Heft 02/2016

Inhaltsverzeichnis
25 Jahre nach der Einheit
Ausländische Blicke aufs "deutsche Wesen"

Bei einem Podiumsgespräch mit dem Titel 25 Jahre nach der Einheit Ausländische Blicke aufs „deutsche Wesen“ versammelten sich Deutschland-Experten aus vier europäischen Ländern in der Katholischen Akademie. Zwei Wissenschaftler und zwei Journalisten diskutierten am 24. September 2015 unter der Diskussionsleitung von Akademiedirektor Dr. Florian Schuller rund zwei sehr spannende Stunden darüber, wie man Deutschlands Rolle einschätzt. Gekommen waren Adam Krzemiński, Publizist und Journalist, Redakteur des politischen Wochenmagazins „Polityka“, aus Warschau, Prof. Dr. Henri Ménudier, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Paris III - Sorbonne Nouvelle aus Paris, der Grieche Georgios Pappas, Deutschland-Korrespondent der griechischen Tageszeitung „Ta Nea“ und des griechischen Fernsehsenders ERT, der in Berlin arbeitet und Prof. Dr. Bernhard Rieger, Professor für europäische Zeitgeschichte am University College London, aus der britischen Hauptstadt.

Podiumsgespräch
von

Florian Schuller: 2011 sagte der damalige polnische Außenminister Radosław Sikorski: „Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit“. Angelo Bolaffi, der vor einiger Zeit hier bei uns war, sprach vom „deutschen Herzen“ als dem Modell in der europäischen Krise. Unser Bundespräsident forderte größere Verantwortung in der Außenpolitik und in Europa ein. Herr Krzemiński, Ihr Präsident, hat, kurz nachdem er gewählt worden war, einen überraschenden Satz gesagt: „Wissen, Sie, ich mag Deutschland ganz einfach.“ Trifft er da die Mehrheitsmeinung Polens oder nicht?

Primat des Papstes, Reform der Kirche, Rede von Gott
Das Vierte Laterankonzil 1215: Zu seiner Bedeutung in Geschichte und Gegenwart

Vor nunmehr über 800 Jahren wurde in der Bischofskirche „S. Giovanni in Laterano“ in Rom ein Stück Kirchengeschichte geschrieben: Vom 11. bis zum 30. November 1215 tagte dort das Vierte Laterankonzil, das auf drei Sitzungen 70 bedeutende Dekrete verabschiedete – darunter nicht nur theologische Lehren, sondern auch kirchenrechtliche Bestimmungen, die teilweise bis heute gültig sind. Die Katholische Akademie in Bayern nahm das Jubiläum am Abend des 24. November 2015 zum Anlass, die Bedeutung des Vierten Laterankonzils für Geschichte und Gegenwart auszuloten. Die Vorträge finden Sie auf den folgenden Seiten zum Nachlesen.

Das Vierte Laterankonzil und Papst Innozenz III. als alleiniges Haupt der Christenheit
von Klaus Herbers

„Mich hat sehnlich danach verlangt, dieses Passahmahl mit euch zu essen, bevor ich sterbe“, so begann in Anklang an Lukas 22,15 Papst Innozenz III. († 1216) seine Eröffnungsrede zum Vierten Laterankonzil, das am 11., 20. und 30. November 1215 in Rom tagte. Was wollte der Papst damit sagen? Spricht hier ein Todgeweihter, wie die ältere Forschung meinte? Immerhin ersetzt der Text das antequam patiar („bevor ich leide“) des Bibeltextes durch ein antequam moriar („bevor ich sterbe“). Bedeutet der Hinweis auf das Passahmahl aber nur Leiden oder war dies nicht zugleich ein Fest? Jedenfalls scheinen die Leiden hinsichtlich der Aufgaben eines Kreuzzugs und der Häretikerbekämpfung in Südfrankreich wichtige Punkte des Konzils gewesen zu sein, denn nach dem Papst ergriffen auch der Patriarch von Jerusalem und Thediscus von Agde das Wort.
Vielleicht waren es aber nur die Worte eines Papstes, der zwar biblisch und theologisch formulierte, aber im Grunde juristisch dachte. War das Konzil die Bühne, um die päpstliche Zentralgewalt zur Geltung zu bringen, wie jüngst mehrfach unterstrichen wurde? Das Vierte Laterankonzil war der bedeutende Abschluss der vier großen Konzilien, die seit 1123 mit dieser großen römischen Kirche verbunden sind. Waren dies Versammlungen, die im Wesentlichen päpstlich bestimmt waren und die Konzilsväter gleichsam als Staffage für die päpstlichen Entscheidungen benutzten? Jedenfalls fällt auf: die drei Versammlungen 1123, 1139 und 1179 fanden nach den Einigungen im Investiturstreit sowie nach einschneidenden Papstschismen statt. Ging es hier vielleicht nur darum, die Ergebnisse solcher Auseinandersetzungen in einen breiten Rahmen zu stellen, den übrigen Episkopat gleichsam „mitzunehmen“? Boten dann die Konzilien vor allem eine Möglichkeit, die päpstliche Macht eindrücklich zu demonstrieren?
Die Canones des Vierten Lateranum reichten von zahlreichen innerkirchlichen Regelungen bis zu Fragen von Häresie, Judenverfolgung, Kreuzzug, Rechtsverfahren. Die Inhalte waren offensichtlich breiter angelegt als die der drei Vorgängerkonzilien. War dies Lothar von Segni, nun Papst Innozenz III., zu verdanken, der in allen diesen Bereichen deutliche Akzente setzte und den man oft als großen „Juristenpapst“ bezeichnet hat? Welche Verbindungslinien lassen die Beschlüsse zu anderen schon existierenden Texten erkennen? Lässt sich der Anteil des Papstes aus seinen Schreiben und Reden oder aus seinem Verhalten im Verlauf des Konzils ableiten? Wo lagen Schwerpunkte der päpstlichen Herrschaft Innozenz‘ III.?

