Heft 07/2014

Inhaltsverzeichnis
Hitlers Weltanschauung
„Mein Kampf“ als politische Programmatik

Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“, dessen Urheberrecht 1945 an den Freistaat Bayern gefallen war, wird 2015 – 70 Jahre nach dem Tod des Autors – gemeinfrei und kann ab da von jedem publiziert werden. Politischer Streit ist nun darüber entstanden, wie mit der Situation umzugehen ist: entweder versuchen, Nachdrucke gesetzlich zu verbieten, oder aber die Schrift in einer kommentierten Ausgabe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

In Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte, das an einer solchen kritischen, wissenschaftlichen Edition arbeitet, fragte die Katholische Akademie in Bayern am 25. Juni 2014, ob und wie eine solche Neuerscheinung verantwortet werden kann. Bei der Abendveranstaltung mit dem Titel „Hitlers Weltanschauung“ stellte zuerst Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau, das ideologische Konzept von „Mein Kampf“ vor. Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Andreas Wirsching, beleuchtete dann die Notwendigkeit, Zielsetzung und Problematik einer kritischen Edition der Propagandaschrift.

Hitlers Weltanschauung in „Mein Kampf“
von Barbara Zehnpfennig

Fast 70 Jahre nach Kriegsende ist Hitlers „Mein Kampf“ noch immer ein Tabuthema. Der politische Streit darum, ob man dieses Buch der Öffentlichkeit zugänglich machen darf, zeigt, dass man ihm immerhin soviel Brisanz zuspricht, die Bevölkerung vor der Lektüre schützen zu müssen. Dabei ist das Bild, das über dieses Buch verbreitet wird, keineswegs konsistent. Wird ihm auf der einen Seite quasi dämonische Macht zugeschrieben – ansonsten müsste man es nicht unter Verschluss halten –, attestiert man ihm auf der anderen Seite unendliche Banalität und Langweiligkeit. Diese Widersprüchlichkeit in der medial vermittelten Wahrnehmung erforderte es eigentlich, den Leser selbst urteilen zu lassen. Doch eben dies ist politisch nicht gewollt; man traut den Bürgern auch in einer etablierten und seit vielen Jahrzehnten stabilen Demokratie nicht zu, „Mein  Kampf“ aus kritischer Distanz zu lesen.

Dabei ist die Lektüre, trotz oftmals gehörter gegenteiliger Meinung, durchaus lohnend. (...)

Notwendigkeit, Zielsetzungen und Probleme einer kritischen Edition von ‚Mein Kampf‘
von Andreas Wirsching

(...) Unstrittig dürfte sein, dass eine wissenschaftlich kommentierte Edition ein wichtiges Element im rationalen Umgang mit dem Hitlerschen „Erbe“ sein würde. Das Institut für Zeitgeschichte bereitet schon seit längerem eine solche Edition vor, wovon eine Versachlichung der Debatte zu erhoffen ist. 

Im Folgenden soll es um drei Aspekte gehen: Die Notwendigkeit einer kritischen Edition von „Mein Kampf“ ergibt sich erstens aus dem Quellenwert von Hitlers „Mein Kampf“ (I). Zweitens frage ich nach einigen spezifischen Problemen des Vorhabens (II.), bevor ich drittens die wesentlichen Zielsetzungen der kritischen Edition erläutere, die gegenwärtig vom Institut für Zeitgeschichte erarbeitet wird (III.). (...)

Meister Eckhart – interreligiös

Rund 250 Teilnehmer aus vielen Ländern Europas, und sogar aus Asien und den USA haben sich vom 28. bis zum 30. März 2014 zur gemeinsamen Tagung der Katholischen Akademie Bayern und der Meister-Eckhart-Gesellschaft in München eingefunden. Im Rahmen der Zusammenkunft fand auch die Jahrestagung der Meister-Eckhart-Gesellschaft statt.

