Heft 01/2017

Inhaltsverzeichnis
Ursula von der Leyen, Bundesministerin der Verteidigung
Reihe "Schwabinger Vorträge"

Bundesverteidigungsministerin Dr. Ursula von der Leyen war am 28. Oktober 2016 im Rahmen der „Schwabinger Vorträge“ zu Gast bei der Katholischen Akademie Bayern und dem Rotary-Club München-Schwabing. Die CDU-Politikerin, die auch stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei ist, hat das Amt der Verteidigungsministerin seit Ende 2013 inne - als erste Frau. Das Referat der Verteidigungsministerin vor rund 300 Gästen – Mitglieder vieler Rotary-Clubs und der Gremien der Katholischen Akademie Bayern – hatte den Titel „Wir haben die Verantwortung, uns zu engagieren.“

Wir haben die Verantwortung, uns zu engagieren
von Ursula von der Leyen

Kommt man hier nach München und spricht über Verantwortung, dann kommt einem sofort die Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2014 in den Sinn. Damals war diese Regierung ganz frisch im Amt, alle waren gespannt, was wir sagen werden, und es war der Bundespräsident, der den Ton vorgab. Unabgesprochen haben mein Kollege Frank-Walter Steinmeier und ich ähnlich intoniert: dass Deutschland mehr sicherheitspolitische Verantwortung übernehmen muss. Angesichts seiner politischen Rolle und Relevanz und angesichts seines ökonomischen Gewichtes kann Deutschland nicht am scharfen Ende beiseite stehen und die anderen machen lassen, sondern ist verpflichtet, selber auch mehr Verantwortung auf seine Schultern zu nehmen. Es ist unsere moralische Pflicht und es entspricht unseren Interessen.
Dieses gemeinsame Credo damals 2014 hier in München hat für Furore gesorgt, und es wird heute oft als der „Münchner Konsens“ bezeichnet. Wir ahnten nicht, wie schnell wir auf Herz und Nieren geprüft werden würden. Denn es dauerte nur rund einen Monat – die Winterspiele in Sotschi waren gerade vorbei –, da annektierte Russland die Krim. Mit anderen Worten: zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Aufbau unserer Sicherheits- und Friedensarchitektur hat in Europa ein Land Grenzen wieder gewaltsam verschoben. Und vier Monate später erschien für uns neu auf der Bühne der sogenannte Islamische Staat. Damals eroberte die Terrorgruppe Mosul und versuchte, einen Genozid an den Jesiden zu vollziehen. Beide Ereignisse haben die sicherheitspolitische Lage grundlegend verändert, aber sie waren gewissermaßen auch nur der Auftakt zu einem Stakkato an Krisen und Konflikten, die wir seitdem erlebt haben.

Franz Maget
Reihe "Mittags im Schloss"

Referent bei der ersten Veranstaltung der neuen Reihe „Mittags im Schloss“ in der Katholischen Akademie Bayern war am 18. November 2016 der SPD-Politiker Franz Maget, der – nach einer langen Karriere in der bayerischen Landespolitik – seit Anfang des Jahres als Sozialreferent in der Deutschen Botschaft in Tunis arbeitet. Franz Maget berichtete bei seinem Gespräch mit Akademiedirektor Dr. Florian Schuller ungemein lebendig und anschaulich über seine Tätigkeit an der Botschaft und die politische und soziale Situation in Tunesien. Fast 70 Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft, Wirtschaft und Kirche waren ins Schloss Suresnes gekommen und nutzten die Gelegenheit auch für intensive Gespräche untereinander.

Gespräch
von Franz Maget mit Florian Schuller

Florian Schuller: Herr Maget, Sie haben im Vorgespräch gesagt, nach nur zwei Stunden Flugzeit von München sei man in Tunis, das gilt aber doch auch für einen Flug nach Athen.
Franz Maget: Und trotzdem sind Sie, wenn Sie in Tunis aussteigen, in einer anderen Welt. Was ich als erstes gespürt habe, ist, dass das Mittelmeer historisch immer gemeinsamer Handelsraum, gemeinsamer Kulturraum, eben das „mare nostrum“ gewesen ist, heute aber so etwas wie eine Systemgrenze zwischen Europa und Nordafrika darstellt. Wenn man dort ankommt, spürt man das. Man weiß es vorher natürlich auch schon, aber man spürt es, man ist kulturell in einem anderen Leben angekommen. Tunesien ist ein islamisches Land, 99 Prozent der Bevölkerung sind Sunniten…
Florian Schuller: … also keine Schiiten …
Franz Maget: … nein, keine Schiiten. Der Vorteil ist, dass es eine große Homogenität und  keine religiösen Konflikte gibt. Was es aber gibt, ist eine scharfe Auseinandersetzung zwischen Laizismus und religiöser Orientierung. Tunesien ist ein französisch geprägtes Land: bis 1956 Kolonialstaat der Franzosen, 1956 unabhängig geworden. Der Staatsgründer Habib Bourguiba hatte an der französischen Orientierung in der Verwaltung, im Bildungswesen, im Staatsaufbau festgehalten. Gleichzeitig ist es aber eben auch ein islamisches Land, und in den letzten Jahren ist das wieder stärker zu Tage getreten. Solange Tunesien ein Einparteienstaat war unter Bourguiba und seinem Nachfolge Ben Ali, wurden die religiösen Kräfte im Land unterdrückt. Religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden waren verpönt, Frauen mit Kopftuch eher die Ausnahme. Es gibt Sequenzen im Fernsehen, die den Staatsgründer dabei zeigen, wie er während des Ramadans ein Glas Orangensaft vor laufender Kamera getrunken hat, um deutlich zu machen: Der wirtschaftliche Erfolg, die Entwicklung des Landes sind wichtiger als religiöse Gesetze. Das hat sich mit der Revolution 2010 geändert. Wir erleben im Augenblick eine heftige Auseinandersetzung über den zukünftigen Weg des Landes, von der niemand weiß, wie sie letztendlich ausgeht.
Florian Schuller: Der Ministerpräsident ist im Sommer zurückgetreten.
Franz Maget: Der Staatspräsident hat ihm das mehr oder weniger nahe gelegt. Wir haben jetzt schon die elfte Regierung seit der Revolution 2010/2011. Das spricht nicht für politische Stabilität. Die Parteien sind Neugründungen und die Politiker oft nicht vertraut mit den Abläufen und Gepflogenheiten in parlamentarischen Demokratien.
Tunesien ist ein kleines Land. 11 Millionen Einwohner, das sind weniger als in Bayern leben. Es umfasst ungefähr die Fläche von Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, wobei den südlichen Teil die Sahara bildet, mit langen Grenzen zu Libyen und Algerien. Das ist auch eines der größeren Probleme Tunesiens. Die sicherheitspolitische Lage würde ich im Augenblick als sehr viel besser einschätzen als sie schon einmal war, aber die Grenzen sind schwer zu sichern. Im Süden die Sahara, im Osten Libyen, im Westen Algerien. Im sogenannten „Islamischen Staat“ kämpfen angeblich 3.000 bis 6.000 Tunesier, und je schwächer der IS wird und je mehr er verdrängt wird aus Libyen oder auch aus Syrien, umso mehr befürchten die Sicherheitskräfte in Tunesien, dass diese Kämpfer wieder zurückkommen. Entsprechend intensiv ist die Sicherheitspartnerschaft zwischen Deutschland und Tunesien ausgebaut worden. Man versucht die Grenzen besser zu sichern als in der Vergangenheit, und wir haben, Gott sei Dank, in Tunesien seit einem Jahr keinen terroristischen Anschlag mehr.
Tunesien hat sich auf den Weg zur Demokratie gemacht, und das muss für uns in Europa ein ganz wichtiger Punkt sein. Die Zahl der Demokratien ist während der letzten Jahre nicht größer geworden. Schauen Sie sich die Entwicklung der Türkei an, bedenkliche Entwicklungen in Polen oder in Ungarn. Nicht überall mehr ist unsere Vorstellung von Demokratie das Maß aller Dinge. Eine einzige Demokratie ist dazugekommen in den letzten Jahren, und das ist Tunesien: mit einem Mehrparteiensystem, mit einer Verfassung, deren Inhalte unseren Vorstellungen weitestgehend entspricht. Tunesien ist die einzige Demokratie in der islamischen und in der arabischen Welt! Deutschland versteht es als einen politischen Auftrag, alles zu unternehmen, um dieses Experiment zu stützen. Es wäre eine Niederlage, wenn die Demokratie in Tunesien scheiterte.