Das Vierte Laterankonzil und seine Bedeutung für die Gestaltung der Lateinischen Christenheit
von Werner Maleczek

Das Großereignis des Konzils in der römischen Laterankirche im Herbst 1215 wird von keinem der zeitgenössischen Chronisten übergangen, aber nur der Bericht eines deutschen, dem Namen nach unbekannten Klerikers, der im März des folgenden Jahres 1216 einem zu Hause gebliebenen den Ablauf der drei Sessionen vom 11., 20. und 30. November schilderte, ist etwas ausführlicher. Dieser „Gießener Anonymus“ – nach dem Aufbewahrungsort der Handschrift so genannt – berichtet als einziger skizzenhaft, wie die ersten drei Konstitutionen zustande kamen. Dies fand bei der dritten Session, am 30. November 1215, statt.
Nach der zeitig am Morgen zelebrierten Messe nahmen alle Bischöfe auf ihren Sitzen Platz, der Papst hingegen, umgeben von den Kardinälen und anderen Kurialen, ließ von einem erhöhten Sitz aus das Bekenntnis zur Dreifaltigkeit und andere Glaubensartikel verkünden. Danach wurde von allen mit lauter Stimme das Bekenntnis verlangt: „Glaubt ihr dies alles?“ Und alle antworteten „Credimus“. Danach wurden alle Häretiker und Sätze einzelner Häretiker, nämlich des Joachim von Fiore und des Amalrich von Bena, verurteilt. Es wiederholte sich derselbe Vorgang, dass nämlich die ausdrückliche Verurteilung verlangt wurde, auf welche die Konzilsväter laut mit „Reprobamus“ antworteten. Aus diesem Bericht wird deutlich, dass die dogmatischen Konstitutionen schon vorbereitet waren und dass vor der akklamatorischen Verabschiedung keinerlei Diskussion stattfand.
Aber wie die anderen 67 Konstitutionen zustande kamen, weiß man nicht, zumal während der vorausgegangenen Sessionen politische und kirchenpolitische Themen wie die strittige Wahl des lateinischen Patriarchen von Konstantinopel, die Ordnung der Kirchenprovinzen im Nordwesten der iberischen Halbinsel zwischen Braga und Santiago de Compostela, die Neuordnung der politischen Verhältnisse im Süden Frankreichs nach dem Albigenserkreuzzug und die Frage des rechtmäßigen deutschen Königs behandelt worden waren. Über die Rezeption und Wirkung der 70 Reformdekrete der Kirchenversammlung kann man hingegen sehr viel mehr aussagen.

Die größere Unähnlichkeit Gottes
von Johannes Brachtendorf

In philosophischer und systematisch-theologischer Perspektive ist das IV. Laterankonzil vor allem bekannt wegen der Aussage: „Denn zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, dass zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre.“ Dieser Formel kam zumindest im katholischen Denkraum lange Zeit eine hohe Bedeutung zu. Dies liegt wohl daran, dass Thomas von Aquin sich die Konzilsäußerung zu Eigen gemacht und ihr eine Zentralstellung innerhalb seiner philosophischen Gotteslehre verschafft hat. In seinem Denken fungiert der Satz des Konzils als pointierte Zusammenfassung der Lehre von der Analogie des Seins. Hier geht es um die Frage, ob wir in menschlicher Sprache von Gott sprechen können, wenn Gott doch kein innerweltliches Seiendes, also kein erfahrbarer Gegenstand ist, sondern sich prinzipiell von der Welt unterscheidet.
 Das Thema dieser Tagung ist das IV. Laterankonzil, und deshalb möchte ich nicht nur die Verarbeitung der Konzilsformel in der Metaphysik des Thomas von Aquin darlegen, sondern auch den Kontext, in dem diese Formel von den Konzilsvätern aufgestellt wurde. Diesen Kontext bildet die Trinitätstheologie. Das Konzilsdokument, das in der Formel von der Ähnlichkeit und größeren Unähnlichkeit zwischen Schöpfer und  Geschöpf kulminiert, verurteilt nämlich die Trinitätslehre des Zisterziensterabtes Joachim von Fiore (+ 1202), wie dieser sie in seinem (heute verlorenen) Werk „De unitate trinitatis“ formuliert hatte. Dort hatte er die Trinitätslehre des Theologen und Bischofs von Paris Petrus Lombardus (+ 1160), die in dessen sogenannten Sentenzenbüchern vorliegt, als häretisch und verrückt kritisiert, wenigstens hinsichtlich der Einheit Gottes. Das Konzil weist aber die Kritik Joachims an Petrus Lombardus zurück und verurteilt im Gegenzug Joachims Auffassung als falsch. Um die Konzilsformel einordnen zu können, müssen wir uns zunächst klar machen, worum es in der trinitätstheologischen Debatte zwischen Joachim und dem Konzil um Lombardus eigentlich ging. Danach werde ich auf Thomas‘ Deutung der Konzilsformel eingehen. Schließlich sei noch beispielhaft gezeigt, welche Perspektiven auf die Rede von der Ähnlichkeit und größeren Unähnlichkeit zwischen Schöpfer und Geschöpf sich für die Gegenwartsphilosophie, insbesondere die Philosophie phänomenologischer Provenienz ergeben.

