Heft 02/2017

Inhaltsverzeichnis
Mossul - christliches Erbe

„Mossul. Christliches Erbe“ ist der Titel einer einzigartigen Foto-Ausstellung mit 45 großformatigen Bilden aus den Archiven der Dominikaner, die im März und April 2017 in der Katholischen Akademie zu sehen war. Bereits 1880 haben die Ordensmänner zu fotografieren begonnen und so eine uralte christliche Kultur dokumentiert, die nun weitgehend in Trümmern liegt. Die Katholische Akademie Bayern hat die Schau zusammen mit den französischen Dominikanern, dem Kirchenhistoriker Karl Pinggéra und dem Ausstellungsmacher Florian Raff erarbeitet. Lesen Sie im Anschluss das analysierende Referat des Kirchenhistorikers und den bewegenden Bericht von P. Najeeb Michaeel. Bilder der Ausstellung und Fotografien vom Abend ergänzen die Dokumentation.

Christen im Irak
von Karl Pinggéra

Die Geschichte des Christentums in Mesopotamien reicht zurück in die ältesten Zeiten der Kirche. Längst waren im Land an Euphrat und Tigris christliche Gemeinden entstanden, ehe die ersten Glaubensboten die verregneten Gegenden nördlich der Alpen erreicht haben. In den Klöstern und Schulen des Zweistromlandes blühte die Wissenschaft; es waren Christen, die den Muslimen die ersten Kenntnisse der antiken Bildungsgüter vermittelt haben. Ein reiches und tiefes geistliches Leben wurde in unzähligen Konventen und Klausen gepflegt. Man ist erstaunt angesichts der Fülle an spiritueller Literatur, die unter mesopotamischem Himmel entstanden ist. Schließlich hat sich auch eine christliche Volkskultur erhalten mit ihrem eigenen Brauchtum, mit dem Wechsel von Alltag und Festen, mit Wallfahrten und mit der Verehrung lokaler Heiliger. An dieses reiche Erbe erinnert die Ausstellung zu Mossul, der Metropole am mittleren Lauf des Tigris. Die Fotografien stammen von Dominikanern, die seit 1856 eine Mission in Mossul unterhielten. 

Geflohen vor dem IS – mit jahrhundertealten Manuskripten im Gepäck
von P. Najeeb Michaeel OP

Ich bin in eine christliche Familie hineingeboren. Deshalb wurde ich auch christlich erzogen, in einer vorwiegend muslimischen Umgebung. Der größte Teil meiner Freunde waren Muslime, keine Christen. Man hat mir die Frage gestellt, warum ich öfter mit Muslimen als mit Christen zusammen sei. Da habe ich, als ich erst 15 oder 20 Jahre alt war, gesagt, dass man gegenüber allen Religionen offen sein müsse und sich nicht nur in einer einzigen Religion einschließen dürfe. Man ist immer reicher, wenn man auch die anderen kennt, als wenn man auf eine einzige Religion beschränkt bleibt. Deswegen habe ich auch, nachdem ich Priester geworden war, begonnen, mit allen anderen Religionen zu arbeiten, besonders mit den Jesiden. Immer und vor allem habe ich daran gearbeitet, die Bollwerke, die Mauern zu zerstören, damit sich die einen gegenüber den anderen öffnen konnten, statt Mauern aufzubauen.

Andreas Knapp KBE
Bayerischer Priestertag

Der Bayerische Priestertag 2017 am 20. März hatte P. Dr. Andreas Knapp von den „Kleinen Brüdern vom Evangelium“ als Referenten zu Gast. 100 Priester aus allen sieben bayerischen Diözesen waren der Einladung der Katholischen Akademie Bayern gefolgt. Bruder Andreas, der jetzt in Leipzig lebt und wirkt, berichtete von seinen dort gemachten Erfahrungen mit Flüchtlingen vor allem aus dem irakischen Mossul, aber auch von seinen Besuchen in diesem leidgeprüften Land. Im Folgenden lesen Sie die bearbeitete Fassung seines Vortrags. 