Die "Gen-Schere" CRISPR/Cas-9
Zauberstab oder Teufelszeug?

Eine spannende Diskussion mit überraschenden Gedanken zu einem hochkomplexen Problem: Das fand am Abend des 12. Oktobers 2016 in der Katholischen Akademie Bayern statt, als über die „Gen-Schere“ diskutiert wurde. „CRISPR/Cas-9“ heißt das revolutionäre Verfahren, mit dem es möglich ist, DNA-Bausteine gezielt zu verändern. Nach einem Impulsreferat von Prof. Dr. Michael Sendtner, Professor am Institut für Klinische Neurobiologie der Universität Würzburg, folgte ein hochkarätig besetztes Podiumsgespräch. Moderiert von Akademiedirektor Dr. Florian Schuller diskutierten Prof. Dr. Michael Sendtner, der Freiburger Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Mitglied im Deutschen Ethikrat, die Humangenetikerin Prof. Dr.  Brigitte Schlegelberger aus Hannover und der Mannheimer Jurist Prof. Dr. Jochen Taupitz.
Auch ein Beitrag unserer Reihe „alpha-lógos“ entstand. Einen Link zum Bayerischen Rundfunk, wo Sie den 45-Minüter als Podcast sehen können, finden Sie in unserer Mediathek: mediathek.kath-akademie-bayern.de/logos/revolution-in-der-gentechnik

CRISPR/Cas-9, Genome Editing. Wissenschaftlicher Hintergrund, Probleme, Chancen
von Michael Sendtner

1987 wurden im Genom von Escherichia Coli-Bakterien kurze, sich wiederholende DNA-Abschnitte entdeckt, die von variablen Regionen unterbrochen wurden. Die Funktion dieser Elemente war damals noch unbekannt. 2002 wurde erstmalig der Begriff „Clustered Regulatory Interspaced Short Palindromic Repeats“, kurz CRISPR, für diese Elemente verwendet. Im Jahr 2007 fand Rodolphe Barrangou zusammen mit seinen Kollegen von der Firma Danisco, Madison, USA, dass die CRISPR-Sequenzen bei Bakterien der Abwehr von Infektionen mit Viren dienen. Dazu bauen die Bakterien Teile der Fremd-DNA als kurze Zwischenstücke in die CRISPR-Bereiche ihres Genoms ein. 2012 hat die Arbeitsgruppe um Emanuelle Charpentier und Jennifer Doudna dann die Funktionsweise dieses Abwehrsystems aufgeklärt. Die nach Erstinfektion eingebauten Teile der Virus-DNA werden in kleine RNA-Stücke, sogenannte cr-RNAs abgelesen. Diese cr-RNAs werden dann von Proteinen des Cas-Systems gebunden. Cas steht für CRISPR-assoziierte Sequenzen. Die kodierende DNA für diese Cas-Proteine ist nahe an der CRISPR-Genregion lokalisiert. Wenn diese kurzen cr-RNA-Stücke an Cas Proteine assoziieren, können sie im Bakterium sehr effizient Viren abwehren. Die Nukleinsäure des Virus wird durch die cr-RNA erkannt, und das assoziierte Cas-Enzym spaltet dann die virale DNA oder RNA. Über die CRISPR Region wird also ein Gedächtnis an den Virus gebildet, das auch dann nicht verloren geht, wenn sich die Bakterien teilen. Die crRNA, zusammen mit den Nucleasen des Cas Systems können dann virale Nucleinsäure schnell und zuverlässig erkennen und inaktivieren. Schon ein Jahr nach der Veröffentlichung der Arbeitsgruppe um Emanuelle Charpentier und Jennifer Doudna im Juni 2012 folgten bis Sommer 2013 mehrere Dutzend Arbeiten in allen großen wissenschaftlichen Zeitschriften, die zeigten, dass diese Methode auch angewandt werden kann, um DNA in eukaryotischen Zellen zu verändern, z. B. Zellen der Maus oder DNA in menschlichen Zellen.

