Heft 07/2016

Inhaltsverzeichnis
Martin Luther in ökumenischer Perspektive
Münchner Hochschulkreis

Der Münchner Hochschulkreis der Katholischen Akademie Bayern traf sich am 25. Oktober 2016 und hatte als Schwerpunkt den Beginn des Reformationsgedenkjahres vor Augen. Professor Peter Neuner, einer der profiliertesten theologischen Kenner der Reformation auf katholischer Seite, leistete quasi eine katholische Würdigung dieses Ereignisses.

Eine katholische Würdigung
von Peter Neuner

Der Ablass, an dem sich Luthers Protest entzündete und die Reformation ihren Ausgang nahm, hat eine komplexe Geschichte. Im Hintergrund stand die Vorstellung von der Genugtuung, die für jedes Vergehen erbracht werden muss. Die Sünde als Verstoß gegen Gott bedarf der Wiedergutmachung, der Satisfaktion, auch wenn sie in der Beichte vergeben wurde. Diese Genugtuung kann der Mensch erbringen etwa durch Wallfahrten, Gebete, Opfer, Fasten. Sollten beim Gericht diese Werke der Wiedergutmachung nicht hinreichen, muss der Sünder die Strafen im Fegefeuer abbüßen. Nun weiß niemand, ob er hinreichend Genugtuung geleistet hat, wie es also um seine Heilssituation bestellt ist. Eines aber ist gewiss: Die Heiligen haben mehr an Sühne geleistet, als sie nötig gehabt hätten, sie haben also einen „Überschuss“ erbracht, der der Kirche als der Gemeinschaft der Heiligen zugutekommt. Zusammen mit dem Erlösungswerk Christi bildet er den Schatz der Kirche, an dem alle Gläubigen Anteil haben können. Der Papst lässt ihn in Form von Ablässen den Sündern zuteilwerden. Es ging beim Ablass ursprünglich darum, Menschen im Vertrauen auf ihre Gemeinschaft mit den Heiligen und durch die Fürbitte der Kirche von Sünden- und Höllenangst zu befreien.

Ökumene – ein Gespräch zu dritt

Rom, Konstantinopel, Wittenberg – die drei Städte stehen sinnbildlich für die drei großen christlichen Konfessionen, die seit den beiden großen Kirchenspaltungen der Jahre 1054 und 1517 in einer je eigenen Kirche beheimatet sind. Seither gehen die römisch-katholische Kirche, die orthodoxe Kirche des Ostens sowie die evangelische Kirche getrennte Wege, doch das im Jahr 2017 anstehende 500. Jubiläum der Reformation durch Marin Luther mahnt alle Konfessionen zur ökumenischen Sorge um die Einheit des Christentums. Die Katholische Akademie Bayern hat „Rom, Konstantinopel und Wittenberg“ am Abend des 4. November 2015 zusammengeführt, um unter dem Titel „Ökumene – ein Gespräch zu dritt“ nach dem derzeitigen Stand der Ökumene zu fragen. Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, vertrat die römisch-katholische Kirche, die orthodoxe Kirche war vertreten durch Ioannis Zizioulas, Leiter des Büros des Ökumenischen Patriarchats in Athen. Der evangelische Gesprächspartner war Johann Schneider, Regionalbischof des Propsteisprengels Halle-Wittenberg für die evangelische Kirche.

