Heft 01/2014

Inhaltsverzeichnis
Die Bühne als Altar?
Richard Wagner und die Religion

In Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Bayreuth veranstaltete die Katholische Akademie Bayern eine Tagung zum Verhältnis von Richard Wagner zur Religion. Die Veranstaltung am 25. und 26. Oktober 2013 mit dem Titel „Die Bühne als Altar?“ fand anlässlich des 200. Geburtstages des Komponisten statt, und mit Bayreuth wurde natürlich die Stadt als Tagungsort ausgewählt, in der Richard Wagner Jahrzehnte wirkte und noch heute gegenwärtig ist.

„zur debatte“ dokumentiert die vier Referate der Tagung und die kurze Ansprache des Bayreuther Regionaldekans Domkapitular Dr. Josef Zerndl, mit der er die Teilnehmer des Konzertes in der Schlosskirche begrüßte, das ebenso wie eine Spezialführung durchs Festspielhaus zusätzlich auf dem Programm stand.

„… und sein Erbarmen ist kein Spott!“
von Ulrike Kienzle

Über nichts hat Richard Wagner zeit seines Lebens so tief nachgedacht wie über die Liebe und über die Religion. Die großen Menschheitsfragen – „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist der Sinn des Lebens, des Leidens und der Liebe?“ bewegten ihn immer. Seine Werke sind davon in ihrem innersten Kern geprägt, auch wenn die Regisseure heute oftmals einen großen Bogen um die sogenannten „Erlösungsschlüsse“ machen. Das ist bedauerlich, denn sie grenzen damit einen zentralen Aspekt der Wagnerschen Botschaft aus. 
Wagners Religion ist vor allem eine Religion der Liebe. Die liebende Begegnung zwischen Mann und Frau weist über sich hinaus auf den Urgrund der Schöpfung. Eine Vorstellung von Gott im Sinne der christlichen Theologie sucht man bei Wagner indes vergebens. Gott ließ sich für ihn weder begrenzen noch definieren. Wagner war ein kritischer Freigeist, der seinen eigenen Weg ging, im Leben wie in der Kunst, im Denken wie in der Religion. (...)

Religion im Werden.
von Richard Mohn

Der im Folgenden gewählte Zugang zum Thema besteht in einer Lektüre seiner Schrift über Religion und Kunst aus dem Jahr 1880, die er in den Jahren 1879 und 1880 in Neapel in der Villa Angri geschrieben hat und die zuerst in den „Bayreuther Blättern“ 1880, dann in einem separaten Druck „nebst einem Nachtrage ‚Was nützt diese Erkenntnis?‘“ als Beilage für die Abonnenten des Jahrganges 1881 der „Bayreuther Blätter“ erschienen ist. In dieser Religions-Schrift, zu einer Zeit, als sich seine Buddhismus-Kenntnis etabliert und vertieft hatte und seine lange Beschäftigung mit dem Sieger-Projekt, also einer Buddha-Oper, ihre Spuren hinterlassen haben mochte, hat sich Wagners Verständnis von Religion in dreifacher Hinsicht verdichtet und theoretisch zugespitzt. Folgende drei Thesen sollen anhand des Textes herausgearbeitet werden. (...)

Erlösung und Liebe
von Peter Steinacker

Wenn man Richard Wagners Verständnis von und seine Beziehung zu Religion beschreiben und verstehen will, muss man zwei Vorüberlegungen anstellen. Erstens: Man muss sich über die religiöse Lage der Gesellschaft im Westen Europas im 19. Jahrhundert klar werden und man muss sich zweitens darüber verständigen, was wir unter Religion verstehen wollen, denn das ist ja keineswegs von vorneherein klar. (...)

Der Künstler als Prophet?
von Ulrich Berner

Am Ende seiner Schrift „Religion und Kunst“ hat Richard Wagner sich der kritischen Frage gestellt, ob er eine Religion stiften wolle. Er hat diese Frage verneint und erklärt, dass er dies für unmöglich halte. Am Anfang dieser Schrift hatte er allerdings festgestellt, „dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten“. Deshalb ist die Frage doch nicht von der Hand zu weisen, ob Richard Wagner als ein Religionsstifter zu betrachten ist – vielleicht als Stifter einer „Kunstreligion“ (siehe Rohls S.78-82) oder einer „Patchwork-Religion“, die christliche und buddhistische Elemente verbindet (siehe Steinacker S. 130). Es wäre aber zu überlegen, ob es Alternativen zur Kategorie des Religionsstifters gibt und ob es neben Christentum und Buddhismus noch andere religiöse Traditionen gibt, die in die Betrachtung einbezogen werden müssten. (...)