Gespräch
von Michael Sendtner mit Brigitte Schlegelberger, Eberhard Schockenhoff, Jochen Taupitz

Florian Schuller: Zunächst, gibt es Rückmeldungen zum Statement von Prof. Sendtner?
Brigitte Schlegelberger: Herr Sendtner, Sie haben einen informativen Vortrag gehalten. Ich kann bestenfalls noch Beispiele anderer Erbkrankheiten hinzufügen. Aber die Aussage, dass diese neue Technologie für die Grundlagenforschung und mit ihren Anwendungsmöglichkeiten enormes Potential hat, teile ich voll und ganz.
Jochen Taupitz: Als Jurist glaube ich Ihnen nicht, dass es keine Einsatzmöglichkeiten, bezogen auf die Keimbahnveränderungen beim Menschen, geben sollte, und dass wir deshalb in der Gesellschaft nicht darüber nachdenken müssen, wo denn die Grenzen einer solchen Keimbahnveränderung beim Menschen liegen. Wenn zum Beispiel beide Eltern einen bestimmten genetischen Defekt in sich tragen, dann ist die Wahrscheinlichkeit ja sehr hoch, dass auch das Kind diesen Defekt in sich tragen wird. Warum ist es dann nicht positiv, wenn man rechtzeitig Ei und Samenzelle genetisch verändert, mit Hilfe von CRSPR-Cas9 oder anderen Verfahren, diesen genetischen Defekt eliminiert, herausschneidet, und dann eine Ei- und eine Samenzelle hat, die durch künstliche Befruchtung zu einem letztlich nicht genetisch geschädigten Kind führen. Bei monogenetischen Erkrankungen müsste das doch möglich sein.
Und um gleich das Schreckensszenario an die Wand zu malen: Was ist eigentlich mit anderen Veränderungen, also dem berühmten „Enhancement“, dass man den Menschen nur verbessern und nicht eine Erbkrankheit verhindern möchte, sondern dazu beitragen, dass die Menschen schneller laufen können, dass sie größer werden, dass sie vielleicht, wenn man irgendwann einmal die Zusammenhänge erkennt, intelligenter werden. Heute ist das alles noch Zukunftsmusik, heute muss man sich sicherlich auf einzelne genetische Veränderungen beschränken. Aber gibt es da nicht wirklich doch Anwendungsmöglichkeiten, die realistisch sind?
Florian Schuller: Das war eine Steilvorlage für den Theologen!
Eberhard Schockenhoff: Ich möchte zunächst einmal festhalten, dass man grundsätzlich diesen großen Fortschritt in der Grundlagenforschung nur begrüßen kann. Wenn es also eine Möglichkeit gibt, zum Beispiel Mukoviszidose in einer somatischen Gentherapie zu heilen, dann ist das um der betroffenen Menschen willen nur zu unterstützen. Das einzige ethische Bedenken bleibt, ob auch tatsächlich die Verfahrenssicherheit ausreichend ist, dass die Abwägung von Risiken und erhofften Vorteilen zugunsten des Patienten verantwortlich geschehen kann.
Jetzt zur Keimbahnintervention: In der ersten Runde der ethischen Diskussion während der 1970er, 1980er Jahre gab es zunächst den Konsens, dass ein Handeln nicht in Frage kam, wenn man die Folgen, die man riskierte, nicht sicher abschätzen konnte. In einer zweiten Phase hat man diskutiert: Reicht das für ein kategorisches Verbot, oder ist das ein hypothetisches Verbot, solange wir die Folgen nicht sicher abschätzen und voraussagen und dann auch tatsächlich begrenzen können? Wenn es solche „off target“-Effekte gibt und wir die Wirkungsketten nicht sicher vorhersagen können, dann war klar, dass der Grundsatz der Folgenverantwortung gegen diesen Einsatz sprach, sollten die Ziele noch so hochrangig sein.
Aber das ist jetzt ja nicht mehr so eindeutig. Wenn es möglich ist, eine klar definierbare Erbkrankheit auszuschalten, und wenn man hinreichende Gewissheit darüber hat, dass es auch nur dieser eine Defekt ist, den man behebt, dann sehe ich nicht, welches ethische Bedenken es dabei gäbe.

Glaube und Atheismus
Podiumsgespräch

450 interessierte Menschen kamen am Montag, 24. Oktober 2016, in die Katholische Akademie Bayern zur Veranstaltung „Glaube und Atheismus“ und konnten einer interessanten Diskussion zwischen zwei tiefgläubigen Menschen und einem dezidierten Vertreter des Nichtglaubens folgen. Das Gespräch zwischen P. Dr. Anselm Grün OSB, Prof. Dr. Tomáš Halík und Dr. Dr. Joachim Kahl moderierte Akademiedirektor Dr. Florian Schuller, der auch eine kurze Einführung vorausschickte.