Reihe „Buddhismus und Christentum – Grundpositionen im Diskurs“
Geschlechterrollen

Bereits zum siebten Mal hieß es am Abend des 6. Oktober 2015 in der Katholischen Akademie in Bayern: Buddhismus und Christentum – Grundpositionen im Diskurs. Diesmal ging es um die Frage, welches geschlechtsspezifische Rollenverständnis die beiden Religionen haben. Sylvia Wetzel referierte zu Geschlechterrollen im Buddhismus, Prof. Dr. Lucia Scherzberg von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken trug die christliche Sicht auf beide Geschlechter vor. Auch diesmal moderierte die Veranstaltung wieder Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming von der Universität Augsburg. Im Folgenden finden Sie die Vorträge der beiden Referentinnen zum Nachlesen.

Die Rolle der Geschlechter im Buddhismus
von Sylvia Wetzel

Ich möchte meinen Vortrag mit drei Thesen, einer guten Nachricht und einer Frage beginnen.  Erstens: Religionen sind so unreflektiert, naiv und männerlastig oder so reflektiert und frauenfreundlich und offen für soziale und kulturelle Veränderungen und Zeitgeist wie das Gros der Frauen und Männer, die ihr folgen und sie organisieren. Zweitens: Menschen sind konservativ und verändern sich nur langsam. Drittens: Institutionen sind noch konservativer als Menschen und verändern sich noch langsamer.
Die gute Nachricht für alle, die unter bestimmten Vorstellungen und Bedingungen leiden: Es gibt Umbruchzeiten und Zeitfenster, wo vieles möglich ist und sich manches verändert. Allerdings kann man anderen neue Perspektiven nicht aufzwingen, sondern sie nur dazu inspirieren. Meine zentrale Frage zum Thema Geschlechterrollen: Welches Menschenmodell steht hinter allgemeinen und spezifischen Aussagen und Rollen, Übungen, Lehren und Ritualen?

Die Rolle der Geschlechter im Christentum
von Lucia Scherzberg

Es liegt nahe, in einem Vortrag über Geschlechterrollen im Christentum buchstäblich bei „Adam und Eva“ zu beginnen, genauer gesagt mit den beiden Schöpfungserzählungen im Alten Testament, die sich mit der Entstehung des Menschen befassen. Die Erzählung von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen mit dem anschließenden Ruhetag Gottes, die zum priesterschriftlichen Traditionsstrang gehört, stellt die Erschaffung der Menschen an das Ende des göttlichen Wirkens. Der Mensch wird nach dem Bilde Gottes und in zwei Geschlechtern erschaffen. Die meisten deutschen Übersetzungen sprechen davon, dass der Mensch als „Mann und Frau“ geschaffen wird. Eigentlich aber verwendet der hebräische Text die Worte für „männlich“ und „weiblich“, die – anders als die Übersetzung „Mann und Frau“ – nicht unmittelbar die Vorstellung eines ersten Ehepaares suggerieren.
Die nicht-priesterschriftliche Schöpfungserzählung, die im Alten Testament an zweiter Stelle steht – die Erzählung von Adam und Eva im Garten Eden –, weist zu der eben betrachteten einige Unterschiede auf. In der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung werden Männer und Frauen gleichzeitig geschaffen, Adam und Eva aber nacheinander. Adam ist zuerst da, und die Frau entsteht aus Adam heraus. Im ersten Fall gelten beide Geschlechter als Abbild Gottes, im zweiten könnte man fragen, ob der Mann das eigentliche Abbild Gottes ist und die Frau dies nur indirekt über den Mann. Bedeutet die Reihenfolge der Entstehung, dass die Frau dem Manne nachgeordnet und von ihm abhängig ist? Liest man weiter und kommt zu der Erzählung vom Sündenfall, stellt sich die Frage, ob die Frau dort als Ursache des Bösen herausgestellt wird. Und wird bei der Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden nicht die Herrschaft des Mannes über die Frau legitimiert und festgeschrieben für alle Zeiten?
Bereits vor längerer Zeit haben sich feministische Exegetinnen an die Arbeit begeben, diesen Eindruck zu widerlegen, der die Wirkungsgeschichte der Texte nachhaltig bestimmt hat. Inzwischen dürfte es zum Mainstream in der Exegese gehören, dass die negative Rolle, in der die Frau hier erscheint, einerseits dem patriarchalen Umfeld geschuldet ist, andererseits aber auch den Sinn des Textes nicht voll trifft. Welche Teile der Auslegung werden hier kritisiert?

Das Konzil „eröffnen“
Theologie und Kirche unter dem Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils

Organisiert vom Lehrstuhl für Fundamentaltheologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt fand vom 6. bis zum 8. Dezember 2015 ein großer Theologenkongress mit dem Titel Das Konzil „eröffnen“ in der Katholischen Akademie Bayern statt. Thema der Fachtagung, zu dem mehr als 200 Theologen aus dem In- und Ausland anreisten, war die Frage, wie sich Theologie und Kirche unter dem Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils weiterentwickeln sollten. Die Tagung unter Leitung von Prof. Dr. Christoph Böttigheimer fand in den Medien einen großen Zuspruch.
Lesen Sie im Anschluss das Referat von Kardinal Karl Lehmann, das der Bischof von Mainz bei einer öffentlichen Abendveranstaltung der Katholischen Akademie Bayern im Rahmen des Theologen-Kongresses gehalten hat, und einige Pressestimmen.