Diese fruchtbringende Kooperation fand in diesem Jahr bereits zum vierten Mal statt und das diesjährige Thema hieß „Meister Eckhart – interreligiös“. Namhafte Wissenschaftler zeigten in diesen drei Tagen, dass der Dominikaner und Gelehrte, der von ungefähr 1260 bis 1328 lebte, maßgebliche Grundzüge seines eigenen Denkens nicht nur der christlichen Tradition verdankte, sondern auch mittelalterlichen jüdischen und islamischen Philosophen. Lesen Sie in "zur debatte" eine zusammenfassende Würdigung der Tagung durch Prof. Dr. Dietmar Mieth, den Vizepräsidenten der Meister-Eckhart-Gesellschaft, und drei ausgewählte Vorträge.

Meister Eckharts Offenheit und seine interreligiöse Präsenz
von Dietmar Mieth

Der „Export“ Meister Eckharts im 19. und 20 Jahrhundert von West nach Ost führt zum interreligiösen Re-Import Meister Eckharts von Ost nach West. Wer heute mit religiös interessierten Menschen redet, die östlich orientierte Meditationskurse besuchen oder sich Übungen in der leiblichen und geistigen Selbstfindung unterziehen, stellt immer wieder fest, dass sie mit Meister Eckhart bereits eine Vorstellung verbinden. Oft ist sie etwas vage, und ihre Herkunft ist nicht immer europäisch, sondern eine Art Anerkennung, die der Meister in nichtchristlichen religiösen Meditationsformen finden kann. Dies liegt teilweise an seiner Offenheit für viele Weisen der religiösen Begegnung und teilweise an seiner Abwehr der Festlegung auf ein dieser damals als religiöses Training üblichen Weisen. Aber um diese Begegnung aufzugreifen, ist auch ein europäischer Export Meister Eckharts über viele Kanäle anzunehmen. (...)

Meister Eckhart – postmodern?
von Freimut Löser

Was verbindet den Meister aus dem Mittelalter mit der Postmoderne? Und inwiefern gehört das Thema überhaupt in den Rahmen einer Tagung „Meister Eckhart – interreligös“? Oder interessiert auch das Areligiöse im Umfeld des Interreligiösen? Denn dass eines der wesentlichen Elemente postmodernen Denkens das dezidiert Nicht-Religiöse ist, steht fest: Ein Kennzeichen der Postmoderne sei ihre „Ablehnung oder kritische Betrachtung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich philosophischer und religiöser Auffassungen und Systeme (sog. Metaerzählungen oder Mythen wie Moral – wodurch Postmoderne zum Amoralismus wird –, Geschichte, Gott, Ideologie, Utopie oder Religion, aber auch, insofern sie einen Wahrheits- oder Universalitätsanspruch trägt, Wissenschaft)“. So der Wikipedia-Artikel „Postmoderne“. (...)

Individuelle Mystik und Eckhart heute
von Ben Morgan

Ich möchte in diesem Vortrag vorschlagen, dass ein bestimmtes Eckhartbild helfen könnte einen Zugang zu den eklektischen, interreligiösen Praktiken zu finden, durch die viele Leute in der westlichen Welt, deren spirituelles Leben nicht institutionell verankert ist, eine Version oder – um mit William James zu sprechen – eine „variety“ der Religiosität für sich zusammenbasteln. Also: Eckhart als Leitbild für die Auseinandersetzung mit dem interreligiösen New Age.

Laut der „Religious and Moral Pluralism Survey“ (siehe Tabelle) aus den späten 1990ern stimmen 37 Prozent aller Briten der Behauptung zu, dass „Gott“ eher als etwas innerhalb des Menschen statt etwas außerhalb von ihm zu begreifen ist. Das spirituelle Leben wird also anscheinend individualisiert, privatisiert und von äußeren Strukturen abgekoppelt. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. (...)

Meister Eckhart und Zen
von Shizuteru Ueda

Der Marburger Theologe und Religionsphilosoph Rudolf Otto, ein großer Kenner der ostasiatischen Religiosität, schrieb seinerzeit einen wichtigen Artikel über den Zen-Buddhismus. Darin heißt es: „Das Erlebnis der alten Zen-Meister ist immer wieder, so hoch man auch steige, ‚nach oben offen’. In dieser Hinsicht haben gerade sie viel mehr Ähnlichkeit mit unserer eigenen deutschen Mystik, wie sie uns Eckhart gegeben hat, als mit der des Vedānta (Śañkaras). Es kommt auf eine Unendlichkeit nach Innen an. Eckhart ist gotischer, nicht griechischer Mystiker, und damit ist er dem Mahāyāna ähnlicher.“ (...)

