Heft 05/2014

Inhaltsverzeichnis
Johann Michael Sailer als Brückenbauer

Mit einer Tagung in Regensburg erinnerte die Katholische Akademie Bayern am 5. April 2014 an Johann Michael Sailer. Der große Theologe lebte von 1751 bis 1832 in einer Zeit großer kirchlicher und gesellschaftlicher Umbrüche, wurde als Bischof von Regensburg ein Brückenbauer im Geiste Jesu, wirkte als Seelsorger und Lehrer, war aber auch ein Vorkämpfer der Ökumene. Aktueller Anlass der Tagung mit dem Titel „Johann Michael Sailer als Brückenbauer“ im Vorfeld des Katholikentages in Regensburg ist die „Rückkehr“ von Johann Michael Sailer auf den Emmeramsplatz. Das Denkmal des Theologen, der den Ehrentitel „Bayerischer Kirchenvater“ erhielt, stand dort viele Jahre, wurde im Zweiten Weltkrieg fast eingeschmolzen und nach dem Krieg an der Bahnhofsstraße aufgestellt. Heuer am 20. Mai, dem Todestag des Bischofs, kehrte das Denkmal nun auf seinen angestammten Platz vor der Basilika Sankt Emmeram zurück.

Johann Michael Sailer als Bischof von Regensburg
von Bischof Rudolf Voderholzer

„Man muss sagen, dass dem Bistum Regensburg nur ein beschränkter Teil von Sailers Wirken zugute kam, doch hat Regensburg die Ehre, die größte, wahrhaft überragende Gestalt im deutschen Katholizismus dieser Zeit als Bischof gehabt zu haben“ (Georg Schwaiger, Johann Michael Sailer. Der bayerische Kirchenvater, München 1982). So beginnt Georg Schwaiger, mein verehrter Münchner Lehrer in der Kirchengeschichte und selbst Regensburger Diözesanpriester, seine Darstellung des letzten und gleichsam krönenden Abschlusses des Wirkens von Sailer, eben als Bischof von Regensburg. Die Bischofszeit von Johann Michael Sailer ist quellenmäßig gut belegt und auch gut erforscht. Was ich Ihnen hier aus der Fülle der möglichen Materialien vorstellen und interpretieren darf, speist sich aus den Studien vor allem von Georg Schwaiger, Paul Mai, Konrad Baumgartner und Alexander Loichinger.

Die Ausführungen über Johann Michael Sailer als Bischof in Regensburg sind folgendermaßen gegliedert: Zunächst die Vorgeschichte seines Episkopats, dann, sein Weg „hinein ins Bistum“ (Pastoral- und Firmreisen), seine Sorge um die Priesterausbildung und die Wiederbelebung der Klöster und schließlich Sailer im Spiegel zweier wichtiger Bezugspersonen (Proske und Diepenbrock). In all dem wird es hoffentlich gelingen, Johann Michael Sailer als einen Bischof vorzustellen, der lange vor der Zeit das Bischofsideal des Zweiten Vatikanischen Konzils, das biblische Bischofsideal, verwirklicht hat, ein Ideal, das zuletzt durch die Päpste Benedikt und jetzt Franziskus beschworen wurde und wird. (...)

Johann Michael Sailer – Leben und Bedeutung
von Konrad Baumgartner

Johann Michael Sailer (1751–1832) war der 69. Bischof von Regensburg in den Jahren von 1829 bis 1832. Zuvor war er 1821 Domkapitular in Regensburg und ein Jahr später Weihbischof und Koadjutor des altersschwachen Bischofs Johann Nepomuk Wolf (1821–1829). Am 20. Mai 1832 verstarb Sailer in der Bischöflichen Residenz zu Regensburg. Seine letzten Worte waren: „Wie Gott will. Herr, da bin ich“.

Mit Johann Michael starb ein Fährmann des Glaubens, der das Schiff der Kirche in sturmbewegter Zeit an neue Ufer geleitet hatte. In radikaler Hinwendung zum einzigen Quellgrund des Glaubens, Jesus Christus, hat er in lebendiger Unmittelbarkeit aus diesem Glauben geschöpft und mit erneuertem Wasser den Strom der Überlieferung aufbereitet, belebt und weitergetrieben. Er, der „bayerische Kirchenvater“, der „Heilige einer Zeitenwende“, hat dem Christsein und dem pastoralen Handeln damals entscheidende Impulse vermittelt, die in ihrer Wirkkraft bis in unsere Zeit hereinreichen. Wer war dieser Mann, worin besteht sein Werk, worin seine Wirkung über seine Zeit hinaus, welche Bedeutung hat er für uns heute? (...)