„Geht hinaus in alle Welt…“
von Karl Kardinal Lehmann

Wenn wir des Zweiten Vatikanischen Konzils gedenken, tun wir gut daran, uns zunächst zu fragen: Von woher kommen wir? Die Kirche wurde besonders im 19. Jahrhundert in eine schlimme Verteidigungsstellung gedrängt. Sie glaubte weitgehend, dass sie ihre Substanz und Sendung nur im Abgrenzen retten kann. Dies hat sie auch oft mit der Gefahr des Ghettos und mit Ängstlichkeit bezahlt. Auf der anderen Seite – dies muss man auch voll anerkennen – konnte sie bei allen Verlusten an gesellschaftlicher Stellung in der Tat ihre Botschaft lehrmäßig unversehrt erhalten, aber eben auch um den Preis, dass sie geistig von vielen lebendigen Prozessen abgeschnitten wurde und es mit nicht wenigen Kräften zu einem Abbruch der dialogischen Auseinandersetzung kam. Dies ist nach beiden Seiten nicht wenig, durchaus bedeutsam, aber eben auch belastend, wenn man an die Sendung der Kirche denkt. Der „Modernismus“ vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist wie auch andere Auseinandersetzungen dafür exemplarisch.
Die Kirche hat sich fast zwangsläufig und doch auch freiwillig in diese Situation hineinbegeben. Wie die immer größeren Konflikte zeigen, kam es hier auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schwer erträglichen Spannungen, die durch die empfindlichen Störungen von zwei Weltkriegen noch gesteigert wurden. Deswegen entstanden auch überall kräftige Reformbewegungen mit einer theologischen, liturgischen und pastoralen Ausrichtung. In der Kirche fragten sich die Verantwortlichen zu verschiedenen Zeiten – nun mehr aus kirchenrechtlicher und kirchenpolitischer Perspektive –, wann und wie das Erste Vatikanische Konzil abgeschlossen werden könnte, denn es war ja auch in inhaltlicher Hinsicht ein Torso geblieben.
Es war trotz aller Spekulationen und Reformideen wie ein überraschender Donnerschlag, als der greise Papst Johannes XXIII. am 25.01.1959 in der Basilika St. Paul vor den Mauern ein Ökumenisches Konzil ankündigte. Es waren gerade drei Monate nach seiner Wahl. Er stand im 78. Lebensjahr. Wer hätte dies bei der Wahl gedacht? Für Gottes Geist ist es nie zu spät, dies sollten wir Menschen und gerade wir Theologen stets bedenken. Wenige Monate vorher, unmittelbar nach der Wahl, waren wir über einen so alten Nachfolger Petri sehr enttäuscht, und gingen nach der Wahl – ich erinnere mich noch – enttäuscht und gedrückt nach Hause.

Junge Akademie
Carpe noctem!

Der Titel der Veranstaltung lautete auf dem Flyer zunächst einmal recht unverdächtig „Nacht.Leben“. Doch schon der Untertitel „Eine Nachtung“ mag beim ersten Lesen stutzig gemacht haben. Eine Nachtung? Was soll denn das sein? Die erste Erklärung, dass eine „Nachtung“ das Gegenteil einer „Tagung“ ist, lässt sich sprachlich noch recht leicht einsehen. Dann lässt sich inhaltlich parallel weiterfragen „Was macht man bei einer Tagung?“ Antwort: Man tagt zu diversen Themen. Heißt das dann, dass man bei einer Nachtung nachtet? Und wie soll das gehen: von 16:36h (Sonnenuntergang) bis 7:37h (Sonnenaufgang) durchgängig wachbleiben?