Gespräch
von P. Anselm Grün mit Tomáš Halík und Joachim Kahl

Florian Schuller: Pater Anselm, in der „Regula Sancti Benedicti“ steht unter der Nummer 72: „Die Mönche sollen ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen mit unerschöpflicher Geduld ertragen.“ Und unter der Nummer 27: „Der Abt sei sich bewusst, dass er die Sorge für gebrechliche Menschen übernommen hat, nicht die Gewaltherrschaft über Gesunde.“ Wie gesund und stark, oder wie gebrechlich war Ihr Glaube, als Sie ins Kloster eingetreten sind, und welchen gesunden Glauben erwarteten der Abt oder Novizenmeister beziehungsweise welchen gebrechlichen akzeptierten sie?
P. Anselm: Als ich eingetreten bin mit 19 Jahren, war ich natürlich begeistert und voller Euphorie. Ich wollte in die Mission, nach Asien. Und erst im Studium und danach kamen persönliche Krisen. Da musste ich überlegen: Warum bleibe ich, ist dafür mein Glaube eine stabile Grundlage? Aber ich habe mich durchgerungen – es sind ja viele damals ausgetreten –, eben nicht, weil es bequemer war, sondern weil ich das Gefühl hatte, das stimmt für mich, das hält mich lebendig. Auch heute ist der Glaube für mich immer wieder eine neue Frage: Was glaube ich wirklich, was trägt mich wirklich? Ich lebe den Glauben, aber hinterfrage ihn natürlich immer wieder.
Florian Schuller: Dr. Kahl, für Sie habe ich ein Zitat von Günther Anders: „Die neue jugoslawische Putzfrau, zum ersten Mal meine kleine Bibliothek erblickend: ‚So viel Buch!‘ Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Du nicht glauben Gott!‘. Jedes Buch war in ihren Augen vermutlich eine Gegen-Bibel, mindestens eine Nicht-Bibel.“ Sie haben Evangelische Theologie studiert, sind dann nach der Promotion aus der Kirche ausgetreten. Waren dafür zunächst eher intellektuelle Gründe ausschlaggebend?
Joachim Kahl: So ist es. Ich bin durch mein Theologiestudium Atheist geworden. Ich entstamme einem liberalprotestantischen Elternhaus aus Köln, wollte mit aller Redlichkeit, vermutlich ähnlich motiviert wie meine Nachbarn auf dem Podium, das Evangelium verkünden.
Florian Schuller: Aber protestantisch und Köln ist ja sowieso schon ein Gegensatz…
Joachim Kahl: …zwar kein Gegensatz, aber doch eine Diaspora-Situation. Ich habe dann nach allen Regeln der akademischen Theologie studiert, in Bonn, in Zürich und vor allem in Marburg, wo ich noch Rudolf Bultmann erlebt habe, und bin dann doch durch das tiefe Eindringen in die Eingeweide der christlichen Religion zu der Erkenntnis gekommen, an der ich seither auch nicht mehr gezweifelt habe, dass das Christentum bodenlos, substanzlos, gehaltlos ist, und dass es sich nicht lohnt, sein Leben intellektuell oder gar noch mehr dieser Botschaft zu widmen. So war es, ohne große Probleme mit kirchlicher Obrigkeit, kein Zölibatsproblem, keine sonstigen Konflikte, sondern durch eigenes intellektuelles Eindringen, freilich motiviert auch durch Kommilitonen, die weiter waren als ich.
Florian Schuller: Professor Halík, Sie entstammen einer großbürgerlichen Prager Intellektuellenfamilie, sind zwar als Kind getauft worden, wurden aber erst im Untergrund während der kommunistischen Zeit zu einem überzeugten Christen, erhielten in Erfurt geheim die Priesterweihe. Aus der Zeit meines Studiums habe ich noch ein Buch mit vielen Anstreichungen, und zwar von Karl Kosík: „Die Dialektik des Konkreten“. Sie sind ihm, dem Vertreter eines „Marxismus mit menschlichem Antlitz“, noch als Kollegen an der Prager Karlsuniversität begegnet, als er nach 1989 wieder Vorlesungen halten durfte. Aus seinem Buch ein Zitat: „Der Glaube an transzendente Werte von überhistorischem Charakter ist ein Zeichen dafür, dass die konkreten Werte aus der realen Welt verschwunden sind, dass die Welt entleert und entwertet worden ist.“ Professor Halík, welche konkreten Werte waren aus Ihrer Welt verschwunden, dass die transzendenten an Bedeutung gewinnen konnten?
Tomáš Halík: Es freut mich zunächst, dass Professor Kahl ein protestantischer Atheist ist. Ein Freund von mir wohnte einmal in Irland bei einer Familie, und beim Abendessen hat ihn der Vater gefragt: Sind Sie ein Protestant oder ein Katholik? Er sagte, nein, nichts, ich bin Atheist. Es gab ein langes Schweigen, und dann kam die Frage: Sind Sie ein katholischer Atheist oder ein protestantischer Atheist?
Zur Frage. Ja, Kosík war einer von meinen Lehrern. Ich bin überzeugt, dass das Christentum gerade Annahme des Konkreten ist, also der Menschlichkeit, weil Gott sich in der Menschlichkeit Christi darstellt, und auch in unserer Menschlichkeit. Ja, das ist etwas, ganz konkret. Das ist der Sinn der historischen konkreten leiblichen Inkarnation. 

Christen in der Politik
Zwischen Kompromiss und Kompromittierung

Die Kirchen bekennen sich klar zu der Verantwortung, die sie für das demokratische Gemeinwesen tragen. Religion ist keine Privatsache – Christen müssen sich einmischen, wenn es um Nächstenliebe, das Gemeinwohl, Gerechtigkeit und Frieden geht. Und damit haben Christen einen politischen Auftrag. Doch wo stößt das „C“ in der aktuellen politischen Lage an seine Grenzen? Welche Erfahrungen gibt es in der Praxis? Und welche Perspektiven lassen sich für die Zukunft abzeichnen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Tagung „Christen in der Politik. Zwischen Kompromiss und Kompromittierung“, die die Evangelische Akademie Tutzing zusammen mit der Katholischen Akademie Bayern und der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung am 9. und 10. September 2016 in Tutzing durchführte. Im Anschluss dokumentieren wir einige der Referate und eine Gesprächsrunde mit drei Nachwuchspolitikern.

Christliche Politik – Ein Streifzug durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
von Hans Maier

Christliche Politik – ein gewichtiges Wort. Wann habe ich es zuerst gehört? Das war in meiner Schülerzeit, in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals sprach Leo Wohleb, der spätere badische Staatspräsident, im Kaufhaus in Freiburg über die aktuelle Situation. Seine Rede begann mit folgenden Sätzen: „Das Spiel vom Antichrist ist aus. Es hat geendet, wie es enden musste: Die Teufel sind wieder in der Hölle verschwunden, die Götzen von ihren Sockeln herabgestürzt, und gesiegt hat über die Lüge der wahrhaftige Gott, über Verbrechen und Gewalttaten Gottes Gerechtigkeit, und Not und Elend wird Gottes Barmherzigkeit wenden.“
„Zuviel Pathos!“ – so reagieren wir heute, wenn wir so etwas hören. Aber damals war dieser Ton weit verbreitet. In mehreren der in dieser Zeit entstandenen Landesverfassungen herrscht er vor. So gibt sich Bayern 1946 eine demokratische Verfassung – ich zitiere – „angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat“. Und drei Jahre später beginnt das Grundgesetz wie bekannt mit den Worten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Also: Abscheu gegenüber der „gottlosen“ Vergangenheit, Besinnung auf Gott, den Schöpfer und Erhalter der Menschheit, Forderungen nach einer christlichen Politik in Gegenwart und Zukunft – das war der politische Grundton in jener Zeit. In der Schrecksekunde nach dem Zusammenbruch erschien Politik aus christlicher Verantwortung als ein Gebot der Stunde. Und diese Stimmung reichte weit über den Kreis der Kirchentreuen, religiös Gebundenen hinaus.
Es blieb nicht bei verbalen Bekenntnissen und Vorsätzen. Man suchte nach konkreten Formen politischer Realisierung des Christlichen. 1945/46 wurden die christlich-demokratische und die christlich-soziale Union gegründet. Ihre Gründung hatte einen doppelten Zweck: Es galt die Weimarer Parteienzersplitterung durch eine Sammlung in der Mitte zu überwinden – und es galt der jahrhundertealten konfessionellen Trennung die politische Zusammenarbeit der Konfessionen entgegenzusetzen.