Statement aus orthodoxer Sicht
von Metropolit Ioannis Zizioulas

Das Thema meines Statements bei dieser Podiumsdiskussion ist, so wie ich es verstehe, konkret der Dialog zwischen den christlichen Kirchen. Diesen Dialog können wir nur wirklich schätzen, wenn wir uns die Geschichte anschauen und sehen, was vor dem Beginn des Dialogs passierte. Seit dem Großen Schisma des 11. Jahrhunderts und ein ganzes Jahrtausend lang bleibt das Christentum gespalten. Für eine lange Zeit bedeutete diese Spaltung nicht nur die Entstehung einer Vielfalt von Konfessionen, sondern auch - leider - Polemik und Konfrontation. Folglich erschien an erster Stelle ein defensiver und apologetischer Konfessionalismus, wobei wir genau definieren sollten, was wir damit meinen. Wenn wir von „Konfessionalismus“ reden, deuten wir an, dass wir uns selbst, unsere Identität, in Gegensatz zu einem Anderen bestimmen. In diesem Geist der Opposition ließen die christlichen Konfessionen im zweiten Jahrtausend Dokumente entstehen, die ihre besonderen Identitäten kennzeichneten. Dies war besonders der Fall bei den orthodoxen konfessionellen Dokumenten des 17. Jahrhunderts; die verschiedenen orthodoxen Bekenntnisse entstanden damals dadurch, dass man von den Protestanten Argumente gegen die Katholiken entlieh und umgekehrt. Da diese Dokumente letztendlich einen bestimmten Anderen widerlegten, entwickelte sich eine polemische Psychologie in dieser Zeit, als die verschiedenen römisch-katholischen und protestantischen Missionare in den orthodoxen Ländern arbeiteten und daher den Widerstand der Orthodoxen provozierten. So sind wir in eine polemische Situation geraten, eine Situation von Krieg zwischen Christen, zwischen uns Christen. Im Namen Christi kämpften wir gegeneinander.

Ökumene-Visionen aus reformatorischer Sicht
von Propst Johann Schneider

Was verbindet Alt-Rom und Neu-Rom/Konstantinopel und das viel jüngere Wittenberg, können Sie sich fragen? Auf den ersten Blick wenig, da die reformatorische Bewegung innerhalb der abendländisch-lateinischen Kirche zunächst kaum Berührungen mit Konstantinopel und den östlichen Kirchen hatte; sie war in ihrem Kern eine Kontroverse in der westlichen, lateinischen Kirche nördlich der Alpen, die als Ausgangspunkt den Protest des Wittenberger Priestermönchs und Professors Martinus um das mittelalterliche Ablasswesen hatte und sehr bald zum grundsätzlichen Dissens um die Autoritätsfrage in der Kirche wurde. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick: Denn die Wittenberger, zuerst Luther bei der Disputation in Leipzig 1519 und dann vor allem Philipp Melanchthon und die Theologen aus meiner Heimat in Siebenbürgen, suchten sehr schnell den Kontakt nach Konstantinopel, um mitten in der konfessionell-polemischen Kontroverse in der lateinischen Kirche der griechischen, der orthodoxen Kirche darzulegen, dass Wittenberg nichts Neues einzuführen gedachte. Sie, verehrter Metropolit Ioannis, haben in Ihrer Rede heute dankenswerterweise darauf verwiesen: „Orthodox Theology … must also listen to the voice of the Reformation.“ Die frühe ökumenische Bewegung im 20. Jahrhundert ist, auch als Frucht der im 19. Jahrhundert aufblühenden Bibellesebewegung, im Kontext reformatorisch geprägten Christentums, vor allem in den angelsächsischen Kirchen entstanden. Die Geburtsorte der ökumenischen Bewegung – wenn ich das verkürzt sagen darf – sind weder Wittenberg noch Rom, sondern Städte in England, den Niederlanden und die Missionsgebiete in Asien und Afrika.