Carpe noctem!
von Astrid Schilling

Auf Spurensuche und einen Selbstversuch begaben sich ca. 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Nachtung, zu der die Junge Akademie der Katholischen Akademie Bayern, die Evangelische Akademie Tutzing und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (kda) eingeladen hatten. Der rote Faden der Nachtung war eine durchgängige Zeitkompetenzübung, anhand derer sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewusstmachen sollten, welche Fragen das Wachbleiben aufwirft: Wie nimmt man persönlich die Nacht wahr, wenn man sie so verbracht hat wie bei der Nachtung? Was passiert, wenn man die Nacht zum Tag macht? Welche Rhythmen erkennt man – nicht nur an sich selbst, sondern auch bei anderen, bei den Arbeitsnachtschichten, bei nächtlichen Vorgängen, die bei Tag oft nicht wahrgenommen werden oder auch nicht wahrgenommen werden können? Wie verändert sich dadurch der persönliche Blick auf die Wirklichkeit von Tag und Nacht?
Den Beginn der Über-Nacht-Veranstaltung machten am Freitagnachmittag, pünktlich zum Sonnenuntergang um 16:36h, drei tagungsübliche Vorträge: „Rhythms of Life“ (Martha Merrow), „Die Kolonisierung der Nacht“ (Dietrich Henckel) und „Die Psychologie der nächtlichen Zeitwahrnehmung“ (Marc Wittmann). Um 21 Uhr wurde es Zeit für die geplanten Exkursionen: angesteuert wurden, jeweils in Gruppen zu 12 Personen, die Backstube der Hofpfisterei, das Druckzentrum des Süddeutschen Verlags, das Viertel Altschwabing, ausgewählte Beispiele der Außenbeleuchtung in der Stadt sowie Münchner „Citynightscapes“.
Mit vielen neuen Eindrücken kamen alle um Mitternacht wieder in der Katholischen Akademie zusammen und bereiteten sich mit Snacks und Getränken auf die weiteren nächtlichen Aktivitäten vor. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, sich nun zur Nachtruhe zu legen, doch die meisten der Nachtschwärmer wollten nicht mitten im Versuch aufhören, sondern begaben sich auf die „Nächtliche naturkundliche Führung durch den Englischen Garten“ oder verbrachten die nächsten Stunden mit dem Schauen der Kinofilme „Midnight in Paris“ und „Night on Earth“.
Schließlich war es bereits 5 Uhr morgens und der „nächste Tag“ begann mit einem gesungenen Morgenlob. Nach der Auswertung der Zeitkompetenzübung durch Elmar Hatzelmann und einem Austausch in Kleingruppen setzte Thomas Kessler aus Zürich nochmals einen Akzent mit seinem Vortrag „Gestaltung des städtischen Nachtlebens – Sperrstunden, verträgliches Nebeneinander von Schlafbedürftigen und Nachtschwärmern, nächtliches Flugverbot und anderes“.
Zum Bestaunen des Sonnenaufgangs um 7:37h versammelten sich dann alle im nahegelegenen Englischen Garten am Kleinhesseloher See und lauschten drei Texten, die die Veranstalter vorbereitet hatten. Gegen 8:15h beendete ein gemeinsames reichhaltiges Frühstück die „Nachtung“, die von allen als rundum gelungen empfunden wurde.

Soli Deo Gloria
Musik und Spiritualität

Eine ganz besondere Veranstaltung konnten wir am 26. November 2015 in der Katholischen Akademie Bayern erleben. Der große deutsche Cellist Professor Julius Berger spielte in der Veranstaltung „Soli Deo Gloria“ Musikstücke aus verschiedenen Epochen und erklärte in seinem Vortragskonzert deren geistig-spirituelle Hintergründe.

Soli Deo Gloria
von Julius Berger

Julius Berger wurde 1954 in Augsburg geboren und studierte Violoncello in München, Salzburg und Cincinnati. Mit 28 Jahren wurde er an die Würzburger Musikhochschule berufen und war damit einer der jüngsten Professoren Deutschlands.
Julius Berger widmet einen guten Teil seiner internationalen Konzert- und Aufnahmetätigkeiten neben seinem Engagement für zeitgenössische Kompositionen der Wiederentdeckung des Gesamtwerks von Luigi Boccherini und Leonardo Leo, sowie der ältesten Musik, die für Violoncello geschrieben wurde, der Ricercari von degli Antonii und Gabrielli.
Auf unserer Homepage sehen Sie in der Mediathek unter http://mediathek.kath-akademie-bayern.de/video/soli-deo-gloria-musik-und-spiritualitaet.html unser rund vierminütiges Video von diesem Abend, bei dem Julius Berger eines der weltweit ältesten Violoncelli spielt - hergestellt von Andrea Amati im Jahre 1566.

Verleihung des Kardinal Wetter Preises 2015
an Dr. Eva Willebrand

Die Katholische Akademie Bayern verlieh im Einvernehmen mit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg den Kardinal Wetter Preis 2015 an die Augsburger Theologin Dr. Eva Willebrand. Der mit 1500 Euro dotierte Preis wurde im Rahmen einer öffentlichen Akademischen Feier in Anwesenheit von Friedrich Kardinal Wetter am Mittwoch, 25. November 2015, an der Universität Augsburg überreicht.
Eva Willebrand (30) erhielt den Preis für ihre Promotion im Fach Religionspädagogik mit dem Titel „Zwischen indirekter Verkündigung, Erfahrungsspiegelung und Eröffnung religiöser Tiefendimensionen: Der Umgang mit literarischen Texten in Schulbüchern für den Religionsunterricht“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Lesen Sie im Anschluss die Laudatio ihres Doktorvaters auf die Preisträgerin und Ihre Dankesrede. Einen kurzen Bericht über die Preisverleihung fanden Sie ja schon in Ausgabe 7-2015.

Abschied vom „Doktorvater“ und der „Doktormutter“?
von Georg Langenhorst

Für Lehrende an den Universitäten gibt es wohl kaum etwas Schöneres als die Ehrung von „Schülerinnen“ oder „Schülern“, die ihren eigenen akademischen Weg gefunden haben und beschreiten. Im Gepäck befinden sich auf den Weg mitgegebene Landkarten, ein richtungsweisender Kompass und praktische Tipps, an denen sie sich nun orientieren und die sie selbst weiterentwickeln, modifizieren – oder bei Nichtbedarf ablegen.
Die Verleihung des Kardinal-Wetter-Preises bietet einen guten Anlass, darüber nachzudenken, wie sich die Beziehungen von akademischen Lehrern und Schülern in den derzeitig stattfindenden umfassenden Umstrukturierungen des universitären Betriebs verändern. Klassisch spricht man im Blick auf die Betreuung von Dissertationen immer noch von den „Doktorvätern“ und „Doktormüttern“. Doktorandinnen und Doktoranden waren und sind auf eine spezielle Professorin oder einen speziellen Professor konzentriert, welche für die Betreuung des gesamten Promotionsvorhabens hauptverantwortlich sind. „Bei ihm“ oder „bei ihr“ promovierte man, so der Sprachgebrauch.