„Die letzten Christen“
von Andreas Knapp

Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ lebe ich gemeinsam mit drei Mitbrüdern in einem Plattenbauviertel am Stadtrand von Leipzig. Da Wohnungen leer stehen, konnten sich dort in den letzten zwei Jahren viele Flüchtlingsfamilien ansiedeln. Unter ihnen lernte ich auch Familien aus Mossul oder Aleppo kennen. Sie erzählten mir ihre Geschichten, die mich so beeindruckten, dass ich sie schriftlich festhielt. Daraus ist ein Buch entstanden, aus dem ich einige Passagen vorstellen möchte.
So wird zum Beispiel die Geschichte von Yousif erzählt, der aus Mossul stammt. Ich hatte die Gelegenheit, Yousif zur Totenfeier seines Vaters in den Norden des Irak zu begleiten. Yousif gehört der syrisch-orthodoxen Kirche an. Durch den Familienbetrieb einer Schlosserei hatte es sein Vater Abu Yousif zu einem gewissen Wohlstand gebracht: Sie besaßen ein großes Haus mit Garten. Doch ab 2003 änderte sich die Welt in Mossul.

Bischof Kyrillos William
Young Professionals

Allen Widerständen zum Trotz setzt sich der koptisch-katholische Bischof Kyrillos William schon seit Jahrzehnten für Frieden und echte Religionsfreiheit in seiner Heimat ein.
Die Christen in Ägypten seien Diskriminierung gewohnt, betonte der Bischof von Assiut bei seinem Gespräch mit jungen Menschen in der Akademie. Zwar hätten Christen theoretisch den Zugang zu allen Ämtern und Posten. "Nicht jedoch in der Realität", unterstrich Kyrillos William. Politische Ämter und Führungspositionen in Wirtschaft oder Lehre würden in den seltensten Fällen mit Christen besetzt. Das ziehe nach sich, dass talentierte und gut ausgebildete Frauen und Männer oftmals das Land verließen, da sich woanders bessere Chancen böten.

Fremdenzimmer
Foto-Ausstellung

Vor rund 120 Gästen wurde am Abend des 6. Dezembers 2016 die Ausstellung „Fremdenzimmer“ in der Katholischen Akademie Bayern eröffnet, in der das Schicksal syrischer Flüchtlinge im Mittelpunkt steht. Der Autor des gleichnamigen Buches, der Journalist und Kunstexperte Wilhelm Christoph Warning, und der Fotograf Enno Kapitza, der das Leben der Flüchtlinge fotografisch begleitet hat, sprachen über ihre gemeinsame Arbeit. Moderiert wurde das halbstündige Gespräch, bei dem unter anderem die ganz unterschiedlichen Biografien der Flüchtlinge im Mittelpunkt standen, von Akademiedirektor Dr. Florian Schuller.

Ein Gespräch mit Wilhelm Christoph Warning und Enno Kapitza
von Florian Schuller

Florian Schuller: 400.000 bis 500.000 Tote soll es inzwischen in Syrien geben. Vor zwei Monaten ist der Nuntius des Papstes in Syrien, Mario Zenari, zum Kardinal erhoben worden. Im großen Interview nach seiner Ernennung hat Mario Zenari, seit 2008 in Syrien, große Kritik geübt an den Groß- und Regionalmächten, die hier Stellvertreterkriege führen: „Das, was man nicht sieht“ – Zitat Mario Zenari – „die größten Schäden sind die Bomben, die in die Seelen eingedrungen sind, in die Herzen der Kinder, die so viel Gewalt gesehen haben. In ein paar Jahren wird man diese Gebäude, die Infrastrukturen wieder aufbauen. Wie aber kann man die Herzen, die Seelen dieser Kinder wieder heilen, die solch tiefe Wunden davongetragen haben. Das ist eine Herausforderung für alle Religionen in Syrien, dieser Wiederaufbau der Seelen.“ Und dann mit einem sehr bewegenden Bild, er trage das Blut der unschuldig Getöteten, das noch an seinen Schuhen klebe, direkt vor das Petrusgrab in Rom.
Heute Abend geht es nicht um eine politische Diskussionsrunde, um den Islam oder den interreligiösen Diskurs, sondern um Bilder, um Fotografien, auch um innere Bilder. Und um ein Buch, in dem die Bilder zu sehen sind, die in großen Formaten bei uns an den Wänden hängen.
Herr Warning, Sie sind der Autor des Buches und leben mit Ihrer Gattin in Roitham, dem wunderbar romantischen Ort des Chiemgau, in dem plötzlich die 16 Syrer aufgetaucht sind, von denen Sie erzählen. Hatten Sie eigentlich vorher ein eigenes inneres Bild von Syrien?
Wilhelm Christoph Warning: Ich kannte die syrischen Kirchenväter, die ganz frühen Syrer sozusagen. Mir war auch klar, dass dort die Griechen waren, die Römer. Aber Syrien selbst war Terra incognita für mich. Das hat auch etwas mit unseren Besuchen in Israel zu tun. Da war Syrien immer das Land, das geradezu tabuisiert war. Heute habe ich Syrien durch die Verbindung zu den 16 Menschen, die damals kamen, richtiggehend entdecken können und es sehr bereut, nie dorthin gereist zu sein.
Florian Schuller: Herr Kapitza, Sie verbinden schon in Ihrer Person verschiedene Welten: einen deutschen Vater, eine japanische Mutter. So sind Sie in zwei Welten aufgewachsen, in Japan und Deutschland oder Bayern. Auch eine Frage nach Ihren persönlichen Bildern: Überschneiden die sich, träumen Sie japanisch, träumen Sie deutsch? Haben Sie japanische Bilder im Kopf, innere, oder deutsche, westliche?
Enno Kapitza: Eine sehr gute Frage. Ich träume tatsächlich auf Deutsch, und in vielen Bildern, aber nie auf Japanisch. Japanisch war aber meine erste Sprache als Kind, aber mit einem Germanisten als Vater ist es unausweichlich, dass Deutsch sozusagen meine Vatersprache ist. Japanische Bilder habe ich natürlich in mir. Diese Bilder sind sehr unbewusst. Ich versuche aber, keine japanische Bildsprache in meine Fotos zu bringen, vielleicht auch unbewusst.