Die ökumenische Situation heute aus katholischer Sicht
von Kurt Kardinal Koch

Wenn ich auf die vergangenen fünfzig Jahre seit dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils und besonders der Promulgation seines Dekrets über den Ökumenismus „Unitatis redintegratio“ am 21. November 1964 zurück blicke, drängt sich mir ein Wort des Dankes auf. Wir dürfen feststellen, wie viel in diesem halben Jahrhundert in ökumenischer Hinsicht wachsen konnte. An erster Stelle darf die unter den Christen und christlichen Gemeinschaften „wiederentdeckte Brüderlichkeit“ erwähnt werden, die der Heilige Papst Johannes Paul II. mit Recht zu den wichtigsten Früchten der ökumenischen Dialoge gezählt hat. Die zahlreichen Begegnungen, die verschiedenen Gespräche und die wechselseitigen Besuche haben ein Netz von geschwisterlichen und freundschaftlichen Beziehungen entstehen lassen, das das tragfähige Fundament für die ökumenischen Dialoge bildet. Solche Dialoge hat die Katholische Kirche in der Zwischenzeit mit beinahe allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften geführt und führt sie weiter, angefangen bei der Assyrischen Kirche des Ostens und den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen wie beispielsweise den Kopten, Armeniern und Syrern, über die Orthodoxen Kirchen der byzantinischen und slawischen Tradition über die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften wie den Lutheranern und Reformierten und der Anglikanischen Weltgemeinschaft über die Altkatholiken und die verschiedenen Freikirchen bis hin zu den evangelikalen und pentekostalen Gemeinschaften, die vor allem im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert enorm gewachsen sind. Aus diesen Dialogen konnten viele positive Früchte geerntet werden. Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass das eigentliche Ziel der Ökumenischen Bewegung, nämlich die Wiederherstellung der Einheit der Kirche, beziehungsweise der vollen kirchlichen Gemeinschaft, noch nicht erreicht werden konnte.

Das "Wir" und das "Ihr"

Migration gab es schon zu allen Zeiten und meist standen sich Einheimische und Ankömmlinge zunächst skeptisch gegenüber, so die These von Prof. Dr. Marita Krauss. Die Historikerin von der Universität Augsburg warf am 21. September 2016 in der Veranstaltung Das "Wir" und das "Ihr" einen Blick in die Geschichte von Migration und Integration und erläuterte an Hand ausgewählter Beispiele, wie es oft gelang, Konfrontationen aufzuheben und die Integration voranzutreiben.

Migration und Integration in historischer Persepktive
von Marita Krauss

Die Geschichte von Migrationen wird meist aus der Perspektive der Aufnahmegesellschaft geschrieben. Es gibt aber immer auch die andere Seite. Migration, ob erzwungen oder freiwillig, ob voller Verzweiflung oder voller Hoffnung, enthielt durch alle Zeiten Phasen hoher Irritation, großer Unsicherheit und Angst. Denn zwischen dem Verlassen der vertrauten Umgebung, der Familie, der Freunde, und der sicheren Ankunft an einem Ort, an dem man bleiben wird, liegt ein Raum großer Gefährdung. Es geht um Abschied und Grenzüberschreitung, um den oft schwierigen Weg durch das Unbekannte zu einem fernen und unklaren Ziel. Die Passage zwischen Abreise und Ankunft weckt vor allem bei erzwungener Migration Urängste des Verlassen- und Verstoßen-Seins. Vielfach wird sie auch konkret von traumatischen Erlebnissen begleitet, von Gewalt und Betrug oder dem Tod Nahestehender. Es ist die Phase des größten Ausgesetzt-Seins, in dem Migranten und Migrantinnen unbedingt „Paten“ benötigen, die Ihnen ein neues Gefühl der Sicherheit vermitteln.
Ein weiteres kommt hinzu: Zur Angst der Migranten und Migrantinnen korrespondiert die Angst der Menschen in den Zielländern – Angst vor Überfremdung, vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, vor einem Verlust von Besitz und Privilegien. Die „Fremden“ will man nicht, man fürchtet sie und lehnt sie deshalb ab. Diese Ablehnung ist nicht erst heute mit Aussperrung und Ausgrenzung verbunden. Viele der großen Zwangsmigrationen waren begleitet von Grenzschließungen und Internierungen, von Arbeitsverboten und Diskriminierungen. Das „Wir“ der Einheimischen konstruierte ein „Ihr“ der unerwünschten Ankömmlinge. Unter dieser Dichotomie von „Wir“ und „Ihr“ lassen sich dann sehr viele der konkreten Ausschlussszenarien fassen, die begannen, waren die Flüchtenden erst einmal im Land.
Die beiden korrespondierenden Ängste, die der Ankommenden und der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft, gingen und gehen eine unselige Verbindung ein: Die Ankommenden spüren die Ablehnung und dies steigert ihre Verzweiflung und Not. Und den Einheimischen versperrt die Angst vielfach den Blick auf die Qualitäten und Angebote der Ankommenden. Vor dem Hintergrund der Angst lernt man sich nicht kennen.