Literarische Texte im Religionsbuch
von Eva Willebrand

Ich freue mich über die Anerkennung und möchte mich für die Verleihung des Kardinal-Wetter-Preises ganz herzlich bedanken: bei der Katholischen Akademie in Bayern, namentlich bei Ihnen, Herr Dr. Schuller und Frau Dr. Schilling, sowie bei der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Mein Dank gilt auch Ihnen, Herr Kardinal Wetter – dafür, dass Sie den Weg hierher auf sich genommen haben und heute Abend dabei sind.
Zugleich möchte ich die Wertschätzung, die mir zuteil wird, gern weitergeben: an meine Eltern, die mich immer ermutigt haben diesen Weg zu gehen; an meinen Mann für alle Unterstützung und Begleitung; an Professor Langenhorst für die intensive und motivierende Betreuung wie für den wertschätzenden Umgang; und an Professor Mendl für das Erstellen des Zweitgutachtens und für hilfreiche Ratschläge in der Promotionsendphase.
Damit komme ich nun zur Arbeit selbst, aus der ich Ihnen einen kleinen Ausschnitt vorstellen möchte: Wie wurde und wird im Religionsunterricht mit literarischen Werken – mit Gedichten, mit Auszügen aus Erzählungen und Romanen – gearbeitet? Dieser Frage bin ich in meiner Arbeit nachgegangen.
Grundlage meiner Analysen war ein Medium, das viele von Ihnen sicherlich aus ihrer eigenen Schulzeit noch kennen und mit dem sie mehr, vielleicht auch weniger gute Erfahrungen verbinden: das Religionsbuch. Wie kein anderes Medium spiegelt gerade die Gattung „Religionsbuch“, die in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts den traditionellen Katechismus als Lehrbuch ablöste, die religionsdidaktische Entwicklung der letzten sechzig Jahre wider. Die in den Büchern präsenten Literaten und ihre Texte, dazugehörige Wertungen und Interpretationsansätze sowie Aufgabenstellungen, die zur Erschließung und Erarbeitung im Unterricht auffordern, habe ich analysiert, um Grundtendenzen in der Entwicklung des literarisch-religiösen Lernens aufzuzeigen.
Anhand von zwei Schlaglichtern möchte ich Ihnen zeigen, was sich in dem genannten Zeitraum auf diesem Feld getan hat – wie im Religionsunterricht vor sechzig Jahren und heute mit literarischen Werken gearbeitet wurde und wird.

Glück
Was die Philosophie dazu beitragen kann

„Jeder ist seines Glückes Schmied“ sagt der Volksmund. Worin aber liegt dieses Glück des Menschen? Im Dschungel der Ratgeberliteratur gab und gibt es unzählige Meinungen – auch die Philosophie versuchte sich seit Menschengedenken an einer Definition von Glück. Und so gingen die Philosophischen Tage der Katholischen Akademie Bayern vom 8. bis 10. Oktober 2015 auf die Suche nach Antworten. Referate und Arbeitskreise gingen unter dem Titel „Glück. Was die Philosophie dazu beitragen kann“ auf ganz verschiedene Aspekte ein und die Teilnehmer erfuhren bei einer Exkursion in die Staatliche Lotterieverwaltung, wie Glück sehr wohl „geschmiedet“ werden kann. Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir die Vorträge.

Eröffnungsstatement der Philosophischen Tage 2015
von Winfried Löffler

Sie kennen vermutlich alle den von mir überaus geschätzten niederbayerischen Liedermacher Haindling. In einem seiner hintergründigen Lieder geht es um eine Dame namens „Paula“, die nur hinter dem lieben Geld her ist. In der zweiten Strophe findet sich aber folgende grundsätzlichere Überlegung: „Wenn mer jemand frogt, wos wuist – Glick oder Gäid, dann gibt's für eahm nur oans, nur oans wos wirklich zäit“ Und das ist vermutlich, so legt es die Melodieführung nahe: „a Gäid“!
Der Text ist absurd. Natürlich ist er absichtlich absurd, denn hier soll ja etwas kritisiert werden. Aber warum kommt er uns absurd vor? Nun, Geld wird gemeinhin als ein Mittel oder eine Voraussetzung zum Glück gesehen, aber nicht als das Ziel selber. Und die offensichtlich recht begüterte Paula kommt einem arm vor, wenn sie Ziel und Mittel verwechselt.
Aber interessant und irgendwie abenteuerlich ist der Grundgedanke, der dahintersteht: Kann das vielleicht doch sein, dass es im Leben letztlich um etwas anderes geht als um Glück? Dann wäre Paulas Lebensgestaltung nicht mehr so grundsätzlich absurd, dann trifft sich Haindlings Paula nämlich mit dem Diktum von Sigmund Freud: Dass der Mensch glücklich werde, ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen. Manchmal wurden sogar Vorschläge gemacht, welche Alternativprogramme zur Glückssuche es geben könnte, wie in jenem Spruch, der bis ins 20. Jahrhundert auf deutsche Schultore gemeißelt war: „Du bist nicht auf Erden, um glücklich zu sein, sondern deine Pflicht zu tun!“