Elias Canetti – Die Befristeten
Von der Diktatur des letzten Augenblicks

Zum ersten Mal hat die Katholische Akademie Bayern mit dem Münchner Residenztheater und dem Verein der Freunde des Residenztheaters kooperiert. Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich am 26. Juli 2014 mit dem Stück „Die Befristeten“ des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti.

In dem Anfang der 1950er Jahre entstandenen Drama spielt der Autor ein Gedankenexperiment durch: Jeder Mensch kennt von Anfang an den genauen Zeitpunkt seines Todes. (...)

Muss die Kirche ästhetisch sein?

„Muss die Kirche ästhetisch sein?“ – dieser Frage gingen die Evangelische Akademie Tutzing und die Katholische Akademie Bayern am 9. und 10. Mai 2014 bei ihrer jährlichen gemeinsamen Tagung nach, die heuer in Tutzing stattfand. 50 Teilnehmer hatten sich in der Rotunde der Evangelischen Akademie eingefunden, um Referate aus den Bereichen Liturgie, Kirchenmusik, Architektur und Kunst zu hören. Diese wurden von jeweils einem evangelischen und einem katholischen Referenten vorgetragen, um auf beiden Seiten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu benennen. Wir dokumentieren im Anschluss die überarbeiteten Vorträge der beiden Liturgiewissenschaftler.

Nur ein (heiliges) Spiel?
von Alexander Deeg

„Muss die Kirche ästhetisch sein?“ – Keine Frage, sie ist es. Ob sie will oder nicht. „Soll der Gottesdienst der Kirche ein künstlerischer Ausdruck sein?“ – Keine Frage: Er ist es. Ob das den Gestaltenden recht ist oder nicht.

„Ist die Liturgie nur ein (heiliges) Spiel?“ – Ja, sie ist es. Ein Spiel, ein heiliges zumal. Aber mit diesen Affirmationen wäre lediglich apodiktisch etwas behauptet, aber nicht viel gesagt, weil die Begriffe Ästhetik, Kunst und Spiel so offen blieben, und weil deren Bezug zum Gottesdienst missverständlich und mehrdeutig wäre.

Im evangelischen Kontext gibt es gegenwärtig grob vereinfacht zwei Richtungen: Die einen, die den „traditionellen“ Gottesdienst schätzen – oder besser: den „traditionsorientierten“ Gottesdienst am Sonntagmorgen, der sich über Jahrhunderte entwickelt hat, der in den westlichen Kirchen in der Gestalt der „Messe“ eine vergleichbare Form angenommen hat, die ihn zugleich mit den Kirchen des Ostens verbindet und somit ökumenisch offen ist. Den Gottesdienst, den auch Luther schätzte und in seiner „Deutschen Messe“ weiterentwickelte. Und da gibt es die anderen, die diesen Gottesdienst als eine Art Minderheitenveranstaltung einer immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen (meist älter, mehr Frauen als Männer) beschreiben. (...)

Nur ein (heiliges) Spiel?
von Andreas Poschmann

Die folgenden Beobachtungen sind keine systematischen Überlegungen, sondern zehn tastende Annäherungen an das „Phänomen Liturgie“: berührend, schillernd, herausfordernd, erfüllend, bewahrend, unkonventionell, paradox, spielend, diakonal, wirklich.