Theologie – Lehramt – Öffentliche Meinung
150 Jahre nach der Münchener Gelehrtenversammlung 1863

In seiner programmatischen Eröffnungsrede der Münchener Gelehrtenversammlung, die 1863 in Sankt Bonifaz stattfand, suchte der Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger vor dem Hintergrund der kulturellen und kirchlichen Situation der Zeit das Wesen, die Aufgabe und die Methoden der Theologie neu zu bestimmen. Darüber hinaus stand die Theologie vor der Herausforderung, sich in den laufenden Prozessen der Moderne sowohl innerkirchlich als auch gesellschaftlich zu verorten. In der Münchner Abtei St. Bonifaz und der Katholischen Akademie gingen 150 Jahre nach dieser Versammlung vom 16. bis 18. September 2013 Wissenschaftler den bis heute aktuellen Themen der damaligen Versammlung nach und fragten vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung nach der heutigen Relevanz der damaligen Zusammenkunft. 

Eine Einführung
von Franz Xaver Bischof

Ursprünglich planten wir, die Tagung zeitlich mit der Gelehrtenversammlung vor 150 Jahren abzustimmen und sie am 28. September beginnen zu lassen. Dies ist aus organisatorischen Gründen nicht gelungen. Umso mehr freuen wir uns, die Tagung am Ort des Geschehens selbst eröffnen zu können. Für mich jedenfalls als Kirchenhistoriker auf dem Lehrstuhl Ignaz von Döllingers hat das einen besonderen Reiz. Vielen Dank Herr Abt, dass Sie uns die Türen Ihrer Abtei mit größter Zuvorkommenheit geöffnet haben und danke, dass die Pflege des historischen Bewusstseins in St. Bonifaz einen so hohen Stellenwert hat.

Bevor wir zum Hauptereignis des heutigen Abends kommen, möchte ich in wenigen Sätzen skizzieren, warum es 1863 zur Gelehrtenversammlung, der ersten und einzigen dieser Art, kam, welche organisatorischen Hürden überwunden werden mussten, wie sie verlief und welches Ergebnis sie zeitigte. (...)

Katholische Theologie zwischen Lagerbildung, Neuorientierung und Wissenschaftspathos
von Franz Xaver Bischof

Die Versammlung katholischer Gelehrter 1863 in München und ihre wenig später erfolgte Desavouierung durch das päpstliche Breve Tuas libenter bilden zwar nicht den Anfang, aber doch die entscheidende Zäsur im spannungs- und konfliktreichen Verhältnis von Theologie und Lehramt, das die katholische Theologiegeschichte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Zu verstehen sind diese Konflikte, die unter Papst Gregor XVI. (1831–1846) einsetzten, teils vor dem Hintergrund der von Aufklärung, Französischer Revolution und liberaler Gesellschaftsordnung freigesetzten und im Verlauf des 19. Jahrhunderts wirkmächtig gewordenen geistesgeschichtlichen Prozesse, teils vor dem Hintergrund der darauf reagierenden kirchlichen Autoritäten. Diese setzten in radikaler Abwehr von Reformation, Aufklärung und neuzeitlichem Freiheitsdenken in kirchlich-konfessioneller Selbstbehauptung ein ultramontanes Kirchenverständnis durch, das in den Beschlüssen des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) gipfelte.