Bischof Johann Michael Sailer wieder auf dem Emmeramsplatz
von Eberhard Dünninger

Die Rückkehr des Standbildes von Johann Michael von Sailer auf den Emmeramsplatz ist ein Anlass zu freudiger Dankbarkeit. Dieser Dank gilt vor allem König Ludwig I., der dieses Denkmal in Auftrag gegeben und der Stadt Regensburg geschenkt hat. Sein Standbild für Sailer ist ein bemerkenswertes Zeugnis für seine Beziehung zur Stadt Regensburg und zu dem Bischof, seinem einstigen Lehrer an der Universität Landshut, dem er den Weg nach Regensburg ins bischöfliche Amt geebnet hat.

Es ist gut, bei diesem Anlass an die Verbundenheit des Königs mit Regensburg zu erinnern, die begründet war in seinem Geschichtsbewusstsein und in seiner Überzeugung von der über ein Jahrtausend zurückreichenden Geschichte dieser Stadt als einem Mittelpunkt Bayerns. 1830 richtete er an die Stadt und ihre Bürger ein königliches Wort: (...)

König Ludwig I. und Johann Michael von Sailer
von Bernhard Lübbers

König Ludwig I. von Bayern hat bekanntlich zahlreiche Gedichte veröffentlicht, die ihm nicht nur Anerkennung, sondern mehr noch die Häme einiger Zeitgenossen eintrugen. Insbesondere Heinrich Heines bissige, ja teils brutal gehässige Parodien sind in Erinnerung geblieben. Spätestens seit Wolfgang Frühwalds grundlegender Untersuchung dieser Werke ist klar, dass jedes veröffentlichte Stück königlicher Poesie nicht nur mit voller Absicht publiziert wurde, sondern für Historiker auch eine ergiebige Quelle für die Denkweise Ludwigs darstellt. Die Gedichte erlauben seltene Einsichten in das Denken und Fühlen des Wittelsbachers. In dem dritten, 1839 erschienen Band seiner Gedichte findet sich auch ein Poem Ludwigs I. auf Bischof Sailer, das in bemerkenswerter Weise offenbart, was Ludwig über seinen Lehrer dachte. (...)

Befreundung in Jesus Christus: Johann Michael Sailers Impulse für die Ökumene
von Bertram Meier

Eine reflektiert nachgehende Theologie (Klaus Hemmerle) ist nicht einfach Nachlassverwalterin der Vergangenheit, sondern begreift die Aufgabe der Befragung der Vergangenheit um der Zukunft willen. Die Gestalt des Johann Michael Sailer (1751–1832) bietet sich für eine solche Orientierung an, zumal seine Person und sein Wirken von einer, freilich unter veränderten Vorzeichen, aktuellen Spannung geprägt sind: Im Blick ist der Gegensatz zwischen Reformkatholizismus und katholischer Restauration, zwischen irenischem Ökumenismus und kurialem Integralismus, einen Gegensatz, der die katholische Erneuerung im 19. Jahrhundert von Anfang an begleitet.

Die ökumenischen Bemühungen des „bayerischen Kirchenvaters“ sind nicht nur als Kür zu sehen, sondern waren Pflicht für einen Theologen, dessen Kirchenbild den Rahmen des Römisch-Katholischen sprengt und der gleichzeitig als „Genie der Freundschaft“ auf der Ebene des Menschlichen vielfältige Kontakte nicht nur mit katholischen „Insidern“, sondern auch zu protestantischen Christen und darüber hinaus mit Denkern außerhalb des christlichen Lagers pflegte. (...)

