Heft 04/2016

Der "Islamische Staat"

Trotz allmählich schwindender finanzieller Mittel sowie der militärischen Einsätze des Westens und Russlands herrscht der selbsternannte „Islamische Staat“ immer noch in Syrien und im Irak. Aber auch nach der westlichen Welt greift der IS, indem er Attentate verübt und es zugleich schafft, Menschen aus Europa in seinen Bann zu ziehen.
Mit zwei Veranstaltungen hat die Katholische Akademie in Bayern genauer auf den IS geblickt: Am 9. Dezember 2015 referierte der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des Militärausschusses der NATO, General Klaus Naumann, zum Thema „Der 13. November in Paris: Ein Wendepunkt für Deutschlands und Europas Sicherheit“. Am Abend des 12. April 2016 standen „Struktur, Strategie und Ziele einer Terrororganisation“ im Mittelpunkt, es referierten Professor Herfried Münkler und Hamideh Mohagheghi.

Struktur, Strategie und Ziele einer Terrororganisation
von Herfried Münkler

Die Geschichte der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ist schon viele Male erzählt worden. Deswegen werde ich mich hier auf ein knappes Gerüst beschränken: von den Anfängen im nördlichen Irak noch in der Zeit starker US-amerikanischer Militärpräsenz in diesem Raum über die Ausdehnung auf Syrien zu einem Zeitpunkt, da das dortige Assad-Regime nicht mehr in der Lage war, das gesamte Staatsgebiet unter seiner Kontrolle zu halten, eingeschlossen die verschiedenen Um- und Neubenennungen der Organisation bis zur gegenwärtigen Lage, da der IS an allen Fronten in die Defensive gedrängt ist und im Begriff steht, immer mehr der von ihm eroberten und zeitweilig kontrollierten Gebiete zu verlieren. Aber auch eine Niederlage des IS in der Levante wird nicht, wie dies bei herkömmlichen Formen der Kriegführung der Fall wäre, zum Ende des IS führen, sondern er wird sich in eine Netzwerkorganisation zurückverwandeln, um andernorts neue territoriale Verwurzelungen zu suchen. Libyen ist zurzeit dafür der naheliegende Kandidat. Das alles ist weithin bekannt und muss nicht noch einmal im Detail ausgebreitet werden.

Statt dessen werde ich mich auf die Konturierung des IS gegen al-Qaida konzentrieren, um Differenzen in der Struktur, der Strategie und den Zielen dieser beiden Terrororganisationen herauszuarbeiten, die zur größten Herausforderung „des Westens“ seit dem Ende des Kalten Kriegs geworden sind. Das wird freilich nicht möglich sein ohne einen Blick auf einige Spezifika unserer eigenen Gesellschaften, als deren wichtigste ich deren postheroischen Charakter herausstellen will. 

"Um Gottes Willen"
von Hamideh Mohagheghi

Wir leben in einer bewegten Zeit, haben mit Unsicherheiten und Ängsten zu tun. Die Gewalttätigkeit mancher Muslime führte zu Ängsten vor dem Islam und den Muslimen – Ängste, mit denen sogar Politik gemacht wird. Es gibt politische Parteien, die die aufkeimenden Ängste zu ihren Gunsten instrumentalisieren und so an Wählerstimmen gewinnen.
Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber, und wer die Angst instrumentalisiert und sie schürt, diffamiert um der eigenen Vorteile willen, sorgt für Skepsis, Abneigung und Hass und spielt die Menschen gegeneinander aus. Ja, es ist beängstigend, wie der IS und seine Gefolgschaft den Islam für seine unmenschlichen und brutalen Ziele missbraucht. Es ist beängstigend, wie in unserer Gesellschaft der Hass gegenüber Schutzsuchenden gewalttätig ausgetragen wird, es ist beängstigend, wie die globalisierte Wirtschaft und der materielle Gewinn ethische Werte relativieren und bewirken, dass die Schere zwischen Arm und Reich mehr auseinandergeht. Es muss uns Sorge machen, wenn Millionen Menschen sich unter katastrophalen Umständen auf den Weg in eine unbestimmte und unsichere Zukunft begeben, weil sie unter Diktatoren und fanatischen Ideologien leben und weil sie unter Ungerechtigkeiten keine Perspektive für ein menschenwürdiges Leben in Freiheit sehen. Es gibt verständliche und berechtigte Ängste, sie sollen jedoch nicht in den politischen Entscheidungen die Hauptrolle spielen. Sie führen zu irrationalen und realitätsfernen Entscheidungen, beeinträchtigen das Zusammenleben der Menschen, indem sie sie gegeneinander ausspielen.

