ordensmitglieder. Blumen werden von den Fenstern auf das Reliquar geworfen, die zahlreich erschienenen Gläubigen knieen nieder, schlagen sich heftig an die Brust, brechen in Tränen aus und rufen den Heiligen an, scheint es doch, so berichtet der Zeitgenosse Patrizio Fattorio di Torrita in seiner noch im gleichen Jahr erschienenen Darstellung der Ereignisse (mit dem Titel Ampla et diligente Relatione, 1614), dass Gott "durch dieses Heilige Herz die verhärteten Herzen der Gläubigen in der Trauer und Anbetung erweichen und fleischlich werden lassen wolle, um durch Wunder die Heiligkeit des Herzens" zu verifizieren.

Performativ wird in dieser Prozession eine Verehrung in Szene gesetzt, die in ihrer Reduktion der Essenz des Heiligen auf sein Herz erstaunlich erscheinen mag. (...)

Xenotransplantation aus jüdischer Perspektive
von Rabbinerin Antje Yael Deusel

Zahlreiche Menschen hoffen und warten aufgrund lebensbedrohlicher Erkrankungen dringend auf ein Spenderorgan, und jeder einzelne Name auf den Listen der Transplantationszentren steht für ein individuelles Schicksal. Diesen Hoffnungen und Erwartungen steht jedoch ein eklatanter Mangel an geeigneten Spenderorganen für eine Allotransplantation, also der Übertragung von Organen von Mensch zu Mensch, gegenüber. Die medizinische Wissenschaft erkundet daher seit Längerem weitere Wege, von der Xenotransplantation bis hin zur Stammzellenforschung, um diesen Patienten helfen zu können.

Noch sind diese Wege Gegenstand der Forschung, wenn auch gegenwärtig beispielsweise der Bio-Herzklappenersatz beim Menschen durch entsprechend behandelte Schweine-Herzklappen bereits ein gängiges Verfahren ist.

Wenn man die Thematik der Xenotransplantation aus jüdischer Sicht betrachtet, sind folgende Fragen zu berücksichtigen: Ist eine Organtransplantation an sich überhaupt erlaubt? Wie ist die Frage nach (Allo-)Transplantation von einem verstorbenen Donor versus einer Lebend-Organspende zu beurteilen? Ist eine Organübertragung vom Tier auf den Menschen erlaubt? Wie sieht das Judentum in diesem Zusammenhang die Stellung des Tieres? Und – da es sich ja im Wesentlichen noch um ein experimentelles Gebiet handelt: Ist es aus Sicht der jüdischen Ethik gestattet, derartige Forschungen überhaupt durchzuführen? Ist es einem Patienten gestattet, an einem potentiell riskanten klinischen Versuch teilzunehmen? (...)

Xenotransplantation aus islamischer Perspektive
von Ilhan Ilkilic

Die neuen biotechnologischen Entwicklungen und die daraus resultierenden Anwendungen verbreiten sich auf der Welt rasant. Durch diese schnelle Verbreitung werden auch die mit diesen Anwendungen verbundenen bioethischen Probleme in andere Länder und Kulturen eingebracht. Solche bioethischen Fragen stellen oft für das Menschen- und Naturverständnis der Menschen in den jeweiligen Ländern eine Herausforderung dar. Zu diesen Entwicklungen gehört sicherlich auch die Xenotransplantation. Das Einpflanzen von Organen nichtmenschlicher Herkunft in Patienten mit Organversagen ist in der Medizin derzeit kein etabliertes Verfahren und befindet sich noch in der Forschungsphase. Aufgrund neuer, positiver Ergebnisse in der Forschung, aber auch wegen des weltweit nicht lösbaren Organmangels ist die Xenotransplantation immer wieder Gegenstand von Diskussionen und ethischen Auseinandersetzungen. Die moralische Akzeptanz einer solchen medizinischen Intervention hängt jedoch vom Menschen- und Tierverständnis ab, und diese werden wiederum durch kulturelle Wertvorstellungen und religiöse Glaubensüberzeugungen geprägt.

In diesem Beitrag wird Xenotransplantation aus der Perspektive der islamischen Religion behandelt. Die moralische Bewertung eines solchen Verfahrens wird auf der Grundlage des islamischen Tierverständnisses dargestellt. Dabei wird der Stellenwert von Mensch und Tier im islamischen Glauben hinsichtlich der Bedeutung für die bioethische Argumentation problematisiert.

In der Hauptquelle des Islam, dem Koran, werden unterschiedliche Tiere explizit genannt, einerseits Nutztiere wie Hund, Kamel, Lamm, Ziege, Pferd, Kuh und Esel, aber auch andere Tiere wie Wolf, Spinne, Rind, Affe, Biene, Vogel u.a. Diese Nennungen kommen in unterschiedlichen Kontexten vor und stellen für Muslime eine Grundlage für die Konstruktion des islamischen Tierverständnisses dar.

Einige Koranverse mit Tiernamen kommen an solchen Stellen vor, wo auf die Existenz Gottes hingewiesen wird. (...)