Wirtschaft – nachhaltig und auf sozialethischer Basis

Ein Themengebiet gewinnt in der Arbeit der Katholischen Akademie Bayern und der Katholischen Erwachsenenbildung Bayern (KEB) immer mehr Gewicht: Das Zusammenspiel von Wirtschaft, Nachhaltigkeit und sozialethischen Fragestellungen. So stehen z.B. in Veranstaltungen der Reihe „Wissenschaft für jedermann“ im Deutschen Museum immer wieder Fragen der Umwelttechnologie und deren sozialethischer Dimension im Mittelpunkt; in den letzten Jahren wurden immer wieder strittige, aber auch herausragend wichtige Themen des nachhaltigen Wirtschaftens aus technischer, politischer und sozialethischer Warte beleuchtet: Energiewende (Power-to-Gas), Seltene Erden, Biosprit, Fracking oder Urban Mining. Im sogenannten „Sozialethischen Fachforum“ kommen – um eine weitere Reihe unserer Akademie zu erwähnen – regelmäßig hochverantwortliche Entscheidungsträger in die Akademie, um in geschütztem Rahmen das Handeln an der Spitze von Unternehmen zu erläutern.

Und so war es überhaupt nicht zufällig, dass am Abend des 11. Dezembers 2013 die drei Grundbegriffe „Wirtschaft“, „Nachhaltigkeit“ und „Sozialethik“ wieder einmal gemeinsam im Mittelpunkt standen. Zusammen mit der „vbw–Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.“, der Interessenvertretung bayerischer Unternehmen, veranstaltete die Katholische Akademie Bayern eine abendliche Podiumsdiskussion zum Thema „Nachhaltiges Wirtschaften zahlt sich aus“. (...)

Reihe „Wissenschaft für jedermann“
Power-to-Gas
Innovative Speichertechnologie für die Energiewende

Die große Bedeutung der alternativen Speichertechnologie „Power-to-Gas“ für die Energiewende trat in einer gleichnamigen Veranstaltung der Katholischen Akademie Bayern am 13. November 2013 klar zu Tage. Der Vortrag von Dr. Michael Specht, Fachgebietsleiter Regenerative Energieträger und Verfahren am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg, in der Reihe „Wissenschaft für jedermann“, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Museum stattfindet, machte die Vorteile dieses vielversprechenden Speichermediums deutlich. 

Im Mittelpunkt des Abends stand eine technologische Fragestellung: Ist Power-to-Gas eine innovative Speichertechnologie? Wie diese Technik genau funktioniert und welches Potential in ihr steckt, stellte Dr. Michael Specht, den mehr als 270 Besuchern vor. Es mussten sogar interessierte Menschen abgewiesen werden, weil alle Sitzplätze im Ehrensaal des Deutschen Museums besetzt waren.

Wir dokumentieren in der Folge die Einführung zur Veranstaltung, die Prof. Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der LMU München, gehalten hat.

Power-to-Gas: Katalysator für einen Epochenwechsel in der Energieversorgung?
von Markus Vogt

Nicht selten wird die Gegenwart in Bezug auf die Umbrüche in der Energieversorgung und ihre vielfältigen Konsequenzen als Epochenwechsel bezeichnet. Dabei ist jedoch fraglich, ob es angemessen ist, die eigene Zeit als einen solchen Wechsel zu beschreiben. Solche Einschätzungen sind meist erst im Rückblick möglich, da sie einer gewissen Distanz und historischer Vergleichsgrößen bedürfen. Jede Zeit ist eine Mischung von Kontinuitäten und Umbrüchen, deren jeweilige Tragweite sich oft erst sehr viel später herausstellt und bewerten lässt.

Diese Relativität sollte uns allerdings nicht daran hindern, die Umbrüche in der aktuellen Situation auch in ihren Tiefendimensionen und Zusammenhängen wahrzunehmen und Veränderungen, die gestaltend darauf reagieren, anzustoßen. In der Theologie spricht man hier von den „Zeichen der Zeit“, die es im Licht des Evangeliums zu erforschen gilt, und dem „Kairos“, dem rechten Zeitpunkt für entschlossenes Handeln. Menschen, die Innovationen anstoßen, haben ein Gespür für Veränderungen, die in der Luft liegen. Sie haben Maßstäbe, in deren Licht sie Herausforderungen erkennen und bewerten. Nicht zuletzt zeigen sie Mut, Hindernisse zu überwinden und neue Wege zu gehen auf der Suche nach Antworten auf die Nöte und Chancen ihrer Zeit. (...)

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg gilt wohl zu Recht als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.“ In vielerlei Hinsicht markiert er eine einschneidende Zäsur der deutschen und europäischen Geschichte. Millionen von Menschen verloren in den Materialschlachten bis dahin nicht gekannten Ausmaßes ihr Leben. Tiefgreifende Erschütterungen aller bisherigen Lebenswirklichkeiten waren die Folgen. In zwei sehr gut besuchten Veranstaltungen befasste sich die Katholische Akademie mit verschiedenen Aspekten des Großen Krieges, eines gerade durch die politischen Entwicklungen in der Ukraine so aktuellen Themas.