Der 13. November in Paris
von Klaus Naumann

Die terroristischen Angriffe des 13. November in Paris stellen einen neuen Höhepunkt der Untaten des islamistischen Terrors in Europa dar. Es war ein von außen, aus Belgien und aus Syrien, gelenkter Angriff, der mit militärischer Präzision geplant und durchgeführt darauf zielte, unsere freie Art zu leben durch den Tod möglichst vieler unschuldiger Menschen im Mark zu treffen. Der Angriff traf Frankreich, aber er galt uns allen. Der Islamische Staat (IS) hat dies in seiner üblichen brutalen Klarheit gesagt und weitere Anschläge angekündigt, Anschläge, die auch bei uns in Deutschland stattfinden könnten.
Damit sollte Jedermann klar sein, dass wir uns schützen müssen, dass unser Staat die Pflicht hat, seine Bürger zu schützen, auch und vor allem vor Terror, und dass es mit diesen Verbrechern keine Verhandlungslösung geben wird. Wir sind, wie es der Bundespräsident zutreffend gesagt hat, in einem Krieg anderer Art. Der 13. November 2015 ist somit ein Wendepunkt, der für Europa durchaus die Bedeutung haben könnte, die 9/11 für die USA hatte, denn mit diesem Anschlag geht ein Wechsel der strategischen Ziele des IS einher: Es geht nicht länger nur um Kampf in der Region, im Wesentlichen den Staatsgebieten Syriens und des Irak, das war die „Phase I“ des IS. Jetzt sind wir in „Phase II“. Dabei geht es neben dem anhaltenden Kampf in der Region nun auch darum, den Dschihad in die Bereiche zu tragen, in denen der IS beabsichtigt, seinen Herrschaftsanspruch zu erheben, in Libyen zeigt er das bereits. Der 13. November 2015 könnte somit der Beginn eines weltweit mit terroristischen Mitteln geführten Krieges gegen den „Westen“ sein, also gegen unsere Werte, gegen unsere freie Art zu leben und gegen unsere demokratische und rechtsstaatliche Ordnung.

Bayerischer Priestertag 2016

Mit dem Namen Martin Werlen OSB ist das Benediktinerkloster Einsiedeln in der Schweiz genauso verbunden wie ein visionäres Katholisch-Sein: Spätestens seit seinem vielbeachteten Vortrag „Miteinander die Glut unter der Asche neu entdecken“ aus dem Jahr 2012 gilt der mittlerweile emeritierte Abt als Vordenker innerhalb der katholischen Kirche in der Schweiz.
Die Katholische Akademie Bayern konnte den Benediktiner am 29. Februar 2016 zum alljährlich stattfindenden Bayerischen Priestertag begrüßen, bei dem diesmal rund 100 Priester aus allen Diözesen zu Gast waren. Lesen Sie auf den folgenden Seiten den Text, in dem Martin Werlen seine beiden Vorträge zusammenfasst.