 

I. Berührend

„Die Kirche: Schön, dass es so etwas gab. Wie sie Aller Augen warten auf dich sangen. Sonst hätten sie gar nichts gehabt.“ Der Schriftsteller, Büchner-Preisträger und Theologe Arnold Stadler versammelt in einem Roman eine Hochzeitsgesellschaft in den 1970er Jahren: „Die Kirche am Sonntag, über die Jahrhunderte verteilt, hatte den Menschen noch etwas Licht gebracht, diese Worte, diese Poesie. Die Missa in honorem Papae Marcelli, der Kontrapunkt auf den kühn nach oben gebauten Emporen oberschwäbischer Dorfkirchen für zweihundert Seelen. Und alle konnten das Vaterunser auswendig ... Sonst hätten sie gar nichts gehabt. Wären niemals in Berührung gekommen mit dem Schönen. Sonst hätten sie auf den Flohmarkt gemusst.“

Damit hat Arnold Stadler schon die Antwort gegeben auf die Frage dieser Tagung: Muss die Kirche ästhetisch sein? Ein Anspielung auf Palestrina, ein Hinweis auf den oberschwäbischen Barock – das genügt. „Aller Augen warten auf dich“ – Musik, Kirchenbau, Kunst, Liturgie: Über Jahrhunderte war die Kirche der nahezu einzige Ort, an dem einfache Menschen ästhetische Erfahrungen machen konnten, in Berührung kamen mit dem Schönen. „Sonst hätten sie auf den Flohmarkt gemusst.“ (...)

Reihe „Wissenschaft für jedermann“
Power-to-Gas
Innovative Speichertechnologie für die Energiewende

„Power-to-Gas“ heißt es, das innovative Verfahren, das die Wende zu erneuerbaren Energien ein gutes Stück voranbringen könnte. In einer gleichnamigen Veranstaltung lud die Katholische Akademie in Bayern am 13. November 2013 zu einem Vortrags- und Gesprächsabend mit Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der LMU München, und Dr. Michael Specht vom Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg ins Deutsche Museum München. Über 270 Besucher wollten wissen, worin die große Bedeutung von „Power-to-Gas“ für die Energiewende besteht. Dr. Markus Vogt, der die Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Wissenschaft für jedermann“ auch moderierte, stellte das Verfahren in den größeren ethischen wie politischen Zusammenhang der Energiewende. Seinen Vortrag haben wir bereits in Ausgabe 5-2014 dokumentiert.

In dieser Ausgabe lesen Sie nun auch den Beitrag von Dr. Michael Specht, in dem der Fachgebietsleiter „Regenerative Energieträger und Verfahren“ am Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg „Power-to-Gas“ ganz im Sinne des Titels der Veranstaltungsreihe „für jedermann“ erklärt: Warum setzt die Energiewirtschaft auf ein Verfahren, bei dem überschüssiger Ökostrom in Wasserstoff und Methan umgewandelt wird?

Power-to-Gas – Speichertechnologie und Kraftstoff für die Mobilität
von Michael Specht

Die Energiewende nimmt rasant an Fahrt auf. Der Anteil von regenerativ erzeugter Energie im deutschen Stromnetz wächst weiterhin beträchtlich. Das Ziel, Deutschland nahezu komplett mit Ökostrom zu versorgen, erweist sich als immer realistischer.

Mit dem hohen Anteil von Wind- und Solarenergie ist jedoch auch eine zentrale Herausforderung der Energiewende verbunden: Beide Quellen hängen vom Wetter ab. Damit unterliegt die Einspeisung von Sonnen- und Windenergie ins Stromnetz starken Schwankungen. In mehreren Regionen müssen an manchen Tagen bereits Windräder abgeregelt werden, weil überschüssiger Strom nicht mehr ins Netz eingespeist werden kann. Zwischen 2020 und 2030 sind deutschlandweit in bestimmten Jahreszeiten überschüssige Stromleistungen im Gigawattbereich zu erwarten. Bis zur vollständigen Versorgung mit erneuerbarer Energie muss also einerseits die Herausforderung bewältigt werden, wie Speicherung von Ökostrom garantiert werden kann, um überschüssigen Strom nicht ungenutzt zu verschwenden, aber auch, um die Nachfrage der Verbraucher jederzeit decken zu können. (...)

KEB-Mitgliederversammlung 2014

Auf der Mitgliederversammlung 2014 der KEB Bayern wurde ein neuer Vorstand gewählt. Neben den zwei bereits aktiven Vorstandsmitgliedern Dr. Claudia Pfrang und Clemens Knoll stellten sich Paul Elbert und Wolfgang Stöckl als Kandidaten zur Wahl. Alle vier Kandidaten wurden mit deutlicher Mehrheit gewählt. Außerdem bekamen drei Mitgliedseinrichtungen den Best-Practice-Preis 2014 verliehen. Abgerundet wurde der Abend durch den Festvortrag „Was ist Heimat?“ Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Simone Egger, deren Referat wir fachfolgend dokumentieren, gab einen geschichtlichen Überblick über das Gefühl der Heimat, der Heimatverbundenheit und der Möglichkeit, mehrere Heimatsorte bzw. Sehnsuchtsorte zu haben.