Der namhafte Politikwissenschaftler Herfried Münkler referierte am 11. März 2014 beim Akademiegespräch mit Offizieren der Bundeswehr – veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Katholischen Soldatenseelsorge – zum Thema „Warum der Erste Weltkrieg nicht im Herbst 1914 beendet wurde.“

Und bei unserer Tagung „August 1914 – Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs“ am Montag, 17. März 2014, analysierten die drei renommierten Historiker Christopher Clark, Andreas Holzem und Lucian Hölscher die Vorgeschichte des Krieges, die Rolle von Katholiken und Kirche sowie die völlig neue Dimension dieses Krieges.

Der Große Krieg. Warum der Erste Weltkrieg nicht im Herbst 1914 beendet wurde
von Herfried Münkler

Es hat im Herbst 1914 keine Friedensverhandlungen gegeben, nicht einmal Verhandlungen über einen Waffenstillstand, und insofern mag die Themenstellung meines Vortrags überraschend sein. Sie orientiert sich nicht an dem, was der Fall war bzw. worum man sich bemüht hat und woran man dann doch gescheitert ist, sondern folgt Überlegungen, die von der Frage ausgehen, was den nach den Handlungslogiken der Akteure bzw. den systemischen Imperativen der politischen Ordnung Europas im Spätherbst 1914 rational gewesen wäre. Und zweifellos wäre es im Hinblick auf die kriegführenden Parteien wie auf die europäische Ordnung rational gewesen, den Krieg im Herbst 1914 zu beenden, nachdem das von (fast) allen Kriegsparteien verfolgte Projekt einer schnellen Entscheidung fehlgeschlagen war und sich abzeichnete, dass man, wenn der Krieg weiterging, den von allen gefürchteten Erschöpfungskrieg führen werde. (...)

Die Schlafwandler
von Christopher Clark

Am frühen Vormittag des 28. Juni 1914, als der Österreich-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek am Sarajevoer Bahnhof ankamen, um der Hauptstadt Bosniens einen feierlichen Besuch abzustatten, herrschte in Europa Frieden. Und hätte man die bestinformiertesten Staatsmänner des Kontinents an jenem Vormittag gefragt, wie groß sie das Risiko eines europäischen Krieges einschätzten, dann hätte die Mehrzahl von ihnen geantwortet, ein kontinentaler Konflikt sei in den letzten Monaten unwahrscheinlicher geworden.

Schliesslich hatte man die Balkankrisen der Jahre 1912 und 1913 überwunden, ohnen einen großen Krieg auszulösen. Insofern verschärfte Spannung zwischen den europäischen Großmächten zu verzeichnen sei, betraf diese die Verhältnisse innerhalb der zwei Bündnisse, nicht diesjenigen zwischen Entente und Dreibund. „Seitdem ich an der Foreign Office angestellt bin“, schrieb Arthur Nicolson, ein hoher Funktionär am britischen Foreign Office, Anfang Mai 1914, „habe ich nie einen so ruhigen Seegang erlebt“.

37 Tage später befand sich Europa jedoch in einem Krieg, der zu einem Weltkrieg ausarten sollte. Und dieser Weltkrieg ist mit Recht als die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet worden. (...)

„…wenig gebetet, aber heißer als je“: Katholiken im Ersten Weltkrieg (1914–1918)
von Andreas Holzem