Joseph Kleutgen, das Breve „Tuas libenter“ von 1863 und die Folgen für die katholische Theologie
von Hubert Wolf

Nach dem 21. Dezember 1863 war in der katholischen Kirche nichts mehr wie vorher. Der Apostolische Brief „Tuas libenter“, den Pius IX. an diesem Tag an den Münchener Erzbischof Gregor von Scherr schrieb, stellt einen grundsätzlichen Bruch in der Kirchen- und Theologiegeschichte dar, der an Bedeutung vielleicht sogar die Dogmatisierung des päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der Unfehlbarkeit auf dem Ersten Vatikanum übertrifft. Denn bis „Tuas libenter“ waren die Theologen in ihren wissenschaftlichen Forschungen letztlich nur durch Dogmen gebunden, die ökumenische Konzilien und die Päpste feierlich verkündet hatten. Jetzt wurden sie zum absoluten Gehorsam gegenüber allen, in welcher Form auch immer gegebenen Äußerungen des Papstes, allen Dekreten der römischen Kongregationen – insbesondere des Heiligen Offiziums und der Indexkongregation – und sogar entsprechenden Lehrmeinungen „rechtgläubiger“ römischer Theologen verpflichtet.

„Tuas libenter“ führte dazu eine neue Kategorie von kirchlichem Lehramt ein: das magisterium ordinarium. (...)

„Wir […] aber haben […] alle Ursache, Gott zu danken, dass die Universitäten bei uns noch bestehen und die Theologie an ihnen vertreten ist.“
von Gunda Werner-Burggraf

Der öffentlichen Meinung im Kontext der Rede Döllingers „Zur Vergangenheit und Gegenwart der katholischen Theologie“ kommt eine prophetisch-kritische Funktion innerhalb der Kirche zu: sie ist erleuchtet von der Theologie und eine Methode, ein Instrument oder sogar Macht gegenüber den Gewalten der Kirche. Sie stärkt das Glaubensbewusstsein, regt Reformen an und denkt Neues in dem nur durch die Dogmen begrenzten kirchlichen Raum. Heute über die öffentliche Meinung zu reden trifft auf zwei veränderte Voraussetzungen: auf die funktionale Ausdifferenzierung von Religion und auf die offene Situation im Zueinander von Theologie und Lehramt nach dem Zweiten Vatikanum. In drei Schritten wird dies erarbeitet: Nach einer Verortung im Kontext der Rede Döllingers, wird die Rede von der öffentlichen Meinung in ihrer theologischen Rezeption gewürdigt, um dann die veränderte Situation im Blick auf die funktionale Ausdifferenzierung der Öffentlichkeit so zu diskutieren, dass drittens eine Perspektive für Theologie in der heutigen Situation entworfen wird. (...)

Katholische Kirchengeschichte „nach“ Döllinger
von Gregor Klapczynski

„Ein Freund von uns“, so berichtet ein bekannter italienischer Kirchenhistoriker im Jahre 1904, „stand vor einigen Tagen in einer großen, kunstreichen Stadt vor einem byzantinischen Madonnenbildnis, das offenkundig überarbeitet worden war. Er machte einen der Priester dieser Kirche, der ihn begleitete, auf die Überarbeitung aufmerksam, aber dieser protestierte mit feierlichem Gestus: ,Nie und nimmer! Seit Sankt Lukas es gemalt hat, ist dieses Bildnis von dort niemals wegbewegt worden!ʻ Wörtlich!“, so kommentiert unser Kirchenhistoriker mit sprachloser Empörung das Erlebnis des befreundeten Gotteshausbesuchers. „Nun können Sie sich den intellektuellen Zustand dieses vortrefflichen hochwürdigen Herrn vorstellen“, fährt er fort, „der nicht nur ein byzantinisches Bildnis nicht erkennt, sondern es Sankt Lukas zuschreibt, also wirklich glaubt, dass der Evangelist es gemalt habe … in jener Kirche?“ Der genannte Kirchenhistoriker zieht diese Anekdote zum Beleg dafür heran, dass die historischen Disziplinen innerhalb der Theologie kurz nach der Jahrhundertwende – so wörtlich – ein „Schneewittchendasein“ fristen, von ihren bösen Stiefschwesterdisziplinen im wahrsten Sinne des Wortes systematisch gegängelt. (...)