Was ist Heimat? Eine Spurensuche in Zeiten der Globalisierung
von Simone Egger

Die Frage nach Zugehörigkeit und Verortung ist zeitlos und betrifft alle Menschen gleichermaßen – und das immer und überall. Dennoch scheint die Beschäftigung mit dem Thema in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden zu sein. Nicht zu übersehen sind Heimatbilder im Folklorestil, in bunten Farben und schrillen Tönen. Dabei ist die Auseinandersetzung mit dem Topos Heimat oft unsichtbar; leise und unerwartet stellen sich Fragen nach der eigenen Identität, nach Familie, dem Mittelpunkt des Lebens, dem Bezug zu einer ganz bestimmten Stadt oder Region. Heimat kann konkret fassbar werden, ein Dorf, eine Wohnung oder eine Stelle im Garten meinen. Heimat muss aber nicht räumlich verortbar sein. Oft geht es um Beziehungen, um ein Gefühl. Einmal ist Heimat der Geschmack von Erdbeeren im Sommer, ein anderes Mal das Notebook, das für Kontakte zu Freundinnen und Freunden steht. Heimat ist eine öffentliche Angelegenheit und zugleich sehr privat. Jede und jeder wird selbst am besten wissen, was Heimat für sie oder ihn bedeutet. Bei aller Individualität und Vielfalt gibt es aber auch große Themen, die in den einzelnen Betrachtungen immer wiederkehren.

Heimat lässt sich längst nicht mehr mit einem Wort erklären. (...)

Islam

Rund 1,6 Milliarden Menschen bekennen sich zum Islam, der nach dem Christentum größten Religion der Erde. Doch grundlegendes Wissen über Religion, Kultur und Politik im Islam ist in Europa kaum vorhanden – Vorurteile statt Kenntnisse prägen daher oft die Diskussionen. In zwei Veranstaltungen mit ausgewiesenen Experten versuchte die Katholischen Akademie Bayern, dem etwas entgegenzusteuern.

Prof. Dr. Rotraud Wielandt, Islamwissenschaftlerin an der Universität Bamberg, legte bei der Abendveranstaltung „Who is who in Islam“ am 29. Januar 2014 die grundlegenden Unterschiede der beiden großen Konfessionen des Islam – Sunna und Schia – dar und stellte auch Sondergruppen vor.

Ihr Kollege Prof. Dr. Georges Tamer, Islamwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg, warf einen genauen Blick in den Koran und zeigte, wie islamische Mystiker das heilige Buch auch als Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse betrachteten. Professor Tamer tat dies am 25. Januar 2014 auf dem Treffen der Mitglieder des Hochschulkreises Erlangen-Nürnberg/Eichstätt der Akademie.

Who is who in Islam?
von Rotraud Wielandt

Weitaus die meisten der weltweit ca. 1,6 Milliarden Muslime sind Sunniten, eine Minderheit von ihnen, wahrscheinlich rund 15 % (ca. 240 Millionen), dagegen Schiiten. Die Ursachen der Trennung zwischen beiden Observanzen reichen bis zum Tod Muhammads, des Propheten der Muslime, im Jahr 632 zurück. Dennoch lässt sich für die ersten rund drei Jahrhunderte der islamischen Geschichte noch nicht von einer Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten sprechen, denn sunnitisch in dem uns heute geläufigen Sinn ist der Mehrheitsislam erst seit der Mitte des 9. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung allmählich geworden. Allerdings begannen sich die Schiiten schon sehr bald nach Muhammads Tod von anderen Muslimen abzugrenzen. Davon, warum sie das taten und welche besonderen Leitungsstrukturen und religiösen Vorstellungen sie im Gefolge dessen entwickelten, soll hier die Rede sein. (...)