Alois W. schreibt im Sommer 1916 an seine Eltern: „Möglicherweise erhalte ich hier die Feuertaufe, aber wir müssen dankbar sein, daß es bisher so glimpflich abging, aber wir stehen in Gottes Hand u. hier in Galizien fühle ich mich im besonderen Schutz meines seligen Bruders, dessen Grab ich ja hier eigentlich verteidige.“ Dieser Bruder Ignaz W., Theologiestudent im Tübinger Wilhelmsstift, war schon wenige Monate nach Kriegsbeginn 1915 im Russlandfeldzug gefallen. Als der Krieg Alois dann tatsächlich im August 1916 in seiner vollen Wucht erreichte, „war kein Ende dieses Elends zu sehen; in diesen Augenblicken habe ich wenig gebetet, aber heißer als je.“ Seinen Sold schickt er nach Hause, davon solle die Familie Messen lesen lassen „für Ignaz, an dessen fühlbarer Nähe als besonderer Schutzengel ich mit festem Vertrauen glaube“. Auch die Kondolenzbriefe der Freunde an die Eltern sprechen diese Sprache: Nicht Menschenworte, sondern nur Gebete könnten trösten angesichts eines Todes, der nun nicht in der Priesterberufung, sondern im Selbstopfer des Krieges in die Nähe Gottes geführt habe: „Vergesse nicht, daß der Hl. Thomas von Aquin den Heldentod fürs Vaterland mit dem Märtyrertod auf eine Stufe stellt“, so ein Trostbrief in dieser bemerkenswerten Familienkorrespondenz, die einer meiner Doktoranden in unserem Tübinger Sonderforschungsbereich „Kriegserfahrungen“ entdeckte. (...)

Der Erste Weltkrieg – „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ oder „Geschichtsbruch“?
von Lucian Hölscher

Der Erste Weltkrieg – 100 Jahre nach seinem Ausbruch: Was geht er uns heute noch an? Die Frage danach, wen die Hauptschuld am Ausbruch dieses Krieges trifft, steht nicht mehr im Mittelpunkt unseres Interesses. Sie beherrschte Jahrzehnte lang zwar die öffentliche Diskussion – vor allem in Deutschland, wo man sich bis weit über den Zweiten Weltkrieg hinweg vehement gegen die einseitige Schuldzuschreibung an Deutschland und seine Verbündeten im Versailler Vertrag von 1919 wehrte. Doch heute eröffnet sie keine Perspektive mehr für die Zukunft Europas.

Als der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1959 mit der spektakulären These auftrat, Deutschland falle tatsächlich die Hauptschuld zu, war dies noch ein Dammbruch, der aber gut in den Kontext der Zeit passte. Denn die deutsche Öffentlichkeit suchte damals nach einer Wiederaufnahme in den Kreis der westlichen Nationen, nach einer Distanzierung vom Dritten Reich. Als dessen Vorgeschichte stand der Erste Weltkrieg allerdings schon damals im Schatten des Zweiten und ist es bis heute geblieben. (...)

Energiewende – Vision und Realität

Spätestens mit der Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima ist die Energiewende zum politischen  Top-Thema aufgestiegen. (...)

Die Katholische Akademie Bayern und die Katholische Erwachsenenbildung Bayern (KEB) haben das brisante Thema „Energiewende“ bereits sehr früh aufgegriffen. Seit 2012 kooperieren die Umweltbeauftragten der bayerischen (Erz-)Diözesen und die KEB Bayern in dem vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit geförderten Projekt „Klimaschutz braucht Bildung“, mit dem versucht werden soll, Wissen z. B. über Fragen der Nachhaltigkeit und der Energiepolitik in der Bevölkerung zu verankern.

Im Rahmen dieses Projektes warf die Veranstaltung „Energiewende – Vision und Realität“ am 6. Juli 2013 – getragen von der Akademie, der KEB und den kirchlichen Umweltbeauftragten – den Blick auf die Wirklichkeit der deutschen Energiewende. (...)

NS-Raubkunst. Spätschuld, Folgen und Konsequenzen

Im zweiten und abschließenden Teil der Dokumentation unserer Tagung „NS-Raubkunst. Spätschuld, Folgen und Konsequenzen“ vom 22. Februar 2014 veröffentlichen wir im Anschluss nun die beiden Referate der Mitarbeiter des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Darin legen diese beiden ausgewiesenen Experten auf dem Feld der Provenienzforschung Aufgaben, Methoden und Erfolge ihres Fachgebietes dar, formulieren aber auch klar, welche Desiderate es gibt. In Ausgabe 4-2014 unserer Zeitschrift „zur debatte“ finden Sie die beiden ersten Beiträge, in denen rechtliche, politische und moralische Aspekte des Themas „Raubkunst“ behandelt wurden. 

Vermögensentzug / Kunstraub / Raubkunst
von Christian Fuhrmeister

Die Frage ist deshalb so wichtig, weil der Standpunkt des Sprechers, also die institutionelle Zugehörigkeit oder Anbindung sowie der konkrete Arbeitsauftrag von großer, ja von elementarer Bedeutung für das ist, was gesagt wird – und gleichfalls dafür, was nicht gesagt wird. Ich wage die These, dass es im Bereich der Geisteswissenschaften wenige Bereiche gibt, in denen der konkrete Arbeitskontext so essentiell ist wie im weiten Feld der Provenienzforschung.