Junge Christen in der Politik - Gespräch
von Florian Schuller mit Arno Logiewa, Florian Schiffbauer und Julian Zuber

Florian Schuller: Herr Logiewa, Sie sind stellvertretender Landesvorsitzender des RCDS und studieren Jura in Bayreuth. Im Internet habe ich Ihr Motto gefunden: „Die Praxis sollte das Ergebnis des Nachdenkens sein, nicht umgekehrt.“ Dieses „sollte“ klingt so, als sei es gegen bestimmte Erfahrungen gerichtet. Warum haben Sie sich dieses Motto ausgesucht?
Arno Logiewa: Zum „sollte“: Es gibt Ausnahmen, die auch einmal erlaubt sind, weil es die Situation erfordert. Grundsätzlich: Ich komme aus dem hochschulpolitischen Bereich, und da ist es leider oft so, dass man etwas tut, und nachher feststellt, dass es doch nicht so gelaufen ist, wie man es plante. Im Bildungsbereich sehen wir es bei der Diskussion über das G 8: hin und her – zurück und vor, und am Ende weiß keiner mehr, was richtig und gut ist. Hätte man sich vorher genauer Gedanken darüber gemacht, statt vermeintlichen Bevölkerungsmeinungen hinterherzulaufen, hätte man auf jeden Fall eine ruhigere Situation im Bildungssystem.
Florian Schuller: Herr Schiffbauer, Sie studieren Evangelische Theologie an der LMU, einer der wenigen Universitäten weltweit, an der Orthodoxe, Evangelische und Katholische Theologie nebeneinander und miteinander studiert werden können. Sie sind dort Fachschaftsvertreter, engagieren sich auch im universitären Bereich, bauten vorher einen Bachelor of Arts in BWL und haben in einer Regionalbank gearbeitet. In einem Artikel vom 20. April 2016 schreiben Sie:„Ohne den Glauben an das Geld wäre unser Finanzsystem nicht denkbar… Der Aussage, dass Geld ein Opferkult unserer Gesellschaft ist, kann ich ohne Einschränkungen zustimmen.“ Zum Thema Geld habe ich zwei Zitate von Martin Luther gefunden. Das eine: „Geld ist des Teufels Wort, wodurch er in der Welt alles erschafft, so wie Gott durch das wahre Wort schafft.“ Und das andere: „Gott will nicht, dass man nicht Geld und Gut haben und nehmen soll, oder dass man es, wenn man es hat, wegwerfen sollte, wie etliche Narren unter den Philosophen und tolle Heilige unter den Christen gelehrt und getan haben.“ Welchem der beiden Zitate würden Sie zustimmen?
Florian Schiffbauer: Dem letzteren, aus Geld wächst Verantwortung. Es ist legitim, nach Geld zu streben. Aber ich muss dann auch an die Ärmsten denken, an jene, die unverschuldet in Leid geraten sind.
Florian Schuller: Herr Zuber, in Berlin und Oxford beschäftigen Sie zwei Professoren als Ihre Doktorväter; Sie waren vorher in Unternehmensberatungen aktiv, können Praktika im Auswärtigen Amt und im Bundestag vorweisen, sind in einem Münchner Bezirksausschuss präsent und Gründungsmitglied von Polis180, einem „Grassroots-Thinktank“, wie er sich selber definiert, für Außen- und Europapolitik. Auf dessen Homepage lese ich zwei interessante Abschnitte. Vom einen nur ein Satz herausgegriffen: „Wir stecken voller Ideale und wir mischen uns ein. Wir sind die nächsten Generation der deutschen Außen- und Europapolitik.“
Julian Zuber: Natürlich gibt es immer die großen Ideale, nach denen alle streben, und dann die nüchterne Umsetzungsarbeit. Das ist überall das Gleiche, auch in der Kommunalpolitik. Da fehlen uns manchmal vielleicht sogar die Ideale, es bleibt nervige Umsetzungsarbeit. Aber es ist so, dass ich sagen würde, dass es sich nicht widerspricht, weil wir ja gerade auch diese Prozesse so leben. Dass Sie das auf der Internet-Seite finden, weist noch auf ein drittes Element hin, nämlich Transparenz. Es braucht einfach mehr Verständigungsbereitschaft, die mir zurzeit sehr stark fehlt in der Politik.

Als Christ und Theologe im Deutschen Ethikrat – ein Fallbeispiel für christliches Engagement in der Politik
von Andreas Lob-Hüdepohl