Heute im Blick
von Martin Werlen OSB

Vor einem Jahr hatten wir einen Gast im Kloster, der bei der Petrusgemeinschaft seine geistliche Heimat gefunden hat. Am ersten Tag beim Kaffee nach dem Mittagessen sagte zu mir, dass er mein Buch „Heute im Blick“ gekauft habe. Er hätte schon noch einige Anfragen. Als ich mich erkundigte, was ihm Mühe mache, antwortete er: „Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.“ Das ist der letzte Satz in der Einführung. Ich schlug ihm vor, einfach weiterzulesen und uns an seinem letzten Klostertag zu einem Gespräch zu treffen. Er eröffnete das Gespräch mit den Worten: „Die Anfragen haben sich in der Zwischenzeit erübrigt. Zum ersten Mal habe ich vor Freude über unseren Glauben geweint.“
Ich bin überzeugt, dass wir in einer gesegneten Zeit leben. Heute spricht Gott zu uns – sogar sehr deutlich. Darum wage ich das zu sagen: Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch. Darf man so etwas behaupten? Zuerst muss festgehalten werden, dass mit „katholisch“ nicht eine Konfession gemeint ist, sondern ein Qualitätsmerkmal der Kirche, das die Weite zum Ausdruck bringt. Und dies muss selbstverständlich auch in einer Konfession besonders erfahrbar sein, die sich katholisch nennt.

Erlösung zwischen Glauben, Erkenntnis und Stellvertretung
Buddhismus und Christentum
Grundpositionen im Diskurs

Am Abend des 1. Dezember 2015 endete die Reihe „Buddhismus und Christentum – Grundpositionen im Diskurs“ mit dem Abend rund um das Thema „Erlösung“. Wie der Mensch erlöst werden kann, reflektierte Thomas Ruster, Professor für Dogmatik an der Universität Dortmund, aus christlicher Perspektive. Die Münchner Buddhistin Ayya Agganyani sprach über Erlösung in ihrer religiösen Tradition. Die Katholische Akademie Bayern setzt ihre Arbeit zum interreligiösen Dialog mit dem Buddhismus im laufenden Jahr durch Lektürekurse fort, in denen je ein grundlegender Text aus der Tradition der beiden Weltreligionen behandelt wird.

Die Sicht des Buddhismus
von Ayya Agganyani

Um die buddhistische Seite dieses Themas darzustellen, möchte ich zuerst der Frage nachgehen: Was ist Erlösung, Erlösung wovon, wozu und Erlösung wie? „Erlösung“ oder das deutsche Verb „erlösen“, sagt eigentlich schon viel aus: Er-lösen, da schwingt irgendwie schon mit „sich lösen“ und loslassen, aufgeben, sich befreien, eventuell auch andere erlösen und befreien.
Erlösung wovon? Von Leiden, das ist die kurze Antwort, aber ich möchte hier etwas weiter ausholen. Es ist auch die Unzulänglichkeit, die Unvollkommenheit des ganzen Daseins, was uns unzufrieden macht. Wir nennen es „dukkha“.

I. Leiden, Ursache und Erlösung nach den vier edlen Wahrheiten

Leiden hat der Buddha als erste edle Wahrheit bezeichnet. Wohlgemerkt: eine edle Wahrheit, nicht bloß eine Wahrheit. Denn wenn man Leiden wirklich anschaut und durchschaut, ist es möglich sich von Leiden zu lösen, Erlösung zu erlangen. Leiden ist das Tor zur Erlösung.
Dabei ist Leiden nicht nur das offensichtliche Leiden, das wir alle hie und da kennen, physische Schmerzen, Verletzungen, Krankheiten, Verfall, Tod – auch psychische Schmerzen wie Verlust, Trauer, Angst, Sorgen, Kummer, Verzweiflung. Natürlich gibt es auch Glück und Freude in unserem Leben. Aber dieses Glück, diese Glücksmomente, sind labil und unbeständig, wir können sie nicht halten und kontrollieren, sie sind bedingt. Unser Glück hängt von so vielen Umständen und Bedingungen ab, wie zum Beispiel schönes Wetter, angenehme Temperaturen, Gesundheit, Zusammensein mit Familie oder Freunden, gutes Essen und Trinken (ausreichend aber auch nicht zu viel!), Erfolg, Lob... Fällt auch nur eine dieser Bedingungen weg oder ändert sich ins Negative, ist unser Glück dahin. „Das einzig Beständige ist der Wandel“, heißt es, und wir Buddhisten nennen es das ständige Entstehen und Vergehen. Und das ist unbefriedigend und lässt uns leiden.