Ich spreche jedenfalls erstens als Kunsthistoriker, der sich seit exakt 20 Jahren mit Kunst und Architektur vor, während und nach dem Nationalsozialismus beschäftigt, d.h. seit Beginn meiner materialikonographischen Dissertation im Jahr 1994. Seitdem habe ich mich ebenso mit Fragen der Malerei und der Skulptur wie mit Ausstellungen, Denkmälern und Soldatenfriedhöfen, ebenso mit fach- und disziplingeschichtlichen wie mit medialen oder institutions- und organisationsgeschichtlichen Aspekten beschäftigt. (...)

Aus aktuellem Anlass: Problemfelder der Provenienzforschung
von Meike Hopp

Die Medienberichterstattung der letzten Monate zum „Schwabinger Kunstfund“ bzw. zum „Casus Gurlitt“ hat erstmals einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass es im Bereich der Forschung nach NS-Raubgut an deutschen Museen in den letzten Jahrzehnten große Versäumnisse gegeben hat. Allein die hohe Anzahl an Kunstwerken ungeklärter, teilweise verdächtiger Herkunft, die im März 2012 in der Wohnung von Cornelius Gurlitt, dem Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895–1956), beschlagnahmt worden war, macht nicht nur Kontinuitäten des NS-Kulturgutraubes sichtbar, sondern auch inhaltliche wie strukturelle Defizite der Provenienzforschung in Deutschland greifbar. Moralisch-ethische und rechtliche Fragestellungen stehen im Widerspruch. Den komplexen Terminus des „gutgläubigen Erwerbs“ gilt es zu hinterfragen ebenso wie das Problem der „Verjährung“ von Eigentumsansprüchen und den daraus resultierenden juristischen Konsequenzen. Über allem schwebt die noch ungeklärte Frage nach der Rechtmäßigkeit einer derart umfassenden Beschlagnahme von Privatvermögen. (...)

Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“

Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“ waren das Thema der Vorlesung des evangelischen Religionswissenschaftlers Prof. Dr. Michael von Brück am 10. April 2014 in der Katholischen Akademie Bayern. Der Wissenschaftler, der im laufenden Sommersemester als Professor an der Universität München in Ruhestand geht, hielt in der Akademie vor mehr als 450 Zuhörern die erste seiner Abschiedsvorlesungen. Professor von Brück griff mit seinem Referat, in dem er religionswissenschaftliche Zugänge zu Rilkes „Duineser Elegien“ suchte, ein Thema auf, das auch der Religionsphilosoph und Theologe Romano Guardini schon intensiv untersucht hatte.

Michael von Brück ordnete Rilkes Gedichte in den Epochenbruch rund um den Ersten Weltkrieg ein und zog Parallelen zur Bildenden Kunst, etwa der Malerei Kandinskys oder der Bildhauerei Rodins, sowie zur Musik, etwa der Symphonik Mahlers oder der Moderne Strawinskis. Zudem hob Brück die Rolle Rilkes als Mystiker hervor und wies auf die Verwandtschaft zum Buddhismus hin.

Religionswissenschaftliche Zugänge
von Michael von Brück

Warum die „Duineser Elegien“ als Abschiedsvorlesung? Ich möchte einen Bogen schlagen. Der Beginn meines Theologiestudiums in Rostock 1968 verzögerte sich durch einen Unfall, der mich für einige Monate ans Bett fesselte. Mein zukünftiger Lehrer, Dr. Peter Heidrich, sandte mir einen Brief ins Krankenhaus mit der 10. Duineser Elegie von Rilke („Wir, Vergeuder der Schmerzen“) und der Interpretation von Romano Guardini. Rilke hatte ich gelesen, Guardini noch nicht. Die Elegien faszinierten und erschreckten mich wegen ihrer existenziellen Radikalität. Die Nähe zum Buddhismus erkannte ich erst viel später. So waren für mich beide, Rilke und Guardini, das intellektuelle Tor zum Eintritt in die akademische Welt. Im Respekt vor dem Lehrer, dem ich so vieles verdanke, und dem großen katholischen Religionsphilosophen, dessen Denken mich nicht unerheblich geprägt hat, möchte ich diese Vorlesung präsentieren. (...)

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