Heft 05/2016

Ökumenischer Preis an Frank-Walter Steinmeier

Anlässlich eines Festaktes mit rund 300 Ehrengästen erhielt Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier am 11. Juli 2016 den Ökumenischen Preis der Katholischen Akademie Bayern. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Lesen Sie im Anschluss die überarbeiteten Reden des Festaktes, eine Presseschau sowie die Preisbegründung und sehen Bilder rund um die Preisverleihung.

In der Mediathek steht ein kurzes Video, das Impressionen der Preisverleihung zeigt. 

Die Welt ist aus den Fugen – was hält uns zusammen?
von Bundesminister Frank-Walter Steinmeier

Es ist mir eine Ehre, mit dem Ökumenischen Preis der Katholischen Akademie Bayern ausgezeichnet zu werden. Als mich die gute Nachricht vor ein paar Monaten erreichte, habe ich mich gefreut. Aber ich habe mich gleichzeitig gefragt: Bin ich der Richtige?

Ich komme, wie manche vielleicht wissen, aus einem kleinen Dorf im Lippischen. Seit 1538 ist unser Landstrich evangelisch, seit dem 17. Jahrhundert ist unser Landstrich evangelisch-reformiert, und das mit allem, was dazu gehört! Ich erinnere mich an Menschen mit großem innerem Ernst, an Pastoren mit wortstarker, zuweilen donnernder Predigt. Und die hatte lang und ausführlich zu sein! Ein Gottesdienst unter einer Stunde wäre als Arbeitsverweigerung verstanden worden. Die Liturgie bei uns ist karg, ein Kreuz in manchen reformierten Kirchen der einzige Schmuck, in vielen nicht einmal das. Das war meine Welt. Und daneben gab es keine andere bis zum Ende meiner Grundschulzeit.

In der Oberschule ging es dann in die nächstgrößere Stadt. Auch die überwiegend reformiert, aber eben nicht nur: Es gab eine lutherische Kirche. Und für uns Kinder oder schon Jugendliche war das eine andere Welt. Die Lutherischen erschienen uns genauso fremd wie die Katholiken. Oder noch anders: Das Reformierte war das Normale, das Lutherische die „andere“ Kirche, oder die Kirche der „Anderen“, auch weil es Katholiken nicht gab. Jedenfalls nicht in meiner kleinen Welt, wo Schulen und Arbeitsplätze nah waren und Mobilität – auch als Wort – noch nicht erfunden war! Nur sieben km von meinem Dorf verlief die Landkreisgrenze, weit mehr als die Grenze einer kommunalen Einheit, eine scharfe konfessionelle Grenze. Dort auf der anderen Seite dominierte Paderborn! Damals noch prägte das Wort des allgegenwärtigen Bischofs dort kirchliches Leben und Alltag der Menschen durch und durch! Obwohl nur Steinwurfnähe voneinander entfernt, hatten diese Welten kaum, eher keine Berührung. Obwohl die Schule, das Gymnasium in der katholischen Kleinstadt näher war, blieb man doch lieber im Evangelischen, auch wenn’s ein paar Kilometer mehr waren. Selbst beim Fußball begegnete man sich nicht, da auch die Fußballigen sich an den Kreisgrenzen orientierten.

Begrüßung
von Akademiedirektor Florian Schuller

„Ökumene“ – eines unserer großen Worte. Es stammt bekanntlich vom griechischen Wort für „wohnen“ ab, „oikein“, und dieses wiederum vom Wort „Oikos“, „Haus“.

I.