Triadisch-trinitarisches System der christlichen Erlösungslehre
von Thomas Ruster

Das Christentum ist eine Erlösungsreligion. Gott lässt uns mit der Macht des Bösen nicht allein. Durch Jesus angeleitet beten Christen immer wieder: Erlöse uns vom Bösen – im Vertrauen darauf, dass diese Erlösung durch Jesus Christus bereits geschehen ist. Christen glauben an Christus den Erlöser. Es gibt aber viele Gründe, die diesen Glauben heute leblos und unwirksam werden lassen. Einer davon ist sicherlich die Engführung auf die Erlösung von den Sünden durch Christi Sühnetod am Kreuz. Die darin implizierte Fokussierung auf die Sünden als den eigentlichen Ort des Bösen sowie die damit verbundene Vorstellung vom Tod Jesu als Opfertod, durch den Gott versöhnt worden ist, haben die Erlösungslehre ins Zwielicht geraten lassen.
Es gilt, den Blick zu weiten. Die Erlösung ist das Werk Gottes, des dreieinigen Gottes. Der Vater, der Sohn und der Geist sind am Werk der Erlösung beteiligt. Von daher ist der Erlösungslehre eine triadische Struktur vorgegeben. Sie bestätigt sich im Blick auf das, wovon die Erlösung geschieht. „Freue dich, Seele, die Hölle erlieget, Sünde und Satan und Tod sind besieget“, so heißt es in dem alten Osterlied „Seele dein Heiland ist frei von den Banden“. Die klassische Theologie hat Sünde, Tod und Teufel als die drei Manifestationen des Bösen gekannt und die Erlösung für alle drei geltend gemacht. Dazu liegt in der Theologie noch eine weitere Trias bereit, die Lehre von den drei Ämtern Christi als Priester, König und Prophet. Sie wurde von der reformatorischen Theologie (Bucer, Calvin, später dann Barth) entwickelt, um das Erlösungswerk Christi zu beschreiben.

Flucht in, durch und aus Afrika
Ein Gespräch mit Rupert Neudeck und Pter Endashaw Debrework SJ

Am 3. Dezember 2015 hat sich die Tagung „Flucht in, durch und aus Afrika“ in der Katho-lischen Akademie Bayern einem drängendem, aber wenig bekannten Problem gewidmet. Nach einleitenden Worten von Msgr. Wolfgang Huber, dem Präsidenten des kirchlichen Hilfswerks Missio, das die Tagung mitveranstaltete, kam der Menschenrechtsaktivist und Journalist Rupert Neudeck mit dem äthiopischen Jesuiten Endashaw Debrework, Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Ostafrika, ins Gespräch. Wir dokumentieren das Gespräch, das Akademiedirektor Dr. Florian Schuller und Barbara Brustlein, die Chefredakteurin des Missio-Magazins, moderierten.

Florian Schuller: Es sind sechs Themenblöcke, die wir uns gemeinsam überlegt haben. Erfahrungen in den afrikanischen Flüchtlingslagern; Eritrea als Beispielland für die Situation Afrikas; die geschichtliche Verantwortung Deutschlands und Europas; die politischen Her-ausforderungen; der Einsatz der Kirchen; und schließlich der eben beendete Besuch von Papst Franziskus in Afrika.

I.

Barbara Brustlein: Ich darf gleich „medias in res“ einsteigen: Sieben von acht der größten Flüchtlingslager weltweit liegen in Ostafrika. Eines davon ist das Lager Kakuma in Kenia, die Jesuiten sind dort seit über zwei Jahrzehnten präsent. Als unsere Zeitschrift 2012 über die Situation der Menschen dort berichtete, gab es 85.000 Flüchtlinge. Heute sind es 200.000 Flüchtlinge. Pater Debrework, woher kommen diese Menschen, was hat dieses Lager so groß gemacht?