Tränen wegen eines Tieres?
von Barbara Henze

Als frühestes Indiz für eine emotionale Beziehung zwischen Mensch und Tier gilt das um die 12.000 Jahre alte Grab in Eynan nördlich vom See Genezareth, arabisch Ain Mallaha, in dem eine ältere Frau zusammen mit dem Welpen eines Haushundes bestattet ist und die Hand der Toten auf dem Hundeskelett liegt. Seitdem werden noch viele Tränen wegen eines Tieres geflossen sein. Man denke nur an die Geschichte, die der Prophet Natan David über das kleine Lamm des Armen erzählte, das dieser aufzog und von dem es in 2 Samuel weiter heißt: „Es wurde bei ihm zusammen mit seinen Kindern groß. Es aß von seinem Stück Brot, und es trank aus seinem Becher, in seinem Schoß lag es und war für ihn wie eine Tochter.“ Ungewöhnlich war diese Beziehung anscheinend nicht, denn die Zuhörerinnen und Zuhörer, namentlich David, reagierten spontan mit Empörung, als Natan fortfuhr, dass dieses Lamm dem Armen weggenommen und geschlachtet wurde. Unabhängig davon, was der Prophet mit der Geschichte vom zahmen Lämmchen aussagen wollte, kann man die Geschichte als Beleg für das Erreichen der nächsten Stufe in der Menschheitsgeschichte lesen, auf der es gelang, Pflanzen zu kultivieren und wilde Tiere wie Auerochse, Schwein, Schaf und Ziege an den Menschen zu gewöhnen. Von da an gab es den Unterschied zwischen Wildtieren und Haus- und Nutztieren, die einem teuer waren im doppelten Sinn des Wortes. Welche Tiere als „wild“ galten und gelten und welche nicht, welche „nützlich“ sind und welche „Luxus“, weil sie „nur“ das Leben bereichern, aber nicht lebensnotwendig sind, das hat sich im Laufe der Geschichte kulturell unterschiedlich entwickelt. Ein Dromedar wird in Europa in Zoos als Exot bestaunt und ist in Nordafrika Haus- und Nutztier. In vormotorisierten Zeiten waren Pferde in der Landwirtschaft willkommene Nutztiere. Heute ist Reiten in Europa eine Freizeitbeschäftigung, und die Verwendung von Pferdefleisch in Nahrungsmitteln löst Proteststürme nicht nur wegen der falschen Warendeklaration aus, sondern auch weil dadurch der Status des Pferdes vom Haus- zum Nutztier wechselt, was Pferdeliebhaberinnen unerträglich scheint. Ähnlich erregt verläuft die Diskussion bezüglich des Verzehrs von Hundefleisch, in der kulturell unterschiedliche Positionen bezogen werden. Unabhängig von der Kultur spielte und spielt für die Beziehung zum Tier der Grad der Verstädterung eine Rolle. (...)

Xenotransplantation. Legitimation und Akzeptanz aus theologisch-ethischer Sicht
von Jochen Sautermeister

Die Möglichkeiten medizinischer Machbarkeit, wie sie in den letzten Jahrzehnten im diagnostischen und therapeutischen Bereich fortgeschritten sind, sind so beeindruckend wie faszinierend. Zugleich trifft diese Entwicklung aber auch auf Vorbehalte und Sorgen, die letztlich in der Angst kulminieren, dass eine medizinische Technisierung einen Verlust an Menschlichkeit bedeuten könnte, und zwar dann, wenn die Ziele des Herstellens und Machens das Maß ethisch verantwortbarer und sinnvoller medizinischer Hilfe aus den Augen verloren zu gehen drohen.

Bei der Xenotransplantation, das meint die Übertragung von Zellen, Geweben oder ganzen Organen zwischen Lebewesen verschiedener Art (insbesondere vom Tier auf den Menschen), hat es den Anschein, dass sich die Hoffnungen und Befürchtungen in besonderer Weise zuspitzen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sie – von wenigen Ausnahmen wie der biologischen Herzklappe abgesehen – noch längst keine etablierte medizinische Praxis darstellt; klinische Versuche sind erst auf dem Weg. Das kann einen ausgeprägten spekulativen Nährboden für positive (v. a. Lebensrettung) wie negative Erwartungen und Fantasien (z. B. Infektionsrisiko, Abtsoßungsrisiken, Auswirkungen auf menschliche Identität, Konsequenzen für Organspendebereitschaft, Chimärismus) bereiten. (...)

