Heft 03/2016

Inhaltsverzeichnis
Ein Abend mit Bischof Erwin Kräutler

Bischof Erwin Kräutler, von Freunden und Unterstützern „Dom Erwin“ genannt, kämpft seit 50 Jahren unermüdlich für den Schutz des brasilianischen Regenwaldes und für die Kultur und das schiere Überleben der Ureinwohner am Fluss Xingu. Der aus Österreich stammende katholische Bischof von Altamira war am 16. Februar 2016 zu Gast in der Katholischen Akademie Bayern und zog bei der Veranstaltung „Mein Leben für Amazonien“ vor mehr als 300 Zuhörern eine Bilanz seiner Zeit als Bischof. Lesen Sie im Anschluss den vom Autor überarbeiteten Vortrag und das Gespräch, das Bischof Kräutler im Anschluss mit Studienleiter Dr. Johannes Schießl führte.

Mein Leben für Amazonien
von Bischof Erwin Kräutler

Wir haben in unserem Bistum Xingu eine ganz besondere Art, die pastorale Arbeit voranzutreiben, und dabei sind die Laien sehr gefordert: Alle fünf Jahre haben wir eine Versammlung des Volkes Gottes. Jede der 800 Gemeinden hat das Recht, eine Repräsentantin oder einen Repräsentanten zu schicken, um zusammen mit dem Bischof, den Priestern und den Ordensleuten die pastoralen Linien für die nächsten fünf Jahre zu definieren.
Bei einer dieser Versammlungen des Volkes Gottes gab es eine Inszenierung der jungen Leute, die ich nie mehr im Leben vergessen habe. Sie kennen die Geschichte: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber…“ Sie können es nachlesen, im zehnten Kapitel des Lukas-Evangeliums. „Zufällig ging ein Priester vorbei.“ Mein Onkel war auch Bischof, und er hat es Jesus nie verziehen, dass er das gesagt hat. Darum hat er hinzugefügt: Zufällig kam „ein Priester des Alten Testaments“ des Wegs, sah ihn und ging vorüber. Dann kam ein Levit, sah ihn und ging vorüber. Dann kam eben dieser berühmte Samaritaner oder Samariter. „Und der stieg vom Pferd und hatte Mitleid!“‘ Das ist schön ausgedrückt: „hatte Mitleid“.

Gespräch mit Bischof Erwin Kräutler
von

Johannes Schießl: Sie haben schon in Brasilien die großen lateinamerikanischen Bischofsversammlungen erlebt, angefangen mit Medellín 1968. Können Sie noch etwas dazu sagen, wie das aus Ihrer Sicht die Lage in Lateinamerika verändert hat?

Erwin Kräutler: Medellín war der Versuch, das Konzil auf Lateinamerika zu übertragen, sagen wir es einmal so, damit es Fuß fasst. Man sprach auch plötzlich von Befreiung, und das hat man in Europa sehr oft missverstanden. Bei Befreiungstheologie haben manche gedacht: Da gibt es Priester, die geben den Leuten sogar Waffen die Hand. Befreiungstheologie ist aber eine zutiefst biblische Theologie, denn der liebe Gott war es, der seinem Volk gesagt hat: „Ich habe gesehen“ – zweimal sogar im Urtext – „ich habe gesehen das Elend meines Volkes, ich habe seinen Schrei gehört, ich kenne sein Leid. Darum bin ich herabgestiegen, um es aus der Sklavenhütte zu befreien“ (Exodus 3,7-8). Das spricht der liebe Gott auch zu unseren armen Leuten, die damals unter Militärdiktaturen und Ausbeutung furchtbar gelitten haben. Wir dürfen die Befreiung nicht so verstehen, dass sie erst am seligen Ende, wenn uns der liebe Gott heimholt, Wirklichkeit wird. Die Leute wollen auch heute befreit sein, befreit von Strukturen, die von Menschen geschaffen sind und Arme immer ärmer machen und Reiche immer reicher, und dies auf Kosten der Armen. Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, sondern von Papst Johan-nes Paul II.

Johannes Schießl: Und jetzt ist die Befreiungstheologie auf dem Papstthron angekommen?