Nachdenken über das Internet
Reihe: Digitaler Salon

Zu ihrem „Ersten Digitalen Salon“ hatte die Katholische Akademie am Montag, den 13. Juni 2016, eingeladen. Die neue Reihe soll dazu dienen, über das Internet als Phänomen nachzudenken, über Auswirkungen und Folgen der Digitalisierung zu reflektieren und dabei unterschiedliche Positionen ins Gespräch zu bringen.
Bei der zweiten Ausgabe des Digitalen Salons am Donnerstag, den 24. November 2016, ging es um die Frage „Debatte oder Debakel – welchen Wert haben digitale Diskussionen?“ Drei Expertinnen und Experten aus der unmittelbaren Praxis von Diskussionsforen und Kommentaren entfachten eine lebendige Live-Debatte.

(Wie) handelt Gott?

Mit der Veranstaltung „(Wie) handelt Gott?“ am 3. Dezember 2016 versuchte die Katholische Akademie Bayern den zwei im Titel miteinander verwobenen Fragen näherzukommen. Denn zum christlichen Glauben gehört ja die feste Überzeugung, dass Gott nicht nur am Anfang der Welt als Schöpfer tätig war. Jedes Gebet, jeder Gottesdienst ist durchdrungen von der Annahme, dass sich Gott den Menschen zuwendet. Dabei scheint die Erfahrung jedoch allzu oft eine gegensätzliche zu sein: Wir erleiden die Abwesenheit, das Schweigen Gottes. Lesen Sie im Anschluss die beiden Referate des Tages.

Das Handeln Gottes in der Bibel. Strukturen und Kategorien
von Thomas Söding

Ohne die Überzeugung, dass Gott handelt, wäre die Bibel nicht geschrieben worden. Ohne die Überzeugung, dass die Bibel Gottes Wort ist, wäre sie nicht als Heilige Schrift überliefert worden. Desto wichtiger ist es, genauer hinzusehen: Was wird in der Bibel als Handeln Gottes erzählt und besprochen? Wie wird es beschrieben, in welchen Formen und Gattungen, von welchen Standpunkten aus, in welchen Perspektiven und Brechungen? Wie verhält sich Gottes Handeln zum Handeln und Leiden von Menschen? Wie zum Funktionieren politischer und kultureller Systeme? Wie zu den Wirkkräften der Natur? Gefragt werden muss aber auch: Wie wird in der Theologie, die sich als reflektierte Gottesrede, als Wissenschaft vom Glauben versteht, die Bibel selbst gesehen? 