Aus dem Turm heraus?
Katholische Intellektuelle und die deutsche Kultur um 1900

Im 19. Jahrhundert erlebte die katholische Kirche in Deutschland tiefgreifende Zäsuren: Sei es die Säkularisation, die für die Kirche materielle Einbußen und schwindenden politischen Einfluss bedeutete, oder der Kulturkampf im Kaiserreich, in dem Katholiken als Reichsfeinde galten, marginalisiert wurden und sich selbst abschotteten. Eine Neubesinnung der katholischen Intellektuellen setzte erst um 1900 ein. Eine Veranstaltung der Katholischen Akademie Bayern am 15. Januar 2016 mit dem Titel „Aus dem Turm heraus?“ berichtete von  diesen Ausbruch aus der Isolation. 

Neubeginn nach dem Kulturkampf
von Hans Maier

Das 19. Jahrhundert war für die Katholiken in Deutschland eine verlustreiche Zeit. In der Säkularisation 1803-1815 büßten sie fast ihr gesamtes klösterliches Bildungswesen und einen großen Teil ihrer Hochschulen ein – die alte stiftische Kultur im Süden und Westen ging bis auf wenige Reste zugrunde. Ein halbes Jahrhundert später, 1866, verloren die Katholiken durch den Ausschluss Österreichs aus dem künftigen Deutschen Reich ihre einstige politische und kulturelle Vormacht. Waren im Alten Reich bis 1806 Katholiken und Protestanten ungefähr gleich stark gewesen, so geriet der katholische Volksteil im Bismarckstaat nach 1871 endgültig in die Minorität. Die Katholiken – im kleindeutschen Reich ein rundes Drittel der Bevölkerung – standen auf Dauer einer protestantischen Zweidrittelmehrheit gegenüber. Trotz starker absoluter Zunahme stieg der relative Bevölkerungsanteil der Katholiken im Deutschen Reich in der Zeit von 1871-1945 nur unwesentlich an (Höchststand 1910: 36,7 Prozent).
Zur Minoritätssituation kam die politische Isolierung der Katholiken hinzu. Große Teile der protestantischen Mehrheit verhielten sich ihnen gegenüber distanziert, teilweise sogar feindlich. Der Staat und die im Reichstag und im Preußischen Abgeordnetenhaus dominierenden Liberalen führten nach 1871 gegen die Katholiken einen – regelrechten „Kulturkampf“ (das Wort wurde von dem nationalliberalen Arzt und Parlamentarier Rudolf Virchow geprägt). Der Kulturkampf, so urteilt die amerikanische Historikerin Margret Lavinia Anderson, war „der Versuch der deutschen protestantischen Mehrheit, über die Konfessionsgrenzen hinweg eine homogene Nationalkultur zu errichten und dabei die katholische Kultur (die immer als ‚niedrig’, als Volkskultur, verstanden wurde) gewaltsam an eine protestantische Hochkultur anzugleichen“. Dem dienten unter anderem Ordensverbote, Ausweisungen, die Inhaftierung von Bischöfen und Geistlichen, ein eigens geschaffener Königlicher Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten – und die Einführung eines „Kulturexamens“ für angehende katholische Geistliche, in denen sie ihre Vertrautheit mit der Weimarer Klassik und dem Deutschen Idealismus unter Beweis stellen sollten.