Erwin Kräutler: Papst Franziskus wird sich sicher nie als Befreiungstheologe outen. Aber er hat alle Anliegen der Befreiungstheologie übernommen. Das hat er schon damals in Buenos Aires getan. Befreiungstheologie ist angewandte Theologie, das heißt, eine Theologie, die von der Situation, von der Realität der Menschen ausgeht und dann hinterfragt: Was will eigentlich der liebe Gott? Wir haben das schon früher bei Joseph Cardijn in der Christlichen Arbeiter-Jugend gelernt: Sehen, Urteilen, Handeln. Darum geht es. Ich kann die Menschen in ihrer oft grausamen Realität nicht nur so betrachten, wie man ein Foto anschaut. Man muss ihre Situation hinterfragen. Da kommt man plötzlich drauf, dass Armut kein Schicksal ist, sondern Armut gemacht wird. Jemand trägt Verantwortung dafür. Wir möchten uns also zusammentun und darum kämpfen, dass wir auch hier in diesem Leben anständig leben, würdig leben können.

Buddha und Jesus
Die Bedeutung der Stifterfigur

Eine weitere Veranstaltung der Reihe „Buddhismus und Christentum – Grundpositionen im Gespräch“ am 10. Februar 2015 widmete sich den Stifterfiguren der beiden großen Weltreligionen: Während es im Buddhismus der historische Siddhartha Gautama war, der als Buddha eine Weltreligion begründete, war es im Christentum Jesus Christus, dem die Kirche ihre Sendung verdankt. Der historischen Bedeutung beider Stifterfigur und der dogmatischen Lehren über Jesus und Buddha in den jeweiligen Religionen widmete sich der Abend.

Gautama Buddha
von Genpo Döring

Welche Bedeutung hat Buddha Shakyamuni? Was bedeutet das Wort Buddha? Das Leben des Buddha ist, wie es auch bei anderen Religionsgründern festzustellen ist, von Legenden überlagert und kann nicht vollständig rekonstruiert werden. 
Der indische Prinz Siddhartha Gautama vom Volke der Shakya wird im 6. Jahrhundert vor Christus in Lumbini (im heutigen Nepal) geboren, seine Mutter stirbt kurz nach der Geburt, er wird von seiner Tante aufgezogen, lebt in Kapilavatthu in sorgenfreier luxuriöser Umgebung, erhält eine gute Ausbildung und wird mit 16 Jahren mit seiner Cousine Yasodhara verheiratet. Alles sieht so aus, als würde er in die Fußstapfen seines Vaters treten und Oberhaupt des Shakya-Stammes werden. Doch der sensible junge Mann interessiert sich weniger für weltliche Belange wie Politik und beschäftigt sich hauptsächlich mit existenziellen Fragen des Daseins.

Jesus Christus
von Manfred Negele

Das Thema der Veranstaltung „Buddha und Jesus: Die Bedeutung der Stifterfigur“ bedarf zunächst einer Korrektur. Denn hier werden zwei Ebenen vermischt. „Buddha“ ist ein Ehrentitel oder ein Hoheitstitel, während „Jesus“ sich auf eine geschichtliche Gestalt bezieht. Wir müssen also sagen Gautama Siddhartha und Jesus oder Gautama Buddha und Jesus Christus. Fragen wir nach den Religionsgründern, dann steht der historische Aspekt im Vordergrund.

SZ Gesundheitsforum
Wer soll uns pflegen?

Mit 3,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland rechnet man für das Jahr 2030 – rund eine Million als heute schon. Und bereits heute fehlen 30.000 Pflegekräfte. Zusammen mit dem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung hat die Katholische Akademie Bayern am 10. November 2015 die Frage gestellt „Wer soll uns pflegen?“ und mit Fachleuten aus Praxis, Politik und Wissenschaft nach Antworten gesucht. Die Vorträge der Referenten dokumentieren wir auf den folgenden Seiten. 

Eine andere fruchtbringende Zusammenarbeit mit dem SZ-Gesundheitsforum sind die „Deutsch-Französischen Medizin-Debatten“. Lesen Sie in der Folge einen kurzen Bericht und eine Dokumentation zum Forum „Gesundheit und Geld. Ökonomisierung im Krankenhaus“ vom 5. Mai 2015.