Wunschlos glücklich
von Annemarie Pieper

Es gibt zahllose Spielarten des Glücks – und Unmengen an Definitionsversuchen, die von vornherein daran scheitern, dass mit Glück etwas gemeint ist, das im Begriff nicht aufgeht. Vom Glück kann man eigentlich nur erzählen, in Alltagsgeschichten, Anekdoten und Gesprächen davon berichten, wie jemand sein Glück gefunden, gemacht oder verfehlt hat, wo er Glück hatte oder wodurch er unglücklich geworden ist. Das mit Glück Gemeinte ist zu groß, als dass es in einer knappen Begriffsbestimmung auf den Punkt gebracht werden könnte. Sein Überfluss kann nur narrativ aufgefangen werden, aber auch tausendundeine Nacht reichen nicht aus, um die Vielfalt von Glücksereignissen, Glücksgütern und Glücksempfindungen zu dokumentieren.
Wir Menschen sind sterbliche Wesen und existieren unter Raum-Zeit-Bedingungen. Daher möchte ich mich der Frage nach dem Glück aus der räumlichen Perspektive einerseits, der zeitlichen andererseits nähern. Beginnen wir mit der Frage, wo das Glück zu Hause ist. Sie führt uns zum Auftakt an Orte, die mit dem Glück in Zusammenhang gebracht werden, an Körperorte und an geographische Orte. Bei der körperlichen Verortung des Glücks fange ich mit dem Kopf an. „Heureka“ (ich hab’s gefunden) soll Archimedes gejubelt haben, als er bei einer Untersuchung des Goldgehalts einer Krone das Gesetz des spezifischen Gewichts entdeckte. Anschließend habe er sich in übermütiger Freude seiner Kleider entledigt und sei splitternackt nach Hause gelaufen. Das durch den Ausruf „Heureka“ mitgeteilte Finder- oder Erfinderglück wird im Kopf erzeugt. Hypothesen, Gedankenexperimente, Beweismethoden und Testverfahren sind Teile eines Problemlösungsverfahrens, für das der Kopf seine logischen und argumentativen Denkressourcen bereitstellt. Das intellektuelle Glück, das sich einstellt, wenn das Gesuchte gefunden ist, erstreckt sich vom Kopf aus auf den ganzen Körper, was bei Archimedes seinen Ausdruck in dessen Nacktheit findet.

Es liegt nur an uns selbst
von Karlheinz Töchterle

Die Frage, wie Leben gelingen kann, ist heute wieder bedeutend geworden, wie ein beliebiger Blick in das Feuilleton oder in diverse Lebensratgeber belegt. Sie beschäftigt inzwischen aber auch zunehmend Ökonomen (mir geläufig sind vor allem Arbeiten von Bruno S. Frey, an der Tagung hier kommt mit Ronnie Schöb ein anderer Experte auf diesem Feld zu Wort) und bisweilen auch wieder Philosophen, wie etwa das Generalthema des Philosophicums in Lech von 2011 bezeugt. In der modernen Philosophie war ja spätestens seit Kant die Frage nach dem Glück im menschlichen Leben kaum noch gestellt worden, während sie in der antiken Philosophie zu den zentralen gehörte. Schon deshalb lohnt sich ein Blick auf die damaligen Lösungsansätze, zumal sie durchaus fundamentale und damit zeitenthobene Elemente enthalten.
Das Nachdenken über die Mittel und Wege zu einem gelingenden Leben wird erst in der hellenistischen Philosophie zentral, ist aber auch vorher schon Thema. Da es eine Grundfrage des Menschen berührt, ist es wohl allen Zeiten gemein und auch in den Texten der Griechen von Anfang an feststellbar. Explizit wird es dort allerdings erst im Zuge der sokratischen Wende, in der die Ethik und mit ihr die Frage nach der richtigen Lebensführung in das Zentrum philosophischer Bemühung rückt. Insofern kann man die hier zur Debatte stehenden Glückslehren der Stoa und Epikurs‘ durchaus als Fortführung sokratisch/platonischen Denkens ansehen und teilweise stellen sich deren Vertreter und Adepten selbst in diese Tradition. Dazu kommen noch zwei spezielle Vorläufer, Heraklit für die Stoa und Demokrit für Epikur.
Beide dieser Vorläufer repräsentieren auch einen Grundzug antiker Glücksphilosophie: Sie steht nahezu immer in einem philosophischen Gesamtkontext, ist eng verbunden mit beziehungsweise erwächst aus den Anschauungen der jeweiligen Denkrichtungen zu Erkenntnistheorie, Physik, Psychologie oder Theologie. Bei beiden Vorläufern erschwert allerdings die überaus fragmentarische Überlieferung ihrer Lehre die Rekonstruktion eines geschlossenen Denksystems.
Von Heraklit scheinen die Stoiker insbesondere in ihrer Vorstellung von der Macht und dem Wirken des Logos angeregt worden zu sein, den Epikureern wiederum diente die Atomlehre Demokrits als physikalische Basis zur Beseitigung der dem Glück abträglichen Götter- und Todesfurcht. Beide Vorsokratiker wirkten auch durch Detailkonzepte anregend, insbesondere hat Demokrit, der später als der „lachende Philosoph“ bezeichnet wurde (erstmals fassbar bei Horaz), mit seiner lebensbejahenden Einstellung stark auf Epikurs Hedonismus gewirkt, während Heraklit (analog dazu dann der „weinende Philosoph“ genannt) die stoische Auffassung vom Anteil der menschlichen Seele am Logos und die daraus erwachsenden epistemischen und ethischen Konsequenzen vorgeprägt hat.