Was heißt „Gott handelt“ heute? Das christliche Paradigma der Menschwerdung Gottes und die befreiungstheologische Option für die Armen
von Jürgen Bründl

Mit der Überzeugung, dass Gott in der Welt handelt, steht und fällt der christliche Glaube. Mehr noch: Sein zentrales Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes unterscheidet das Christentum von allen anderen Religionen und erregt bei vielen Menschen Anstoß. Das gilt auch für das Gespräch mit seinen nächsten und engsten, da monotheistischen Geschwistern, dem Judentum und dem Islam: Für beide ist die Vorstellung eines Gottes, der Mensch wird, undenkbar und beide entwickeln deshalb charakteristisch andere Konzepte des göttlichen Wirkens. Insofern führt die Frage, die das Bekenntnis zu einem in der Welt handelnden Gott für das Verständnis des Menschen stellt, in das Zentrum christlicher Glaubensverantwortung. Und dies seit alters her. Gott handelt, das bedeutet für christliche Theologie traditionell: Er handelt als Schöpfer und Erlöser in einer trinitarisch ausdifferenzierten Personalunion, die den Vater durch den Geist der Liebe in seinem Sohn als Gestalter der Welt erkennt. 

Konrad Adenauer

Leitmotive der Politik Konrad Adenauers waren das Thema des Vortrags von Prof. Dr. Horst Möller am 5.  April 2017 in der Katholischen Akademie Bayern. Mehr als 130 Interessierte waren zur Veranstaltung in die Katholische Akademie Bayern gekommen, die anlässlich des 50. Todestages von Konrad Adenauer stattfand. Professor Horst Möller, ehemaliger Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, zeigte in seinem Referat zum einen auf, welche bedeutenden Weichenstellungen dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gelangen. Die Schwächen von Adenauers Politik und politische Fehler kamen aber ebenfalls zur Sprache. 

Konrad Adenauer – Leitmotive seiner Politik
von Horst Möller

„Erst bei der Rhöndorfer Konferenz habe ich bemerkt, daß die anderen im Vergleich zu ihm unterschiedlich kleine Zwerge waren.“ So urteilte Franz Josef Strauß in seinen „Erinnerungen“ nahezu dreißig Jahre später über den ersten Bundeskanzler. Tatsächlich bildete die Konferenz von Unionspolitikern, zu dem der damalige Vorsitzende des Parlamentarischen Rates und der CDU Rheinland zum 21. August 1949 in sein Haus in Rhöndorf eingeladen hatte, ein Schlüsselereignis für die Geschichte der Bundesrepublik. Nicht allein aufgrund seines Alters, auch als Gastgeber besaß Adenauer von vornherein  eine gewisse Führungsrolle. Er nutzte sie virtuos: Gegen den starken Widerstand des sozialpolitisch geprägten Flügels der CDU um den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold setzte Adenauer eine bürgerliche Koalition ohne die in der ersten Bundestagswahl fast gleichstarken Sozialdemokraten durch. Damit stellte er die Weichen für die Koalitionsbildungen bis 1966.

Friedhelm Hofmann und Markus Lüpertz
Kunst und Kirche

Den fulminanten Auftakt des 60-Jahr-Jubiläums der Katholischen Akademie Bayern machten am Montag, den 3. April 2017, der Bischof von Würzburg, Dr. Friedhelm Hofmann, und der Künstler Prof. Dr. h.c. Markus Lüpertz im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt. Bevor um 19 Uhr das von Akademiedirektor Dr. Florian Schuller moderierte Gespräch zu „Kirche und Kunst“ begann, bestand ab 16 Uhr für das Publikum die Möglichkeit, sich in einem individuellen Rundgang durch das Museum einen ersten Überblick über die Dauer- und die Sonderausstellungen zu verschaffen, letztere unter anderem eine besonders reizvolle Zusammenstellung von Collagen Mies van der Rohes aus dem Museum of Modern Art in New York.

Kunst und Kirche
von Friedhelm Hofmann, Markus Lüpertz und Florian Schuller

Das intensive und dichte Gespräch zwischen Bischof Hofmann und Prof. Lüpertz über „Kunst und Kirche“, in dem sich beide die die Bälle gekonnt zuspielten, ist in voller Länge dokumentiert auf unserem AUDIO-Kanal, erreichbar über den Link:
https://www.youtube.com/watch?v=F9LLXz3I2eM
Es ging in dem Gespräch um die erste Begegnung des Bischofs mit der Kunst und des Künstlers mit der Kirche, um das Rheinland als Heimat, um persönliche Prägungen und um die Rolle, die die Kirche für die Künstler und die die Künstler für die Kirche haben. Die rund 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten mit Markus Lüpertz einen heiter-exzentrischen Künstler, der gerne katholisch ist, und der mit seinen aphorismenhaften Sätzen mehr als einmal die Lacher auf seiner Seite hatte. Und sie erlebten mit Bischof Hofmann einen kunstverständigen Oberhirten, der feinsinnig antwortete und das Thema Kunst theologisch abrunden konnte.