Ab mit alten Zöpfen!
von Birgit Schießl

Meine Sicht auf die Situation der Pflege möchte ich beginnen mit einem kurzen Blick auf die Pflegesituation und deren Entwicklung. Anhand ausgewählter Beispiele aus meiner beruflichen Praxis skizziere ich einige Problemfelder. Die Auswahl der Problemfelder ist meiner persönlichen Erfahrung geschuldet und bildet nicht die Gesamtheit der nötigen Handlungsbedarfe ab. Ich stelle jene Schwierigkeiten vor, die sich in vielen Gesundheitsbetrieben in ähnlicher oder gleicher Weise wiederholen.
Für mich ist es ein wichtiges Anliegen, nicht nur auf Problemfelder hinzuweisen, sondern daraus auch Handlungsempfehlungen abzuleiten und Lösungsansätze zu generieren beziehungsweise wenigstens – oder immerhin – zum Ende meines Referates Anregungen für Lösungen zu geben.

Wohin gehen die Pflegeberufe?
von Ruth Nowak

Die Katholische Akademie Bayern und das SZ-Forum haben uns heute Abend eine brandaktuelle Frage in den Raum gestellt: Wer soll uns pflegen? Auf dem Einladungsflyer stimmen uns eindrucksvolle Zahlen auf das Thema ein: 2030 werden voraussichtlich 3,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sein. Einer Umfrage im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge würden sich rund ein Viertel der Deutschen von einem Roboter pflegen lassen. Eine enorme Zahl. Aber was ist mit den anderen Drei Vierteln? Die Familien alleine werden diese Aufgabe nicht stemmen können. Es braucht gut ausgebildete Fachkräfte. Dieser Aufgabe müssen wir uns alle stellen. Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Für die Politik bedeutet das vor allem: Der Pflegeberuf muss attraktiver werden, damit junge Menschen sich dafür entscheiden, die Ausbildung muss Nachwuchskräfte in Theorie und Praxis hinreichend auf die zukünftige Aufgabe vorbereiten und schließlich muss das Berufsbild ie Beschäftigten auf Dauer zufrieden stellen. Sonst werden sie ihrem Beruf wieder den Rücken kehren. Deshalb die Idee, die Pflegeausbildung im Sinne einer generalistischen Ausbildung von Grund auf zu reformieren und die Zukunft der Pflege flexibler zu gestalten. So steht es im Koalitionsvertrag des Bundes.

Neue Perspektiven durch eine hochschulische Pflegebildung
von Bernd Reuschenbach

Die Pflegebildung erlebt derzeit eine dynamische Entwicklung. Unter dem Stichwort Generalistik wird über die Zusammenführung der drei bisherigen Ausbildungen, Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege, zu einer Ausbildung diskutiert, und das Pflegestudium wird mit dem neuen Pflegeberufegesetz zum Normalfall, wenn auch nicht zum Regelfall. Dieser Wandel wird angeregt durch die veränderten und wachsenden Anforderungen im Gesundheitswesen, durch den Mangel an qualifizierten Bewerbern in den Pflegeberufen und die notwendige Anschlussfähigkeit der Ausbildung an europäische Standards. Während in der Diskussion zum neuen Pflegeberufegesetz über die Generalistik gestritten wird, findet der zweite Teil des geplanten Gesetzes nur geringe Beachtung, obwohl es aus Sicht der Hochschulen ein Meilenstein ist.

Die Pflegenden stärken
von Basina Kloos

Die Pflegenden zu stärken war und ist mir als Vertreterin von zwei Stiftungen im Gesundheits- und Sozialwesen mit 6.500 Pflegekräften nicht nur ein Anliegen, sondern eine Verpflichtung. Abgesehen davon, dass eine meiner Professionen auch Krankenschwester war und ich viele ausbilden durfte, glaube ich, dass Deutschland schon Jahre versäumt hat, der Pflege und damit den Pflegenden die Bedeutung in der Gesellschaft zu geben, die Menschen verdienen, die sich täglich in den Dienst kranker und alter Menschen stellen und sich für eine noch mögliche Lebensqualität und Würde nicht nur mit Worten, sondern mit Handlungen einsetzen. Die Pflegenden stärken bedeutet, den Pflegenden eine Stimme zu geben. Ich teile die Meinung des Präsidenten des Deutschen Pflegerats, dass endlich in entscheidenden Fragestellungen mit der Pflege und nicht über die Pflegenden gesprochen und verhandelt wird. Im Gesundheitswesen im Bereich der Kliniken und ambulanten Dienste arbeitet man heute in komplexen interdisziplinären Teams – und dies geschieht schon an vielen Orten – auf Augenhöhe, wenn die Träger die Rückendeckung geben. Eine pflegefreundliche Kultur gründet auf der gesellschaftlichen Wertschätzung und Anerkennung pflegerischer Tätigkeit und der Pflegeberufe.