Carl Muth und das "Hochland"
von Otto Weiß

Als im April 1946 die katholische Publizistik mit den „Frankfurter Heften“ zu neuem Leben erwachte, stellte einer der beiden Herausgeber, Walter Dirks, seine Zeitschrift in eine Tradition, die sich seit einem halben Jahrhundert die Überwindung der angeblichen kulturellen Inferiorität des deutschen Katholizismus zum Ziel gesetzt hatte, ob sie nun von außen aufgezwungen oder selbstverschuldet war. Am Beginn dieser Tradition sah Dirks den Publizisten Carl Muth. Bis zu ihm sei die katholische Literatur, ja die gesamte katholische Kultur in Deutschland vom Kampf geprägt, also „eng, uneigentlich und unfruchtbar“ gewesen. Denn „in einer belagerten Festung schweigen die Musen“.
Doch Carl Muth habe den Riss zwischen der Kirche und der nationalen Kultur gespürt. Er habe mit seiner Kulturzeitschrift „Hochland“ das Tor der belagerten Festung aufgestoßen und die Rückkehr der Katholiken aus dem Exil eingeleitet. Gewiss, so fügte Walter Dirks an, seine neuen Zeitschrift habe es mit einer anderen Welt zu tun als der aus dem 19. Jahrhundert kommende Muth. Heute gehe es nicht mehr um die „Elite der Gebildeten“, sondern um die „Elite der Unruhigen und Lebendigen aller Schichten“. Die Distanz zwischen der Welt des Geistes und der Welt der Politik sei aufgehoben. Die konkrete Politik müsse in den Mittelpunkt rücken. Darum werden die Jüngeren sich von Muth notwendigerweise absetzen müssen. „Aber sie könnten nicht einmal anfangen, ihre Stunde zu erfüllen, hätte nicht Karl Muth die seine so vorbildlich und wirksam bewältigt.“

Georg Grupp (1861-1922)
von Dominik Burkard

Es war ein fundamentaler gesamtgesellschaftlicher Umbruch, der innerhalb nur weniger Jahrzehnte Kirche und Religion – zumal aber den Katholizismus – ins Abseits manövrierte: Auf die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene politische, institutionelle und wirtschaftliche Entmachtung der Kirche war alsbald auch deren gesellschaftliche Marginalisierung gefolgt. Die Logik und die Mechanismen einer staatlich-bürokratischen Kulturpolitik mehrheitlich protestantischer Prägung – verbunden mit grundsätzlichen Vorbehalten gegen die Wissenschaftsfähigkeit gläubiger Katholiken – führten nicht nur zu einem tiefgehenden Bildungsdefizit der Katholiken, sondern auch zu einer weitgehenden Abschottung der höheren Bildungseinrichtungen und der gehobenen Beamtenschaft. Zudem führten nach der Reichsgründung unter preußisch-protestantischer Flagge die propagandistischen Wirkungen des „Kulturprotestantismus“ den Katholizismus alsbald in neue „Kulturkämpfe“, die ihn nicht nur seiner nationalen Identität zu berauben suchten, sondern ihm überhaupt jede lebensgestaltende und somit „Kultur“ hervorbringende Leistungsfähigkeit absprachen.
Auch auf weltanschaulichem Gebiet erwuchsen dem Katholizismus im Laufe des Jahrhunderts neue Konkurrenzen: Neben einen zunehmend nationalistisch kontaminierten „Liberalismus“ traten immer massiver „Sozialismus“ und „Kommunismus“, die der Kirche weite Teile der Arbeiterschaft entfremdeten. Parallel dazu kam es, nicht zuletzt infolge eines enormen technisch-industriellen Fortschritts in der zweiten Jahrhunderthälfte, zu einem Siegeszug des materialistischen Denkens. Er veränderte Lebensräume und Lebensweisen der Menschen nachhaltig. Die explosionsartige Expansion des natur- und lebenswissenschaftlichen Wissens, Darwins Evolutionstheorie – in Deutschland von Ernst Haeckel mit einem extrem antireligiösen, kulturkämpferischen Impetus popularisiert – stellte den christlichen Glauben als solchen in Frage, während neue Erkenntnisse und Entdeckungen eine Wissensrevolution bislang nicht gekannten Ausmaßes freisetzten, die nun auch breiteste Bevölkerungsschichten mit bislang fremden Kulturen und Religionen konfrontierte.