Wenn ich deshalb dem Wortsinn von Öku-mene nachgehe, darf ich zunächst als „Haus“-Herr Sie alle sehr herzlich begrüßen: Sie, ökumenisch gesinnte Vertreterinnen und Ver-treter unterschiedlicher christlicher Traditionen; Ordensobere, Patres und Schwestern, Priester, Theologinnen und Theologen, Domkapitulare und weitere Repräsentanten kirch-licher Leitungsebenen, Institutionen, Hilfswerke, Verbände und Gremien; Professoren der Wissenschaft, Damen und Herren der Medien; Verantwortliche aus Wirtschaft und Fi-nanzwelt, von Politik und Verwaltung; die Romano-Guardini-Preisträgerin Sr. Lea Acker-mann; den Ökumenepreisträger Landesbischof i.R. Johannes Friedrich; und all die vielen anderen Freunde unseres Hauses. Danke, dass Sie der Einladung gefolgt sind.

II.

Dieses Haus hat stabile Fundamente, sieben an der Zahl, die sieben bayerischen katholischen Diözesen. Das Urfundament gleichsam repräsentiert der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, der Protektor unserer Institution. Er hat eigens eine wichtige Tagung im Vatikan verschieben lassen, um heute hier dabei sein zu können. Ihm zur Seite Friedrich Kardinal Wetter, uns seit Jahrzehnten verbunden.
Die anderen Fundamente, sprich Diözesen, vertreten in offiziellem Auftrag ihrer jeweiligen Bischöfe Domkapitular Wolfgang Klausnitzer aus Bamberg; Domkapitular Thomas Pinzer und Wolfgang Stöckl aus Regensburg. Bischofsvikar Prälat Karlheinz Knebel und Prälat Eugen Kleindienst kommen aus der Diözese Augsburg, Domkapitular Prälat Dr. Christoph Kühn aus Eichstätt und Dr. Josef Zerndl ist Domkapitular in der Erzdiözese Bamberg.

Grußwort der Bayerischen Staatsregierung
von Staatsministerin Dr. Beate Merk
Die Katholische Akademie hat einen hervorragenden Ruf in Bayern und weit darüber hinaus. Die Mandlstraße 23 gilt als Premium-Adresse für den anspruchsvollen Austausch von Kirche und Welt. In diesen Räumen wird um Einsicht und Verständigung gerungen – leidenschaftlich, differenziert, immer mit Respekt vor der Meinung und Haltung des Gegenübers. Wir in Bayern sind stolz auf diesen Leuchtturm des gelehrten Dialogs!
Hier werden die Werte unseres christlich-jüdischen Menschenbildes gelebt. Humanität, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit – all das macht unser christliches Wertebild aus. Diese christlich-jüdische Tradition ist auch das Fundament für den Zusammenhalt in Europa und den Frieden in der Welt.
Zusammenhalt in Europa und Frieden in der Welt – wer hätte noch vor zwei oder drei Jahren gedacht, dass diese Themen und damit die Außenpolitik so sehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von uns allen rücken. Deshalb erhält der diesjährige Preisträger des Ökumenischen Preisesden Preis genau zur rechten Zeit!
Sehr geehrter Herr Bundesminister Steinmeier, ich heiße Sie herzlich in Bayern willkommen. 
Laudatio
von Thomas Sternberg

Ein Ökumene-Preis an einen Politiker? Es ist ungewöhnlich, dass dieser Preis an den amtierenden Außenminister der Bundesrepublik Deutschland verliehen wird. 15 Preisträger gab es bislang, darunter acht Bischöfe aus vier Konfessionen und vier Theologieprofessoren. Nun ein Jurist und erstrangiger Verantwortungsträger deutscher Politik. Ein SPD-Politiker, der in seinem Dienst nicht zuletzt durch seinen evangelisch geprägten Glauben getragen wird. Und nun soll ich als katholischer CDU-Abgeordneter eine Laudatio halten.
Der Preis wird mit Ihnen sehr verehrter und lieber Herr Bundesminister Dr. Steinmeier auch dem Präsidiumsmitglied des DEKT, des Deutschen Evangelischen Kirchentags und Kirchentagspräsident 2019 in Dortmund verliehen. Er wird einen Mann des öffentlichen Lebens verliehen, der aus seiner Religiostät weder Aufsehen noch einen Hehl macht.