Gesundheit und Geld
von Meinhard Rust

„Gesundheit und Geld. Ökonomisierung im Krankenhaus“ war das herausfordernde Thema der 4. deutsch-französischen Medizin-Debatte in der Katholischen Akademie Bayern, die zusammen mit dem SZ-Forum Gesundheit organisiert wurde. Es war die Leitidee dieser Veranstaltung mit den namhaften Gesundheitsexperten Jean de Kervasdoué aus Paris und Reiner Gradinger aus München, die Problematik der medizinischen und ökonomischen „Dauerkrise“ des Krankenhauses im Vergleich beider Länder aufzuzeigen. In einem zweiten Teil berichtete der Sozialethiker Clemens Sedmak aus London bzw. Salzburg über die berechtigten Bedürfnisse und Erwartungen der Patienten. Dessen Referat findet sich im Anschluss.

Mensch bleiben im Krankenhaus
von Clemens Sedmak

Havi Carel ist eine englisch-israelische Philosophin und Krebspatientin, die 2008 das Buch „Illness“ geschrieben hat, worin sie zwei Jahre nach der Diagnose über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung berichtet, einerseits als Philosophin und andererseits als betroffene Krebspatientin. Das Buch wurde 2013 noch einmal aufgelegt, und eine der bemerkenswertesten Passagen in diesem Buch ist diese Schilderung: Drei Monate nach der Erstdiagnose kommt Havi Carel zurück ins Krankenhaus, um die Lungenwerte feststellen zu lassen. Die Werte haben sich so sehr verschlechtert, dass sie glaubt, in wenigen Monaten schon überhaupt nicht mehr atmen zu können, und sie beginnt zu weinen. Die behandelnde Ärztin reagiert überhaupt nicht. Carel weint weiter und weiß, dass sie damit gegen die Patientinnen-Rollenerwartung verstoßen hat, das, was Talcott Parsons „The patient’s script“ genannt hat: Patienten und Patientinnen weinen nicht, sie sind souverän in ihrer Krebserkrankung. Die Ärztin hat ihr dann, als sie um ein Glas Wasser gebeten hat, einen Pappbecher hingeknallt, und Carel hat dann darauf reflektiert und gesagt: Wenn es im Krankenhaus ein karges Gut gibt, das am allerwertvollsten wäre, so ist es Empathie. Und sie meinte: Nie hat jemand im Krankenhaus zu mir gesagt, es tut mir leid, dass Sie diese Krankheit haben. Das hätte nichts an ihrer Diagnose geändert, es hätte wahrscheinlich auch nichts geändert an den „prospects“, ihrer Zukunft, aber es hätte dieses Moment von Empathie und „Mensch bleiben im Krankenhaus“ in die Situation hineingebracht.

Chlodwigs Taufe

Der Merowingerkönig Chlodwig leistete in zweierlei Hinsicht grundlegendes für die Geschichte Europas. Er legte zum einen die Basis des fränkischen Großreiches, auf der Karl der Große später aufbauen konnte. Und mit seiner katholischen Taufe begann die enge Verbindung von weltlicher und geistlicher Gewalt, die für das Mittelalter charakteristisch werden sollte und die in Teilen bis heute nachwirkt. Bei der Abendveranstaltung „Chlodwigs Taufe“ in der Katholischen Akademie Bayern am 25. Februar 2016 – anlässlich des 1550. Jahrestages seiner Geburt – skizzierte der Frühmittelalter-Experte Matthias Becher Chlodwigs bedeutende Weichenstellungen.