Sondergruppen und Tochterreligionen des Islam
von Rotraud Wielandt

Eine Sondergruppe, deren Gedankengut viele gewaltbereite Islamisten der jüngsten Vergangenheit beeinflusst hat, ist die der Wahhabiten. Ihre Anschauungen bilden die Staatsdoktrin und zugleich die raison d’être des Königreichs Saudi-Arabien. Die Wahhabiten sind nicht einfach besonders strenggläubige Muslime, sondern eine extrem traditionalistische Sekte mit sunnitischen Wurzeln. Gegründet wurde sie von einem Gelehrten namens Muhammad ibn Abd al‑Wahhab um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Zentrum der Arabischen Halbinsel. Er lehrte aufgrund einer speziellen Fassung des Monotheismusbegriffs, dass man bereits durch Verstöße gegen die grundlegenden islamischen Kultvorschriften wie z.B. die des täglich fünfmaligen Ritualgebets zum Ungläubigen werde – während man das nach allgemein islamischer Auffassung noch nicht durch bloße Vernachlässigung solcher Kultpflichten, sondern erst durch die Leugnung von deren Verbindlichkeit wird. Außerdem erklärte er die in der muslimischen Volksreligiosität tief verwurzelte Verehrung von Heiligen mit Besuchen an deren Gräbern und Bitten um deren Fürbitte zum Abfall vom islamischen Monotheismus. (...)

Der Koran und die Wissenschaften aus der Sicht der islamischen Mystik
von Georges Tamer

Kaum ein anderer Begriff prägte die islamische Zivilisation im Mittelalter theoretisch und in der praktischen Umsetzung wie das Wissen. Wird Gott gleich zum Auftakt der koranischen Offenbarung nachdrücklich als Wissensvermittler präsentiert, wie es in Sure 96:1-5 steht, bleibt das Bild des allwissenden, lehrenden Gottes durch den ganzen Koran hindurch aufrechterhalten. An einer Stelle lehrt Gott Adam das Wissen und lässt ihn so die Engel überragen, obwohl er ihnen eigentlich bezüglich der Materie seiner Schöpfung unterlegen war, denn er wurde aus Lehm und sie aus Feuer erschaffen – was Satan erkannte und sich hochmütig Gottes Befehl, vor Adam niederzufallen, widersetzte (Sure 2:31-34; 38:73-76). Im Koran stammt menschliches Wissen ausschließlich von Gott und führt zum Glauben an Ihn hin. Wissen, das dies nicht ist, ist Nicht-Wissen. Es ist also kein Zufall, dass die Zeit der Araber vor dem Islam in der islamischen Tradition üblicherweise die Zeit der Ignoranz genannt wird. (...)

Altschwabinger Sommerausklang

Mehr als 1600 Besucher kamen am Nachmittag und Abend des 19. Septembers 2014 in den Park der Akademie im Herzen Schwabings. Die Katholische Akademie Bayern hatte ihre Freunde und Nachbarn zum traditionellen Nachbarschaftsfest, dem Altschwabinger Sommerausklang, eingeladen, das seit 1980 stets am Freitag vor Beginn des Oktoberfestes stattfindet. Das große Gartenfest begann am Nachmittag um 14.30 Uhr und dauerte bis in den Abend. Geboten wurden Musik, Essen und Trinken zu zivilen Preisen, Showeinlagen und viele Attraktionen für die zahlreichen kleinen und größeren Kinder. (...)

Katholisches Basiscamp III
Dialoge über Grundbegriffe des Christentums: Kirche

Ein Basiscamp ist nötig, um von diesem sicheren Ort aus in die Höhen vorstoßen zu können. Dieses Wissen der Bergsteiger stand Pate bei der Reihe „Katholisches Basiscamp“. Zur dritten und abschließenden Veranstaltung der Reihe lud die Katholische Akademie Bayern am 7. April 2014 ein. Dabei ging es um das Thema Kirche: Einführend trugen dazu Barbara Krzoska und Sebastian Griegel, beide Schauspielschüler an der Bayerischen Theaterakademie, das zweite Kapitel der Apostelgeschichte sowie das 13. Kapitel aus Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ vor.