Konrad Zdarsa und Stanislaw Tillich
Kirche in säkularisiertem Umfeld

Vor fast 200 Zuhörern im vollbesetzten Pfarrsaal von St. Salvator in Nördlingen sprachen Bischof Dr. Konrad Zdarsa von Augsburg und der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich über die Rolle der Kirche in Politik und Gesellschaft. Thema am Abend des 3. Mai 2017 war „Kirche im säkularisierten Umfeld“ – das Gespräch fand im Rahmen der Veranstaltungen zum 60. Gründungsjubiläum der Katholischen Akademie Bayern statt. Dem Podiumsgespräch vorangegangen war auf Einladung von Nördlingens Oberbürgermeister Hermann Faul ein Festakt im historischen Rathaus der ehemaligen freien Reichsstadt, bei dem sich Bischof und Ministerpräsident in das Goldene Buch eingetragen haben. Der Oberbürgermeister hob dabei hervor, dass noch nie ein Bischof und ein Ministerpräsident zusammen die Stadt besucht hätten. 

Kirche in säkularisiertem Umfeld
von Konrad Zdarsa, Stanislaw Tillich und Florian Schuller

Stanislaw Tillich, engagierter und praktizierender Katholik, seit 2008 für die CDU Ministerpräsident im Freistaat, berichtete von seinen Erfahrungen als gläubiger Mensch in der DDR und machte sehr deutlich, dass die Kirche und auch die Gläubigen sich damals keineswegs versteckt hätten. Prozessionen, Wallfahrten, regelmäßiger Gottesdienstbesuch waren möglich – von den Behörden geduldet, wenngleich natürlich nicht gern gesehen. "Wenn wir an kirchlichen Festen nicht schulfrei bekamen, wurde der Gottesdienst halt früh am Morgen gehalten und der Pfarrer predigte recht kurz, so dass wir es bis Unterrichtsbeginn in die Schule schafften", schilderte Stanislaw Tillich eine öfter angewandte Taktik.
Bischof Konrad, seit seiner Priesterweihe 1974 als Seelsorger in der Diözese Dresden-Meißen tätig, verwahrte sich deutlich gegen das Stereotyp, dass die Kirche in der DDR ein Nischendasein geführt habe. „Wir waren Kirche und Gläubige aus Überzeugung und zeigten das auch". Allerdings betonte Bischof Konrad, der seit 2010 in Augsburg amtiert und vorher rund drei Jahre Oberhirte der sächsischen Diözese Görlitz war, dass ohne die finanzielle Unterstützung der Kirchen aus dem damaligen Westdeutschland kirchliches Leben in der DDR sehr schwierig gewesen wäre.
Was die Zukunft des Glaubens im wenn auch unterschiedlich, so doch deutlich säkularisierenden Ost- und Westdeutschland, aber auch sonst auf der Welt angeht, zeigten sich der Bischof und der Politiker durchaus zuversichtlich. "Glaube ist nicht unmodern, die Menschen, gerade bei uns in Sachsen, sind neugierig auf den Glauben, sie suchen einen Anker", so Stanislaw Tillich, der von Pfarrgemeinden berichtete, in denen die Zahl der Katholiken – wenngleich auf niedrigem Niveau – zunehme. Bischof Konrad sah in der Empathie, der Zuneigung zu den Gläubigen, ein mögliches Erfolgsrezept: „Wir müssen ein entschiedenes Christentum leben, die Säkularisierung aushalten und in ihr bestehen“, so sein Fazit.

Apologie für Eck

Bekannt ist er als Gegner Martin Luthers: der Theologe Johannes Eck. Dabei war er auch Autor eines umfangreichen Pfarrbuches sowie einer eigenen Bibelübersetzung, was zeigt, dass Johannes Eck mehr war als „nur“ Martin Luthers Kontrahent. In Ecks Wirkungsort Ingolstadt, wo er auch an der Theologischen Fakultät lehrte, stellte die Katholische Akademie Bayern den Theologieprofessor am 10. Februar 2017 in den Mittelpunkt der Tagung „Apologie für Eck“. Drei Fachleute präsentierten unterschiedliche Facetten der Persönlichkeit Ecks im Kontext der gesellschaftlichen wie kirchlichen Fragen seiner Zeit. Die Tagung endete mit einer Pontifikalvesper im Ingolstädter Liebfrauenmünster, zelebriert vom Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke OSB. Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir die Tagungsreferate.