I. Der Ökumene-Preis

Der Name des Preises legt die Vergabe an einen Außenpolitiker geradezu nahe. Ökumene ist nicht allein der Begriff für das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten der christlichen Konfessionen. ‚Oikuméne‘, das meinte in der Antike die gesamte bewohnte Welt, den „Orbis Terrarum“. Ökumenisch, das hieß zugleich „weltweit“. Und so ist es bis heute in der Geographie, wo die Ökumene den ständig besiedelten und ackerbaulich nutzbaren Teil der Erdoberfläche meint. Knapp 50 Prozent sind das; und dieser große Teil der Welt ist es, mit dem der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland vor allem zu tun hat.

Schlusswort
von Reinhard Kardinal Marx

Liebe Anwesende bei dieser festlichen Veranstaltung, die hoffentlich uns allen Mut gemacht hat, Hoffnung gemacht hat. Von dieser Akademie soll ein neuer Impuls für das christlich geprägte politische Handeln ausgehen, für das Arbeiten in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens.
Ich gehöre auch zu denen – ich bin jetzt der Dritte – die sich gefragt haben: Warum Frank-Walter Steinmeier? Zwar hat die Jury entschieden, aber wir sind ja in der katholischen Welt. Da ruft man natürlich den Kardinal an und sagt: Herr Kardinal, was sagen Sie zu der Idee? Da habe ich gesagt: Lasst mich mal eine Nacht drüber schlafen. Aber nicht, weil ich irgendein Problem mit der Person – das wissen Sie, Herr Minister – Frank-Walter Steinmeier habe, sondern eben tatsächlich in der Überlegung: Was ist jetzt der Sinn dieses Preises? Erklärt noch einmal, was ihr damit meint, mit diesem Preis, mit diesem Ökumene-Preis.
Ich bin ja erst einige Jahre hier und habe eben auch in Erinnerung, dass es in der Regel Bischöfe und Professoren waren, die mit dem Ökumenischen Preis ausgezeichnet wurden. Aber beim Blick auf diese Preisbegründung und auch auf die Idee fand ich es dann besonders wichtig, jetzt in dieser Stunde einen überzeugten Christen, der im politischen Handlungsfeld steht, auszuzeichnen und damit zu ermutigen, und auch andere zu ermutigen, in der Politik ihren Beitrag als Christinnen und Christen zu leisten, in einer ökumenischen, weiten Vernetzung. Eine ausgezeichnete Idee! Ich glaube auch die Veranstaltung heute zeigt das. Ich kann ja nur ein kleines Schlusswort sagen, einen i-Punkt oder ein Ausrufungszeichen draufsetzen. Die wesentlichen Punkte sind ja in der Laudatio und auch in der großartigen Rede des Herrn Bundesaußenministers deutlich geworden.

Jüdisches Leben in Deutschland heute

Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, war am 28. Juni 2016 zu Gast in der Katholischen Akademie Bayern. Josef Schuster, im Privatberuf Internist in Würzburg, ist seit November 2014 oberster Repräsentant der offiziell rund 100.000 jüdischen Bürger in Deutschland. In der Veranstaltung mit dem Titel „Jüdisches Leben in Deutschland heute“ zog Josef Schuster Bilanz darüber, erwähnte Positives wie Negatives, warb für die Integration der Flüchtlinge, die Zeit erfordere, forderte im Gegenzug aber auch Toleranz der Flüchtlinge, die deren Pflicht sei.

Die vollständige Rede des Zentralratspräsidenten finden Sie auch als podcast in der Mediathek.