Von der Pastoral zum ordentlichen Lehramt und wieder zurück?
von Klaus Unterburger

Der Begriff magisterium (Lehramt) war, wie Yves Congar gezeigt hat, lange Zeit kein restriktiv verwendeter theologischer Fachterminus, sondern bezeichnete unspezifisch die autoritative Tätigkeit des Unterrichtens, in Schule, Kirche, Universität oder im Kloster. In der Kirche hatte sich früh eine zweifache Art des Lehrens und damit die Differenz zwischen pastoralem und theologischem Lehren herausgebildet: Seit der gnostischen Krise des 2. Jahrhunderts gehörte zu den zentralen Aufgaben des bischöflichen Amts die Bewahrung, Bezeugung und Verkündigung des überlieferten Glaubens, der paradosis. Pastorales Lehren war also der Vollzug der Verkündigung des überlieferten Glaubens. Diesen Glauben hatte man zu schützen; abweichende Formulierungen und Deutungen waren zu prüfen, ob sie mit der Überlieferung übereinstimmten. Parallel zu diesem konservativen Element setzte ein hartnäckiges und seither nie mehr abgebrochenes Bemühen ein, den in der paradosis gegebenen Glauben zu durchdenken, zu begründen und gegen Angriffe zu verteidigen. Seit dem 12. Jahrhundert wurde dieses Unternehmen des rationalen Begründens und Durchdenkens eines positiv Geoffenbarten dann Theologie genannt. (...)

„… das rechtmäßige Eigentum der einen wahren Kirche.“
von Peter Neuner

Es war Ignaz von Döllinger nicht an der Wiege gesungen, dass er einen Platz in der Geschichte der Ökumenischen Bewegung einnehmen würde. Er war von seinem Naturell her eher streitbar, er liebte die Kontroverse und er hatte, wie Joseph Bernhart es ausdrückte, mehr Freude „an neunundneunzig Sündern als an einem Gerechten.“ In seiner Einstellung zu den christlichen Kirchen hat er sehr unterschiedliche Standpunkte eingenommen, jedoch niemals den der Gleichgültigkeit und Selbstgenügsamkeit. (...)

Wie weit reicht die Unfehlbarkeit des Lehramts der Kirche?
von Martin Rehak

Der folgende Beitrag reflektiert, was die Kirche über die Möglichkeiten und Grenzen ihrer eigenen Lehrtätigkeit lehrt. Das besondere Interesse gilt dabei der Frage: Wie weit reicht die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramts? Das klingt wie eine einfache, klassische Katechismusfrage (aus der Zeit, als der Katechismus noch nach dem Frage-Antwort-Schema aufgebaut war), auf die der Katechimus der Katholischen Kirche kurz und bündig so antwortet: „Diese Unfehlbarkeit reicht so weit wie das Glaubenserbe der göttlichen Offenbarung“ (KKK, Nr. 891; vgl. aber auch Nr. 88).

Als Quelle wird die Kirchenkonstitution des II. Vatikanums angegeben. Überprüft man diese Fundstellenangabe, so kann man je nach dem, zu welchem Hilfsmittel man greift, eine kleine Überraschung erleben. (...)

Stammzellen
Perspektiven in Forschung, Therapie und Ethik

Zur 3. Deutsch-Französischen Expertendiskussion hatten die Katholische Akademie Bayern und das SZ-Gesundheitsforum am 14. Mai 2013 eingeladen, unterstützt vom Bayerisch-Französischen Hochschulzentrum. Thema der französischen und deutschen Wissenschaftler waren die Stammzellen, deren Perspektiven in Forschung, Therapie und Ethik. Lesen Sie im Anschluss die Referate des Molekularbiologen Prof. Dr. Hans R. Schöler und des Theologen Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff. Prof. Dr. Meinhard Rust, ehemaliger Oberarzt für Anästhesiologie am Klinikum rechts der Isar der TU München und Mitorganisator der Tagung, und Raoul Mille, Französischer Wissenschaftsattaché für Bayern, führen in die Thematik ein. Professor Meinhard Rust hat dankenswerterweise auch die Vorträge der französischen Wissenschaftler bearbeitet und übersetzt.

Stammzell-Therapie bei schwerer Arthrose
von Christian Jorgensen

Mesenchymale Stammzellen und stromale Zellen (CSM) finden sich im Knochenmark in schwacher Dichte, ferner in Fettgewebe, Synovia (Gelenkhaut) und Muskelgewebe. Sie haben zahlreiche Funktionen z. B. bei der Synthese der extrazellulären Matrix, Immuntoleranz, Entwicklung, Entzündung und Fibrose. Jede dieser Eigenschaften ist für die Forschung von Interesse, um neue Therapien für unterschiedliche Erkrankungen entwickeln zu können. 