Politik ist in einer Demokratie die gemeinsame Gestaltung des öffentlichen Raumes unter Beteiligung möglichst vieler Bürgerinnen und Bürger. Zum öffentlichen Raum zählen nicht nur Parlamente, sondern das, was wir heute auch als zivile Öffentlichkeit nennen. Dort wird über die wichtigsten Fragen öffentlich räsoniert, die unser Leben berühren – seien dies die normativen Grundlagen unseres Zusammenlebens oder seien es strittige Details, deren Klärung einer behutsamen Diskussion und Gewichtung von Pro und Contra bedarf. Und damit zeigt sich, dass Akteure der Politik auch in einer repräsentativen Demokratie nicht nur die Mitglieder von Parlamenten oder von Regierungen mit ihren nachgelagerten Öffentlichen Verwaltungen (sozusagen als der „arbeitende Staat“) sind. Akteure der Politik sind alle, die sich an der öffentlichen Aushandlung und Entscheidungsfindung politischer Fragen beteiligen – in welcher Weise auch immer.
Eine herausgehobene Weise, sich an der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zu beteiligen, ist die Mitwirkung in förmlich etablierten Gremien, die die politischen Mandatsträger und Mandatsträgerinnen beraten und darüber hinaus zur öffentlichen Diskussion beitragen. Der Deutsche Ethikrat ist ein solches Gremium, der sich durch seine ausführlichen Stellungnahmen an der politischen Diskussion ebenso beteiligt wie durch seine Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themen aus dem Bereich der Lebenswissenschaften. Genauer: Der Deutsche Ethikrat wird beteiligt. Denn er hat sich nicht selbst eingesetzt. Sondern er arbeitet auf der Grundlage eines Bundesgesetzes, das der Deutsche Bundestag 2008 beschlossen und ihm einen förmlichen Auftrag erteilt hat. Dazu heißt es in § 2 des Ethikrat-Gesetzes: „Der Deutsche Ethikrat verfolgt die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaftenund ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben. Zu seinen Aufgaben gehören insbesondere:
Information der Öffentlichkeit und Förderung der Diskussion in der Gesellschaftunter Einbeziehung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen;
● Erarbeitung von Stellungnahmen sowie von Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln;
● Zusammenarbeit mit nationalen Ethikräten und vergleichbaren Einrichtungen anderer Staaten und internationaler Organisationen.“
Um diese durchaus anspruchsvolle Beratungsaufgabe erfüllen zu können, muss er eine sowohl in fachlicher wie in ethischer Hinsicht breite Expertise zusammenbinden. Deshalb legt das Ethikrat-Gesetz bezüglich der Zusammensetzung in § 4 weiter fest: „(1) Der Deutsche Ethikrat besteht aus 26 Mitgliedern, die naturwissenschaftliche, medizinische, theologische, philosophische, ethische, soziale, ökonomische und rechtliche Belange in besonderer Weise repräsentieren. Zu seinen Mitgliedern gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den genannten Wissenschaftsgebieten; darüber hinaus gehören ihm anerkannte Personen an, die in besonderer Weise mit ethischen Fragen der Lebenswissenschaften vertraut sind. (2) Im Deutschen Ethikrat sollen unterschiedliche ethische Ansätze und ein plurales Meinungsspektrum vertreten sein.“

Worin besteht der christliche Beitrag zur Politik heute? (I)
von Petra L. Guttenberger

„Worin besteht der christliche Beitrag zur Politik heute?“ oder eigentlich „Worin besteht der christliche Beitrag zum modernen Verfassungsstaat?“ oder „Hat das christliche Element überhaupt Bedeutung im modernen und säkularen Verfassungs­staat und der aktuellen Politik?“. Ich bin der festen Überzeugung: Ja. Sie kennen meinen politischen Hintergrund und wissen deshalb, dass ich der festen Überzeugung bin, Politik aus christlicher Verantwortung heraus zu gestalten.
Wo zeigen sich also dann diese Elemente? Ich weiß, Sie haben schon viele Facetten dieses Themas am gestrigen Tag behandelt. Heißt „christliche Toleranz“, dass der christlich motivierte Politiker, die christlich motivierte Politikerin alles hinnehmen und in ihrer Toleranz die eigenen Standpunkte hinten anstellen, dass sie alles ertragen, alles akzeptieren und dabei unter Umständen den anderen die Gestaltung über­lassen?“ Ich meine ganz klar: „Nein“. Letztendlich beruht und beruhte unser Staat auf Werten, auf Spielregeln, die er selbst nicht geschaffen hatte und die die Wurzeln für die Regelung genau dieses Staates sind.
Wodurch unterscheidet sich also ein moderner freiheitlich-demokratischer Rechts­staat, also unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, von anderen Staats­wesen, die sich ebenfalls als demokratisch und freiheitlich verstehen? Sicher nicht dadurch, dass eine klerikale Ausrichtung erfolgt und man zunächst bei den jeweiligen Kirchenoberen – allein das wäre schon im Christentum nicht ohne Problematik und Untiefen – um Anweisung ersucht, sondern dadurch, dass wir Werte unserem Handeln zugrunde legen, die ihre Basis in der christlich-jüdischen Geschichte, verbunden mit dem Humanismus und der Aufklärung, finden. Entscheidend ist somit der Wertekanon und Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Eigenverantwortung haben ihre Attraktivität bis heute nicht verloren. 

Worin besteht der christliche Beitrag zur Politik heute? (II)
von Kathi Petersen

Weil Christen sich von Gott angenommen und gerechtfertigt wissen, brauchen sie nicht nach Selbsterlösung zu streben. In der Gewissheit, dass nichts sie von der Liebe Gottes trennen kann (Röm 8), sind sie frei, sich den Menschen und der Welt zuzuwenden. Wenn sie im Bewusstsein ihrer Fehlbarkeit politische Funktionen wahrnehmen, wird Macht für sie nicht zum Selbstzweck und ein Parteiprogramm nicht zur Ideologie. Im Vertrauen darauf, dass Gott seine Verheißungen erfüllt und die ganze Schöpfung, also auch uns, vollenden wird, unterliegen wir weder dem Zwang zur Selbstoptimierung noch dem Druck, ein ganzheitliches Leben vorweisen zu müssen.
Christen orientieren sich nicht nur im privaten Bereich, sondern auch im gesellschaftlichen und politischen Handeln an der Botschaft der Bibel. Die Bibel bietet keine konkreten Handlungsanweisungen oder gar Patentrezepte für die Politik, aber das ist beispielsweise auch in Erziehungsfragen nicht der Fall. Mit ihrer Deutung von Gott, Mensch und Welt gibt sie jedoch die Richtung vor: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Mt 6,33). So gesehen kann man also durchaus mit der Bergpredigt Politik machen.
Es gibt keine „christliche“ Politik, sondern immer nur den Versuch, verantwortliche Politik zu machen. Politik gehört – wie alle menschlichen Wirkungsfelder – in den Bereich des „Vorletzten“ (Dietrich Bonhoeffer), in dem wir uns nicht auf höhere, göttliche Legitimation, sondern nur auf unsere, immer auch begrenzten Einsichten berufen können. Es gilt, in jeder Situation das als richtig Erkannte möglichst gut zum Wohle der Menschen und der Welt umzusetzen. Ebenso spannend wie anspruchsvoll ist es, dabei die individuellen Freiheitsrechte mit der Sorge für gerechtere Verhältnisse in Einklang zu bringen.
Gerade Christen sollten sich – übrigens nicht nur in der Politik – durch intellektuelle Redlichkeit und respektvollen Umgang mit allen Menschen auszeichnen. Wir sollten darauf verzichten, uns und anderen die Verhältnisse schöner zu reden als sie sind. Es gilt vielmehr, Probleme klar zu analysieren und angemessene, nicht vereinfachte Lösungen anzubieten. Der Respekt vor den Menschen gebietet es, sie nicht für irgendwelche Zwecke zu instrumentalisieren, sondern immer ihr Wohl im Auge zu haben.