Jüdisches Leben in Deutschland heute
von Josef Schuster

Ich freue mich sehr, heute hier in der Katholischen Akademie zu Gast zu sein und danke herzlich für diese Einladung! Sehr gerne werde ich versuchen, Ihnen einen kompakten Überblick über das heutige jüdische Leben in Deutschland zu geben. Vielleicht mögen Sie sich einmal selbst fragen, welche Bilder Sie im Kopf haben, wenn vom modernen jüdischen Leben in Deutschland die Rede ist. Was wird in den Medien transportiert? Natürlich Fotos prominenter Vertreter wie seit Ende 2014 meine Wenigkeit oder gerade hier in München natürlich von Frau Knobloch.
Und welche Bilder fallen einem dann ein? Wenn ich mich das fragen würde, würde ich, ehrlich gesagt, ziemlich schnell an Bilder aus Israel denken. Denn gerade im Fernsehen treffe ich viel häufiger auf Berichte aus Israel als auf Berichte über das hiesige jüdische Leben. Deshalb assoziieren wahrscheinlich gar nicht wenige Bürger in diesem Land beim Thema Judentum das Bild eines ultraorthodoxen Juden mit Schläfenlocken und Gebetsschal. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen: Die Kenntnisse über das jüdische Leben in Deutschland sind ziemlich gering.
Das meine ich nicht als Vorwurf. Wenn ich ein Foto über modernes muslimisches Leben in Deutschland auswählen müsste, käme ich auch ins Schwitzen. Bei der evangelischen und katholischen Kirche fiele es mir etwas leichter. Aber ich bin schließlich in Würzburg aufgewachsen. Und das kirchliche Leben hat immer auch in mein jüdisches Leben hineingespielt. Und geschadet hat es mir nicht!

Der "Accord-Arbeiter"
Zum 100. Todestag des Komponisten Max Reger

Musikkenner und Musikliebhaber waren am Abend des 26. April 2016 in die Katholische Akademie Bayern gekommen, um Musik von und fundierte Informationen über Max Reger zu genießen. Vor fast genau 100 Jahren (Todestag ist der 11. Mai 1916) starb der 1873 in der Oberpfalz geborene Komponist, der in seinem leider nur kurzen Leben ebenso musikalisch Grenzen auslotete wie er Werke fast wie am Fließband produzierte. „Accord-Arbeiter“ lautete daher der Titel der Abendveranstaltung.

Max Regers Orgelmusik
von Michael Hartmann

In dem kleinen Dorf Brand in der Oberpfalz wurde Max Reger am 19. März 1873 in ein katholisches, durchaus musikalisches Elternhaus geboren. Sein Vater Joseph, aus armen Verhältnissen stammend, musste seinen Berufswunsch Musiker zugunsten des Brotberufs Volksschullehrer aufgeben. Seine Mutter Philomena spielte Klavier und brachte später dem jungen Max auch erste Klavierkenntnisse bei. 1874 zieht die Familie nach Weiden, wo der Vater eine Stelle an der Präparandenschule antrat.
Unter dessen Schülern war auch Adalbert Lindner, den er in Deutsch, Geographie und Harmonielehre unterrichte; und dieser wiederum wurde Max Regers erster regulärer Klavier- und Orgellehrer (1884-1889). Bei ihm lernte Reger das klassische deutsche Klavierrepertoire kennen und wurde zugleich durch die beliebten Klavier-Transkriptionen auch mit der Orchestermusik von Bach, Wagner und Brahms vertraut. Lindner blieb Reger lebenslang in Freundschaft verbunden und wurde ihm zu einem wichtigen Ratgeber und Weichensteller. 1885 konnte Joseph Reger, der selbst das absolute Gehör besaß und mehrere Instrumente spielte, ein an der Präparandenschule nicht mehr genutztes Harmonium unter Mithilfe von Max in eine Übungsorgel umbauen. Früh schon spielte der Sohn zur Messe an der Simultankirche in Weiden die Orgel, wobei er sich auch mit dem evangelischen Gesangbuch vertraut machte.