Zelltherapie nach Herzinfarkt
von Patricia Lemarchand

Trotz großer Fortschritte bei der Therapie stellt die sogenannte Linksherzinsuffizienz (Pumpschwäche des linken Herzens) eine der gravierenden Komplikationen nach einem Herzinfarkt dar. Der Herzinfarkt, medizinisch auch akuter Myokard- (Herzmuskel-) Infarkt (AMI) bezeichnet, ist ein akutes und lebensbedrohliches Ereignis infolge einer Erkrankung des Herzens. (...) Neuerdings wurden neue Ansätze mittels Stammzelltherapie entwickelt, um die Größe der Narbenbildung nach einem Herzinfarkt zu begrenzen und dadurch die Häufigkeit des Auftretens einer „Herzinsuffizienz“ nach Herzinfarkt zu verringern. Die Therapie mit Stammzellen basiert auf der Einbringung von solchen Zellen in die Herzkranzgefäße, um möglicherweise die Regeneration von kardialen Muskel- und Gefäßzellen zu verbessern. 

Ethische Probleme der Stammzellforschung
von Eberhard Schockenhoff

Die ethische Analyse wissenschaftlicher Forschungsvorhaben ist kein nachträgliches Korrolarium, das in deren Beschreibung aus Gründen der Vollständigkeit nicht fehlen darf. Sie ist vielmehr durch das Selbstverständnis des Menschen gefordert, der sein Handeln als moralisches Subjekt rechtfertigen und verantworten muss. Dabei geht es nicht allein um die persönliche Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers oder um individuelle moralische Intuitionen. Sofern sich in diesen die moralischen Standards der jeweiligen Gesellschaft und ihr kulturell akzeptiertes Ethos bekunden, haben moralische Intuitionen prima facie eine wichtige Funktion für das moralische Urteilsvermögen. Die Rücksichtnahme auf die gesellschaftliche Akzeptanz, die einzelne Forschungsverfahren in einer gegebenen geschichtlichen Situation finden oder nicht finden, kann jedoch eine ethische Analyse der Forschungspraxis nicht ersetzen. Diese steht unter der Bedingung der rationalen Überprüfbarkeit von Argumenten und praktischen Schlussfolgerungen; sie fragt nicht nach der sozialen Akzeptanzchance oder der faktischen Durchsetzbarkeit von Forschungsinteressen, sondern nach normativer Geltung, nach dem, was sein soll, weil es sich in einem rationalen Diskurs mit intersubjektiv überprüfbaren, verallgemeinerungsfähigen Argumenten rechtfertigen lässt. 

Grundlagen und Perspektiven der Stammzellforschung
von Hans R. Schöler

Ich werde hier über die Grundlagen und Perspektiven der Stammzellforschung reden und mit denjenigen Entwicklungen anfangen, die das Feld der Stammzellforschung nach vorne katapultiert und die Überlegungen in Gang gesetzt haben, die uns Wissenschaftler auf diesem Gebiet umtreiben.

Da ist zum einen die Tatsache, dass Ian Wilmut und Keith Campbell 1996 das Schaf Dolly geklont haben. Damit konnte gezeigt werden, dass in einem adulten Zellkern eines Säugers die notwendige Information vorhanden ist, um daraus einen Organismus hervorzubringen. Dann sind die Arbeiten von James Thomson und Kollegen zu nennen. 1998 konnten sie zeigen, dass man aus Blastozysten, also frühen menschlichen Embryonen, pluripotente embryonale Stammzellen in Kultur nehmen kann. Pluripotente Stammzellen sind deshalb so bemerkenswert, weil man aus ihnen im Prinzip alle Zellen des Körpers ableiten und diese wiederum für die Heilung erkrankter oder verletzter Gewebe einsetzen kann. Das hat von Beginn an die Phantasie von Naturwissenschaftlern und Ärzten angeregt, aber auch die der gesamten Öffentlichkeit, was die Vielzahl von Schlagzeilen, Sensationsmeldungen, Bildern und Aufmachern zum Thema erklärt.

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