Verlorenes Paradies?
Bedrohte Schöpfung und bedrohte Völker

In Zusammenarbeit mit dem bischöflichen Hilfswerk Adveniat und der Erzdiözese München und Freising lud die Katholische Akademie Bayern am Abend des 25. November 2016 zur Veranstaltung „Verlorenes Paradies? Bedrohte Schöpfung und bedrohte Völker im Amazonasraum“ ein. Sie war Teil der Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion 2016. Bei den Workshops und Podiumsgesprächen wirkten Bischöfe und Verantwortliche katholischer Organisationen aus Südamerika mit sowie fachkundige Vertreter von Adveniat und der Erzdiözese. Kardinal Reinhard Marx sprach das Schlusswort.
Lesen Sie im Folgenden einen Bericht der KNA-Redakteurin Barbara Just und sehen Sie Bilder der mehrstündigen Veranstaltung, fotografiert von Robert Kiderle.

Mitwelt statt Umwelt
von Barbara Just

Mit päpstlichen Rundschreiben habe er immer so sein Problem gehabt - das gibt der emeritierte Bischof Erwin Kräutler zu. "Natürlich habe ich sie gelesen, aber es hat gedauert", so der 77-Jährige. Nur bei der 2015 veröffentlichten Enzyklika "Laudato si" sei das anders gewesen. "Bitte lesen und meditieren", rät der aus dem österreichischen Vorarlberg stammende Bischof, der von 1981 bis 2015 mit Xingu im Norden Brasiliens eine der flächenmäßig größten Diözesen leitete. Denn es gehe darum, diese Botschaft von Papst Franziskus um das bedrohte gemeinsame Haus nicht nur ernst zu nehmen, sondern umzusetzen.
"Verlorenes Paradies?" lautete das Thema am Freitagabend in München. Die Katholische Akademie in Bayern hatte mit Adveniat eingeladen, um über die bedrohte Schöpfung und die bedrohten Völker im Amazonasraum zu informieren. Sie stehen im Mittelpunkt der am Sonntag bundesweit eröffneten Weihnachtsaktion des Hilfswerks. Der Klimawandel, die rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen, Wasserkraftwerke sowie gigantische Soja-, Zuckerrohr- und Palmölplantagen zerstören die Lebenswelt der Indigenen in diesem Gebiet zunehmend. Die Ortskirchen der neun Amazonas-Staaten setzen sich seit langem mit vielen Initiativen gegen diese Zerstörung ein.
Sollte das Abholzen des tropischen Regenwaldes weitergehen, sind die Folgen auch in Europa zu spüren. Die Luft wird deutlich schlechter werden. Ein Papst, der seit Jahren damit lebt, dass ihm Teile seines rechten Lungenflügels entfernt wurden, mag deshalb eine besondere Sensibilität dafür haben. So wurden erstmals in einer Enzyklika überhaupt das Amazonasgebiet und seine Völker genannt. Die Punkte 37 und 38 sowie 145 und 146 gehen auf deren Problematik ein. Kräutler selbst, der vorab mit Franziskus darüber gesprochen hatte, war Ghostwriter.

Kaiser Franz Joseph I

Fast sieben Jahrzehnte (1848 bis 1916) regierte Kaiser Franz Joseph die Habsburgermonarchie – und seit seinem Regierungsantritt in den Wirren der Revolutionen um das Jahr 1848 hatte er mit Nationalitätenkonflikten in seinem Vielvölkerstaat zu kämpfen. Einer der besten Kenner der österreichischen Geschichte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, der Wiener Professor Karl Vocelka, war am 18. November 2016 in der Katholischen Akademie Bayern zu Gast und erläuterte, wie der Kaiser mit der Nationalitätenfrage umging. Lesen Sie im Anschluss den überarbeiteten Vortrag der Veranstaltung „Kaiser Franz Joseph I. – Zum 100. Todestag des Herrschers über einen multinationalen Staat im Zeitalter des Nationalismus“.

Herrscher über einen multinationalen Staat im Zeitalter des Nationalismus
von Karl Vocelka

Als Franz Joseph am 18.August 1830 zur Welt kam, war mit einiger Wahrscheinlichkeit vorauszusehen, dass er einmal den Thron der Habsburgermonarchie besteigen würde. Sein Großvater Franz II. / I. regierte noch für fünf Jahre, aber die Thronfolge sollte – nicht zuletzt nach dem Wunsch Metternichs – nach dem Grundsatz der Legitimität an dessen ältesten Sohn Ferdinand übergehen. Erzherzog Ferdinand hatte große gesundheitliche Probleme, einen Wasserkopf und litt unter der in der Familie Habsburg-Lothringen häufigen Epilepsie. Man nahm – zurecht, wie sich zeigen sollte – an, dass er keine Kinder zeugen würde und so war sein jünger Bruder Franz Karl, der Vater Franz Josephs, der nächste in der Thronfolge. Auch er war nicht sehr gut für einen Herrscher geeignet, aber er hatte mit der bayerischen Prinzessin Sophie eine willensstarke Partnerin, die gezielt darauf hinarbeitet, ihren Sohn zum Herrscher zu machen. Zwar gab es schon vor dem Jahre 1848 erste Überlegungen, Kaiser Ferdinand I. zum Rücktritt zu bewegen und durch Franz Joseph, sobald dieser das richtige Alter erreichen würde, zu ersetzen, all das beschleunigte sich aber enorm durch den Ausbruch der Revolution des Jahres 1848. Die Kunde von den Februarunruhen in Paris verbreitete sich rasch in Deutschland, wo sie lokale kleine Revolutionen auslöste und erreichte schließlich auch die Habsburgermonarchie. Am 13.März führten die Ereignisse in der Wiener Innenstadt und noch wichtiger in den Vorstädten dazu, dass Metternich, dessen System der brutalen Unterdrückung und Bespitzelung der Menschen verhasst war, floh. Die Revolution hatte gesiegt. Im Laufe des Jahres verstärkte sich allerdings die Radikalität der Revolutionäre und die kaiserliche Familie musste zuerst nach Innsbruck und dann nochmals nach Olmütz / Olomouc in Mähren fliehen. Dort vollzog sich dann am 2. Dezember 1848 – kurz nach der gewaltsamen Niederwerfung der Revolution in Wien – der Herrscherwechsel, Ferdinand trat zurück, Franz Karl verzichtete und damit war Franz Joseph Herrscher der Habsburgermonarchie. 