Was wir letztlich wollen
von Bruno Niederbacher SJ

Eines der besten und bis heute aktuellen Bücher zur Ethik ist die „Nikomachische Ethik“ (EN) des griechischen Philosophen Aristoteles, der zwischen 384 und 322 v. Chr. lebte. Seit ihrer Entstehung bis zum heutigen Tag wird sie mit Gewinn gelesen und kommentiert. Auch der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin (1225-1274) schrieb einen Kommentar zur EN und legte sie dem allgemeinen moraltheologischen Teil seiner „Summa Theologiae“ zugrunde. In diesem Vortrag werde ich Teile aus dem ersten und zehnten Buch der EN, in denen es um das Glück geht, vorstellen und mit Erläuterungen und Weiterführungen von Thomas von Aquin ergänzen.

Über Glück und Moral
von Maximilian Forschner

Unser alltäglich verwendeter Begriff des Glücks ist ambivalent. Wir gebrauchen ihn in verschiedenen Bedeutungen. Die Verschiedenheit zentriert sich auf zwei Bedeutungsschwerpunkte. Diese Schwerpunkte werden klar, wenn wir uns auf zwei beispielhafte Sätze konzentrieren. „Die Person A hat Glück“ und „Die Person A ist glücklich“. Der erste Satz meint Glück im Sinne von Widerfahrnis, nämlich alles Gute, das uns widerfährt, und zwar so widerfährt, dass wir nichts dazutun können, dass es uns widerfährt: unsere leibliche, geistige und charakterliche naturale Konstitution, das familiär-gesellschaftlich-politische Umfeld, in das wir hineingeboren werden, die leiblichen, dinghaften, personalen und interpersonalen Güter, die uns zufallen, die wir gebrauchen, genießen, derer wir uns (oft nur für sehr kurze Zeit) erfreuen können. Für diese Form des Glücks verwendeten die Alten das griechische Wort „eutychia“ beziehungsweise das lateinische „bona fortuna“.
Wenn wir von einer Person sagen, sie sei glücklich, meinen wir dagegen etwas anderes, nämlich ihre seelisch-geistige Verfassung und Lage, die sich in ihrem Selbstverständnis, in ihrem Gefühlsleben, in ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten bekundet. Für diese Form von Glück können wir eine ganze Menge selbst tun, für sie standen das griechische Wort „eudaimonia“ und die lateinischen Ausdrücke „felicitas“ und „beatitudo“.
Die wesentliche philosophische Frage ist nun, in welcher strukturellen, kausalen und praktischen Beziehung die beiden Formen von Glück zueinander stehen. Wie ist ihr Bedingungsverhältnis? Diese Frage drückt sich alltäglich aus in den Formulierungen „Was macht Menschen glücklich?“ oder „Worin besteht menschliches Glück?“

Ökonomie und Glück
von Ronnie Schöb

Wir leben nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der weder der Einzelne alle seine Bedürfnisse stillen noch die Gesellschaft als Ganzes die Bedürfnisse aller Menschen befriedigen kann. Wenn man nicht allen Ansprüchen gerecht werden kann, so muss man sich Gedanken machen, wie die knappen Ressourcen am besten verwendet werden sollten. Genau das tun Ökonomen. Sie beschäftigen sich im Wesentlichen damit, wie es uns gelingen kann, durch geschickten Einsatz knapper Ressourcen und richtig gesetzten Anreizen Menschen besser zu stellen, damit das Knappheitsproblem zu entschärfen und die von Knappheit geprägte Welt insgesamt ein klein wenig besser zu machen. In diesem Sinne verstehen Ökonomen ihr Credo, dass mehr besser ist als weniger.
Wenn nun der Einzelne mehr Ressourcen in Form von höheren Einkommens erhält und genau weiß, was gut für ihn ist, dann wird er dieses zusätzliche Einkommen so einsetzen, dass es ihm besser geht und er ein klein wenig glücklicher wird. Er kann sich ein größeres Auto anschaffen, öfter einmal in den Urlaub fahren, häufiger Freunde zu einem gemeinsamen Abendessen einladen und mit ihnen eine gute Flasche Rotwein leeren, etwas für das Alter oder schlechte Zeiten zurücklegen, sich gesünder ernähren. Er kann sich aber auch mehr Freizeit erkaufen, indem er sich entscheidet, früher in den Ruhestand zu gehen oder unbezahlten Urlaub zu nehmen. Und wenn es nicht seine eigenen Bedürfnisse sind, die ihm Sorgen bereiten, so kann er das zusätzliche Geld auch für karitative Zwecke spenden. Es ist also nicht wichtig, wie das zusätzliche Einkommen verwendet wird beziehungsweise was genau den Einzelnen glücklicher macht. Ökonomen genügt es zu wissen, dass die durch zusätzliches Einkommen geschaffenen größeren Auswahlmöglichkeiten glücklicher machen. Das ist der Grund, warum sich Ökonomen die Frage nach dem Wesen des Glücks lange Zeit überhaupt nicht gestellt haben.

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