Der versehrte Mensch und die Möglichkeit medizinischer Forschung
von Konrad Hilpert

Unter ethischem Blickwinkel ist die Grundkonstellation, um die es bei der Xenotransplantation geht, eigentlich ziemlich einfach: Es geht nämlich einerseits um die existenzielle Not von Menschen und andererseits um die Erschließung und Bereitstellung von Hilfe. Sicher, es bedarf bei der konkreten Durchführung dieser Forschung vieler Menschen, Verfahren und technischer Hilfsmittel, die hochorganisiert und spezialisiert zusammenwirken müssen; und es bedarf der Tiere, die zunächst als Experimentmedien, später vielleicht als Organ-„geber“ involviert werden. Aber die Ausgangslage, die behoben oder gehindert werden soll, das Ziel also, das dieses komplexe Vorhaben bestimmt, sind einzelne Menschen bzw. eine Gruppe von Menschen, die in gesundheitliche Not geraten sind und die erwarten oder hoffen, dass ihnen mit den bestmöglichen medizinischen Mitteln aus ihrer bedrohlichen Lage geholfen wird. Das für den Patienten Beste ist die maßgebliche Richtlinie des Handelns der Mediziner. Dass die Mediziner in diesem Fall zugleich Forscher sind (jedenfalls zum Teil), macht die Besonderheit dieses Komplexes aus.

Entsprechend diesem Setting beleuchten meine Überlegungen folgende Punkte: nämlich erstens die Befindlichkeit des Menschen, der aufgrund der Erkrankung oder des Ausfalls eines Organs vom vorzeitigen Tod bedroht ist, zweitens das Handeln des Arztes als Antwort auf diese Situation und drittens den Auftrag und die ethische Rechtfertigung der medizinischen Forschung im Hinblick auf den leidenden Menschen. Abschließend möchte ich dann viertens etwas zu den Grenzen und theologischen Aspekten sagen.

Es ist ein erstaunlicher Befund, dass in den meisten Darstellungen und Lehrbüchern der medizinischen Ethik ein Kapitel über die Anthropologie des kranken Menschen fehlt. (...)

Augustus. Kaiser an der Zeitenwende

Bereits zum achten Mal fanden heuer die Historischen Tage in der Katholischen Akademie Bayern statt. Das Thema im Jahr 2014: „Zum 2000. Todestag. Augustus. Kaiser an der Zeitenwende.“ Alle Vorträge der Tagung vom 5. bis zum 8. März 2014 werden in einem Sammelband, der in diesem Jahr vor Weihnachten im Regensburger Pustet-Verlag erscheinen soll, abgedruckt. In unserer Zeitschrift „zur debatte“ dokumentieren wir nachfolgend einen der beiden Abendvorträge, die im Rahmen der Historischen Tage gehalten wurden: Professor Werner Dahlheim betrachtet das augusteische Imperium im Spiegel der christlichen Überlieferung. Sie können dieses Referat und weitere Vorträge auch in der Mediathek auf der Homepage der der Katholischen Akademie Bayern nachhören.

Das augusteische Imperium im Spiegel der christlichen Überlieferung
von Werner Dahlheim

„Weder in Raum noch Zeit setze ich den Römern eine Grenze. Ein Reich ohne Ende habe ich ihnen verliehen“, erläuterte der Jupiter Vergils seiner Tochter Venus, und er fügte hinzu: „Krieg wird ruhen und die verrohte Welt neigt sich zur Milde.“ Die Zuhörer im Haus des Augustus spendeten Beifall. Jupiter konnte nicht irren.
Das erste Dogma dieser göttlichen Prophetie machte Pax, die personifizierte Göttin des Friedens, zum Sinnbild des ganzen Zeitalters. Sie symbolisierte allerdings mehr als ein verlorenes und nun wiedergefundenes Paradies. „Friede“ hieß das Schweigen der Waffen innerhalb und der Vormarsch der Legionen außerhalb der Grenzen. Beides war untrennbar. Das eine gab es nicht ohne das andere, und die Götter hatten Rom auserwählt, beides zu verwirklichen.
Gefunden war damit eine Legitimationsformel, die eine durch Bürgerkrieg und Not gepeinigte Welt dankbar begrüßte. Die Leser des Tacitus lasen sie in einer eindrucksvollen Geschichte: Der Feldherr Cerialis habe aufständische germanische Häuptlinge gedrängt, einen Blick in die Zukunft zu tun und ihnen vorgeführt, was sie dort sehen würden, wenn Rom nicht mehr war: „was kann es dann anderes geben als wechselseitige Kriege aller Völker?... Das Imperium ist ein Gebilde, das nicht zerstört werden kann ohne das Verderben derer, die daran rütteln.“
Das zweite Dogma, das die Entscheidung Jupiters mit Leben füllte, sprach von der Zivilisation: Sie, erklärten Politiker und Literaten, könne es nur innerhalb der Reichsgrenzen geben, und sie ist weder sesshaften Barbaren noch umherschweifenden Nomaden zu eigen. Wenn Menschen wie die Friesen glaubten, von Rom beherrscht zu werden, bedeute Sklaverei, so schulde man ihnen nichts außer Mitleid, erklärte Plinius. Hundert Jahre später rühmte der Grieche Aelius Aristides, nur die Römer hätten Brücken gebaut, Straßen durch die Berge getrieben und die Wüsten bewohnbar gemacht. Wenig später stimmte ihm der christliche Advokat Tertullian zu: Er sähe statt berüchtigter Einöden lachende Kulturen. Wer daran teilhaben wolle, und das wollten die Christen, müsse Rom dienen.

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