Sectio theologica der Bayerischen Benediktinerakademie: Heimat, Grenzen, Gastfreundschaft

Beim Jahrestreffen der Sectio theologica der Bayerischen Benediktinerakademie – diesmal vom 29. bis zum 31. Mai 2016 im Kloster Fischingen in der Schweiz – stand neben dem gemeinsamen Beten und vielen Gesprächen untereinander auch wissenschaftliche Arbeit auf dem Programm. Unter dem Titel „Heimat. Grenzen. Gastfreundschaft“ waren Experten geladen, die diese Stichworte aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchteten und zur Diskussion einluden.

Gastfreundschaft – Die Kunst der Grenzüberschreitung erlernen
von Margit Eckholt

Eines der großen Zeichen der Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Phänomen der globalen Migration. Die Migrationsbewegungen und Flüchtlingsproblematik haben in den letzten Jahren angesichts dramatischer politischer Konflikte und wachsender sozialer Probleme – Ende des letzten Jahrhunderts vor allem in den afrikanischen und asiatischen Ländern, in den letzten Jahren durch Kriege im Nahen Osten und den arabischen Ländern, Syrien, Afghanistan – immens zugenommen. Der UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees, Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) zählt für das Jahr 2015 circa 60 Millionen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und massiven Menschenrechtsverletzungen geflohen sind oder sich in flüchtlingsähnlichen Situationen befinden. Allein in den letzten vier Jahren hat sich die Zahl vervierfacht. In Deutschland sind im letzten Jahr 2015 insgesamt 1,1 Millionen Flüchtlinge eingetroffen. Dabei ist Migration ein Phänomen, das die Weltgeschichte in ihren unterschiedlichen Epochen immer wieder neu geprägt hat. Es waren unterschiedlichste Beweggründe, die Menschen, gar ganze Volksstämme, zum Aufbruch bewegt haben, oft der Mangel an Lebensnotwendigem in der angestammten Heimat. Not, Hunger, Arbeitslosigkeit, auch Naturkatastrophen haben die Sehnsucht nach einer „neuen Welt“, einem „Eldorado“ genährt und Anlass für einen Aufbruch gegeben – eine Suche nach „Anders-Orten“, neuen Orten, mit Sehnsucht, Fremdheit, Abenteuer und der Hoffnung auf ein gelingendes Leben ohne Not und Gewalt belegt.

An den Rändern von Heimat
von Joachim Klose

Edgar Reitz: „Offensichtlich haben wir einen Fehler gemacht, nämlich zu meinen, dass der Markt alles regelt. Was Vermögen, was Arbeit heißt, ist nicht mehr an Orte gebunden und hinterlässt die Menschen ratlos. Wir sind ja als Menschen nicht wirklich mobil, wir bleiben an unseren Körper und unsere Geschichte gebunden, und unsere Sinne suchen Halt in der Welt an den vertrauten Orten.“ - Deutschland profitiert als Exportland von der Globalisierung. Das wurde besonders nach der Finanzkrise seit 2008 deutlich. Es war und ist die Lokomotive des wirtschaftlichen Aufschwungs in Europa. Globalisierung und Europa sind unabdingbar und notwendig für die Entwicklung unseres Landes. Gleichzeitig führen aber die strukturellen Öffnungsprozesse zu Regionalisierung und Rückbesinnung auf Wurzeln und Identität, denn mit dem Änderungstempo der Lebensverhältnisse und regionalen Bezüge verfremden sich die Herkunftswelten. So plädiert Rüdiger Safranski in seinem Essay "Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?" auch wieder für die partielle Einführung des Heimatbegriffes. Die Ausbalancierung von Mobilität und Weltoffenheit durch Ortsfestigkeit ist eine anthropologische Grundbedingung.