Im Anschluss diskutierten Bertram Stubenrauch, Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der LMU München, und Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der LMU München. Die Moderation hatte Dr. Johannes Schießl, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholischen Akademie Bayern. Im Folgenden dokumentieren wir das Gespräch.

Dialoge über Grundbegriffe des Christentums: Kirche
von Bertram Stubenrauch und Armin Nassehi

Johannes Schießl: Herr Professor Stubenrauch, ganz spontan: Wie ging es Ihnen mit dem Hobbes-Text?

Bertram Stubenrauch: Ich hatte den Eindruck, als sei der Mensch eine Bestie und müsse bezähmt werden. Ich vermute, dass manche sagen, die Kirche ist dazu da, diese Bestie zu zähmen. Da würde ich ein Fragezeichen machen…

Johannes Schießl: Herr Professor Nassehi, der Krieg aller gegen alle, oder „Homo homini lupus“: Ist unsere Gesellschaft nun einmal so?

Armin Nassehi: Wenn man solche Texte hört, muss man sich schon auch fragen, wann, für wen und in welchem Kontext sie geschrieben worden sind. Die Erfahrung von Thomas Hobbes während der englischen Bürgerkriege war durchaus eine, bei der so etwas wie soziale Ordnung ganz offensichtlich ähnlich aussah wie das, was hier beschrieben wurde. (...)

Rupert Eder. ROTOR

Unter dem Titel „ROTOR“ zeigt die Katholische Akademie Bayern in der aktuellen Ausstellung Bilder des Malers Rupert Eder. Bei der Vernissage am 15. September 2014, zu der der Künstler mit seiner Familie gekommen war, führte der Kölner Kunstfachmann Dr. Guido Schlimbach vor rund 150 Besuchern in die Ausstellung ein, in der neue Ölbilder auf Leinen sowie Aquarelle auf Papier gezeigt werden.

Die Ausstellung im Kardinal Wendel Haus, dem Tagungszentrum der Katholischen Akademie, ist bis zum 16. Dezember 2014 geöffnet, montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Da in den Ausstellungsräumen immer wieder Veranstaltungen stattfinden und ein Besuch der Ausstellung dann nicht möglich ist, empfiehlt es sich, vor einem Besuch kurz anzurufen. Tel. 089/38 10 20.

Der Katalog ist während der Ausstellungsdauer an der Rezeption der Akademie erhältlich und kostet 20 Euro. Rupert Eder: A painting is a painting is a rose, Hg. Galerie Nanna Preußners, mit einem Beitrag in dt./engl. von Robert Felfe, 126 Seiten, 60 Farbabbildungen, Landshut 2014.

Eine Einführung
von Guido Schlimbach

Ich freue mich sehr darüber, heute hier zu sein, noch dazu, einige Sätze zu den Arbeiten von Rupert Eder sagen zu dürfen. Meine Gedanken gehen zurück auf meinen ersten Besuch in der Katholischen Akademie, nahezu genau vor neun Jahren, als an dieser Stelle die Ausstellung von Jon Groom eröffnet wurde.

Ich danke an dieser Stelle ausdrücklich Uschi König, Galeristin aus Hanau, die mich nicht nur vor elf Jahren mit Jon Groom zusammen brachte und hierher nach München einlud, sondern ohne die ich auch nicht Rupert Eder getroffen hätte, mit dessen Malerei ich mich seit Anfang 2008 eng verbunden fühle und dessen Freund zu sein ich mich glücklich schätzen darf.

Rupert Eder, 1968 in Bad Aibling geboren, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Dießen am Ammersee. „Lebt und arbeitet“ ist an dieser Stelle tatsächlich mehr als eine Attitüde, denn wenn man mit ihm dort in seinem Atelier zusammensitzt, wenn die Arbeiten in diesem großzügigen hellen Raum ihre volle Wirkung entfalten, wenn wir gemeinsam Stellproben vollziehen, wenn er über sich und die Malerei spricht und man nicht umhin kann, Leben, Denken und Malen als Einheit zu betrachten, dann gewinnt diese feststehende Formulierung eine Erdung, die vieles erklärt. (...)

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