Die Bedeutung der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation
von Dieter J. Weiß

Wenn man von der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation spricht, dann meint man damit gleichzeitig das Wirken des Theologen Johannes Eck, der zeitweilig als einziger Professor an der Theologischen Fakultät tätig war. Seine von dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger empfohlene Berufung im Jahr 1510 hatte der Fakultät nach schwierigen Anfangsjahren und teils raschen Wechseln wissenschaftliches Gewicht und Kontinuität verliehen: Er lehrte hier 33 Jahre bis zu seinem Tode. Eck dominierte auch über die später neben ihm noch wirkenden anderen Theologieprofessoren. Johannes Eck galt als ein bedeutender und unter den Humanisten geachteter Wissenschaftler. 

Praktischer Weisheit nach-denken. Johannes Eck als Protagonist einer praxisorientierten Wirtschaftsethik
von André Habisch

Der junge Kleriker Johann Meier aus Egg an der Günz, der am 13. November 1486 als Sohn eines einfachen Dorfamtmannes geboren wird und bei seinem Onkel – einem Rottenburger Pfarrer – aufwächst, macht in der spätmittelalterlichen Gesellschaft rasant Karriere. Nach Studien der Theologie und Philosophie, aber auch der Rechts- und Naturwissenschaften an den führenden deutschen Universitäten der Zeit – Heidelberg, Tübingen, Köln, Freiburg/ Breisgau – kann er im Alter von 22 Jahren in Freiburg promovieren. Zwei Jahre später tritt er durch eine Empfehlung des Augsburger Humanisten Konrad Peutinger (1465-1547) seine Professur an der Universität Ingolstadt (gegründet als Bayrische Landesuniversität 1472) an. Eine derartige berufliche Entwicklung wäre unter modernen Bedingungen trotz meritokratischer Selektion („die Besten setzen sich durch“) und sozialer Mobilität sicher wesentlich langwieriger gewesen. Eck wird zudem als einziger Nichtadeliger in das Eichstätter Domkapitel aufgenommen.

Braucht es eine Kirche und wenn ja, welche? Eck und Luther kontrovers
von Marco Benini

In aktuellen Auseinandersetzungen um Kirche wird es oft grundsätzlich: „Braucht es heute überhaupt eine Kirche?“ Manche Negativschlagzeile wird auspackt, um die Diskussion zuzuspitzen. Die Frage nach dem Warum und Wozu von Kirche ist kein Randphänomen mehr. Selbst Menschen, die sich als gläubig bezeichnen, sagen: „Ich kann doch auch zu Hause beten.“ Hätte man Eck (1486-1543) und Luther (1483-1546) die Frage gestellt: „Braucht es eine Kirche?“, hätten beide in – wir würden heute sagen – „ökumenischer Verbundenheit“ geantwortet: Selbstverständlich braucht es eine Kirche. Die Gesellschaft des Spätmittelalters, in die Luther 1483 und drei Jahre später Eck hineingeboren wurden, war tief kirchlich geprägt und das Alltagsleben der Menschen von kirchlichem Tun durchdrungen. Auch theologisch war beiden von der Heiligen Schrift her selbstverständlich, dass es eine Kirche braucht. Es stellte sich nur die Frage: welche? 

Die neue Bibelübersetzung

Mit der Neufassung der „Einheitsübersetzung“ haben die deutschsprachigen Katholiken im vergangenen Jahr eine neue Bibelversion erhalten. Ein langer Prozess, in den die Katholische Akademie Bayern Einblicke gewähren wollte. Dafür lud sie am Abend des 12. Januar 2017 den emeritierten Erfurter Bischof Joachim Wanke ein, der viele Jahre Vorsitzender des Leitungsgremiums für die Revision des Bibeltextes gewesen ist. Er referierte darüber, wie die Arbeit der Theologen, Historiker und Sprachwissenschaftler strukturiert war, und welche Ziele angestrebt wurden. An der anschließenden Podiumsdiskussion nahm der evangelische Alttestamentler Professor Christoph Levin von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität teil, der seine Erfahrungen mit der neuen Lutherbibel einbrachte, ebenso wie die katholische Neutestamentlerin Professorin Marlis Gielen von der Universität Salzburg. Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir das Referat sowie die Diskussion.