"Volksbildung ist Volk-Bildung"
von Maria Cristina Giacomin

Leo Weismantel erfährt bis heute eine verblüffende Gegensätzlichkeit der Urteile. Manchen erscheint er als „konservativ“ (A. Klönne), anderen als „progressiv“ (G. Wirth), manchen gilt er als Antifaschist (V. Kahl), anderen als Präfaschist (D. Kerbs), anderen wiederum als weltoffener Katholik (G. Wirth) oder als Antisemit (G. Milzner). Sehen in ihm die einen einen großen Dichter (M. Dierks), so andere einen Vertreter von Heimatkunst und Kitsch (K. Deschner). Womöglich enthält jedes dieser Urteile ein Stück Wahrheit. Weismantel ist nicht in ein Schema zu pressen, denn er war „nicht einseitig genug, um einhellig begriffen werden zu können“ (P. Rech).
Im Folgenden sei versucht, etwas zum Verständnis dieses umstrittenen Katholiken beizutragen. Im Fokus steht die Phase seines frühen öffentlichen Auftretens. Es ist dies die unmittelbare Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs, in der sich Weismantels Intentionen, seine volkspädagogischen Ansätze, sein Verständnis der Rolle des katholischen Intellektuellen in der Gesellschaft allmählich herauskristallisierten.

Fronleichnam 2016

Rund 300 Gäste kamen am Abend des 26. Mai 2016 in die Katholische Akademie, um traditionellerweise den Ausklang des Fronleichnamsfestes zu feiern. Das musikalische Programm bestritten die „Arcis-Vocalisten München“ unter der Leitung von Thomas Gropper, Professor an der Münchner Musikhochschule für Gesang, Sprecherziehung und Gesangdidaktik. Die 30 Sängerinnen und Sänger sangen Stücke aus Werken von Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901), Anton Bruckner (1824 bis 1896), Hans Leo Hassler (1564 bis 1612), Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Carl Orff (1895 bis 1982).
In einem Vortrag mit dem Titel „Ein Feiertag für die Eucharistie“ machte sich Prof. Dr. Hans-Georg Gradl, Direktor des Emil-Frank-Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Trier, neutestamentliche Gedanken zum Fronleichnamsfest. Den Text finden Sie im Anschluss.
Einer der am längsten und intensivsten mit der Katholischen Akademie zusammenarbeitenden Theologen, Prof. Dr. Peter Neuner, Professor em. für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität München, wurde an diesem Fronleichnamstag mit dem Freundeszeichen ausgezeichnet. Akademiedirektor Dr. Florian Schuller übereichte Peter Neuner, der seit 1988 den Gesprächskreis „Kirche und Wissenschaft“ bei der Katholischen Akademie leitet und in diesem Jahr auch sein 50-jähriges Priesterjubiläum feiert, die Bronzeplakette mit der Abbildung des „Herrgott in der Ruh“. In zehn Thesen würdigte der Akademiedirektor Professor Neuner unter anderem als Grenzgänger und Brückenbauer, sowie jemanden, der dicke Bretter bohrt und dennoch nicht eifert.
In seiner kurzen Dankesrede, die Sie im Anschluss abgedruckt finden, ging Professor Neuner auf seine rund 50-jährige Verbindung zur Akademie ein - seit 1984 ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Rates - und dankte dem Haus seinerseits dafür, mit Tagungen und Diskussionen hervorragende Arbeit geleistet zu haben.
Der wunderbar warme Abend erlaubte den Gästen nach dem Ende des offiziellen Programms zum Feiern in den Park der Akademie zu gehen. Dort spielte die „Gloryland Jazz-Band“ ihre muntere Musik und gutes Essen, begleitet von einen Glas Wein oder Bier, ließ die Gäste bis tief in die Nacht feiern. Großes Lob spendeten die 300 Menschen der Küche und der Hauswirtschaft der Akademie, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wie immer – Garanten für Gastfreundschaft waren. Zehn Prozent des Eintrittspreises gehen an finanziell bedürftige Schülerinnen und Schüler einer christlichen palästinensischen Schule, um den Jungen und Mädchen Bildung und damit Zukunft zu ermöglichen.
Dem großen Engagement vieler Akademiemitarbeiterinnen war es wieder zu verdanken, dass die Tombola – auch eine gute Tradition auf dem Fest – ein großer Erfolg war. Viele Sachspenden von Freunden und Geschäftspartnern der Akademie gaben ein buntes Bild in den Regalen ab. Erfreulich viele Menschen spendeten auch Geld, sodass weitere Tombolapreise dazugekauft werden konnten. In relativ kurzer Zeit waren die Lose verkauft, die Gewinne abgeholt und die Gäste gingen zufrieden nach Hause, nicht bevor – wieder eine gelebte Tradition – zum Abschluss des Festes als Serenade gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen wurde, stimmkräftig angeleitet von Sängerinnen und Sängern der „Arcis-Vocalisten München“, die bis zum Ende des Festes geblieben waren.