Max Regers geistliche Vokalmusik
von Michael Hartmann

Lieder und Chöre, Vokalstimmen generell spielen bei Reger eine bedeutende Rolle, wie sie andere Komponisten mit ähnlich umfangreichem Instrumentaloeuvre nicht aufweisen. Man mag dies mit dem frühen Rat Hugo Riemanns in Verbindung bringen, durch das Schreiben von Liedern die melodische Einfallskraft zu stärken. Nicht minder plausibel erscheint aber der Verweis auf die durch die kirchenmusikalische Praxis gebotene Beschäftigung mit dem geistlichen Lied, dem Choral, der Vokalmesse. Tatsächlich hat Reger selbst den Kirchengesang sehr geschätzt, auch in seiner protestantischen Ausprägung: „Die Protestanten wissen gar nicht, welch musikalischen Schatz sie an ihren Chorälen besitzen.“
Bemerkenswert ist jedenfalls, dass unter den ersten 15 Werken, die einer Opus-Zahl gewürdigt wurden (entstanden bis 1894), sieben (!) Lieder- beziehungsweise Chorzyklen jeweils mit Klavierbegleitung sind. Unter den Textdichtern finden sich Friedrich Hebbel, Friedrich Rückert, Nikolaus Lenau, Goethe, Ludwig Uhland, Eichendorff. Hauptsächlich aber wandte er sich der zeitgenössischen Lyrik zu, wobei die ernsten Gedichte Christian Morgensterns hervorzuheben sind, oder die Vertonungen der Gedichte von Otto Julius Bierbaum, Richard Dehmel und Stefan Zweig. Texte des jung verstorbenen Ludwig Jakobowski (1868-1900) liegen unter anderem dem Spätwerk „Hymnus der Liebe“ op. 136 für Bariton und Orchester zugrunde.

Elektromobilität
Hype oder Revolution?

Ohne Elektroautos ist die Mobilität – vor allem in Ballungsräumen – in der Zukunft nicht sicherzustellen, wenn gleichzeitig die Umweltbelastung durch den Verkehr verringert werden soll. Das ist die Kernaussage von Professor Markus Lienkamp, dem Initiator der Elektroauto-Projekte MUTE und Visio.M an der Technischen Universität München. Der Diplomingenieur sprach am 21. April 2016 bei der Veranstaltung „Elektromobilität: Hype oder Revolution?“ in der Katholischen Akademie Bayern.

Elektromobilität
von Markus Lienkamp

Mit folgender Agenda will ich Sie durch meinen Vortrag führen: Zuerst werde ich auf die Megatrends eingehen, die uns in den nächsten Jahrzehnten erwarten; es sind wohl zwei, die eine gewichtige Rolle spielen. Danach möchte Ihnen, zweitens, meine Vision von Mobilität vorstellen, um dann drittens auf technische Verbesserungen bei den Verbrennungsmotoren zu sprechen zu kommen, sodass wir den Verbrauch auf die Hälfte senken. Wir haben durchaus die Chance, die Kurzstreckenmobilität mit Elektrofahrzeugen abzudecken, für Langstrecken sind allerdings weiterhin – verbrauchs- und dadurch abgasarme – Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nötig. Und schließlich, viertens,  wollen wir über vernetzte Mobilität sprechen.

I.

Welches sind nun die Megatrends,  die uns beeinflussen werden? Die Antwort ist recht einfach. Alles wird knapp. Zeit wird knapp: Die Menschen wollen Zeit sinnvoller nutzen, nicht nur im Stau stehen. Raum wird knapp: In den Großstädten - das sieht man hier in München beispielhaft - geht in der Rushhour mit dem Auto nicht mehr allzu viel. Rohöl wird knapp. Wir sehen im Moment zwar eine Vergrößerung des Angebotes, weil die Förderung stark zugenommen hat. Aber das dürfte nur eine Momentaufnahme sein; zumindest wird Rohöl bald wieder teurer. Und gute Luft wird ebenfalls knapp: das Thema CO2-Ausstoß wird immer mehr ins Bewusstsein der Menschen dringen.