Die Bedeutung des Frankenkönigs für die Christianisierung Europas
von Matthias Becher

2016 jährt sich die Geburt des Merowingerkönigs Chlodwig (466-511) zum 1550. Mal. Es gibt nur wenige Herrscher, über die das historische Urteil so geteilt ist wie über ihn. Vielen gilt er als Massenmörder oder als warlord, der nur auf Krieg und Beute aus gewesen sei. Die Vergrößerung seines Reiches und auch seine religionspolitische Entscheidung zugunsten des Christentums seien sozusagen Mittel zum Zweck seiner agonalen Politik gewesen. Jede weitere politische oder gar kulturelle Ambition, die man seinem Zeitgenossen und Schwager Theoderich durchaus zubilligt – nicht ohne Grund hat er den Beinamen „der Große“ erhalten –, wird Chlodwig abgesprochen. Wer ihn dagegen positiver beurteilt, blickt vor allem auf seine Bekehrung zum Christentum, genauer: zur katholischen Form des Christentums. In dieser Hinsicht gilt er als einer der Begründer des christlichen Abendlandes. In Frankreich wird er schließlich als einer der Stammväter der französischen Nation angesehen. All diese Urteile über den Frankenkönig sind allerdings problematisch, denn sie werden auf einer bemerkenswert schmalen Quellenbasis abgegeben. Aus seiner Zeit selbst haben sich nur wenige Quellen erhalten, in denen er direkt oder wenigstens mittelbar erwähnt wird. Entscheidend für unser Bild von Chlodwig sind die „Die zehn Bücher Geschichten“ des Bischofs Gregor von Tours.

Paul Klee

Beim Adventlichen Abend für Journalisten in Schloss Suresnes am 2. Dezember 2015 stand wieder ein Künstler im Mittelpunkt, der dort für einige Zeit gelebt hat: nach Ernst Toller im Jahr 2013 diesmal Paul Klee. Prof. Dr. Carla Schulz-Hoffmann stellte in ihrem konzentrierten Vortrag einige Arbeiten des Malers und deren geistesgeschichtlichen Hintergrund vor. Paul Klee hatte von 1919 bis 1921 im Schloss sein Atelier, bevor er ins Bauhaus nach Weimar berufen wurde; in Suresnes entstanden so einige seiner wichtigsten Werke, wie z.B. der „Engel der Geschichte“, der später von Walter Benjamin intensiv gedeutet werden sollte. Carla Schulz-Hoffmann war viele Jahre lang stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und ist eine der besten Kennerinnen moderner Kunst.

Der Maler im Suresnes-Schlösschen
von Carla Schulz-Hoffmann

Eine Warnung vorweg: Jeder Vortrag über einen Künstler mit der Bedeutung eines Paul Klee wird für Autor wie Zuhörer bis zu einem gewissen Grad eine Enttäuschung sein. Es können nur wenige Fragen gestreift werden, aber dennoch sollen darin entscheidende Gedanken des Künstlers zur Sprache kommen. Hier soll es um die Zeit von 1919 bis 1921 gehen, in der Paul Klee ein Atelier im Suresnes Schlösschen hatte. Es handelt sich um eine relativ kurze, jedoch eine weltanschaulich wie künstlerisch prägende Zeitspanne und Klees Bildsprache gewann in diesen wenigen Jahren ihre unverwechselbare Eigenständigkeit. Ich will versuchen, dies an Bildern wie „Vollmond“ von 1919 und „Landschaft mit dem gelben Kirchturm“ von 1920 unter verschiedenen Aspekten darzustellen. Hilfreich und klärend für das Verständnis wird dabei Klees Auseinandersetzung mit dem gefallenen Freund Franz Marc sein, aber auch die unterschiedliche Rezeption des deutschen Idealismus und der norddeutschen Romantik, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts für viele Künstler wichtig wurde.
Zum Einstieg eine Einordnung des Künstlers von 1926: In seinem prophetisch frühen, kritischen Abriss der Kunst des 20. Jahrhunderts gesteht Carl Einstein der deutschen Avantgarde nur geringe Bedeutung zu. Allein den „Blauen Reiter“, Carl Einstein zufolge die „Mitte der neueren deutschen Kunstgeschichte“, würdigt er mit oft fast emphatischen, treffsicheren Formulierungen, die auch durch eigenwillige Gewichtungen auffallen. Wassily Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee werden als die bestimmenden Protagonisten vorgestellt, wobei die Abfolge unverkennbar eine künstlerische Hierarchie meint, die in Klee kulminiert. Er gilt Einstein als die „erheblichste Persönlichkeit unter den deutschen Künstlern“, während er Kandinsky als zu „konstruiert“ rügt. Seine Einstellung zu Marc bleibt, bedingt durch dessen frühen Tod, relativ unkonkret, er lehnt jedoch „manche kosmisch aufgedonnerten Banalitäten seiner Kriegszeichnungen“ ab. So etwa in Franz Marc, „Der Mandrill“, von 1913.