Die Revision der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift von 2016
von Bischof em. Joachim Wanke

Es braucht keine ausführliche Begründung für die Notwendigkeit, Bibelübersetzungen in gewissen Zeitabständen zu revidieren. Das verbindet die Bibel mit anderen literarischen Zeugnissen, deren fremdsprachiger (oder auch archaischer) Ursprung immer wieder für nachfolgende Generationen durch Neuübersetzungen erschlossen beziehungsweise durch Kommentierung verständlich gemacht werden muss. Das liegt zum einen an der Weiterentwicklung und den Veränderungen im Bedeutungsgehalt einzelner Begriffe und Wendungen und den damit verbundenen Änderungen im heutigen Sprachgebrauch, denen ja jede lebendige Sprache unterliegt. Zum anderen ist jede Übersetzung geprägt von Sprachgewohnheiten, Mentalitäten und Verstehenshorizonten der jeweiligen Zeit, die in eine Übersetzung bewusst und unbewusst mit einfließen und den Text auch im gewissen Sinn interpretieren.

Gespräch zur neuen Bibelübersetzung
von Joachim Wanke, Marlis Gielen, Christoph Levin und Florian Schuller

Florian Schuller: Frau Professor Gielen, Sie waren als Neutestamentlerin auch Mitglied der Kommission. Wenn Sie jetzt auf das Ergebnis schauen: Worüber freuen Sie sich besonders, und was bedauern Sie besonders?
Marlis Gielen: Es gab ja zwei Leitlinien. Es sollte keine völlig neue Übersetzung erarbeitet werden, man sollte durchaus die Einheitsübersetzung als Einheitsübersetzung wiedererkennen können. Andererseits aber sollte doch wieder der biblische Sprachklang stärker zum Vorschein kommen, soweit wir den eben in unsere Muttersprache übersetzen können. Insgesamt ist das ganz gut gelungen. 
Florian Schuller: Professor Levin, Sie waren Mitglied im Lenkungsausschuss der sogenannten „Septuaginta“, der Gruppe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der heiligen Zahl 70. Haben Sie ab und zu hinübergespitzelt zur ökumenischen Konkurrenz, zur katholischen Revision? 1984 bei der damaligen Luther-Revision war ja Professor Schnackenburg dabei und hatte eine Art Gastrecht und Rederecht in Ihren Gremien.
Christoph Levin: Wir hatten einen ganz wichtigen Verbindungsmann zwischen den beiden Projekten. Das war Bischof Wanke. Und auch das hat unsere beiden Projekte eng verbunden: Beide Leitungsleute waren Thüringer Bischöfe, auf evangelischer Seite Landesbischof i.R. Christoph Kähler. Bis hin zu den Terminen der öffentlichen Präsentation im Herbst 2016 gab es Parallelen. Manchmal denke ich, der Heilige Geist hat da irgendwas im Schilde geführt. Ich sage gerne, die Durchsicht der Einheitsübersetzung ist ein wichtiger Beitrag der katholischen Kirche zum Reformationsjubiläum. 

Neuer Maibaum für Schwabing

Rund 18 Meter ist der Maibaum hoch, den der Burschenverein und die Freiwillige Feuerwehr Oberndorf am 6. Mai 2017 in der Katholischen Akademie aufgestellt haben. 50 kräftige junge Männer aus dem Ort im Landkreis Ebersberg brachten die am Heiligen Abend gefällte und am Silvestertag geschälte Fichte auf einem Tieflader ins Herzen Schwabings. In rund anderthalb Stunden - unterbrochen von gelegentlichen Verschnaufpausen - wuchteten die oberbayerischen Burschen ab 15 Uhr das massive „Stangerl“ auf traditionelle Weise mit „Schwaibeln“ in die Senkrechte. „Der Baum ist eine Spende aus einem Privatwald bei uns im Ort“ erzählten Michael Winhart und Johannes Reichert vom Burschenverein. „Der edle Spender is a mit dabei und hat bsonders kräftig ogeschoabn - schließlich is ja seiner“, meinten die beiden verschmitzt.

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