Polen in Europa - Zwischen Isolation und Integration
Ein Bericht
von Christof Dahm

Die Europäische Union befindet sich gegenwärtig in einer schweren Krise, vielleicht sogar in einer existenziellen Zerreißprobe. Nicht nur aus deutscher Sicht markierte die Entscheidung Großbritanniens zum „Brexit“ einen tiefen Einschnitt, der nach Ansicht vieler Kommentatoren auch dadurch verursacht wurde, dass die Institutionen der Europäischen Union sich in ihren Handlungsabläufen und Beschlüssen als schwerfällig erweisen und „Brüssel“, um es auf eine Kurzformel zu bringen, vielen Unionsbürgern fremd oder sogar unheimlich geworden ist. Blickt man auf die Staaten, die 2004 und 2007 der Union beigetreten sind, also Länder des ehemaligen Ostblocks, findet sich rasch ein weiteres Argument: Man habe sich nicht von „Moskau“ befreit, um sich nun dem „Diktat aus Brüssel“ zu unterwerfen. Besonders empfindlich waren und sind die Reaktionen in diesen Ländern, wenn es um den Umgang mit den Hundertausenden von Flüchtlingen geht, die seit mehreren Jahren und besonders seit Sommer 2015 über die so genannte Balkanroute und das Mittelmeer nach Norden und Westen strömen. In fast allen Ländern der Europäischen Union gibt es Vorbehalte gegen die Maßgaben der EU-Kommission in Brüssel zur Aufnahme der Flüchtlinge, Vorbehalte und Ressentiments nehmen überall zu, und der wachsende Rechtspopulismus in Ländern wie Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Ungarn sind Alarmzeichen dafür, dass ein „Weiter so!“ nicht mehr möglich ist.

Exodus - Historische, theologische und spirituelle Dimensionen

Eine der spannendsten Erzählungen des Alten Testaments ist der Bericht über die Flucht des Volkes Israel aus Ägypten. Sie nimmt im Buch „Exodus“ einen breiten Raum ein und die Geschichte dient seit alters her bis heute als Vorlage für Bücher und Filmskripts für Blockbuster, regte Künstler zu monumentalen Werken an und gibt Wissenschaftler noch heute manch Rätsel auf. Die Katholische Akademie Bayern hatte sich dieser großen Erzählung am 19. März 2016 beim gleichnamigen Studientag aus historischer, theologischer und spiritueller Dimensionen genähert. Eines der Referate, das des Exegeten Christoph Dohmen, in dem der biblische Text als Gleichnis gläubigen Lebens, der Umkehr und Verwandlung erscheint, finden Sie im Anschluss.

Dies ist die Nacht - Der Exodus Israels als christlicher Glaubensinhalt
von Christoph Dohmen

Wenn bei der Feier der Osternacht als eine der Lesungen die Erzählung von den Israeliten, die trockenen Fußes durch das Schilfmeer ziehen und den sie verfolgenden Ägyptern, die im Meer ertrinken, zu hören ist, werden nicht wenige Christen sich fragen, warum gerade dieser Text vorgelesen wird. Sie fragen sich, was dieser Text denn mit der Feier der Auferstehung Jesu zu tun habe und was er ihnen sagen solle. Die Irritation über diesen Text steckt teilweise jedoch noch tiefer, denn die Rede von einem Gott, der alle Ägypter umbringt, scheint so gar nicht zu dem Gott zu passen, der sich, indem er Jesus von den Toten erweckt, als ein Gott des Lebens erweist. Die sich durch diese Lesung andeutende Verbindung zwischen Ostern und Exodus ist aber noch viel tiefer, was das sogenannte Schilfmeerlied aus Ex 15, das die Rettung der Israeliten am Meer besingt, als Zwischengesang nach der genannten Lesung oder die Lesung vom Pascha der Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten (Ex 12) bei der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag zeigen. Auf die Frage, warum gerade diese Texte an Ostern gelesen werden, gibt es eine ganz einfache Antwort: Es war immer so! Diese so einfache Antwort ist aber weit mehr als ein simples Traditionsargument, denn sie weist auf die Anfänge des Christentums zurück. Dass die ältesten uns bekannten Liturgien der Osterfeier Texte des Exodusbuches benutzen, ist die logische und notwendige Folge eines bereits in den Schriften des Neuen Testaments zu beobachtenden Phänomens: Das Christusereignis wird von diesen Texten des Exodusbuches bzw. mit ihnen und durch sie gedeutet.