Die Türkei

Die Türkei kommt nicht aus den Schlagzeilen: Egal, ob Terroranschläge, der Putsch-Versuch des türkischen Militärs gegen Präsident Erdogan oder dessen eigenes, gesetzwidriges Vorgehen gegen jeden Kritiker im Land – die Medien waren und sind voll von Schreckensnachrichten aus der Türkei. Für Europa und besonders Deutschland ist der Blick auf die Türkei schon deshalb wichtig, weil es mit der Nation am Bosporus intensive Beziehungen auf allen Ebenen gibt. Für die Katholische Akademie Bayern der Anlass, einen Türkei-Experten einzuladen, der aus seiner Sicht die Situation im Land vorstellen sollte: den Passauer Geographen Ernst Struck, der auch an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul lehrt und dort den Masterstudiengang „Interkulturelles Management“ verantwortet. Er referierte am 22. November 2016 zum Thema „Die Türkei und die europäische Türkeipolitik in der Krise“.

Die europäische Türkeipolitik in der Krise
von Ernst Struck

Um die aktuelle Entwicklung in der Türkei zu verstehen, bedarf es eines Rückblicks auf die wichtigsten Ereignisse, die in der europäisch-türkischen Wahrnehmung die entscheidende Rolle spielen. So hat zuletzt der Putschversuch vom 15. Juli 2016 die größte Aufmerksamkeit erfahren und die Beziehungen zur Türkei verändert, ebenso wie wenige Wochen zuvor die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages. Über die Bombenanschläge in Ankara und in Istanbul, das militärische Vorgehen gegen die PKK im Südosten des Landes und über die Bedrohung durch den so genannten „Islamischen Staat“ wurde intensiv und kritisch berichtet. Direkt betroffen wurde die Europäische Union durch die Flüchtlingsproblematik, der Fluchtbewegungen aus dem Syrienkrieg in die Türkei und vor allem über die Ägäis nach Griechenland. Die Gezi-Park-Proteste im Mai/Juni 2016 und das Vorgehen der Regierung dagegen, die Einschränkungen der Sozialen Medien und der Presse lösten heftige Kritik aus und vertieften die Kluft zwischen der Türkei und der EU. Hinter diesen Ereignissen verblassten der Wirtschaftsboom in der Türkei (seit 2002/03) und ihre Hinwendung zu Europa. Gegen den Beschluss der Kommission der Europäischen Union, die Beitrittsverhandlungen aufzunehmen (2004/05), sprach sich die deutsche Bundeskanzlerin aus. Als Gegenentwurf – trotz der tatsächlichen Eröffnung des Beitrittsprozesses – sprach sie nun von einer möglichen „Privilegierten Partnerschaft“, während in der Öffentlichkeit und den Medien die vermeintliche Unvereinbarkeit der islamischen mit der christlichen Welt ein unübersehbares Thema wurde.

unendlicher beginn
Vernissage zur Ausstellung Bernd Zimmer

Unter dem Titel „unendlicher beginn“ ist ab dem 20. Januar 2017 eine Ausstellung mit Bildern von Bernd Zimmer in der Katholischen Akademie Bayern zu sehen. Startschuss war schon am Donnerstagabend, 19. Januar 2017, mit der Vernissage im Tagungshaus der Katholischen Akademie an der Mandlstraße 23 in München-Schwabing, zu der mehr als 100 Kunstfreundinnen und -freunde gekommen waren. Akademiedirektor Dr. Florian Schuller befragte in einem rund 45-minütigen Gespräch den Künstler zu seinen Werken, zu seinem Wirken als Künstler und zur Rolle der Religion und des Glaubens in der Kunst und konkret in den Bildern, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Bernd Zimmer zu seinen Werken befragt
von Florian Schuller

Florian Schuller: Herr Zimmer, Sie machen es vor allem unseren Referentinnen und Referenten der kommenden Monate sehr schwer. Wie können sich die Zuhörerinnen und Zuhörer auf den Vortrag konzentrierten, wenn sie dauernd Ihre starken Bilder vor Augen haben? Ein echter Härtetest. Ich beginne gleich einmal mit einem Zitat: „Der Maler ist einer, der der Welt etwas hinzufügt. Ich (Bernd Zimmer) verstehe Malerei als Kommunikationsmittel. Mein Denken hänge ich an die Wand, und die Kommunikation beginnt.“ Herr Zimmer, was ist das „etwas“, das der Maler der Welt hinzufügt, und bei der „Kommunikation“, die dann beginnt – wer kommuniziert da mit wem über was?
Bernd Zimmer: Als Maler versucht man immer ein vollkommen neues Bild zu malen, fügt der Welt etwas Neues hinzu. Die Sprache der Malerei ist die Farbe, und mit ihr versucht man, eine Geschichte zu erzählen. Die Bilder, die hier hängen, sind zwischen den Jahren 2004 und 2007 entstanden. In dieser Zeit habe ich mich neu orientiert und nach meinen „Cosmos-Bildern“ und „Wüstenbildern“ versucht Bilder zur Genesis, also Bilder über Ursprungsmythen zu malen. Besonders bei diesem großen Bild, das an der Stirnwand des Saals hängt, sieht man das wunderbar. Die Chemie, die in diesen Bildern zu sehen ist, stellt eine Zeit vor ungefähr drei Milliarden Jahren dar. Am Anfang war wahrscheinlich alles gasförmig. Dann trennten sich die Schwermetalle und andere Metalle, und die Metalle trennten sich von der Flüssigkeit, es tauchen große Wasserflächen auf.
Dieser Mythos geht durch alle Weltreligionen. Der Anfang ist immer die Trennung zwischen Schwerem und Leichtem, oder zwischen Flüssigem und Hartem. Es sind die ersten vier Tage der Genesis, die ich versucht habe, in Bilder zu verarbeiten.

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