Philosophischer Meisterkurs
mit John Greco

Bereits zum dritten Mal veranstalteten die Hochschule für Philosophie München und die Katholische Akademie Bayern gemeinsam einen Philosophischen Meisterkurs. Zu Gast in der Akademie war vom 8. bis zum 10. März 2016 Prof. Dr. John Greco aus Saint Louis. Der US-amerikanische Philosoph führte mit ausgewählten Studierenden ein dreitägiges Seminar durch. Am 9. März hielt er einen öffentlichen Abendvortrag mit dem Titel „Die Verborgenheit Gottes und die sozialen Dimensionen religiöser Erkenntnis“. Lesen Sie im Anschluss das von Professor Greco überarbeitete und von Liselotte Gierstl M. Sc. ins Deutsche übersetzte Referat.

Die Verborgenheit Gottes und die sozialen Dimensionen religiöser Erkenntnis
von John Greco

Das Problem der Verborgenheit Gottes besteht in der Erklärung von Unglauben: Warum offenbart sich Gott angesichts seiner liebenden und allmächtigen Natur nicht allen Menschen gleichermaßen? Diese Frage kann zu Zweifeln führen (und tut dies auch) oder gar in ein Argument gegen die Existenz Gottes umgemünzt werden. An dieser Stelle lässt sich eine strukturelle Analogie zum Problem des Leidens feststellen. In beiden Fällen gehen wir von Annahmen über die Natur Gottes aus (Gott ist liebend, allmächtig), welche die Existenz von Leiden (oder Unglauben) wiederum problematisch erscheinen lassen. In der Tat verlangen sowohl Leiden als auch Unglauben eine Erklärung: Wie ist Gottes Existenz mit dem strittigen Umstand vereinbar? Und in beiden Fällen kann die Frage in ein Argument gegen die Existenz Gottes münden. Die Argumentation wäre die, dass Gottes Existenz nicht mit der Existenz von Leiden (Unglauben) vereinbar ist; da aber die Existenz von Leiden (Unglauben) unbestreitbar ist, sollten wir daraus schließen, dass Gott nicht existiert.

Dialog der Charismen
Die Rolle der Orden im interreligiösen Dialog

Eine neue Ära im interreligiösen Dialog begründete das Zweite Vatikanische Konzil 1965 mit der Erklärung „Nostra aetate. Über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“. Es waren Ordensvertreter, die diese Konzilserklärung maßgeblich formulierten, und die dann auch das Gespräch mit den anderen Religionen suchten. In der Veranstaltung „Dialog der Charismen“ am 5. September 2015 in der Katholischen Akademie Bayern referierten ausgewiesene Kenner der gegenwärtigen Situation ebenso wie Ordensvertreter, die auf die interreligiösen Bemühungen der eigenen geistlichen Gemeinschaften zurückblickten.

Orden und Kongregationen als Wegbereiter des interreligiösen Dialogs
von Anja Middelbeck-Varwick

Die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ (1965) veränderte den Blick der Katholischen Kirche auf die anderen Religionen  in grundlegender Weise. Ihre überaus große Bedeutung für die Entwicklung der spezifischen interreligiösen Dialoge in den Jahrzehnten nach dem Konzil ist vielfach gewürdigt worden. Hingegen findet der Weg zu dieser Erklärung jenseits der Erörterung der konkreten Textgenese weit weniger Beachtung: Wie kommt es überhaupt dazu, dass das Konzil den Perspektivwechsel in Bezug auf die anderen, so genannten „nichtchristlichen“ Religionen vollzieht und eine neue positive Bezugnahme ermöglicht?  Dies gilt es für die Zeit vor dem Konzil näher zu beleuchten.