Exodus - die Revolution der Alten Welt
von Jan Assmann

1985 brachte Michael Walzer ein brillantes kleines Buch mit dem Titel Exodus and Revolution heraus. Darin zeigte er, dass die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten mit der vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste und der Eroberung Kanaans zum Grundmodell politischer Revolutionen wurde. Jede Revolution ist ein gewaltsamer Aufbruch in etwas Neues, nach jedem solchen Aufbruch gilt es, Wüsten zu durchqueren voller Entbehrungen und konterrevolutionärer Rückschläge, bis dann endlich das Gelobte Land einer neuen Ordnung erreicht ist.
Das ist sehr überzeugend. Ich meine den Begriff „Revolution“ aber ganz anders. In meiner Deutung ist die Exodus-Erzählung nicht das Modell, die Blaupause politischer Revolutionen, sondern hat selbst Revolution gemacht, und zwar dadurch, dass sie zum Gründungsmythos der monotheistischen Religion wurde. Mit deren Siegeszug hat sie die Alte Welt verändert, erst durch die Christianisierung und dann durch die Islamisierung. Es handelt sich also nicht um eine politische, sondern um eine geistige Revolution, die aber in ihren politischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen die Welt stärker und nachhaltiger verändert hat als jede politische Revolution. Genau genommen ist es auch nicht die Erzählung als solche, die so weltverändernd gewirkt hat, sondern die Ideen, die sie im Medium der Narration entfaltet. Sie heißen Offenbarung, Bund und Glaube. Das sind die Ideen, die unseren Begriff von Religion bis heute geprägt haben.
Der Alten Welt – und damit meine ich die Welt der „heidnischen“, „polytheistischen“ Religionen, Ägypten, Babylonien, Phönizien, Griechenland, Rom usw. ist diese Ideen-Trias fremd. Deshalb tun wir uns auch schwer, den Begriff „Religion“ auf diese alten Kulturen anzuwenden, obwohl doch „religio“ ein lateinisches Wort ist. Aber um diesen Begriff auf das Christentum anwenden zu können, musste ihm Laktanz eine neue Etymologie unterschieben, indem er es nicht wie Cicero von re-ligere „wiederlesen, konzentriert beachten“, sondern von re-ligare „rückbinden“ ableitete, um es auf die Idee des Gottesbundes zu beziehen.

Akademiegespräch mit Offizieren der Bundeswehr

Rund 400 Offiziere und Offiziersanwärter aus Bundeswehrstandorten in Süddeutschland waren am 11. Oktober 2016 zum Akademiegespräch ins Haus gekommen. Auf Einladung der Katholischen Akademie Bayern und der Katholischen Militärseelsorge finden diese Treffen zwei Mal im Jahr statt. Als Redner war aktuelle Dr. Thomas Vordermayer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der LMU München zu Gast. Thomas Vordermayer ist Mitherausgeber der im Januar 2016 erschienenen kritischen Edition von Hitlers Mein Kampf, für die das Institut für Zeitgeschichte verantwortlich zeitigt.

Hitler, Mein Kampf - Eine kritische Edition
von Thomas Vordermayer

Mittlerweile sind zehn Monate vergangen, seit die kritische Edition von Mein Kampf am Institut für Zeitgeschichte vorgestellt wurde, und die große Aufregung der ersten Wochen und Monate ist inzwischen verflogen. Darüber bin ich persönlich sehr froh. Die meisten Kommentare zur Edition stehen mittlerweile in einem Geist der Nüchternheit und Sachlichkeit und genau dieser Geist soll auch meinen heutigen Vortrag prägen. Dabei geht es zunächst um allgemeine Informationen zu 'Mein Kampf', um die Verbreitung, den Aufbau und die Funktionen, die der Text für Hitler besaß. Anschließend möchte ich konkret auf die Edition zu sprechen kommen und zunächst deren Grundprinzipien offenlegen, das heißt, die Überlegungen deutlich zu machen, die uns Herausgeber bei der Kommentierung geleitet haben. Zuletzt sollen das Konzept der Kommentierung genauer erläutert und insgesamt vier Kommentierungsbeispiele gegeben werden, die unsere Arbeit illustrieren.