Ich will nun zwei Punkte herausgreifen: die Verfügbarkeit von Rohöl und den CO2-Ausstoß. Wenn wir uns die Verfügbarkeit von nicht erneuerbaren Energieträgern anschauen, müssen wir begrifflich zwischen Reserven und Ressourcen unterscheiden. Unter Reserven versteht man die Bestände, die aktuell entdeckt und wirtschaftlich förderbar sind. Unter Ressourcen hingegen versteht man das, was es geben könnte. Genaue Zahlen sind dabei schwer zu ermitteln, denn man weiß zum einen nicht, ob die Lagerstätten überhaupt ausgebeutet werden können, oder man hat die Lagerstätten sogar noch nicht einmal lokalisiert, oder aber die Förderung wäre zumindest extrem teuer oder energieaufwendig.

Jenny Erpenbeck
Autoren zu Gast bei Albert von Schirnding

Rund 150 Literaturfreunde waren am Abend des 6. Juli 2016 in der Katholischen Akademie Bayern, um Jenny Erpenbeck zuzuhören. Die Schriftstellerin war zu Gast in unserer Reihe „Autoren bei Albert von Schirnding“. Lesen Sie im Folgenden den einführenden Vortrag von Albert von Schirnding, Komplettiert wurde der Abend durch ein Gespräch der beiden Literaten und eine Lesung der Schriftstellerin, die mit Romanen wie „Gehen, ging, gegangen“ immer wieder auf Bestsellerlisten stand und die im Herbst 2016 erneut zwei hochkarätige Literaturpreise verliehen bekommt: den Thomas-Mann-Preis sowie den Walter-Hasenclever-Literaturpreis.

Heimsuchung und Heim-Suchung
von Albert von Schirnding
In dieser Akademie-Reihe gibt es natürlich nie einen unerwünschten Gast. Aber es gibt erwünschte, sehr erwünschte, hocherwünschte und höchsterwünschte Gäste. Jenny Erpenbeck gehört für mich in diese nur selten beanspruchte oberste Kategorie. Ich habe sie vor drei Jahren, als sie in Koblenz mit dem Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde, kennenlernen dürfen. Die Begegnung bescherte mir ein unvorhergesehenes, nur geschenkweise erhältliches Glück. Aber ich muss nüchtern bleiben.

So beginne ich einfach mit den Titeln der drei Romane dieser großen Schriftstellerin: „Heimsuchung“, „Aller Tage Abend“, „Gehen, ging, gegangen“. Die 2007 erschienene Geschichte eines an einem märkischen See unweit von Berlin gelegenen Sommerhauses und seiner Bewohner durch mehrere Generationen, die das ganze 20. Jahrhundert umfasst, heißt „Heimsuchung“. Tatsächlich wird von den furchtbaren Erschütterungen erzählt, die dieses Zeitalter heimgesucht haben, eines, das noch derRückschau einer fernen Zukunft einen tiefschwarzen Anblick bieten wird, auch wenn es, wie die Autorin ganz am Anfang zu verstehen gibt, sub specie geologischer Entwicklungsvorgänge nur einen Augenblick dauert. Erst wenn man in der Lektüre ein gutes Stück fortgeschritten ist, begreift man, dass mit dem Titel noch ein anderes, weniger an der Oberfläche liegendes Phänomen gemeint ist: Heim-Suchung, die dem Menschen unaustilgbar eingepflanzte Sehnsucht nach einem Punkt im Universum, wo er sich niederlassen, wo er zuhause sein und sich zuhause fühlen kann.

Lebensgewohnheiten; Krankheit, Alter und Tod sorgen schließlich dafür, dass wir auch aus unseren Körpern vertrieben werden. Zeitvergehen und Raum-Veränderung wirken zusammen, dass wir nicht bleiben können – niemals und nirgends. Heimkehr existiert nur als flüchtig vorübergehende. Schon Odysseus muss Ithaka ein zweites Mal
verlassen. Fremd sind wir eingezogen, fremd ziehn wir wieder aus.

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