Ein Feiertag für Eucharistie?
von Hans-Georg Gradl

Im Thema dieses Vortrags knirscht es etwas: das Neue Testament und das Fronleichnamsfest. Beides geht nicht leicht zusammen: das 1. Jahrhundert und ein Fest, das aus dem 13. Jahrhundert stammt, das auf die Vision der Augustinernonne Juliana von Lüttich zurückgeht und von Papst Urban IV. zum allgemeinen kirchlichen Fest erhoben wurde. Dazwischen liegt viel Zeit, liegen Jahrhunderte an Frömmigkeitsgeschichte, Entwicklungen, Weichenstellungen und Wendepunkte. Es ist ein enorm großer Sprung über einen garstig breiten Graben: vom Neuen Testament zum Fronleichnamsfest.
In der Vorbereitung aber habe ich diesen Sprung als sehr facettenreich erlebt. Es ist so spannend wie aufschlussreich, das Fronleichnamsfest einmal aus der Zeit des Neuen Testaments heraus zu betrachten – wie mit einem Fernglas, das über Jahrhunderte reicht. Was sich daraus ergab, sind sechs kurze Gedanken aus der Entstehungszeit des Christentums, die ich um dieses Fest aus der Hochzeit des Mittelalters winden möchte; sechs kurze Gedanken – manchmal wie Girlanden, zum Schmuck und zur Verdeutlichung, manchmal aber auch wie Bleigewichte, um für Bodenhaftung zu sorgen, damit nichts abhebt.

I.

Prozessionen prägen Fronleichnam. Auch die frühen Christen kannten Prozessionen, aber nur als Zuschauer und Außenseiter. Sie verfolgen die Prozessionen zu Ehren der römischen Götter, bei Festen und organisierten Spielen zu Ehren des Kaisers. Aber in die Huldigung der Götter, in die Jubelrufe für den Kaiser können sie nicht einstimmen. Sie bleiben abseits und stehen am Rand. Sie treffen sich in Hauskirchen. Sie laufen nicht mit. Sie verehren ja einen anderen „dominus et deus noster“.
Die Zeiten haben sich geändert. Die frühen Christen wären sehr erstaunt. Plötzlich marschieren wir in aller Öffentlichkeit! Wir haben noch staatliche Feiertage, genießen Schutz und Förderung. Wir treten in der Öffentlichkeit auf. Bei aller Freude über die damit verbundenen Chancen, die Leichtigkeit und das Polster, ob nicht die Autoren des Neuen Testaments die Stirn runzeln und uns an ein urchristliche Existenzial erinnern würden? Ich denke an jenes Selbstverständnis, das breitflächig im Neuen Testament – von Jesu (Lk 10,20), über Paulus (Phil 3,20) bis zum Hebräerbrief (Hebr 13,14) – bezeugt ist: Bedenkt, bei aller Öffentlichkeit, dass ihr Fremdlinge seid, Pilger, die ihre eigentliche Heimat im Himmel, aber hier auf Erden keine Bleibeperspektive haben.
Aus dieser Warte des Neuen Testaments heraus müssten Fronleichnamsprozessionen immer auch einer etwas scheuen und tastenden Pilgerreise gleichen und keiner Inbesitznahme, einem Durchzug und keinem Bad, einem Marsch von Gastarbeitern und nicht von Großgrundbesitzern. „Es ist gerade die versprochene Heimat“, so formulierte Dorothee Sölle einmal, „die heimatlos macht.“ Die Fronleichnamsprozession bildet einen Pilgerweg ab. Die Eucharistie tragen wir als Wegzehrung mit uns.

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