Lässt sich die Welt restlos vernünftig erklären? Zum 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz

Einen spannenden, aber auch intellektuell sehr herausfordernden Vortrag über Gottfried Wilhelm Leibniz erlebten 90 Gäste der Katholischen Akademie Bayern am Abend des 10. Novembers 2016. Prof. Dr. Michael-Thomas Liske, Professor für Philosophie an der Universität Passau, stellte anlässlich des 300. Todestages des großen Barockphilosophen die Frage „Lässt sich die Welt restlos vernünftig erklären?“

Zu Leibniz’ religionsphilosophischem Ansatz
von Michael-Thomas Liske

Über Leibniz, dessen Tod sich am 14. November 2016 zum dreihundertsten Male jährt, sind dem Gebildeten einige Tatsachen bekannt. Er war der letzte europäische Universalgelehrte, der die unterschiedlichsten Wissensgebiete nicht bloß in ihren Resultaten zur Kenntnis nahm, sondern durch eigene Forschungen voranbrachte. Er hat ein hochspekulatives metaphysisches System entwickelt: Danach sind die letzten Elemente der Wirklichkeit fensterlose Monaden, Einheiten, die ohne realen Austausch miteinander alle Vorstellungen, aus dem eigenen Inneren hervorbringen, dabei aber kraft einer von Gott ein und für allemal eingerichteten prästabilierten Harmonie miteinander übereinstimmen. Er war Rationalist, der annahm, die Welt sei durchgängig von vernünftigen Prinzipien bestimmt. Schließlich war er Optimist, der die wirkliche Welt für die beste aller möglichen hielt und dadurch glaubte, in seiner Theodizee Gott angesichts der Übel in der Welt rechtfertigen zu können.

Autoren zu Gast bei Albert von Schirnding
Barbara von Wulffen

Mit Barbara von Wulffen war am 30. November 2016 eine Schriftstellerin zu Gast bei Albert von Schirnding, die zu Beginn ihres Schaffens vor allem als Essayistin tätig war, bis Sie 1989 ihren ersten Roman mit dem Titel „Urnen voll Honig“ verfasste. Nach der wie immer brillanten Einleitung des Gastgebers, den Sie im Nachfolgenden dokumentiert finden, und einem anschließenden Gespräch unter Literaten trug Barbara von Wulffen Abschnitte aus ihrem neuestes Buch, „Jerome“ vor, das im kommenden Jahr im EOS-Verlag in St. Ottilien erscheinen wird. Umrahmt wurde die Veranstaltung mit rund 120 Gästen von wunderbar passenden Musikstücken von Robert Schumann, Carl Orff und Johann Sebastian Bach, gesungen von Jonas Wuermeling (Bariton), begleitet am Flügel von Anoniya Yordanova.