Die Dominikaner in Kairo und Istanbul
von Richard Nennstiel OP

Schon sehr früh begann im Dominikanerorden (gegründet 1216) die Auseinandersetzung mit dem Islam. Raimund von Penyafort, der dritte Ordensmeister (+ 1275), gründete im 13. Jahrhundert in Toledo eine Sprachschule, an der Dominikaner Arabisch lernen sollten, um sich genauer mit dem Koran und den arabischen Quellen zu beschäftigen. Der Islam galt bei einigen Gelehrten des Mittelalters als eine christliche Häresie, die man mittels der Vernunft und mit Vernunftgründen widerlegen könne. Allerdings waren die Kenntnisse über den Islam und den Koran noch gering.
Diese These vertrat auch Thomas von Aquin (1223-1274). Seine „Summa contra gentiles“ kann auch als ein Versuch betrachtet werden, die Heiden (in diesem Fall die Muslime) von der Vernünftigkeit der christlichen Lehre zu überzeugen.

„Mit Hochachtung“ voneinander lernen
von Margareta Gruber OSF

Ich würde gerne etwas mit Ihnen teilen, was ich in den letzten sechs Jahren gelernt habe; vier davon (2009-2013) habe ich in Jerusalem gelebt und dort das Theologische Studienjahr geleitet, ein ökumenisches Studienprogramm für Theologiestudierende der Evangelischen und Katholischen Theologie an der Dormition Abbey. Immer wieder haben mich Menschen gefragt, was ich in Jerusalem gelernt habe. Ich habe es für mich auf einen Begriff gebracht: gelernt habe ich vor allem vom Glauben der Anderen.
Ich möchte beginnen mit einer Schlüsselerfahrung, die ich am Fest des Heiligen Franziskus, am 4. Oktober 2012 hatte: Dort habe ich eine Frau kennen gelernt, deren Glaube für mich eine Tür geöffnet hat zu einem tieferen Verstehen des Evangeliums. Aus der Berichterstattung über den Nahen Osten wissen Sie, dass es immer wieder zu religiös aufgeladener oder instrumentalisierter, ideologisch motivierter Gewalt kommt, die sich gegen religiöse oder ethnische Gruppen und Minderheiten richtet. Das gibt es auch in Jerusalem und gehört zu den immer wieder verstörenden Erfahrungen in der „Heiligen Stadt“. Eines Morgens waren diffamierende Schmierereien auf der Tür des unserem Benediktinerkloster benachbarten Klosters der Franziskaner zu sehen, vermutlich aus der rechten Ecke der Siedlerbewegung. Am selben Tag – eben dem Fest des Heiligen Franziskus – rief mich eine jüdische Theologin an – Ruhama –, die für eine israelische Zeitung regelmäßig einen Kommentar zum Wochenabschnitt der Tora verfasst. Sie hat sich vorgenommen, bei hassmotivierten Ausschreitungen zu den betroffenen Opfern zu gehen, um mit ihnen zusammen jeweils diese Bibelstelle zu lesen.
Sie will sich ihre Heilige Schrift also von den „Opfern“ ideologischer Gewalt auslegen lassen, und das öffentlich in ihrer Zeitung. Das ist ein konkreter Akt der Versöhnung von prophetischer Dimension.

Die Benediktiner im intermonastischen Dialog
von Josef Götz OSB

Seit mehreren Jahren begegnen sich katholische und buddhistische Mönche regelmäßig und entdecken viel Gemeinsames in ihren Lebensweisen, die doch weit über ein Jahrtausend unabhängig voneinander gewachsen sind.
Diese Begegnungen gehören zu einem größeren Geschehen, welches mit „Dialog der Religionen“ bezeichnet wird. Der Dialog findet auf zahlreichen Ebenen statt: auf der gesellschaftlich-politischen Ebene, auf der intellektuell-wissenschaftlichen Ebene, auf der philosophisch-theologischen Ebene und auf der asketisch-spirituellen Ebene. So öffnet sich dem Dialog, wie es Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Redemptoris Missio“ formuliert, „ein weites Feld und er kann vielfältige Formen und Ausdrucksweisen annehmen: vom Gedankenaustausch zwischen Experten der religiösen Traditionen oder deren offiziellen Vertretern bis zur Zusammenarbeit für die ganzheitliche Entwicklung und Wahrung der religiösen Werte, vom Mitteilen der entsprechenden spirituellen Erfahrungen bis zum sogenannten ‚Dialog des Lebens‘, in dem die Gläubigen einander im Alltag die eigenen menschlichen und religiösen Werte bezeugen und einander helfen, diese zu leben und so eine gerechtere und brüderlichere Gesellschaft zu schaffen“.

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