Den Dingen Namen geben
von Albert von Schirnding

Ich will mit offenen Karten spielen und gleich sagen, dass ich die Autorin, die ich Ihnen heute Abend vorzustellen die Freude habe, die große Freude habe, von Kindesbeinen an kenne. Unsere Eltern waren miteinander befreundet, und wir sind sogar, wenn auch einigermaßen entfernt, verwandt. Die erwähnten Kindesbeine wurden im Frühjahr 1942 auf täglichen mehrstündigen böhmischen Waldspaziergängen kräftig strapaziert. Unsere Mutter machte eine Kur in Franzensbad. Wir Kinder wurden im nahen Schlossgut Schweißing untergebracht, das dem Grafen Clemens Podewils und seiner Frau Sophie Dorothee gehörte. Damit Sie sich den Namen besser merken können, zitiere ich den Schüttelreim von Eugen Roth, den er seinem Freund Clemens nach langen Geburtswehen präsentierte: „Es trank einst ein Woiwode Pils / mit dem Grafen Podewils.“ Woiwoden bezeichnen bei slawischen Völkern Truppenführer und Verwaltungsbeamte. Hier dienen sie natürlich ausschließlich Schüttelreimzwecken. Sollte sich aber ihr Einflussbereich bis zum Kaukasus erstrecken, sind wir gar nicht so weit entfernt von einem der Schauplätze des neuen Buches unserer Autorin, aus dem sie heute Abend vorliest.
Aber noch sind wir in Böhmen, in Schloss Schweißing, Mai 1942. Dort fanden meine Schwester und ich uns mit den gleichaltrigen Töchtern Burgi und Bärbel zusammengespannt. Wir verstanden uns prächtig. Die Kinderfrau der beiden, wie sie auf solchen Schlössern eben üblich waren, legte auf große Spaziergänge bei jedem Wetter entschiedenen Wert. Niemals zuvor hatte ich ausgedehntere, geheimnisvollere Wälder gesehen, sah ich später samtigere Moosgründe, trat in Lichtungen, die so überraschend im tiefsten Waldesdunkel sich öffneten.
Warum ich es wage, bei diesem Anlass davon zu sprechen? Weil Barbara von Wulffen, geborene Podewils, mit ihrem 1989 im Fischer-Verlag erschienenen Buch „Urnen voll Honig" ihrer böhmischen Kindheit einen hinreißend schönen Erinnerungstempel geweiht hat. Kindheit ist ortsgebunden, und nur im Kunstwerk kommt das später nie wieder mit solcher Intensität erlebte Hier und Jetzt zu seiner unverlierbaren Wahrheit. In Schweißing gemahnte im Frühjahr 1942 nichts an den Krieg, sieht man davon ab, dass der Hausherr nur vorübergehend anwesend war; bald musste er wieder an die Front nach Russland zurückkehren. Genau zehn Jahre später hat Clemens Podewils im Hanser-Verlag ein „Don und Wolga“ betiteltes Buch mit „Aufzeichnungen aus dem Jahre 1942“ veröffentlicht, die mit der Schilderung dieses Urlaubs einsetzen. Unter dem 23. Mai heißt es: „Der Urlaub ist vorüber. Bei der Abfahrt war es wie immer. Wenn der Zug die Kurve nimmt, deine winkende Gestalt entschwindet, Dorf und Schloss sich fort drehen, sagt eine Stimme in mir: das war das letzte Mal.“

Verleihung des Kardinal Wetter Preises 2016 an Dr. Marco Benini und Dr. Winfried Büttner

Die Katholische Akademie Bayern und die Theologische Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) verliehen am 16. November 2016 den Kardinal Wetter Preis 2016 an Dr. Marco Benini und Dr. Winfried Büttner. Dr. Marco Benini wurde für seine Dissertationsarbeit zum Thema „Die Feier des Osterfestkreises im Ingolstädter Pfarrbuch des Johannes Eck“ ausgezeichnet und Dr. Winfried Büttner wurde prämiert für seine Doktorarbeit zum Thema „‘Gottheit in uns‘, Ostsyrische Mystik bei Sem`on d-Taibuteh“, die sich mit einem orientalischen Denker vom Ende des 7. Jahrhundert auseinandersetzt. Das Preisgeld betrug für jeden der Ausgezeichneten 750 Euro, weil der Preis zum ersten Mal auf zwei zu Ehrende aufgeteilt worden war. Zum Festakt im Hörsaal A 201 des Kollegiengebäudes in Eichstätt und dem anschließenden Stehempfang im „Holzer Saal“ kamen an diesem Buß- und Bettag rund 100 Besucher, Persönlichkeiten aus Kirche, Wissenschaft und Gesellschaft sowie Familienangehörige und Freunde der beiden Preisträger. Als Ehrengäste begrüßte die Präsidentin der KU, Prof. Dr. Gabriele Gien, den Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke OSB, seinen Generalvikar Isidor Vollnhals, den Münchner Domdekan Dr. Lorenz Wolf, Leiter des Katholischen Büros Bayern, Dr. Ludwig Brandl, den Direktor des Diözesanbildungswerks Eichstätt, die Landtagsabgeordnete Tanja Schorer-Dremel aus dem Stimmkreis Eichstätt, und ganz besonders den Namensgeber des Preises, Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof em. von München und Freising.

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